Zum Kyffhäuser . Rittergüter, Schlösser und Lichtzeichen

Richtung Nordwesten fahre ich recht ungern. Erst am Harz gibt es für mich Neuland und dann nehme ich allen ernstes den Umweg über Eckartsberga, obwohl ich doch letztes Jahr bereits ausgiebig dorten gewandert bin. Der alte, alte Mann und die Burgen…

Nichts für ungut, dachte ich, dann liegt immerhin Schloß Beichlingen halb auf dem Weg. Um Kölleda herum gewinnt erstmals auch die Landschaft wieder an merkwürdigem Reiz. Es erheben sich seiche Hügel mit teils schroffen Kanten aus der Fläche. Und doch ist alles so flach, daß man dergleichen nur in Ausnahmefällen fotografieren kann.

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Vorland des Kyffhäuser-Gebirges

In die Burg Beichlingen hat man zu DDR-Zeiten ohne Skrupel zwei Plattenbauten für ein Schulungszentrum gesetzt. Aber das konnte ich meiner Apparatslinse wirklich nicht antun. Stattdessen zeige ich Ihnen die netten Renaissanceteile des Bauwerks.

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Untere, neuere Einfahrt in die Schloßanlage (1555 im Stil der deutschen Renaissance errichtet)

Es handelt sich um ein Hotel. Eine Besichtung scheint es nur nach Anmeldung beim örtlichen Verein zu geben. Neben dem prächtigen Eingangsgiebel ist auch das Hauptportal im Inneren in feinsten Renaissance-Formen ausgeführt.

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Burginneres mit Renaissanceportal (Hoteleingang)

Das Innere eine schöne und mächtige Anlage mit älterem, mittelalterlich-brachialem Kern, dem Hohen Haus, dessen Ecken – selten genug – abgerundet sind. Der Fachwerkaufsatz mit Renaissancegiebel, der zur Terrasse führt, nimmt sich besonders pittoresk aus.

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Rechts das Hohe Haus, mittelalterlich-wehrhaft, links die zum Renaissanceschloß erweitere äußere Umschließung.

Die Gegend ist reich an Windmühlen. Am nächsten Ortsrand ein besonders schönes Beispiel mit stromlinienförmiger Haube. Ich bemerkte erst an der aufgehangenen Wäsche, daß ich auf Privatgrund war.

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Windmühle von Altenbeichlingen, sog. Turmholländer

In Gorsleben mußte ich wegen eines allzu schönen Herrenhauses (Roter Hof) anhalten, in welchem heute der Traktor- und Oldtimerverein seinen Sitz hat. Davor freilaufende Hühner, altes Kleinpflaster und ein angenehmer Baumbestand, die Straße in erträglicher Entfernung. Das geht in Richtung idealer Wohnsitz. Dazu die Mischung aus klassizistischem Giebel mit Florbemalung und zwei weiblichen Figuren um das Ochsenauge, Mansarddach, die etwas bäuerliche, sprich gutshofartige Kutscheinfahrt links: Hier hat höchster Geschmack obwaltet.

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Roter Hof in Gorsleben

Unweit am Kirchplatz ein weiteres Rittergut des Baujahrs 1620, das offenbar städtisch anmuten sollte und deshalb Geschoßauskragungen bekam, dazu Turm, Erker und gotische Gauben auf der Rückseite. Einmalig für solch ein kleines Dorf.

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Rittergut Gorsleben, sog. Schieferhof

Die Sachsenburgen an der Thüringer Pforte, da die Unstrut durch Hainleite und Schmücke bricht, waren leider nicht ausgeschildert, sodaß ich die Ruinen tatsächlich links liegen lassen mußte, um endlich meinem Ziel näher zu kommen: Kyffhausen.

Auf einem flachen Sporn über dem Dorf Tilleda am Fuße des Kyffhäuser liegt die einzige komplett ergrabene Kaiserpfalz aus ottonischer Zeit. Es ist nicht übermäßig viel zu sehen, die Museumsstationen recht lieblos ausgeführt, aber man erhält einen Eindruck von den Maßen insbesondere der inneren Pfalz mit ehemals hölzernem Pallas und den Grundmauern der mächtigen Pfalzkirche.

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Weg von Tilleda auf den Kyffhäuser, im Hintergrund die Goldene Aue.

Dann ging es hinauf durch eine Obstwiese, später im Wald bis zum alten Teil der Reichsburg Kyffhausen, die ehemals 600 Meter in der Länge maß. Sie wurde von 1934 bis 1938 freigelegt.

