Wie sich die bürgerliche Toleranz selbst betrügt: Die späte Verwunderung des Westens über seinen Untergang (Teil 1)

Es war von Beginn an ein naiver Traum, daß die gute alte Ordnung bestehenbleibe, auch wenn man im täglichen Leben die völlige Verlotterung zulasse.

*

Wenn ich die Bürger der „Mittelschicht“ heute auf der Straße demonstrieren sehe, so komme ich nicht umhin zu fragen: Habt ihr wirklich geglaubt, ihr könntet die Freiheit von jeder Disziplin, von Umgangsformen und Anstand in immer ausgelasseneren Zügen genießen und daraus werde sich für die Gesellschaft als Ganzem keine wesentliche Veränderung ergeben? Ihr fordert jetzt Ordnung und habt selbst ihre Auflösung über Jahrzehnte nicht nur mitgetragen, sondern selbst gelebt? Freilich, das neuimportierte Barbarentum hat der Verlotterung eine ganz neue Dimsonsion verliehen. Doch sind’s beides Seiten ein und derselben Medaille.

Es gibt einen linken Traum von der Verbrüderung aller Menschen, welche Anlagen sie zu einem kulturvollen Leben auch haben mögen oder nicht; und es gibt einen Traum der Vernünftigen, daß man sich im Grunde durchaus daneben benehmen dürfe, ohne daß dergleichen weitere Konsequenzen habe. Schließlich wisse man ja, wie es richtig zu sein habe.

Das geht bei der Wortwahl los, beinhaltet Tischmanieren (sofern man noch am Tisch sitzt), über die Garderobe, bis hin zum allgemeinen Umgang mit Menschen, die Frage der Rücksicht, Zuverlässigkeit, Treu und Glauben. An alldem wurde seit 50 Jahren immer und ausschließlich nur in eine Richtung geschraubt. Und zwar ebenfalls von Konservativen. Wo sollte das hinführen? Doch wohl genau dahin, wo wir heute sind: Laissez faire, laissez aller! Ihr alle, die ihr auf der Straße geht, seid Erbauer dieser Welt der Unordnung, allesamt. Ich habe noch kaum mehr als einzelne Ausnahmen gesehen.

Man ist für diesen & jenen Lebensentwurf, man will Diesem & Jenem nichts vorschreiben, dürfe alles nicht so eng sehen… und doch sollten Ordnung, Friede, Vernunft erhalten bleiben? Auch diesen Vernünftigen ist die nötige Härte einer anständigen Gesellschaft oft verächtlich fremd. Zur Kultur gehört Zucht und Ordnung, wie zur Verlotterung das laissez faire der Gegenwart. Bequeme Toleranz aber zersetzt die Kultur, die Selbstbeherrschung.

Man wisse im Zweifel sich zu benehmen. Vielleicht. Man wolle auch von der modernen Freiheit kosten. Der Tabubruch ist so aufreizend! Aber wer nur redet oder denkt, wie es richtig sei, der ist so nutzlos für die Kultur, wie derjenige, der sie aktiv untergraben will, dem das Lotterleben alles ist. Denn wer die Kultur, den Anstand, die Ordnung nicht lebt, der gibt anderen nur Anlaß es genauso zu halten. Und vor allem erteilt er jedem die Erlaubnis und das Vorbild genau das ohne gesellschaftliche Ächtung zu tun. Du auch!

Jeder Konservatismus, der glaubt, daß die bloße Demonstration, das Herbeisehnen, Herbeiwählen oder Herbeischreiben von Kultur Kultur sei, ist einem traurigen Irrtum erlegen. Kultur ist nur gelebte Kultur. Kultur entsteht nicht durch markige Worte, weder im Internet noch im realen Leben, sondern nur durch gelebte Markigkeit. Markigkeit, Schneid, d.i. Bestimmtheit, Wertsetzung, Grenzziehung, Maßstab, Anstand, Forderungen über Forderungen sich selbst und anderen gegenüber. Strenger Kant, wenn Sie wollen. Das ist Kultur.

In einer solchen Gesellschaft von ständigen Checks and Balances kann niemand aus der Reihe tanzen und sich ernsthaft und nachhaltig unvernünftig benehmen, ohne der allgemeinen Ausgrenzung anheim zu fallen. Das ist es, was in einer Kultur neben aller Ordnung und Verläßlichkeit auch lächerliche politische Entscheidungen verhindert. Zugleich ist diese ständige Prüfung des Einzelnen und Aller das, was an der Kultur als einengend empfunden wird. Und zwar ebenso von vielen sog. Konservativen – früher und heute auch. Alle wollen sie im Zwiefel frei sein von den Einschränkungen der Kultur – die einen nur dem Alltag nach, die anderen bis ins Politische.

Den Linken wird vorgeworfen inkosistent zu sein. Aber was ist hiermit? Die Konservativen wollen ebenso diese Freiheit von den Einengungen der Kultur genießen, bestehen aber zugleich auf die Werte der Kultur. Sie wollen absurde (d.h. im Sinne der Kultur absurde) Bühnenwerke, Filme, Musik, lächerliches Benehmen auf der Straße, in den Medien, verächtliche Witze und das Ergötzen an der Dummheit, die Minderbemittelte in allen Medien darstellen (alles Selbstverständlichkeiten der letzten 50 Jahre) – aber sie wollen dennoch ebenfalls, daß außerhalb dieses Amüsements wieder Zucht herrscht. Und das soll man nicht inkonsistent, ja naiv nennen dürfen? Doch, das ist es: zutiefst naiv. Die Menschen, gleich welcher politischen Coleur, sind doch innerlich allzu ähnlich.

Das ist die eigentliche Geisteshaltung des konservativen Bürgers: Alle persönlichen Freiheiten im Vorbeigehen unter dem Schutz allgemeiner Verlotterung mitnehmen und sich durchaus und immer öfter selbst leisten, nachher jedoch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn die breite Masse die Sache noch durchaus etwas lockerer sieht und zur Verteidigung ihrer selbst auf den teilverlotterten Bürger zeigt.

