Wie sich die bürgerliche Toleranz selbst betrügt . Teil 2

Ich habe Nachzusetzen. Aus verschiedener Richtung, nämlich aus beiden möglichen, ertönen die Argumente gegen den ersten Teil meines Beitrags. Ich bin mir meiner Schuld bewußt, wieder einmal zuviel gewollt zu haben. Die Ambivalenz meiner Ausführungen ist dabei offenbar von kritischen Geistern überlesen worden und vielleicht auch allzu subtil und undeutlich ausgeführt. Zugleich habe ich zwar viele sehr natürliche und mich durchaus selbst verwundernde einsichtige Reaktionen vernehmen dürfen, dennoch muß ich hier nochmals klären, wo die Schnur nun also verläuft.

Beide Seiten der Kritiker haben dabei eines gemeinsam: Sie haben den Titel schon nicht ernst genommen. „Die bürgerliche Toleranz betrügt sich selbst.“ Darin steckt schon die ganze Zweischneidigkeit der Betrachtung. Offenbar wende ich mich gegen die Toleranz, offenbar spreche ich jedoch von Bürgerlichkeit. Da nun bei vielen die Anschauung vorzuherrschen scheint, daß der Kulturmensch, der Bürger also ein toleranter, seichter Genosse sei oder zumindest ich ihn so sehe – was der Kern der Fehlinterpretation ist – folgt daraus entweder: Der Wangenheim singt der feinen Sprache und den hohen Manieren, vielleicht auch nur dem illustren Zwirn das Hohelied oder er will uns mit seinem Zwang zu Kulturformen jede Freiheit nehmen. Weder, noch! meine Herren Extremisten!

Aber wer war bitte noch einmal der Überzeugung, daß hohe Kultur ohne Feinheit in Wort und Tat, in Manieren und Ästhetik möglich sei? Und wer war andererseits je der Auffassung, daß die Kultur nur mit diesen feinsinnigen Mitteln agiere? selbst gegen Feinde der Kultur? Ich habe in KuI zuweilen mit dem Begriff des Pomeriums hantiert, um diese innere und äußere Form der Kultur zu fassen. Es gibt eine unsichtbare und immer auch eine reale Grenzmauer, innerhalb welcher die feinen Sitten der Kultur herrschen und außerhalb welcher ohne all diese Feinheit roh gekämpft werden muß.

Das Innere des Pomeriums belehrt die Rumbuffs, wo ihre Grenzen liegen und wo sie nicht hingehören, das Äußere zeigt den feinen Damen und Herren ihre Impotenz auf. Dem Rumbuff muß man sagen: Benimm Dich und halte Dich fern, wo Du mangels Geist und Form nichts zu suchen hast; dem Herrn Flaneur ist zu antworten: Dir fehlt „die nötige Härte einer anständigen Gesellschaft“ (Teil 1).

Das sind die zwei Medaillen einer Kultur. Und zwar, weil sie eine Hochform ist. Sie entsteht eben nicht von selbst, indem man Freiheit verleiht. Das führt zu Anarchie. Sie muß sich immer von der Wüstung um sich herum abgrenzen und verhindern, selbst auszulaufen. Daher gibt es immer ein Innen und ein Außen, immer eine Doppelschneidigkeit der Kultur – auch innerhalb, zwischen den Schichten einer Gesellschaft. Vielleicht sogar rührt daher die ganze Ambivalenz, die im Schlußkapitel von KuI zur Zersetzung führt.

Wenn Ihnen also Kultur – und diese war zuletzt vor 100 Jahren einigermaßen vollständig vorhanden – in einer dieser beiden Hinsichten unangenehm aufstößt, dann heißt das nur eins: Sie sind bestimmt kein Kulturmensch. Das ist keine Beleidigung. Wir leben in der Zivilisation. Wer ist schon Kulturmensch! Warum sollten noch viele Kulturmenschen umherstolpern? Natürlich ist das nicht der Fall. Aber betrügen müssen wir uns damit nicht.

Wer also gern hauen möchte und Luther zitiert, um seine fatalen Tischmanieren zu rechtfertigen (oder sonst irgend etwas, das nun mal zur Kultur immer gehört)  ist ein ebenso lausiger Bengel, wie der Verteidiger einer möglichst niemanden wehtuenden heilen „Wir haben uns alle lieb“-Gesellschaft, in der niemand auf den Tisch haut. Das geht am Kern der Kultur vorbei. Der Kultur geht es nicht um feinsinnige Ruhe und nicht um brutale Durchsetzung, sondern um grundlegende Formen, etwa der Überzeugung, der Konsistenz, der Wahrhaftigkeit (welche Auffassung auch immer vertreten wird) und die damit verbundene Ernsthaftigkeit. Erst im Leben solcher tatsächlicher Grundwerte, ergeben sich Konsequenzen im Handeln, welche sowohl sehr feiner, wie sehr grober Natur sein können. Man liegt völlig falsch zu glauben, daß Kultur die Feinheit zum Ziel habe oder die Grobheit. Das sind bloß die Mittel, um eine gewisse Integrität der Anschauung auf verschiedenem Spielfelde zu behauptet. Und diese Anschauung selbst, das ist Kultur. Im Feinen wird daher jedem fein begegnet, im Groben wird ihm grob begegnet. Wer Kultur hat, antwortet dem Intellektuellen differenziert, aber dem Raufbengel mit einer Ohrfeige.

