Der Herren-Hut . Wie Sie ihn richtig tragen . Teil 1 . Voraussetzungen

Nach den Reihen zum Herren-Anzug und Herrenschuh, kommen wir heute zum I-Tüpfelchen der Herrenmode: dem Hut.

Machen wir uns gleich zu Beginn nichts vor: Sie haben die Absicht Hut zu tragen, da Sie historische Fotografien und Filme kennen, sogar mittlerweile vermehrt neuere Filme in den 20er-Jahren spielen und damit notwendig diese Mode ebenfalls zeigen, in denen Sie sehr elegante Männer und darunter kaumen einen einzigen ohne Hut finden. Andererseits wissen Sie, daß nahezu all jene, die heute noch Hut tragen, kaum zum Vorbild taugen. Und Sie wollen freilich zu dieser letzten illustren Runde nicht gehören. — Ich weiß. Und ich habe die Lösung für Sie, meine Herren.

So will ich Ihnen also heute eine Anleitung geben, wie Sie mit Stil, d.i. ernsthaft und zu Ihrem Vorteil, Hut tragen. Dazu gilt es vor allem die negative Assoziation, die von den meisten gegenwärtigen Hutträgern verbreitet wird, unter allen Umständen zu vermeiden. Und wir werden diese – und zwar mit absoluter Sicherheit – nicht weniger als vollkommen ausschließen und dafür die positive Assoziation, die ebenfalls bei jedem geweckt werden kann, eben weil jeder die alten Filme und Fotografien im Kopf hat, für uns nutzen.

Im Grunde ist es ganz einfach: Machen Sie alles richtig, d.h. so, wie man es tat, als Hut zu tragen noch zur Selbstverständlichkeit gehörte. So einfach ist das. Oder vielleicht offenbar doch nicht.

Die Blütezeit dieser Mode lag im frühen 20. Jahrhundert. Und ohne nun zu rein historischer Garderobe zu greifen und ein Reenactment zu veranstalten, will ich Ihnen schlicht all die Punkte anführen, die Sie zu beachten haben, wenn Sie den Hut als Vollendung Ihres Stils begreifen und wirken lassen wollen, statt sich damit lächerlich zu machen.

Dazu müssen wir klären, warum sich die überwiegende Mehrheit der heutigen, ingesamt kleinen Zahl der Hutträger selten positiv bemerkbar macht. Weil Sie im Grunde alles, was man falsch machen kann, falsch macht. Das werden Sie an der weiter unten folgenden Liste ersehen. Zunächst aber ist das Wesentliche, daß der Hut gerade in Zeiten seiner Seltenheit sehr auffällig ist. Das bedeutet für Sie, auf jede zusätzliche Auffälligkeit zu verzichten. Soweit gehen viele Hutträger noch mit und kleiden sich also im modernen Sinne unauffällig – und das heißt: Polyester- oder Lederjacke, Jeans oder Chino, Turnschuhe jedweder Coleur usw.

Der Hut ist aber mit dieser modernistischen Kleidung im Verbund nie allgemein akzeptierte Mode gewesen. Es ist als trügen Sie einen barocken Spitzkragen zu Badeshorts. Der Hut war zuletzt weit verbreitet, als es keinem Mann in den Sinn gekommen wäre, eine Lederjacke woanders als am Bord eines Schiffes zu tragen – und auch dann nur als Teil der Mannschaft. So verhält es sich mit den anderen oben genannten Kombinationen ebenfalls. Sie verstehen.

Es gilt also jene andere Assoziation zu bedienen, wegen welcher Sie diesen Beitrag lesen: die 20er- bis 50er-Jahre. Und diese Assoziation können Sie auch heute noch in Ihrer Umgebung erzeugen. Denn jeder kennt diese Straßenszenen gut gekleideter Herren mit Hut aus historischen Filmaufnahmen und Kinofilmen. Das ist ihr Ziel.

Und daher könnte ich freilich sagen: Schauen Sie sich dergleichen Filme und Fotos an und handeln Sie danach. Aber da es doch manche Feinheiten zu beachten gibt, die daraus nicht leicht abgeleitet werden können und da manches auch nicht identisch zu handhaben ist, sondern an die derzeitige Mode und die Vorurteile unserer Zeit in gewisser Weise anzupassen ist, habe ich Ihnen eine Liste ausgearbeitet, die Ihnen umfänglich angibt, wie Sie vorzugehen haben und was die entscheidenden Kriterien sind. Zählen wir zunächst auf, bevor ich Ihnen die Punkte erläutere und begründe:

  1. Sie brauchen einen Hut-Haarschnitt: kurz an den Seiten und am Hinterkopf, d.h. in Höhe der mittleren Stirn und knapp über den Ohren, wo der Hut aufsitzt. Ihr Gesicht sollte rasiert sein.
  2. Sie tragen Ihren Hut nie ohne Anzug. Keine ausgefallenen Farben oder Muster. Dunkelgrau, mittelgrau, eventuell dunkelblau. Zu bevorzugen sind Dreiteiler.
  3. Sie tragen Ihren Hut nie ohne Krawatte. Keine schrillen Farben, versteht sich.
  4. Sie tragen Ihren Hut nie ohne vernünftige Herrenschuhe. Ausschließlich schwarze Cap-Toe Oxfords oder Brogues. Kein braun.
  5. Kein oder ein sehr zurückhaltendes Einstecktuch, keine auffälligen Socken/Strümpfe, keine farbigen Hemden (also ausschließlich weiß).

Damit ist schon das Wesentliche gesagt und Sie haben bereits das Bild im Kopf, das hier erzeugt werden soll. Aber die Punkte sind noch ein wenig zu begründen, damit Sie die zugrundeliegenden Gedanken fassen:

1. Ein Bausch an Kopfhaaren wird Ihnen nicht nur bei der Auswahl der richtigen Hutgröße sehr ungelegen sein, es sieht auch schlicht lächerlich aus, wenn unter dem Hut noch Haare herauspurzeln. Sie werden keinen Hutträger des frühen 20. Jahrhunderts finden, der lange Haare hat. Daher weist dergleichen immer auf die falsche Assoziation hin: Hippie. Auch Bärte sind zu dieser Zeit selten gewesen. Insbesondere vom Drei-Tage-Bart ist abzuraten, denn der erzeugt die Assoziation ungewaschener Cowboy. Allenfalls ein Schnauzer ist möglich.

2. Tragen Sie keinen Dandy-Anzug in Off-white, knallblau oder kräftigen Streifen. Sie sollten überhaupt alles Dandy-hafte vermeiden. Eben weil der Hut Ausnahme genug an ihrer Garderobe ist. Sie wollen unbedingt das Clowneske ausschließen. Und der Dandy ist oft vom Clown (so wenig ich den Begriff des Dandys abwerten möchte) wenig entfernt. Also ist dunkelgrau, mittelgrau (oder dunkelblau) alle Auswahl, die Sie haben.

Eine Ausnahme ergibt sich im Winter, wenn Sie ohnehin über dem Anzug einen schwarzen oder grauen Mantel tragen. Da der Anzug hier nur wenig sichtbar ist, können Sie in diesem Falle auch gestreift oder etwas farbiger tragen. Sobald Sie den Mantel ablegen, haben Sie ja auch den Hut schon abgenommen – also kein Problem.

Diese erwünschte Unauffälligkeit setzt sich nach der Farbe auch im Dreiteiler fort, der nicht zwingend nötig ist, aber vorteilhaft. Eben weil jede Erhöhung der Formalität unserem Anliegen günstig ist. Denn wir wollen den Hut seriös, d.i. zurückhaltend, ernsthaft tragen.

3. Was ohne Hut heute durchaus möglich ist, nämlich Anzug ohne Krawatte zu tragen, wäre in den 20er-Jahren undenkbar gewesen. Daher sehen Sie trotz Dreiteiler und Hut, aber mit einem offenem Hemdkragen ebenfalls nach ungewaschenem Cowboy aus, aber nicht wie ein städtischer Gentleman. Lassen Sie es sein. Auch wenn in 10 Jahren wieder allgemein Hut getragen wird. Und wählen Sie eine zurückhaltende Krawatte aus. Nochmals: nichts Dandyeskes!

4. Unterstehen Sie sich, irgend etwas anderes als schwarze Herrenschuhe zu Ihrem Hut zu tragen. Brogues und Derbys sind nicht verboten, aber möglichst abgerundete Schuhspitzen und rahmengenäht, also mit starker Sohle. Das ist das Formalste und Traditionellste.

5. Versuchen Sie nicht, Ihr Outfit noch in anderer Weise aufzupeppen: Einstecktuch, bunte Socken, gestreifte Hemden, auffällige Manschettenknöpfe und w. drgl. m. ist. Nochmals: Ihr Hut ist aus heutiger Sicht schon Besonderheit genug. Sie müssen nichts draufsetzen! Im Gegenteil.

Sie sehen, meine Empfehlungen lauten auf absolute Simplizität. Das ist nicht nur angesichts der notwendigen Gelassenheit des Auftritts oberste Devise, sondern im Grunde auch die weitgehende Normalmode der 20er- bis 50er-Jahre. Allein, Sie kombinieren das Ganze nicht mit weiter Bundfaltenhose, sondern üblichen modernen Schnitten (die allerdings im klassischen Stil geschnitten sein müssen: dazu mehr in meinem Beitrag zum Herren-Anzug).