Und dann hat freilich jeder Konservative seine Nische, in welcher er die Verlotterung als weniger gefährlich oder gänzlich unbedeutend ansieht. Man könne ja Reaktionär sein, und doch diese oder jene Kunst, Musik, Garderobe, die alle Kulturmenschen verabscheut hätten, gelten lassen, Sprachformen und Lächerlichkeiten im Umgang pflegen, die ja nicht wesentlich seien. Es gibt jedoch nichts Unwesentliches, denn nicht irgend ein Hohes, Unerreichbares ist Kultur allein, sondern das tägliche Leben ist es nicht minder. Und für jedes Nicht-Genie ist es der Alltag allein. Ja, Sie sind gemeint.

Sie verstehen?

Fünfzig, vielleicht hundert Jahre geht das so. Kümmert man sich aber Jahrzehnte lang nicht um die Aufrechterhaltung der Cité, dann ist sie den Barbaren zum Schmaus vorgeworfen. Und freilich, solang noch alte Werte nachhallten, war das ein bequemes Leben: Es reichte zu verlautbaren, man sei konservativ. Im Grunde aber beteiligte man sich ständig am Abbau aller Ordnung. Nun ist die Ordnung, vom Barbarensturm befeuert, ganz darnieder. Und nun?

Nun ist diese Haltung lächerlich. Ich sehe im Demonstrationszug die unauffällige Zivilgesellschaft (wenn nicht gerade einer den Arm hebt) – ein unschönes Bild für die Medien, die solche Demonstraten vor allem verunglimpfen wollen. Nur eines ist sicher: Diese Bürger sind zwar politisch eine Gefahr für das Establishment, keine Gefahr jedoch für die allgemeine Verlotterung und keine Hilfe oder gar Garanten für die Kultur. Die ganze konservative Bewegung ist es nicht.

Daher läuft auch das Make America Great Again unter Trump nur auf eine versöhnliche Verhinderung des Schlimmsten hinaus, nicht auf eine restitutio rei publicae. Es fehlt der Bürger. Es fehlt sein Geschmack, sein Anstand, seine Weltgeltung, sein Selbstwert, seine Selbstbeherrschung und die Darstellung und Forderung derselben nach außen.

*

Denn Kultur ist nicht nur der hohe Geist Goethes und das Genie Boschs. Ich sage es wieder: Kultur wird von allen geleistet, täglich gelebt und erbracht. Und – oh Wunder – nur auf diesem disziplinierten Boden wachsen auch Wagner und Hegel. Auf dem Boden der Gleichgültigkeit wächst nur Kritik und Besserwisserei, Abartigkeiten obendrein, für die jeder Kultursprache die Worte fehlen.

Daran müssen sich die Konservativen messen lassen: Wie treten sie im täglichen Leben auf? Wo machen sie Zugeständnisse, wo setzen sie sich durch oder versuchen im mindesten, Regeln zu etablieren. Ohne diesen Auftritt der inneren Werteordnung in der alltäglichen Öffentlichkeit ist Konservatismus eine Heuchelei vor sich selbst, ein Selbstbetrug, der von Feigheit nicht wenig akkomplimentiert wird.

Aber vielleicht ist neben der Faulheit, dem Mangel an innerer Zucht, diese Feigheit das eigentliche Problem aller untergehenden Kulturen.

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Hier geht es zum Nachschlag.

 

 

 

 

 

 

 

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31 Gedanken zu “Wie sich die bürgerliche Toleranz selbst betrügt: Die späte Verwunderung des Westens über seinen Untergang (Teil 1)

  1. Ich kann es nicht mehr hören, das Gejammere über die kriminellen Invasoren! Wo waren sie denn alle, als es darum ging, daß wir unsere Kultur schützen und weiter an ihr bauen? Jetzt fällt ihnen auf, daß verlorene Kultur auch Sicherheitsdefizite mit sich bringt. Aber es geht darum, daß sie die Kultur verloren gehen lassen haben, ganz unabhängig von und lange vor der Invasion von Fremden!
    Sie wollen nur ihre Sicherheit – aber sie wollen nicht eine schöne Kultur! Aber nur eine schöne Kultur ist Grundlage für Sicherheit, weil nur dann der Bestand lohnt!
    Das sage und denke ich schon die ganze Zeit, daher vollste Zustimmung und Freude darüber, daß ich nicht alleine bin.

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  2. Das haben Sie auf den Punkt gebracht. Nicht wenig haben mich nämlich zu diesem Beitrag, für den man mich einmal mehr hassen wird, durchaus die Interviews, die in Chemnitz mit Demonstranten gezeigt wurden, angehalten. Auch da will niemand anecken. Nur das kleine Problem der obzönen und messerschwingenden Neubürger steht zur Debatte. Das Berufen allein auf die Herkunft des Ermordeten spricht Bände. Der Persilschein für die Teilnahme an der Demonstration. Keine Werte, nur noch Toleranz. Das Ende aller Distinktion. Diese Menschen retten kein Abendland.

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  3. Den meisten war doch alles – außer ihrem bißchen persönlichen Besitz – ganz egal. An einem gemeinsamen Kulturwerk mitzuarbeiten, eine Kultur zu gestalten, das Leben und die Welt zu kredenzen, das kam ihnen nie oder nicht mehr in den Sinn, das war vollständig verschwunden. Erst jetzt, wo sie in ihrem schieren Überleben bedroht sind, wachen sie auf. Doch wofür? Für das gleiche elendige, geduckte Scheinleben? (Aber immerhin wollen sie sich nicht einfach abschlachten lassen…)
    Ich sehe so viel fette, häßliche Menschen, die nur Häßlichkeit, Dummheit und Oberflächlichkeit ausstoßen und von sich geben. Natürlich sind das irgendwo meine Menschen, meine Volksgenossen, ich habe keine anderen und gehöre nirgendwo sonst hin und liebe sie auch. Aber ich wünsche sie mir anders, viel offensiver, selbstbewußter, edler, stärker…