Freilich ist es nur allzu naheliegend, daß nur noch in den oben beschriebenen Dichotomien gedacht wird. Wir kennen nur noch die feigen, ängstlichen Gutmenschen und den barbarischen Primitivling als Konterpositionen. Aber Harry Graf Kessler hat 1914 mit Rodin in internationaler Kunst geschwelgt und stand dennoch 1915 im Felde bei der Artillerie gegen die Nation des Freundes. Finden Sie heute jemanden, der das versteht? Nein, man wundert sich, wie er sich so wandeln konnte. Dieser Mann hat sich um kein My gewandelt! Er war Kulturmensch. Wird ihm der Intellekt gereizt, ist er der feinsinnigste Kunstkritiker, wird ihm der Handschuh vor die Füße geworfen, nimmt er andererseits das Duell selbstverständlich an. So einfach ist das.

Es ist eine maßlose Simplifizierung der Gegenwart, alle Kultur (in Wahrheit das Zivilisierte) in der Gewalt- und Harmlosigkeit und alles Barbarische in der Gewalt und Strenge zu finden. Daher findet die Gegenwart in der vergangenen Kultur so viel Böses, das mit Gewalt, neben so viel Gutem, das mit Geist geschaffen wurde. Aber dem Barbaren kann man nicht mit Geist begegnen. Das nicht erkennend, wehrt sich eine Zivilisation gegen Eindringlinge ja auch bekanntlich nicht mehr. Man fürchtet sich, Barbar zu sein oder auch nur genannt zu werden. Doch im Grunde ist diese Ausschließung des äußeren, die Feinheit selbst verteidigenden Härtemoments exakt der Grund, weshalb diese Zivilisationsmenschen bereits mit einem Bein in der Barbarei stehen.

Diese Ambivalenz der Kultur ist es auch, die zu jener zweiten „Wende“ bei Kessler führt, dem republikanischen Geist der 20er Jahre, den Sie auch bei Thomas Mann finden und über den in konservativen Kreisen seit 100 Jahren gewettert wird. Daß sich keiner von beiden gewandelt hat, sondern beide dem Geist wieder mit Geist begegnen, daß ich also beide durchaus verstehe, ja am Ende – um die Verwirrung komplett zu machen – der erste wäre, der gegen eine Kultur, so sie erstünde, zur Rebellion rufen würde, macht Sie entweder sprachlos oder läßt Sie süffisant lächeln. Das letzte wird eher selten vorkommen und in diesem hoffnungsvollen Falle darf ich sagen: Sie verstehen…

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3 Gedanken zu “Wie sich die bürgerliche Toleranz selbst betrügt . Teil 2

  1. Pingback: Wie sich die bürgerliche Toleranz selbst betrügt: Die späte Verwunderung des Westens über seinen Untergang (Teil 1) – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. Rico Kiel

    Grandios ausgedrückt! Zur ‚grobschlächtig Bürgerlichen‘ -wie andererseits ‚feinsinnigen Kultur‘ fällt mir prompt eine Anekdote von H. G. Kessler ein die in seinen Tagebuch Erwähnung findet. So fand er bei seinen beauftragten Diplomatischen Dispositionen in Polen zu Revolutionszeiten des Ersten WK bei einer Unterredung mit Hohen Staatsbeamten ausgerechnet bei einem zufällig teilnehmenden Soldaten, -der in zivil Arbeiter war-, den meisten Sachverstand vor. Es ist doch wohl so, daß beide Geister sich einander in einem funktionablen Gesellschaftsgefüge bedingen, um z.B. überhaupt kunstvolle Architektur übereinander zu stapeln. Doch leider ist aufgrund des heutig allgemeinen Niederganges mit dem derzeitig ‚toleranten Publikum‘ nicht mal mehr ein Blumentopf anständig zu bepflanzen. Da kann man noch so voller Trotz aufrecht auf dem Achterdeck stehen…., der alte Kahn sinkt.

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  3. Eine hochinteressante Zeit in Kesslers Tagebuch, nicht weniger gefährlich als sein Spaziergang durch die Berliner Revolutionszeit, da ihm die Kugeln um die Ohren fliegen. Die Unerschrockenheit dieses Mannes ist beispielhaft!

    Es gibt durchaus immer diese Trennung in beide sich in gewisser Weise ergänzende Parteien der Feinheit und der Grobheit. Das ist wahr. Das Ziel muß sein – zumindest in der Kultur – beides zu verkörpern.

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