Es handelt sich aber damit – von einem vor allem in der Hose schlankeren Schnitt abgesehen – im Grunde um eine bloße Kopie des Vorkriegs-Stils der europäisch-amerikansichen Herrenmode. So wenig ausgefuchst das scheinen mag, so wirkungsvoll ist es, wie Sie bereits am Titelbild sehen. Wir müssen das Rad kein zweites Mal erfinden. Und um so mehr Möglichkeiten haben Sie im Falle einer neuen Modeerscheinung des Hutes, Ihren Stil noch zu verfeinern.

*

Der Filzhut wird, da er hauptsächlich für die kühlere Jahreshälfte gedacht ist, meist mit Mantel (Schal und Handschuhen) getragen. Achten Sie auch hier auf den klassischen Schnitt des Mantels: d.h. keine Mäntel mit Stehkragen oder Reisverschlüssen, keine Dufflecoats, sondern klassische ein- oder zweireihige, schwarze, dunkelblaue oder graue Mäntel mit klassischem Revers.

Für einen besonders altmodischen Schnitt empfehle ich Ihnen NVA-Mäntel, die recht gut und günstig in allen möglichen Größen, Weiten und Taillierungen erhältlich sind. Beachten Sie dabei die NVA-Größentabelle (insbesondere das vorletzte Bild auf der Seite). Außerdem gibt es gebraucht hin und wieder günstige, noch deutlich schwerere, dunkelblaue Polizeimäntel der 60er und 70er-Jahre auf dem Gebrauchtmarkt (ebay, Flohmarkt). In beiden Fällen muß man freilich das Lametta entfernen und die Knöpfe dunkel lackieren, um nicht wie ein Weihnachtsbaum auszusehen.

*

Nun habe ich viel gesagt, und doch noch kein Wort vom Hut selbst gesprochen. Aber das hat seinen guten Grund darin, daß der Hut eben nur das I-Tüpfelchen auf einem auch ansonsten gut, heute vor allem zurückhaltend gekleideten Herrn ist. Genauere Ausführungen zu diesen Grundlagen finden Sie in meinen Beiträgen zu Anzügen und Schuhen. Denn hier wie überall in der Frage der Kopfbedeckung gilt: Erst wenn Sie sonst alles im Griff haben, sollten Sie einen Hut aufsetzen.

Beim nächsten Mal geht es dann endlich um das eigentliche Kleidungsstück, das wir anvisiert haben: den Hut. Und im dritten Teil nehme ich mich noch genauer des Panama-Hutes und der Kreissäge an. Der vierte und letzte Teil befaßt sich mit der Hut-Etikette.

7 Gedanken zu “Der Herren-Hut . Wie Sie ihn richtig tragen . Teil 1 . Voraussetzungen

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  4. Richard

    Werter Herr Wangenheim,

    vielen Dank für diesen tollen und ausführlichen Bericht. Ich trage meistens Borsalino, Stetson oder Mayser. Leider hatte ich bisher nicht das Glück, richtige (gut gebrauchte) Klassiker aus den frühen Jahren erwerben zu können.

    Nun habe ich einen Traveller Hut zum ersten Mal in der Hand. Einen ganz einfachen Stetson Dalion und frage mich: Kann Mann diesen Hut zu einem Anzug tragen?

    Ich freue mich über eine Meinung dazu.

    Ihr Leser

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  5. Sehr gern: Historisch hat niemand Traveller, also Fedoras mit ringsum herabfallender Krempe, in der Stadt getragen. Woher der Hut kommt, weiß ich gar nicht, wahrscheinlich irgend eine Art Cowboy-Hut. Man kann ihn zur Not freilich zum Anzug tragen, aber ich denke es ist offensichtlich, daß ästhetisch der Fedora vorzuziehen ist.

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  6. Richard

    Werter Herr Wangenheim,
    haben Sie vielen Dank für Ihren freundlichen Rat. Ich habe mich nun gegen den Traveller entschieden. Meine Sammlung umfasst in der Regel den klassischen Fedora. Der Traveller –so fein und schön dieser Hut auch ist- erscheint dann jedoch wie ein Fremdstück, das meinen normalen Stil in eine ganz andere Richtung wendet.

    Ihr Leser

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  7. Ihr Kommentar ist leider im Spam-Ordner gelandet, weshalb ich ihn erst jetzt sah. Ich will mich insofern korrigieren, als es gelegentlich schon auch Fedoras mit ringsum herabfallender Krempe auf alten Fotos gibt. Aber es ist tatsächlich eine eher seltene Erscheinung.

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