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  4. Rico Kiel

    In wie weit will man denn das Dilemma lösen wo es doch keinerlei Rückschritt in der Zeit gibt? Moral und Anstand sind nicht nur begriffliche dehnbarlichkeiten, da sie mit gesellschaftlich ungleichen Umständen auf Gedeih und Verderb verknüpft sind. Und da diese Umstände heute nun mal global-ökonomischer Natur sind wirkt diesbezüglich eine brutale Nivellierung, -hin zur allgemeinen Zwangsgleichheit. Das ist fatal, jedoch real. Sicher; wer der Realität trotzig und stolz entgegentritt hat Schneid. Oder scheint dumm? Denn auch der kräftigste Löwe ist einer in Galopp gekommenen, alles niedertrampelnden Herde keinerlei Hindernis. Wäre es klug, -im Sinne der Erhaltung des noch lohenden Feuers-, sich zu verstellen bis sich der Sturm legt? Oder wäre dies Feigheit? Das frage ich mich selbst nach diesem eindringlichen Artikel.

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  5. Zunächst erlauben Sie mir zu bemerken, daß die Zeit meiner Einschätzung nach durchaus zurückschreitet. Aber um KuI soll es im Moment nicht gehen.

    Ich kenne freilich all die üblichen Bergündungen, warum Anstand, Haltung, Grenziehung nicht mehr möglich seien. Aber mir scheint, nicht die Globalisierung, die Nivellierung und die Zeitnot usw. sind der Grund, sondern daß man sich dergleichen Ausreden zurechtlegt.

    Einerseits hatte man früher schon der Arbeit wegen viel weniger Zeit, war technisch kellertief unterlegen und der moderne Mensch möchte Mitleid mit diesen widrigen Lebensumständen haben, andererseits soll heute kein Anstand möglich sein? Nein. Ob man will, ist entscheidend.

    Meine Antwort ist daher ganz schlicht: Probieren Sie doch einmal aus, anständig zu sein! Fordern Sie doch einfach von Ihrem gegenüber Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit! Fragen Sie, warum er sich so und nicht anständig verhält! Wenn Sie den richtigen Ton treffen – freundlich aber erntshaft und zur Not bestimmt – dann werden Sie erstaunt sein, wie wenig Widerstand Sie erfahren.

    Freilich gibt es die völlig unbrauchbaren Mitmenschen, die im Zweifel alle Fassaden fallen lassen. Aber auch diese ausgesondert und zum Teil bloßgestellt zu haben, ist ja kein Untergang. Und sicher, gelegentlich wird man Sie vielleicht belächeln. Aber die Mehrheit der Vernünftigen wird Ihnen innerlich, vielleicht sogar äußerlich recht geben. Ich habe damit gute Erfahrung gemacht. Probieren Sie es einmal aus!

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  6. Rico Kiel

    Das Anstand, resp. Haltung nicht mehr möglich seien steht nicht in Abrede Herr Wangenheim. Doch meist beruht diese edle Wesensart auf Einseitigkeit. Gleichwohl ist der Effekt der marktökonomischen Globalisierung erzwingender Treibsatz aller niederer Charakterschwäche, -will heißen Antipode von ‚Anstand und Haltung‘.
    Warum?
    Die „Zeit“ IST ökonomischer Faktor -mehr denn damals- geworden und lässt per se‘ die zusammengeschobene Menge auf ihrem begrenzten Schachbrett und somit immer unfreier werdenden Marktplatz in gegenseitiger Unanständigkeit lavieren. Der jämmerliche zwischenmenschliche Zustand ist ergo Programm.
    Ein jeder hat sicherlich diesbezüglich schon bittere Bekanntschaften gemacht.
    Doch die Kernfrage lautet nicht ob man Unaufrichtigkeit selbst erfahren oder gar verübt hat. Denn all diese Umstände sind letztlich banales Ergebnis von exponentiell beschleunigten Auswirkungen praktizierter Monopolökonomie, die einen Jeden funktionierenden Teilnehmer zum steuernden Betreiber machen. Was im Umkehrschluß auch allen Edlen Heuchelei vorwirft. Denn keiner, auch trotz gutem Kleide oder Kluft, kann und mag sich dem allgemeinen Marktplatz entziehen.
    Die Auflösung Ihrer zu Recht aufgezählten Missverhältnisse lagert hiermit also nicht beim einzelnen verzweifelten Individuum, -daß sich aufgrund ohnmächtiger Machtlosigkeit nie der getriebenen Masse des degenerierten Marktes stellen kann! Sondern die Kernfrage löst sich nur auf, wenn die überlebte monetäre Zwangsmechanik vollkommene Veränderung erfahren würde.
    Und sicher war heutig verübte Geldökonomie in der von Ihnen betrachteten „guten alten Zeit“ dieselbe. Doch verkennt man dabei leicht den noch ‚kleineren‘, somit ‚langsameren und überschaubaren Marktplatz in eben diesen Epochen, wo ‚Anstand‘ wie ‚Sitte‘ noch entsprechender Weiße Raum fanden. Man kannte sich eben und hatte einen Namen zu verlieren…. Bedacht werden sollte aber auch, daß sich dieser damalige Marktplatz zwischen zwei gewaltigen Weltkriegen platziert und somit wiederholt allzu vergänglich war, -wie all seine bevölkernden Menschen mit ‚Anstand und Haltung‘.
    Eine ewige Tragödie also, die wir an uns selbst wieder ausprobieren!

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  7. Nein, das akzeptiere ich nicht. Erstens kann man sich sehr wohl dem Massengeschmack und Massenkonsum entziehen – soweit funktioniert die Marktwirtschaft durchaus noch; und eine Minderheit tut es auch – zweitens ist es besonders leicht, das Individuum vom Mißstand freizusprechen, weil höhere Mächte dafür verantwortlich seien.