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Kapelle der Unterburg Kyffhausen

Das Kyffhäuser-Denkmal selbst mit Lichtzeichen der baldigen Wiederauferstehung König Barbarossas.

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Denkmal des Kyffhäusers mit Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. (Hundrieser)

Unter dem Denkmal für den deutschen Kaiser der Reichsgründung die Grotte mit dem schlafenden Kaiser Rotbart und seinem Gefolge (Nikolaus Geiger). Ursprünglich sollten die Besucher bis zu den Füßen Barbarossas vordringen können. Schmitz, der Architekt des Monuments (auch des deutschen Ecks, des Volkerschlachtdenkmals und Mitgestalter des Metropolisstils, insb. Friedrichsstraße 167, Berlin) änderte es noch während des Baus, um die Grotte sichtbar werden zu lassen und auch eine gewisse Distanz zum Besucher der Neuzeit zu schaffen.

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Kaiser Rotbart und merkwürdige Fabel-Kapitelle des Grottengewölbes

Das wirklich Großartige an dieser Anlage ist jedoch die Wirkung des bebauten Platteaus über der ungeheuren Weite der Landschaft. Es erinnert an einen vorzeitlichen Ritualberg, der Tempel, Observatorium und Versammlungsort zugleich ist. 20.000 Mann faßt der Vorplatz des Denkmals.

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dritte Platteaustufe des Kyffhäuserdenkmals Richtung Osten

Im Westen wird der Blick auf den alten Burgfried und die auf dem nächsten Hügel thronende Rothenburg freigegeben. Im Hintergrund rechts der Harz.

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Die Rothenburg auf dem nächsten Hügel und rechts der Harz.

Im Selbstbedienungs-Imbiß, den ich auch nach meiner ersten Apfelschorle in der Streuobstwiese nach dem Aufstieg bitter nötig hatte, werde ich von einem Herrn angesprochen, der mich fragte, ob ich meinen Hut hier gekauft hätte und verweist auf einen kleinen Stand, wo lächerliche, moderne Sonnenhüte angeboten werden. Immerhin, er hat erkannt, was einen guten Hut ausmacht. Nur leider gibt’s sowas nicht mal eben an der Ecke zu kaufen. Ich mußte daher leider verneinen.

Ein wunderbarer Ausblick bietet sich freilich von der Krone des heftig umwehten Monuments, in welche man unter, zwischen und über mehreren Gewölben des Baus emporsteigt. War es die mäßige Sicht, das heiße Wetter? Jedenfalls war das ganze Areal angenehm wenig besucht und daher der Aufstieg trotz der üblichen engen Treppen recht luftig.

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am Westrand des Kyffhäuser

Daß ich schließlich noch die Barbarossa-Höhle besuchen wollte, die allerdings bereits um 17:00 Uhr schließt, bewies mir einmal mehr, daß ich doch mein Sonntagsfrühstück ein wenig nach vorn zu verlegen hätte. Dennoch war die Landschaft und die herrlichen Serpentinen um den Kyffhäuser ausgenommen kurzweilig.

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Schloßeingang Sondershausen

Als Ersatz für den verpaßten Höhlenrundgang fuhr ich nach Sondershausen, da ich in Erinnerung hatte, es handle sich um eine ausgesprochene Fachwerkstadt. Aber hier fehlte ich zum zweiten Mal auf dieser Fahrt, denn das war dann doch Nordhausen. Also blieb mir das Schloß und der nette Marktplatz, der wie später am Abend in Weimar, da ich mir zum Abschluß wieder einmal ein schlechtes italienisches Eis gönnte, bereits stark gebräunt war. Sie verstehen. Daß ich auf der Schloßterrasse noch ein paar allzu plump mich anredende Abiturientinnen abzuwehren hatte… ich weiß nicht ob’s ins Bild paßt oder Entschädigung sein sollte.

Immerhin tröstete mich die abendlich beschienene Landschaft über diese bevölkerungstechnische Fehlbesetzung hinweg und ich hatte wie immer Not, auf der Bahn noch im Hellen daheim zu sein.

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Marktplatz Sondershausen

 

*

 

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10 Gedanken zu “Zum Kyffhäuser . Rittergüter, Schlösser und Lichtzeichen

  1. Kiel

    Haben Sie vielen Dank für Ihre erfrischenden Reisebeschreibungen und anderweitigen Betrachtungen. Diese lese ich sehr gern. Sind diese doch eine willkommene Abwechslung bei meiner abendlichen Weltumschau.
    Beste Grüße R. Kiel

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  2. Anja

    Lieber Herr Wangenheim! Vielen Dank für diesen schönen Ausblick!

