Der gute, elegante Herren-Hut . Welches Modell sollten Sie wählen? – Teil 2

https://youtu.be/Tn70FlFvihM

Nachdem wir im ersten Teil von der notwendigen Garderobe gesprochen haben, die der Hut erfordert – was der Auswahl des Hutes selbst noch vorauszugehen hatte – wenden wir uns nun dem corpus delicti selbst zu: dem Hut.

Der Zylinder, da er ohnehin hochformal ist und nur zum Frack getragen wird, erübrigt sich.

Die Melone fällt ebenfalls aus der Wahl. Wir denken da vor allem an Figuren wie Chaplin, Dick & Doof und Egon Olsen, die allesamt Witzfiguren statt Gentlemen sind. Schon in den 30er-Jahren wird er nur noch von alten Männern und überhaupt selten getragen. Nur in England bekleidete er noch eine Nachkriegsrolle für den feinen Herrentypus Londoner Provinienz. Die Engländer eben. Kurz: Daß bereits in den 20ern die Melone zum Clownshut wurde, läßt sie heute zur letzten Wahl werden. Man wird sie daher auch nur sehr schwer aus dieser Rolle wieder befreien können, wenn schon die Blütezeit der Hutmode sich darüber lustig machte. Sehr schön auch zu sehen in Hitchcocks Rich and Strange, wo der Protagonist als Witzbold zunächst Melone trägt, dann, als er reich geerbt und auf Weltreise geht, einen Fedora.

Wenn Sie dennoch darauf bestehen, Melone zu tragen, so beachten Sie, daß es sich wie bei der Kreissäge um einen steifen Hut handelt. D.h. mehr noch als beim Fedora, der aus weichem Filz besteht, reicht nicht bloß der Kopfumfang, sondern sind Länge und Breite der Öffnung entscheidend, wenn der Hut gut passen soll.

Der Trilby, ein (scheinbarer) Fedora mit schmaler Krempe, ließ selbst Sean Connery als Bond lächerlich aussehen (auch wenn er die Krawatte vernünftig tragen würde). Versuchen Sie es gar nicht erst. Es ist der Hut der kleinbürgerlichen 60er-Jahre, in denen man so introvertiert war, daß man in jeder Hinsicht nur noch mikrig aussah. Keine spendable Gelassenheit mehr, sondern lächerlicher Geiz und knickriges Aussehen waren die Zeichen der Zeit. Nichts für den gemachten Mann, schon gar nicht für den Mann von Welt.

Der Porkpie, die Kaserolle, der Reisehut, also ein flacher Hut (wie auch die strohgeflochtene Kreissäge, die wir in Teil 3 besprechen) sind leichte Variationen eines weniger häufig, aber durchaus auch getragenen Modells mit flacher Krone und geradem Abschluß. Wessen Geschmack es trifft, bitte schön. Oswald Spengler hat neben Fedoras ebenfalls Porkpies getragen.

Der Homburger (hier von Thomas Mann getragen) ist auch heute noch ein tragbarer Filzhut, gerade für gesetztes Alter. Er ist weich gebaut, wenn auch durch den aufgewölbten Krempenrand nicht so formbar, wie der Fedora. Die Krempe ist mit breitem Ripsband verbrämt. Die Krone bekommt zwar eigentlich nur eine Mittelrinne auf der Oberseite, kann aber auch mit zwei Seitenkniffen versehen werden, wie sie der Fedora hat (wieder Th. Mann). Arbeitet man nun noch etwas an der Krempe, insonders an der sonst sehr flachen Erscheinung derselben, indem man die fordere Krempe nach unten biegt, so erhält der sonst so steife Hut eine recht geschwungene Anmutung, die mir auch heute noch Straßentauglich scheint. Der Homburger war auch in grau sehr beliebt.

Homburger.JPG
Ein grauer Homburger von Emerson aus den 30er-Jahren, mit einer Krone, die im Fedora-Stil geformt ist, und einer veränderten, geschwungenen Krempe.

Um die Form des Hutes dauerhaft zu ändern, müssen Sie zu Wasser greifen, pinseln den Hut ein, bringen ihn in Form und sorgen dafür, daß er unverändert trocknet. Die Form bleibt dann erhalten.

Noch ein vorgreifender Hinweis für das Formen eines Fedoras: Sollte ein Fedora nicht ganz der eigenen Kopfform entsprechen (z.B. zu breit aber zu kurz, insgesamt jedoch die richtige Größe haben), so klappt man das Schweißband heraus, bestreicht den Filz von innen mit Wasser, klappt das Schweißband wieder hinein, setzt ihn ein paar Stunden auf, sodaß er trocknet, und man erhält einen perfekt sitzenden Hut.