    Ich wüßte nicht eine einzige Stelle, an der mir das System verbietet, mich anständig zu verhalten, anständig zu konsumieren, anständig gekleidet zu sein, eine anständige Sprache zu pflegen. Vielmehr ist es vor allem bequemer, sich systemkonform zu geben, da gebe ich Ihnen recht. Und die meisten tun genau das. Wenn mein Beitrag aber eines will, dann zum Gegenschwimmen anregen: aufrechten Hauptes das gute Beispiel geben.

    N.S.: Ich rede nicht von der Zwischenkriegszeit, ich rede von hunderten Jahren, auch wenn das Titelbild von 1931 stammt.

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  8. Rico Kiel

    Sicher kann man sich ein Refugium in Mitten einer wachsenden Wüste erschaffen.
    Doch täuscht dies jeden selbsternannten Einsiedler über das reale Umfeld hinweg.
    Alles geschickte manövrieren darum ist müßig im Lichte kausaler Betrachtung. Was mich bei Ihnen nun doch sonderlich verwundert. Denn sicherlich, -da gebe ich Ihnen vollkommen recht-, kann man sich als denkendes Individuum nach redlichem Kodex verhalten. Sollte man! Deshalb regt Ihr Beitrag durchaus zum ‚Gegenschwimmen‘ an.
    Doch bleibt das Kernmotiv aller uns umgebenden Tristesse (-aktuell Karnevall in ‚Karl-Marx-Stadt‘-) leider bestehen und redet somit Spengler das Wort.
    Denn jedermann ist Trittbrettfahrer dieser gelebten Degeneration, die nun mal ihre Wurzel im militärisch-industriellen Komplex (Eisenhower) sucht und letztlich einen ominösen Christus, -als jüngst erhobener Kulturträger des Abendlandes-, an das Kreuz des degenerierten Kollektivs brachte, nur da er Wechseltische umstieß.
    Eine elende Binsenweisheit.
    So befragt am End alle Redlichkeit, wie alle Unredlichkeit, daß selbe Orakel. Vollführt planmäßige Dekadenz -auch mit Stil-, egal ob durch weitsichtigen ‚Shareholder Value‘ oder kleingeistigen ‚Sparwahn‘. Dabei nehme ich mich nicht heraus!
    So durchschreiten wir auch mit ignorantem Stolz erhobenen Hauptes das selbe schwarze Tor Dantes.
    Es herrscht demnach am Ende aller Betrachtung auch im Lichten Glanze völlige Finsternis.

    N.S: Mein Beispiel versteht sich nicht nur im Sinne behandelter Zwischenzeit, sondern steht ganz im Sinne einer Chronologischen Reflexion, -steht veil mehr als beispielhaftes Exempel durchlebter Historie. Ist bitterstes Ergebnis dessen. Offenkundige Tatsächlichkeiten, welche Oswald Spengler und auch Sie in KuL jenseits der Antike umrissen haben. Es kränkt meinen Intellekt wenn mir hier Kurzsichtigkeit unterstellt wird!

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  9. Ich sehe mittlerweile keinen Dissenz mehr. Wenn Sie Spengler als Gegengewicht auffahren wollen, so sind wir doch sofort beim Schlußgedanken von MuT: „Ausharren wie jener römische Soldat…“

    Ich habe nichts dagegen, wenn Sie es so fassen. Auch wenn ich die Gegenschwinger für notwendig halte. Wie ausgeprägt sie werden, das bleibt die große Frage, sicherlich.

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  10. Ein hervorragender Artikel, der mich sofort veranlasst, mich selbst zu hinterfragen.

    Natürlich macht man, trotz aller Bemühungen, bei der Erziehung seiner Kinder nicht alles richtig. Selbst wenn man es täte, gibt es nicht wenige Fälle, in denen die Kinder einem nicht folgen, auch dann nicht, wenn man ein konservatives Vorbild par Excellance darstellte. Genauso ist es auch umgekehrt. Es gibt Eltern, die ein absolutes Negativbeispiel darstellen, deren Kinder aber trotzdem gut geraten.

    Im Zusammenhang mit einem gewissen Verfall der Sitten muss man sicher die 68er sehen. Einen weiteren Wendepunkt stellt der Einzug der Grünen in den Bundestag, später – nach der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland – den der Nachfolgepartei der SED, heute die Linke, dar.

    Wie Sie in Ihrem Youtube-Beitrag zum Thema: Warum das Bürgertum verschwindet, so klar herausarbeiteten, zerreibt man das Bürgertum aufgrund der Wählerverhältnisse zwischen den mächtigen Reichen und zahlenmäßig überlegenen unteren Schichten. Die angeblich sozialen Parteien haben kein Interesse daran, dass die unteren Schichten, ihre Wähler, verschwinden. So ist es auch nicht verwunderlich, dass in allen Bundesländern, in denen Rot regiert oder mitregiert, das Prekariat sich vergrößert, weil die Schulbildung immer schlechter wird. Man zieht sich seine neue Wählerschaft heran.

    Revolutionen werden immer mit jungen Menschen gemacht, die impulsiv sind, durch mangelnde Erfahrung wenig Immunkräfte gegen Indoktrinierung durch Medien, Staat und Schule haben. Das war bei den Leuten um Dutschke nicht anders, als es damals in der russischen Revolution gewesen ist. Ich entdecke in Solschenizyns „200 Jahre zusammen“ erschreckend viele Parallelen zum heutigen Deutschland. Auch damals hat die Partei für die Arbeiterbewegung die Fäden gezogen.

    Propaganda können sie, die Sozen. Sie haben ein Netzwerk in den Medien, das riesig und nahezu unüberschaubar ist. Sie haben Macht, weil offensichtlich auch finanzkräftige Leute sie unterstützen. Wenn der BP in einer öffentlichen Rede zu Karl Marx sagt, (sinngemäß) man dürfe ihn, bzw. seine Lehren nicht für das Scheitern der UDSSR verantwortlich machen, sondern müsse gerade im Zeitalter der Globalisierung darüber nachdenken, ob nicht Marx die Lösung sein könnte, den globalen Kapitalismus zu zerstören und vor kurzem eine Veranstaltung propagierte, auf denen RAF-Terror und die Zerstörung des (fragmentarisch noch vorhandenen) Rechtsstaates besungen wird und es offensichtlich nur die üblichen Verdächtigen stört, was soll man dann seinen Kindern sagen, die ohnehin spätestens nach dem Abitur so gehirngewaschen sind, dass man sie mit Argumenten nicht mehr erreichen kann?

