Gespräch des Herrn v. Stubbendorff und Dr. Lassers im nunmehr von allen Gästen verlassenen, nächtlichen Foyer eines osteuropäischen Grandhotels, Okt. 2030

(einem in Arbeit befindlichen Schauspiel-Roman entnommen)

 

Dr. Lasser

(nachdenklich)

Und doch frage ich mich oft, wie es kommen konnte, daß Liberalismus und Sozialismus so reibungslos zusammengehen konnten! Man müßte doch die schärfsten Gegensätze erwarten. Stattdessen scheinen sie sich ergänzt zu haben. Wie war das möglich? Einerseits die liberale Freiheit, die Freiheit des Menschen zur freien Verfügung der Wirtschaft und andererseits der Schutz vor den freien Kräften des Stärkeren, der dieser Freiheit doch fundamental entgegensteht, kommen zusammen und bleiben es mit den geringsten Widerständen von ein paar wenigen extremistischen Außenseitern. Das ist eigentlich unglaublich.

Stubbendorff

Zunächst einmal handelt es sich je gleichartig um die Freiheit von einer Norm.

(er greift zum Cognac)

Auch der Liberalismus des 19. Jahrhunderts war ja nicht wenig eine Kampfansage an alte Normen…

Dr. Lasser

(dazwischenfahrend)

Aber das liberale Bürgertum hat doch ganz konservativ Lebensstil und Geschmack der Aristokratie imitiert!

  Stubbendorff

Imitiert und auf sich selbst angewandt. Sich selbst aber, das hieß: auf die konservativ gedacht unwürdigen Teile der Bevölkerung. Nein, nein, diese beliebte Rede der Akademiker vom Übergang der aristokratischen Gesinnung auf das Bürgertum, mindestens als Imitation, verschleiert den eigentlichen Vorgang.

Und das ist der entscheidende Punkt: Was der Sozialismus dem Liberalismus heute ist, das war ihm im 19. Jahrhundert der Konservatismus! Denn seien wir ehrlich: Die früher und in manchen Kreisen heute noch als allzu natürlich empfundene Liaison aus liberalem und konservativem Gedankengut war ja ebenfalls nicht weniger als völlig widersinnig. Denn Konservatismus, das war doch immerhin der Drang zum Erhalt des Bestehenden, Liberalismus aber trachtete alle alte Ordnung ohne Unterschied aufzuheben – und vielleicht noch die Differenz des Talents gelten zu lassen, von jeder höheren, geistigeren Notwendigkeit aber abzusehen.

Dr. Lasser

Sie meinen, der Liberalismus im 19. Jahrhundert habe den Konservatismus in derselben Gegensätzlichkeit an sich gebunden, wie er im 20. Jahrhundert vermochte, die Linken zu umgarnen?

Stubbendorff

In der Tat. Der Sozialismus begeht deshalb nunmehr denselben Fehler, den der Konservatismus beging – wobei freilich von Fehler kaum die Rede sein kann: Schließlich kennt der Liberalismus ja gar keine politische Richtung. Er ist lediglich das Mittel, mit welchem die Ideologien ihre Macht zu erhalten suchen.

Dr. Lasser

Also der Liberalismus bloßes Werkzeug? Das wird nicht jedem Gefallen.

(er lächelt)

Aber ich verstehe dennoch nicht: Wie bräuchten die Ideologien eine Wirtschaftsform, um ihre Macht zu erhalten? Sie entstehen und leben doch gerade von ihrem ideologischen Inhalte.

Stubbendorff

Weil wir von den Verfallszeiten jener Ideologien sprechen! Für die Initiation behalten Sie recht, nicht aber für die einsetzende Epoche ideologischer Müdigkeit. Denken Sie an Goethe, der sagt, daß der Enkel die alten Mauern wieder verfallen lasse, nachdem der Sohn sie erst errichtet. Die Ideologie spornt an, sie drängt zu reichlich Taten, die Lage bessert sich, man bedarf der Tüchtigkeit nicht mehr.

(Er zündet sich eine Zigarre an.)

