Kurhessen . Fachwerk . Staffage

Wenn Sie eine Reise tun, fragen Sie nie das schönere Geschlecht nach dem Weg! D.h. Sie können freilich fragen, wie auch ich tat: Verzeihen Sie, gibt es wirklich keinen Weg die Sperrung des Bahnübergangs zu umfahren? Und als Antwort bekommen Sie dann von einer einheimischen Frau (die noch dazu den Busfahrplan studierte: schlechtes Zeichen!), was ohnehin auf den Hinweisschildern steht: Sie müssen leider zurück und über die Autobahn. Der wache Instinkt sagt Ihnen freilich, daß man sich so leicht nicht geschlagen gibt, und beschert Ihnen eine kurze Passage Feldwegs und spart zugleich etliche Kilometer sinnloser Landstraßen- und Autobahnfahrt.

Ich habe große Schwierigkeiten mit Autoritäten, von denen ich nicht viel halte oder deren Absichten bezüglich der Massenerziehung ich kenne und daher ungern auf mich als Einzelperson anwende. Freilich können und sollen nicht alle diesen Feldweg benutzen – ich allerdings schon. Man muß seinen eigenen Weg gehen.

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beim Aufstieg zur Ruine Brandenburg

Das war im Werratal. Das ist nicht das schönste, da die Autobahn hindurchführt und Hochspannungsmasten allumher stehen. Davon abgesehen ist das Tal allerdings recht idyllisch, wenn auch weit und flach. Die Werra schlängelt sich zuweilen keck und die Allen sind ansehnlich.

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Blick von der Brandenburg ins Werratal

In den Dörfern kündigte sich derweilen an, was Programm werden sollte: Das hessische Fachwerk. Denn das war doch der Sinn der Reise: den Baedeker Hessen-Nassau anno 1922 zu entjungfern. Nicht, daß er den Eindruck gemacht hätte, noch nie benutzt worden zu sein… aber in so späten Zeiten ist gute Waren selten unbenutzt.

Als alter Landstraßen-Connoisseur war ich recht zufrieden mit der geschmeidigen Straßenführung und den netten Ausblicken und Einblicken. D.h. solang keine Ortschaften zu durchfahren waren. Kurz hinter der Grenze ist alles noch thüringisch altmodisch gehalten, dann aber, auf der Westseite der Werra, geht das Trauerspiel bereits los. Ich entschuldige mich bereits im Voraus, derartige Fotos zu veröffentlichen, aber der Vollständigkeit halber – und auch, um den Vorwurf der Beschönigung zu entkräften – zeige ich Ihnen hier ein typisches Beispiel hessischer Bundesstraßenbebauung der 60er und 70er Jahre. Zur Verteidigung der Hessen habe ich zu gestehen, daß es auf Nebenstraßen zuweilen besser aussieht.

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oben: Dorferweiterungen der Nachkriegszeit in Hessen mit überbeiter Bundesstraße, unten: alter hessicher Dorfkern

Aber ich fahre freilich wegen der schöneren Seiten aus. Die erste Station heißt Rotenburg an der Fulda. Daß hier ringsum auf den Kuppen der osthessischen Vorgebirgslandschaft je ein potthäßlicher Hochausbau aufgesetzt ist (Luftkurort – allerdings verläßt man die Kur mit Augenkrätze) und außerhalb des beiderseitig der Fulda liegenden Stadtkerns nur widerlichste Modernität herrscht, dürfen Sie im Hinterkopf halten. Diese herrlich historische Ufer-Stadtansicht aber ist erstaunlich, wenngleich der Überschwemmungsstreifen heute keinerlei Nutzung erfährt. Hier darf man sich wehende Wäsche, spielende Kinder, Spaziergänger und Angler usf. vorstellen.

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Rotenburg an der Fulda, im Hintergrund links das Renaissance-Schloß der Landgrafen von Hessen

Bebra sah übrigens auch einmal so aus, allerdings bevor es wegen seines Eisenbahnknotenpunktes bombardiert wurde. Daß dennoch auch im Stadtkern immer wieder bösartige Axtschläge in Form von 60er- bis 80er-Jahre Lückenbebauung vorkommt, verstimmt zusammen mit der mordenen Bepflasterung leider den sonst sicher wunderbaren Eindruck.

Im sogenannten Knüllwald zwischen Rotenburg und Homberg wandelte sich die Landschaft dann zu einer rein Thüringischen Anmutung. Man will ja gern anderes sehen als zuhause, aber da doch im Detail sich nichts gleicht, geht einem diese Ähnlichkeit durchaus nahe. Kessler hat jenes Phänomen in seinem letzten Lebensjahr in Mittelfrankreich erlebt, wo ihm alles rührend wie Weimar und Thüringer Landschaft vorkam.

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Homberg an der Efze

Schließlich ein Bild, das mich an Waldenburg an der Mulde erinnerte, welches man ähnlich vom Gebirgszug herab besehen kann, wobei es selbst an einem seichten Hange liegt. Ich fragte mich, ob mir dazu ein unverschämt kräftig aromatisierter Grafensteiner aus unserem Garten schmecken würde. War der Fall. Auch wenn das die umherschwirrenden Bienen ähnlich sahen.