    Zuletzt mache ich noch auf ein Video von dem von mir sehr geschätzten Hrn. Klonovski aufmerksam, der das Thema aufgreift und einen zumindest den Humor nicht verlieren lässt. Und sei es auch nur Galgenhumor.

    Herzliche Grüße und danke für die Denkanstöße.

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  11. Anja

    Ein sehr guter Aufsatz, eine bittere Pille, die aber unbedingt geschluckt werden muß! Lieber Herr Wangenheim, vielen Dank!

    Für mich persönlich nehme ich ihn zum Anlaß, mich zu disziplinieren. Wobei ich gewisse Erfolge zu verzeichnen habe auf familiärer Ebene: Meine Kinder sind nicht tätowiert und das Wort „geil“ habe ich umgangssprachlich auch noch nie benutzt! 🙂

    Ich habe mich in Ihrer Analyse auch wiedererkannt, so viel Selbstkritik sollte sein!

    Jedoch: War das Volk nicht schon immer wie es heute ist? Gab es nicht schon immer die sogen. „Proleten“, „Bauern“ (nichts gegen Landwirte!), die keine Manieren haben und diejenigen, die nicht über den Tellerrand hinaus sehen konnten/wollten?

    Der Unterschied zu früher ist doch, daß in unserer Zeit diese Kurzsichtigkeit und Ignoranz fatal ist, weil sie nun absehbar das Überleben unseres Volkes und unserer Kultur berührt, die durch die Überfremdung Kulturfremder (in Bezug auf unsere Kultur) für uns alle existenziell werden wird.

    Kann man sagen: Wer weiß, wozu es gut war? Vielleicht…

    „Aber vielleicht ist neben der Faulheit, dem Mangel an innerer Zucht, diese Feigheit das eigentliche Problem aller untergehenden Kulturen.“ – Ja, und die immense Dummheit!

    Herzliche Grüße!

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  12. Das Volk, da haben sie recht, war schon immer so, wenn es auch früher nicht durch Massenmedien auf Einheitsprimitivität zurechtgeschossen wurde.

    Aber immer gab es ein Bürgertum, das eine disktinkt andere Auffassung von der Welt und dem Leben hatte. Das ist nunmehr bis auf ein paar vereinzelt Übriggebliebene völlig abhanden gekommen. Und dieses alte Bürgertum hatte früher auch vor allem die politische Macht inne. Heute ist das anderherum und deshalb fatal. Ich erinnere an mein Video zur Abschaffung des Drei-Klassen-Wahlrechts: https://www.youtube.com/watch?v=n6PrHCn0hSM

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  13. Anja

    Das Video mit Michael Klonovsky war interessant. Ich wußte gar nicht, daß er auch Sachse ist!

    Da kann man wirklich sagen: Wangenheim, Klonovsky…aus Sachsen, wo die klugen Männer wachsen! 🙂 Es lebe das Bürgertum und vor allem: Mehret euch!

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  14. Magister

    Ich möchte mir hiermit erlauben, mich für diese interessanten Beiträge, welche zu lesen einen unerhörten Genuss für mich darstellten, zu bedanken.

    Gleichzeitig möge man es mir gestatten, mich mit folgender Bemerkung einzubringen: Wenn es wahr ist, dass Sprache nicht nur Bewusstsein, sondern auch „Wirklichkeit“ schafft, so verorte ich für mich persönlich den Beginn der diagnostizierten gegenwärtigen Schwäche des Bürgertums unter anderem in seinem geringen Widerstand gegenüber dem Einzug der „politisch korrekten Sprache“ in den Alltag von Millionen von Haushalten. Dass davon auch die Universitäten nicht ausgenommen waren, versteht sich von selbst, waren sie doch auch die Wegbereiter und teilweise wohl auch Urheber dieses „Hauptkampfwerkzeuges“ linker Ideologien.
    Und das stimmt bedenklich, ist doch die Sprachpolizei immer untrennbar mit der Gedankenpolizei verknüpft. In diesem Sinne stimme ich ein kräftiges „Die Gedanken sind freiiii… “ an

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  15. Ich weiß nicht, vielleicht ist das Bürgertum auch allzu sprach- und zu wenig tatsachenfixiert, also faul, denk- und argumentationsfaul, überzeugungsfaul gewesen – und ist es heute noch. Das sind ja alles keine Großtaten der Linken. Aber das Bügrertum und die Intellektualität hat seit über 50 Jahren nichts mehr dagegengesetzt. Sehr schön sichtbar an dem zahnlosen Weichei Gehlen, der sich von dem nicht sonderlich bemittelten Adorno immer wieder hat vorführen lassen, wie ein kleiner Junge. Immerhin kriegen die Konservativen jetzt etwas Mumm. Manche Exponierte zumindest, die Mehrheit ist feige wie eh und je.

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  16. Leser

    Ich denke, der bürgerlicher Gedanke der Selbstverantwortung ist nur möglich in Beisein der Möglichkeit von Erhebung in einen Stand, der über das Bürgertum hinausweist und das Bürgertum gleichsam zusammenballt als nützliche Antriebskraft innerhalb des Staates. Ein Bürgertum auf sich selbst gerichtet mit einem nur noch ökonomischen Exponenten allerdings zergeht in jene Spreizung in Eliten und sozialistische Masse.