Und nun kommt der Liberalismus ins Spiel, gewissermaßen die Kokotte jeder alternden, abgenutzten Ideologie: Sie schmiegt sich so sanft an den tatenmüden, ja lebensmüden, vergeßlichen Idealisten… Sie verstehen! Und wie es sich mit alten Männern verhält, denen ein Mal eine Dirne zu nah gekommen ist, so können sie schlecht widerstehen.

Dr. Lasser

Sie meinen, der Liberalismus verspricht für das Fahrenlassen einer ohnehin nicht mehr aus sich selbst heraus begeisternden Lehre, die absterbende geistige Mobilmachung durch eine materielle zu ersetzen? Aber wo läge deren Vorteil? Warum sollte der müde Greis den Tausch annehmen?

Stubbendorff

Weil er einen Antrieb, einen Selbsterhaltungstrieb nötig hat. Denn Greis ist er nur geistig. Irgend etwas muß ihn ja zum Leben, zum Arbeiten antreiben, oder es ist aus mit ihm. Parolen aber hat er satt nach Jahrzehnten des Immergleichen.

Dr. Lasser

Aber er könnte nun ebensogut auf die andere ideologische Seite verfallen, etwa nicht?

Stubbendorff

(die Asche abklopfend)

Er könnte, wenn ihm nicht das Ideologisieren selbst die Nerven überspannt hätte. Er sucht nach vollkommener geistiger Ruhe. Und die liegt in der bloßen Materialität, im Hedonismus. Erst nach dieser geistigen Erholungszeit kann die entgegengesetzte Ideologie neue Begeisterung schüren. Zuvor ist der Geist ansich bereits verdächtig und ennuyierend. Folgen Sie mir?

Dr. Lasser

Vollkommen.

Stubbendorff

Daher nun ist der Liberalismus auch ausgenommen demokratisch: Weil er erst dann aufzukommen pflegt, wenn eine Ideologie vollkommen durchgesetzt ist, ja ihre aufopferungsvollsten Tage bereits hinter sich hat und die Vorstellung einer materiellen Erlösung auf gefestigte ideologische Pfeiler baut –

(er beugt sich über den Tisch zu Lasser hin)

denn wer sonst als die etablierte Ideologie hätte diese Erlösung herbeigeführt? Das ist der einzige Grund, weshalb der Liberalismus sich überhaupt eine Demokratie leisten kann: Es kann keinen ideologischen Widerspruch mehr geben. Niemand fühlt mehr einen. Folglich gibt es auch bei Wahlen keine echten Differenzen mehr, in der ganzen politischen Landschaft nicht. Man ist sich einig, nur noch über Geld zu streiten.

(sich zurücklehnend und nach einem tiefen Zug aus der Virginia)

Und in Fragen des materiellen Wohlstands sind sich ohnehin alle einig. Nur wie dieser verteilt ist, das scheidet noch die Geister.

Dr. Lasser

Aber das eben ist es ja, was die Kämpfe des Liberalismus aufmacht: Man streitet wieder um Kommunismus oder Kapitalismus.

Stubbendorff

Absolut.

Dr. Lasser

Was aber garantiert, daß nun nicht dieselbe Anschauung erneut das Zepter ergreift, nachdem man sich im Hedonismus vom Ideologisieren ansich erholt hat?

Stubbendorff

Vergessen Sie nicht, mein lieber Lasser, auch im Hedonismus, ich sagte es, steht die alte Ideologie noch in Schulbuch und Schaufenstern. Da nun aber der neue Kampf über die Falschheit des Liberalismus – und der mit ihm verbundenen Demokratie – ausgebrochen ist, kann sich die neue Generation unmöglich für dieselbe Ideologie und Demokratie entscheiden, die gerade jenen Liberalismus hervorgebracht hat, der vor ihren Augen am morbiden Beispiel zerfällt.

Dr. Lasser

Und also wählen sie das Gegenteil.

Stubbendorff

Und also beginnt das Spiel von Neuem.

(er erhebt sich)

Kommen Sie, es ist spät. Wir haben morgen früh einen großen Marsch vor uns!

 

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