Und diese Stadt nun, zumindest was den Markt und seine unmittelbare Umgebung angeht, ist etwas ausgenommen besonderes. Denn hier kann man, wie auf dem Naumburger Markt etwa, ganz wie zu Kaisers Zeiten den Fotoapparat zücken wo und wie man will. Alles stimmt, keine Verschandlungen, keine widerlichen Farben, nur und ausschließlich Fachwerk oder Klassizismus und eine sonderbare Kirche, leicht erhöht am Hang hinter einer Reihe den Markt abschließender kleinteiligerer Bauten.

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Fachwerkmarktplatz Homberg an der Efze

Auch der Blick auf die Dächer, vom Kirchturm aus, den man kostenfrei besteigen darf, ist daher von angenehm historischer Anmutung. Man fühlt sich wohl. Jeder, der solcherlei geschlossene architektonische Ansichten sucht, wird hier fündig. Und das ist schon einzigartig.

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Marktplatz Homberg vom Platteau St. Mariens aus gesehen. Von hier ging die hessische Reformation aus: Homberger Synode

Während übrigens Rotenburg noch fast ohne Braun war und tatsächlich flanierendes Bürgertum kannte, wenn auch älteren Semesters, das tatsächlich zum sonntäglichen Spaziergang im Schloßpark Krawatte trug, fehlte dergleichen in Homberg und wurde statt mit mehr braun vor allem mit schwarz aufgewogen. Ein Trend, der sich fortsetzen sollte.

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Jagdschloß Wabern (1707)

Auf dem Weg nach Fritzlar, das mir vom Türmer in Homberg empfohlen wurde und das ich ohnehin auf dem Plan hatte, passierte ich das Jagdschloß Wabern, 1707 von Giesler für den Landgraf von Hessen erbaut. Allerdings war das wie so oft Zufall, da ich auf dieser Fahrt kein Glück hatte, irgendein Schloß auch interieur besichtigen zu können. Alle fürstlichen Bauten sind heute in amtlicher Benutzung und daher als Sehenswürdigkeiten nicht ausgeschildert. Aber das geschulte Auge erkennt freilich auch Nebengebäude, die von der Straße aus sichtbar sind, als fürstliche Wertarbeit des 18. Jh. Nur darf man nicht auf den Hauptstraßen unterwegs sein.

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Fritzlar, Marktplatz mit Laufbrunnen von 1564

In Fritzlar nun wiederholte sich das Spiel aus Homburg. Der ganze Marktplatz und etliche Nebenstraßen (außerdem mit gotischen Patrizier-Steinhäusern des frühen 15. Jahrhunderts) waren auch hier im besten Stil erhalten.

Doch eine Merkwürdigkeit habe ich hier zu konstatieren. Der Baedeker Hessen-Nassau von 1922 erwähnt die Fachwerkansichten mit nicht einem Wort. Und das zeigt vor allem eines: Es war nichts besonderes. Heute sind derartige geschlossen historische Stadtkerne ein immer seltener werdender Schatz. Vor dem Krieg war es der Standard einer mitteldeutschen Kleinstadt. Wenn Sie also die alte Zeit schnuppern wollen, dann besuchen Sie diese Städte!

Auch historisch korrekt sind freilich die aufwändig aus fernen Ländern importierten Staffage-Schauspieler, die dem Fachwerk erst sein einzigartiges lokales Colorit verleihen. Denn kein Fachwerk ohne den dazugehörigen schwarzen oder braunen Ureinwohner. Bevor ich mich auf Schusters Rappen machte, sah ich denn auch, wie selbst braun und schwarz bereits gemeinsam Kinder im Wagen umherfuhren und erhob zum Abschied mein Glas mit dem Ausruf: Ein Hoch auf die Völkermischung! und hätte in meiner Betriebsamkeit das indigene Volk nicht weiter in seinem Habitat stören zu wollen beinahe das Zahlen vergessen und verließ schleunigst die Stadt.

*

Da man mich nun selbst zu später Stunde schlecht los wird, kehrte ich in einer weiteren Stadt ein, in welche ich aber, entgegen meiner Gewohnheit etwas außerhalb zu parken und das Nahen per Pedes zu genießen oder zu verfluchen – je nach Anblicken, die sich mir bieten – bis in den Stadtkern fuhr und einen schnellen Durchmarsch veranstalten konnte.

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Melsungen mit etlichen Fachwerkstraßenzügen vom 14.-18. Jh.

Ich marschiere übrigens wirklich, was den Passanten zuweilen merkwürdige Blicke abnötigt, da meine Schuhe nicht nur wie Pferdegetrappel auf dem Pflaster schallen, sondern die Metallplättchen an der Schuhspitze einen zusätzlichen metallischen Triller hineinmischen, der mir immer Offiziersaufmerksamkeit beschert.