    Freilich, so scheint mir, ist daher der liberalisierende Gedanke im Bürgertum immer auch schon Kennzeichen ihrer eigentlichen Ablöse. Es ist ja nicht nur so, als habe das Bürgertum unter der sozialistischen Revolte gelitten und sich schließlich aufgelöst – es hat selbst durch die eigenen Freiheitsbestrebung diese Bewegung gegen das eigene Interesse mitzuverantworten. Wir lesen heute die liberale Literatur als Blaupause des Kommunismus.

    Selbstverantwortung aus sich heraus einfordern führt also notwendig in Standesanarchie. Die äußere Forderung eines legitimen Souveräns allerdings hält den Haufen immerhin zusammen. Und ist dieses Bewußstsein nicht das richtige? Wenn der Souverän fordert und der Bürger es als selbstverständliche Pflicht verinnerlicht?

    Und da sind wir nun schon bei dem Ständeproblem. Wir können eigentlich nur hoffen, daß der kommunistische Hammer am familiären Amboß zerschellt. Aus der radikalen Umkehr dieser Lage heraus muß Blut sich den Souverän erkämpfen und ein Gefolge um sich scharen. Ich sehe keinen anderen Weg.

    In diesem Lichte gerückt, ist Ihr Beitrag nicht eigentlich bürgerlich, sondern ringt um das Bewußtwerden einer Macht, die Bürgerichkeit wieder garantieren darf.

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  17. Ra

    Ich stimme Ihnen zu, was die innerlichen Werte, die Wortwahl und ein gewisses Maß an Manieren anbelangt.

    Bei der Garderobe würde ich Ihnen widersprechen. Zum Einen ist das, was Sie als schön empfinden kein Maßstab den Sie so einfach auf andere übertragen können. Sie können das natürlich, aber wer gibt Ihnen das Recht dazu?
    Ich verweise diesbezüglich auf die Tatsache, daß im Bankenwesen „ordentliche Garderobe“ nach wie vor Pflicht ist.
    Ich verstehe sehr wohl, was Sie aussagen möchten, aber manch weißes Hemd dient offensichtlich nur dazu, die wirklich häßlichen Flecken zu verbergen.

    Zum Thema Zucht, Ordnung, Pflicht:
    Was mir zur Vollständigkeit der Betrachtungen hier fehlt, ist die Erörterung, daß es Umstände gibt, bei denen es eigentlich Pflicht sein muß, sich der Pflicht zu widersetzen.
    Ein einseitiges Hinweisen auf Zucht, Ordnung, Pflicht führt eben genau dazu, daß diese irgendwann als das erkannt werden, was sie sind: ein hohles Gebilde mit erheblichem Mißbrauchspotential.

    Mich würde sehr interessieren, welchen inneren Werte Sie meinen wenn Sie von diesen sprechen, denn diese scheinen mir das Wesentliche. Könnten Sie diese noch etwas präzisieren?

    In Frage stellen würde ich z.B. auch Ihre Aussage, daß in einer Gesellschaft in der niemand aus der Reihe tanzen kann („Check and Balances“) lächerliche politische Entscheidungen verhindert werden würden.
    In der Population der Lemminge tanzt kein Individuum aus der Reihe.
    Check und Balances sind dort offensichtlich funktionabel…

    Das aber führt auf den entscheidenden Punkt, auf den Sie hingewiesen haben: Feigheit.

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  18. Das sind sehr wichtige Einwände, für die ich Ihnen danke, sie aber allesamt nicht gelten lassen kann – aus folgenden Gründen:

    Sie stimmen mir bei Wortwahl und Manieren zu, verlangen dort also Kultur. Bei der Garderobe aber widersprechen Sie. Nun, mit welchem Recht? Mit welchem Recht verlangen Sie Manieren und gemessene Wortwahl? Ich muß Ihnen nicht ausführen, daß Wortwahl und Manieren ganz ebenso abgründige Gedanken und Niedertracht verbergen können, wie ein weißes Hemd einen schmutzigen Bauch. Also: Mit welchem Recht können Sie dergleichen verlangen? Ich sage es Ihnen: Mit dem Recht der Kultur.

    Sie haben aber nun eine persönliche Abneigung dagegen, sich vernünftig anzuziehen, also machen Sie dort einen Schlußstrich. Und wie ich im Beitrag selbst sage: Jeder Mensch hat seine Ausnahmen, bei denen er sich nicht zuständig fühlt, Kultur zu leben. Ihre Ausnahme ist die Garderobe. Ein anderer verzichtet auf ordentliche Sprache. Hat aber jeder seine Ausnahme und jeder eine andere, dann ist offenbar nichts von alldem wirklich notwendig für Kultur. Nichts aber könnte falscher sein: All das ist notwendig! Und das zeigt uns die blanke Tatsache, daß Kultur nur und immer mit all diesen Bestimmungen bestand. Ohne Ausnahme. Sie können sich also nicht die Rosinen herauspicken. Alles oder gar nichts. Ich habe mir ja schließlich diese Punkte nicht ausgedacht: Die Kultur hat sie sich ausgedacht.

    Ihr zweiter Punkt sind die Grenzen der Ordnung. Und freilich haben Sie recht, daß jede Ordnung, jede Zucht und Pflicht Grenzen hat. Daran kann kein Zweifel bestehen. Aber in einer Zeit, in der die völlige Verlotterung sich Bahn gebrochen hat, ist es gänzlich überflüssig über diese Grenzen zu sinnieren. Ja, zu keiner Zeit muß dergleichen erörtert werden, weil sich die Menschen ihre Freiheiten ohnehin nehmen und immer genommen haben. Um zu steife Formen braucht sich niemand sorgen, zumindest heute nicht und praktisch nie bei den einfachen Gemütern. Nehmen sich die einfachen Gemüter etwas heraus, ist also die Kultur nicht streng genug, führt das immer zu politisch katastrophalen Entwicklungen (gleich welcher Richtung). Die Ober- und Mittelschicht jedoch ist ohnehin immer intelligent und kritisch genug, am Vorgang zu zweifeln. Nur im Falle der Herrschaft des Pöbels können auch sie nichts mehr ausrichten, eben aufgrund der Verlotterung. Ich sehe da also überhaupt keine Schwierigkeit. Aller sog. moderner Mißbrauch von Pflicht und Ordnung gründet auf Verlotterung, nicht auf Steifigkeit der Regeln, während ein paar zur Oberherrschaft günstige Pflichten die umfassenden ersetzen.