Sie sehen, wir arbeiten uns zum Fedora vor. Der letzte Schritt vorm Fedora ist der Demi-Homburger. Er besitzt eine ungeschwungene Krempe, die nur am Rand leicht und gleichmäßig aufgewölbt ist. Ihm wurde hier und da gern einen Schlag verpaßt, sodaß er nicht ganz symmetrisch erschien. Er erhielt dieses amerikanische Treatment besonders stark, um auch für Lebemänner, wie Jimmy Walker (da das Video mittlerweile privat ist, ein Foto), tragbar zu sein. Sie sehen im Film, daß er die Krempe im Grunde völlig entstellt hat. (Walker hat ja selbst dann und wann die altmodische Melone getragen, nicht nur als er aus England nach New York zurückkam.) So weit muß man es vielleicht nicht treiben, but you get the point.

Fedora
Fedora von Emerson (1930er-Jahre) mit hell verbrämter Krempenkante in mittelgrau, open crown und mit typischer Fedora Krone.

Schließlich der Fedora. Es ist der klassische Hut der 20er- bis 50er-Jahre. Beachten Sie, wie in diesem Farbfilm die Passanten überwiegend graue Hüte tragen – auch wenn etliche braune dabei sind und Gene Kelly selbst bereits einen Fast-Trilby trägt. Den Fedora gibt es freilich auch bereits vor dem Ersten Weltkrieg, er ist aber zu dieser Zeit auf Straßenfilmen und -Fotografien eher selten. Thomas Mann hat ihn getragen (sogar, wie man dem Fedora oft gern etwas Pepp gab, mit extremem Twist in der Krone), Oswald Spengler, Indiana Jones und freilich überhaupt die Mehrzahl der Männer in diesen Blütejahrzehnten des Hutes. Und offensichtlich waren Fedoras auch für jene erschwinglich, die nur Hungerlöhne erhielten : )

Lassen Sie sich nicht davon täuschen, daß manchmal die Krempe vorn ebenso wie hinten nach oben geklappt ist. Die Normalform ist jene mit nach unten geklappter Krempe vorn, denn dieser Schirm verhindert das Blenden bei niedrigstehender Sonne. Es sieht aber, mit Verlaub, auch durchgängig besser aus.

Wie ist aber ein guter, d.h. ideal geformter Fedora nun beschaffen? Worauf ist zu achten, um die klassische Form zu erkennen?

Krempe: zu schmale Krempe heißt Trilby, zu weite Krempe Cowboyhut. Die Ideale Krempenbreite liegt zwischen 6 und 7 cm. Das ist nötig, um die richtigen Proportionen zur Kronenhöhe zu treffen.

Hinten sollte die Krempe leicht nach oben geschwungen sein, vorn nach unten abklappen. Der Übergang zwischen diesen Krümmungen sollte der Krempe einen schönen Schwung verleihen und keine Knicke darin erzeugen.

Krone: Die Krone moderner Hüte ist meist recht gering. Erforderlich sind mindestens 10 cm. Dazu gehört auch ein recht breites Hutband.

Vor allem aber sollen die Seitenflanken der Krone möglichst senkrecht stehen, wie ich es im Video zeige. Das gilt sowohl für die Seiten-, wie die Rückansicht. Andernfalls wirkt der Hut wie eine Mütze mit Krempe, und das ist eben nicht Fisch, noch Fleisch.

Größe: Achten Sie beim Kauf ausländischer Hüte darauf, daß sich die Hutgrößen in England und den USA sehr ähneln, aber eine Differenz von 1/8 aufweisen. So ist eine deutsche 57 äquivalent zu einer englischen 7, jedoch amerikanisch eine 7 1/8!

Hutfutter: Da das Fehlen des Hutfutters meist auf eine geringe Qualität des Hutes hinweist, würde ich davon tendentiell die Finger lassen. Ausnahmen sind natürlich manche Stroh- oder Panamahüte.

Farbe: Ideal sind mittelgrau, dunkelgrau oder schwarz, je mit schwarzem Hutband. Das Hutband muß natürlich immer gleichhell oder dunkler sein als der Hut selbst. Nur an beige oder braune Hüte darf ein braunes Hutband. Von braunen Hüten selbst würde ich jedoch ebenfalls abraten. Für diese Auffälligkeit gibt es noch nicht genügend Hutträger.

Hut1936
Original 30er-Jahre Fedora in den üblichen Perspektiven zum Vergleich.

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Ein Wort noch zum sogenannten Hutgesicht: dergleichen gibt es nicht. Wenn es Einschränkungen gäbe, wie hätten 80% der Männer im frühen 20. Jahrhundert Hut tragen können, ohne dabei wenigsten zum Teil merkwürdig auszusehen? Und nein, es sind nicht die 20% Nicht-Hut-Träger. Ein Blick auf die Gesichter derer, die tatsächlich damals keine Hut trugen, ob nun in Filmen oder auf historischen Fotos, beweist das.