    „Also blieb mir das Schloß und der nette Marktplatz, der wie auf meinem zweiten Halt in Weimar, da ich mir zum Abschluß wieder einmal ein schlechtes italienisches Eis gönnte, bereits gut gebräunt war. Sie verstehen. “

    Ja, ich verstehe. Ich kann auch nicht fassen, daß das die Zukunft oder ggf. das Ende für unsere deutschen Landschaften und Kunstschätze sein soll/wird, wenn alles so weiter geht wie bisher. Aber wer Ihr Buch „Kultur und Ingenium“ studiert, weiß u. a., daß es immer nach dem Tief ein Hoch gibt. w. z. b. w.! Die Frage ist nur, was davon WIR erleben werden?

    Übrigens lese ich z. Z. mit großem Interesse Ihr Buch! Spätestens jetzt weiß ich, daß ich nichts weiß…! 🙂

    Jedoch habe ich dazu eine Frage:

    Meines Wissens ist Geiserich der König der Vandalen gewesen! (auf S. 416)

    Herzliche Grüße!

    Anja

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  3. Vielen Dank, Sie haben recht! Da habe ich offenbar die erste Plünderung Roms mit der zweiten durcheinandergebracht. 410 plünderten die Goten Rom unter Alarich. 455 war es Geiserich, aber natürlich, wie Sie richtig sagen, vor allem mit Vandalen, obgleich auch Goten dabei waren. Vielen Dank für den Hinweis!

    Und lesen Sie bitte weiterhin so aufmerksam!

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  4. Dark P. Green

    Bester Herr Wangenheim, Danke für die Eindrücke! Bei der Wanderung empfehle ich, wenn schon über die Finne, dann die Gutsanlage Marienthal zu erwandern. Schultze-Naumburg in einen reifen und dennoch vollkommenen Form. Auch ist Roßleben mit seiner Internats- und Schulanlage sehr beachtenswert. Die Untere Herrschaft der Schwarzburger mit dem Hauptort Frankenhausen ist auch nicht ohne Reiz, in Teilen. Auf zu neuen Fahrten! Ihr Dark P. Green

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  5. Ach, sehen Sie, da bin ich vorbeigefahren, eine wunderschöne Kastanienallee. Als ich aber „Hotel“ angeschlagen sah, dachte ich, es sei nichts zu besichtigen. Roßleben werde ich mir merken, vielen Dank!

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  6. Leser

    Sagen Sie, die gotischen Gauben: sind das frühe historisierende Impulse? Ich finde sie witzig und charmant – sie verleihen dem Gebäude Freimütigkeit. Diesen Effekt erwartet man jedoch nicht unbedingt von der Gotik als Ganze, weshalb ich mich wieder frage, ob nicht Wir als Beschauende an jenem Bauelement historisieren, wo doch die Erbauer vielleicht nie bewußt an gotisch-mittelalterliche Zeit gedachten. Analysieren wir ein Gebäude, ist dieser Begriff freilich richtig, wollen wir es als Gesamtform klassifizieren, uns die Idee dahinter vorstellig machen, dann könnte der Begriff in die Irre führen. Was denken Sie?

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  7. Ich habe es aus dem Gefühl heraus gotisch genannt, aber es scheint wirklich typisch gotisch zu sein: http://www.emkanicepic.de/emkanicepic/sakrales-in-wittenberg/#jp-carousel-1762.

    Auch wenn das Gebäude von 1620 stammt: Erstens ist die deutsche Gotik ein sehr spätes Phänomen, zumal auf dem Dorf, und außerdem gibt es schlicht keinen anderen Stil, der derart spitze Dächer hervorgebracht hätte.

    Es ist und bleibt eine banale aber tiefe Tatsache, daß die Gotik himmelwärts strebt.

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  8. Koiner

    In Österreich werden in gotischer Bauweise -wenn ich als Charakteristikum nur den Spitzbogen hernehme- viele Bauten noch bis ins 17. Jahrhundert ausgeführt.
    Das läßt sich auch in der Möbelbaukunst beobachten!

    Aber was ich eigentlich fragen wollte: Sind Sie bzw. Ihr Verlag auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse?

    Gefällt 1 Person

  9. Das kommt mir sehr merkwürdig vor. Kategorisieren Sie vielleicht spätere Umbauten als nicht-gotisch? Ansonsten würden mich zwei, drei Beispiele interessieren.

    Ihre Frage muß ich verneinen. Das macht für einen derart kleinen Verlag, wie den meinen, durchaus keinen Sinn.

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