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  19. Die inneren Werte sprachen Sie noch an und ich habe tatsächlich überlegt dazu genauer zu werden, sah es dann jedoch ausufern. Kurz gesagt: Aufrichtigkeit, innere Redlichkeit, nicht nur diejenige, die außen widerlegt werden könnte. Und damit ist praktisch alles gesagt, also Selbstkritik (in logisch wie Gemütsfragen).
    Das ist freilich ein hohes Ideal, das nur bei einer höheren Schicht überhaupt auf fruchtbaren Boden fallen kann, aber das muß ausreichen. Und solche Vorbildwirkung kann auch seine erzieherische Wirkung nach unten nicht verfehlen, wie ich glaube.

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  20. Ra

    Vielen Dank für Ihre rasche Rückantwort und Ihre Gedanken.

    Der Unterschied zwischen Hemd und Wortwahl bzw. Manieren besteht für mich darin, daß ich Sie mit meiner Wortwahl verletzen, demütigen oder sogar zum Schweigen bringen kann. Desgleichen mit den Manieren (darunter verstehe ich, daß ich z.B. bei Widerspruch von Ihnen, Sie nicht mit körperlicher Gewalt zum Schweigen bringe werde). Kleidung verhält sich diesbezüglich anders: Ich mag zwar subjektiv Ihr ästhetisches Empfinden beleidigen, jedoch sind die vorgenannten Eigenschaften (Wortwahl und Manieren) Grundvoraussetzung eines überhaupt möglichen Austausches zwischen Ihnen und mir.
    Insofern haben sie für mich eine sehr viel höhere Priorität als z.B. Kleidung. Deshalb hier meine Unterscheidung an dieser Stelle. Was meine Kleidung anbelangt, so habe ich keineswegs eine Abneigung mich vernünftig anzuziehen, nur ist das Vernünftig an dieser Stelle eben sehr viel mehr subjektiver als Sie bösartigst zu beleidigen (Wortwahl) oder Sie mit Gewalt am Reden zu hindern (Manieren).
    Ich sehe natürlich die Problematik des sich Einpendelns auf den niedrigsten gemeinsamen Nenner.

    Da käme ich dann auf die Kultur. Aber eben nicht in einem von außen auferlegtem Zwang, sondern vielmehr aus einem tieferen inneren Verständnis, daß durch ein Hinausgehen über diesen kleinsten gemeinsamen Nenner u.a. Wertschätzung ausgedrückt oder sogar generiert werden kann (z.B. das ich mich bei einem Treffen ordentlich kleide (das allerdings für Sie anders aussehen mag, als z.B. für mich)). Für eine Nachhaltigkeit kann das aber aus meiner Sicht nur in innerer Freiheit geschehen. Kultur und Zwang widersprechen sich aus meiner Sicht.
    Oder anders ausgedrückt: Dort wo Zwang herrscht, kann sich aus meiner Sicht nur eine Zwangskultur, aber keine wirkliche Kultur entwickeln.
    Ich denke, daß der Verfall des Äußeren eine logische Fortentwicklung des Verfalls des Inneren darstellt. Deswegen denke ich, daß eine äußerliche Korrektur (und diese möglicherweise sogar noch durch Konvention und Zwang („Kultur“) nichts zu ändern vermag, ja im Gegenteil die Dinge sogar noch verschleiert und damit letztlich verschlimmert.

    Was die inneren Werte und die Vorbildfunktion belangt, so stimme ich mit Ihnen überein.
    Ja, es ist schwierig diese kurz zu benennen, aber aus meiner Sicht sind nur sie es, die das Äußere und damit Kultur nachhaltig ins Leben bringen und formen können. Das kann aber nachhaltig nur in Freiheit geschehen. Und das macht die Sache so ungemein schwierig.

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  21. Verzeihen Sie, aber Ihre Differenzierung zwischen Manieren/Sprache und Garderobe geht völlig fehlt und eröffnet einen Punkt, den ich im Beitrag nur angeschnitten habe: Der Glaube, daß Kultur heiße, wir hätten uns alle lieb und keiner täte dem anderen etwas zuleide. Aber das ist natürlich Unsinn. Um diese Ruhesehnsucht geht es eben nicht. Daher sage ich oben: „Auch diesen Vernünftigen [das sind Sie] ist die nötige Härte einer anständigen Gesellschaft oft verächtlich fremd.“

    Nebenbei lautet Ihr Argument, daß Manieren und Sprache die Konversation, also den Kulturaustausch prinzipiell Verhindern könnten, was für die Garderobe nicht gelte. Erstens ist das falsch, zweitens eine Betrachtung der Extreme. Das Extrem der Beleidigung oder des tätlichen Angriffs können Sie auch in die Garderobe übersetzen: Das Extrem der Nacktheit. Sie werden sich angewidert abwenden, wenn sie jemand nackt anspricht.

    Aber das, wie ich zuerst angedeutet habe, ist gar nicht der springende Punkt. Dieser liegt vielmehr darin, daß dergleichen, also die bösartige Sprache oder die körperliche Gewalt einerseits weit außerhalb dessen liegt, was eine Kulturhöhe meint. Es geht um wesentlich feinere Dinge. Andererseits werden Gewalt und Beleidigung in der Kultur gemeinsam ausgelagert. Es gehört deshalb durchaus zur Kultur, wenn sich zwei hart Angegangene schließlich duellieren. Kultursprache erzeigt sich also gerade nicht durch besonders zurückhaltende, rücksichtsvolle Sprache oder das gänzliche Absehen von Gewalt. DAS ist Zivilisation, nicht Kultur. Im Gegenteil: Kulturvolle Sprache zeigt sich an durchsetzungsfähiger, wenn nötig harter Sprache, die für Anstand, Tatsachen und Integrität einsteht. Das hat mit dem Lummerland, an das Sie zu denken scheinen, nichts zu tun. Im Gegenteil: Kultur muß im Zweifel mit harten Mitteln erfochten werden. Kommt ein unkultivierter Mensch daher, so wird eben der Kulturmensch auch nicht sagen: Ich bin zivilisiert, ich werde ihm mit meinen feinen Mitteln begegnen, sondern er wird sagen: Du benimmst dich daneben? Ich mache dir Beine, Freundchen!