Ob man also ein schmales, breites, langes oder kurzes, dickes oder kantiges Gesicht hat, spielt letztlich keine Rolle, solang der Hut für sich gut proportioniert ist. Daß dem einen der Homburger besser gefallen mag, dem anderen der Fedora, dem nächsten der Porkpie – selbstverständlich! Der Fedora ist aber nicht umsonst der beliebteste Hut gewesen: Er paßt einfach immer, weil seine Form so gefällig ist.

Teil 3 . Kreissäge und Panama-Hut

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Bezugsquellen [unbezahlte Werbung]

Ich gebe hier alle mir bekannten und in Frage kommenden Bezugquellen für graue/schwarze Fedoras an, welche die obigen optischen Kriterien weitgehend erfüllen. Das unten Verlinkte scheint mir alles recht nah am Ideal. Gleichwohl müßte z.B. der Borsalino, der Clipper Poet von Johnson und die Hüte von Hufvud (Leifur und Ragnar) etwas anders gebashed (also in Form gebracht) sein, wenn Sie mich fragen – wo man vielleicht selbst nachhelfen könnte. Bei Hornskov fehlt mir die Steifheit und der Schwung der Krempe. Aber das entscheidet Ihr persönlicher Geschmack vielleicht anders.

Am ehesten möchte ich Lock’s Chelsea ziemlich präzise am Ideal verorten. Der AdVintage macht ebenfalls einer sehr guten Eindruck, hat aber Indy-typisch eine etwas breitere Krempe (was man sicher leicht um 5mm einkürzen lassen könnte, falls es etwas zurückhaltender sein soll) und überhaupt eine, die nach hinten insgesamt abfällt, obwohl der Rand aufgebogen ist. Das erinnert ein wenig an Westernhüte und ist für den Indiana-Jones-Hut typisch. Ich kenne drgl. historisch nicht, aber es sieht dennoch sehr gut aus.

Der günstigste Hut ist der AdVintage Harrison, der meiner Kenntnis nach einzige Hut in dieser Preisklasse, der die klassischen Merkmale vor allem der aufrechten Krone (soweit man das an den Bildern erkennen kann) erfüllt. Sollten Sie aber andere Quellen kennen, bitte ich Sie, es zu kommentieren.

430€: Herbert Johnson

405€: Borsalino

380€: Lock & Co Hatters London

280€: AdVinatge Spezialanfertigung

220€: Hufvud

202€: Hornskov

135€: AdVintage Harrison

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11 Gedanken zu “Der gute, elegante Herren-Hut . Welches Modell sollten Sie wählen? – Teil 2

  1. Citoyen

    Danke für Ihre schönen Beiträge. Christys‘ wäre evtl. noch zu nennen. Deren fur Haarfilzhüte (fur felt) wie der ‚Classic Fedora‘ werden noch im Vereinigten Königreich hergestellt.

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  2. Citoyen

    Danke für die Einschätzung!
    Bis vor wenigen Jahren war dieser Meister noch tätig – mit über 90 Jahren:

    Er fertigte auch klassische Modelle und war nebenbei Bezirksobmann der Paneuropa-Bewegung. Demnächst wäre ich in der Gegend, aber er mußte wohl leider den Betrieb einstellen. Vintage scheint mir dann der beste gangbare Weg zu sein.

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  5. Sehr geehrter Herr Huber, was ich den Bildern dieses Hutes entnehmen kann, erscheint mir recht ambivalent. Einerseits stimmt die Höhe des Hutbandes und die Kronenhöhe auf den ersten Blick auch. Andererseits ist die Krempe durchaus zu schmal, wenn Sie mich fragen, und der Filz macht einen recht steifen Eindruck. Das sehen Sie daran, wie sehr abgerundet die oberen Kronenkanten in der Seitenansicht sind. Je formbarer und weicher der Filz ist, desto schärfer sind hier die „Ecken“.
    Die Fotos mit Hutträgern am Schluß zeigen aber, daß die Kronenhöhe zu gering ist. Denn – wie ich schon im Video erwähne – sollte man bei den vorgefertigten Kronenformen vorsichtig sein. Hier haben wir einen sog. Ententeich, also in der nicht eingeschlagenen, sondern eingepreßten Krone nochmal einen Hügel. Dort ist Platz für den Kopf freigemacht. Im Vergleich zu einer geraden Furche in der Krone, die eine solche Wölbung natürlich nicht besitzt, müssen die seitlichen Aufwölbungen der Krone also weniger hoch sein. Und genau diese Geducktheit sieht man sehr gut in den abschließenden Fotos.

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  6. Herr Wagner

    Sehr geehrter Herr Wangenheim,

    mir ist dieser Hut aufgefallen! Erfüllt alle Kriterien und ist recht günstig. Gibt es da ein Haken den ich nicht erkenne?

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