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Melsungen mit dunkler Staffage

Die Stadt, von der ich spreche ist das schöne Melsungen. Und erst hier galt wirklich, was ich oben von der inneren Verwandtschaft von schwarzen Ureinwohnern und mittelalterlicher bis frühneuzeitlicher Fachwerkstadt sagte. Es geht nicht ohne. So haben zumindest die deutschen Nebeneinwohner entschieden. Sie sind hier gelegentlich mancher Plätze und Ecken zu dieser Abendstunde bereits in der Minderheit.

Mir fehlt bloß das ständige Staunen der Importnegriden über die Mehrstöckigkeit der Häuser. Sie selbst haben ja in ihrer Geschichte dergleichen nicht errungen. Aber vermutlich gewöhnt man sich daran. Meine Gewöhnung ist, wie Sie wissen, begrenzt und tendiert eher in die umgekehrte Richtung, weshalb ich beschloß die restlichen Sonnenstrahlen des Tages auf Landstraßen zu verbringen, wo Deutschland noch Deutschland ist.

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hessische Landstraße

*

Adé Afrika, Adé Levante, Adé Fachwerk! das doch du letzteres mir nunmehr die Staffage geworden zu sein scheinst.

 

 

 

 

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5 Gedanken zu “Kurhessen . Fachwerk . Staffage

  1. Magister

    Tja, was wären diese Städte auch nur ohne Ihre Fachwerkhäuser und den oftmals darin vorzufindenden „Kültürvereinen“. Letztere nisten sich mit großer Vorliebe in Gebäuden ein, welche sich im Eigentum der öffentlichen Hand, oder richtiger: im Eigentum der steuerzahlenden Nebenbewohner befinden. Als Entgelt hierfür wird dann großzügigerweise einmal pro Jahr eine mulitkulturelle Essensverkostung angeboten.

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  2. D. Vogt

    Nun ich bedaure doch sehr, dass die ansonsten unterhaltsamen bis lehrreichen Partien, bei der Fahrt ins Hessische mich nicht so erfreuen konnten. Da ich das Privileg hatte in allen Orten intensiv tätig zu sein, insbesondere wenn es Fachwerk und Sakralbau sowie den Schlossbau im Besonderen ging, muss ich anmerken, dass Schlussfolgerungen zu Baulichen Gegebeheiten – wie soll ich mich höflich ausdrücken – nicht dem Stand der wissenschaftlichen Forschung entsprechen. Erlaube mir dem Schreiber bei Gelegenheit Karten zur ‚Denkmal 19‘ in Leipzig zu verschaffen, dass gewisse Dinge doch noch besser verstanden werden.

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  3. Das ist schon – wie soll ich mich höflich ausdrücken? – von patholigischer Lächerlichkeit, von einem Wochenendreisebericht den Stand der wissenschaftlichen Forschung zu erwarten. Noch pathologischer allerdings diese endlosen Versicherungen eigener Kompetenz und Verweis auf Literatur, wo es doch offenbar einfach wäre, konkrete Kritik anzubringen. Diese Redlichkeit des Diskurses erlaube ich mir dem Kommentator vorzuschlagen, auf daß gewisse Banalitäten würdigen Umgangs besser verstanden werden.

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  4. D. Vogt

    Sehen Sie Herr Wangenheim, über Philosophie oder Ihren hohen und fein geschulten Geschmack, äußere ich mich nicht. Nicht mein Fachgebiet. Empfindungen habe ich durchaus, darf man da Empfindungen als fachliche ‚Wahrheiten‘ in den Raum stellen.? Ich bin nur sehr tief verwundert, wie Ansichten und Einsichten zur Baukultur Ihnen so frei in die Tastatur fließen – zu mal mit Paul Schultze-Naumburg wohl enger vertraut – die so wenig Kenntnis nachvollziehen lassen bei mir. Das deutsche Bildungsbürgertum ist auch nicht das was es mal war. Gibt ja auch keine Westermann Hefte, Vossische Zeitung und Kreuzzeitung mehr, Dürer- und Werkbund sind auch hinüber. Aber richtig, die Empfindungsblogs sind keine Habilitation in Kunstgeschichte. Belassen wir es dabei. Freue mich auf Ihre neuen Reisen und deren Berichte. Und Verzeihung für meine Unhöflichkeit, die ich bedauere. Oberhessische Stoffeligkeit? – Ich bedaure.

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  5. Sie müssen mir gegenüber nichts bedauern. Aber wer kritisiert, der muß konkret werden und schlicht sagen, was er meint. Das tun Sie auch jetzt nicht. Was soll ich davon halten? Sie äußern sich wieder nur vage, nennen Namen… Wenn ich nicht weiß, was Sie wollen, kann ich Ihnen nicht antworten. Da müßten Sie Ihre Empfindungen schon kundtun, statt nur zu konstatieren, daß sie solche besitzen. Aus dem, was Sie bisher schreiben, ist jedenfalls nichts Konkretes zu entnehmen, noch dazu, da ich so gut wie nichts in diesem Beitrag zur Architektur sage, das mir gewagt erscheint. Aber ich werde kein Rätselraten veranstalten.

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