    Daß Ihre Ausführungen zur inneren Begründung von Anstand schön klingen und alles Nötige herbeibringen, ohne jemanden in seiner Freiheit zu beschränken, ist – mit Verlaub – das Gefasel unserer Zeit seit über 100 Jahren und jedem Realisten als naive Traumwelt bekannt und auch nunmehr als solche erwiesen. Dergleichen funktioniert immer nur bei einem kleinsten Teil selbstbewußten Bürgertums und stark reflektierenden Naturen, nie bei der Masse. Die braucht immer das Vorbild und allgemeine Regeln, die sie selbst in ihrer kulturschaffenden Kraft nie verstehen wird.

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  22. Pingback: Wie sich die bürgerliche Toleranz selbst betrügt . Teil 2 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  23. Ra

    Sie leiten also aus meinem Gesagtem ab, daß mir die Härte einer anständigen Gesellschaft verächtlich fremd sei und daß es mein Verständnis von Kultur sei, wir hätten uns alle, in einer Art Lummerland, lieb? Das Folgern Sie bitte exakt genau woraus?
    Hätte ich die von Ihnen mir unterstellte Ruhesensucht, hätte ich Ihnen wohl kaum widersprochen. Meiner diesbezüglichen Frage, wer denn nun eigentlich definiert was ordentlich angezogen heißt (Sie?), sind Sie bisher jedenfalls ausgewichen. Sollte ich diesbezüglich etwa eine Ruhesensucht Ihrerseits unterstellen?
    Die Stellung der ordentlichen Kleidung ist hierbei natürlich, wie Sie gewiss erkannt haben, der einer Variablen.

    Ich könnte möglicherweise mit Ihnen darin übereinstimmen, daß Kultursprache sich nicht nur (aber auch) an einer „weichen“ Sprache, sondern auch an durchsetzungsfähiger, wenn nötig harten Sprache (und mehr) bezüglich „Anstand, Tatsachen und Integrität“ zeigt.
    Jedoch sind Ihre Aussagen an dieser Stelle, mit Verlaub, Plattitüden.
    Sie sind völlig nichtssagend und trivial. Um zu einem nutzbringenden Austausch zu kommen, müssen Sie schon genau darlegen, was SIE unter Anstand, Tatsachen und Integrität verstehen.

    Und hier stellt sich nun exakt die gleiche Frage wie bei der Frage nach ordentlicher Kleidung:
    Auf was gründet sich Ihre Annahme, daß IHRE Sicht auf Kultur diejenige ist, die bestimmend sein sollte? Ich möchte gerne verstehen, weshalb Sie denken, daß Ihre Sichtweise
    auf Kultur diejenige ist, die maßgeblich sein sollte.
    Woraus leiten Sie das ab?

    Wenn Sie mir unterstellen, daß ich annehmen würde, eine Beschränkung der Freiheit wäre illegitim und deshalb nicht anzustreben, so liegen Sie falsch. Komplett falsch.
    Die entscheidenden Fragen bei diesem Punkt sind jedoch:
    a) welche Freiheiten werden eingeschränkt und
    b) wer schränkt mit welcher Berufung worauf diese Freiheiten ein (pure Macht außen vor).

    Daß die Beantwortung und Umsetzung dieser Fragen alles andere als eine Ruhesensucht aussdrückt, sollte Ihnen klar sein.

    Daß dies im Übrigen immer nur bei einem kleinsten Teil des selbstbewußten Bürgertums und stark reflektierenden Naturen und nie bei der Masse funktioniert versteht sich von selbst. Nun nehme ich aber kaum an, daß Sie Ihren Blog für die Massen aufgesetzt haben.

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  24. Ich habe nie von meiner Anschauung, was Kultur sei, gesprochen. Was Kultur ist, das ist evident. Und zwar darin, wie die Welt aussah, als sie noch Kultur hatte – in jedem beliebigen Stadium.

    Meine Aussagen sind offensichtlich keine Plattitüden, wenn Sie glauben, daß Kultursprache dazu da sei, daß die Menschen sich nicht gegenseitig zum Schweigen bringen sollen. Doch durchaus, auch dafür ist Kultursprache da. Offenbar muß man Ihnen also Plattitüden entgegenhalten, da sie diese nicht einsehen wollen. Daß Sie jetzt angesichts meiner Offenlegung eine Kehrtwende machen, und alles nicht so streng gemeint haben wollen – d’accord.

    Dasselbe gilt für Ihre Ausführungen zur Freiheit. Sie haben allgemein zur Freiheit gesprochen, ich habe erklärt, daß das kulturlos sei. Jetzt wollen Sie es plötzlich präziser gemeint haben. Dürfen Sie gern – d’accord.

    Im übrigen war meine Absicht nie, hier eine Aufschlüsselung darüber zu geben, was die Kultur und wie genau vorschreibt oder nicht. Denn auch das ist eine absurde Frage. Es gibt keine Detaildefinition von Kultur. Nicht absurd hingegen ist, sich gegen Äußerungen zu stellen, wie „Kultur und Zwang widersprechen sich aus meiner Sicht.“ Denn das ist offensichtlicher Humbug. Ihre neuerlichen Abschwächungen und Rücknahmen solcher Absolutsetzungen würde ich nie so deutlich begegnet sein. Insofern haben Sie ja aus meiner Gegenrede durchaus gelernt und die Sache scheint mir geklärt.

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