Auf in die Sommerfrische nach Schwarzburg und zum Fröbelblick

Oft weiß man dieser Tage nicht, wie man den Nachmittag übersteht, ohne völlig regungslos im abgedunkelten Schlafzimmer zu verharren oder auf dem Liegestuhl Stund für Stund mit dem Schatten um einen dichten Obstbaum herumzuwandern. Dabei gibt es eine alte Arznei gegen drückende Hitze: die Sommerfrische.

Enge, bewaldete Täler mit breitem Flußlauf tragen dieses Prädikat mit besonderem Recht. Die Sonneneinstrahlung ist gering, der Fluß kühlt und der Wald hält die Kühle. Ein ausgezeichnetes Beispiel einer solchen Landschaft ist das Schwarzatal bei Bad Blankenburg, einem Saalezulauf unterhalb der Talsperren.

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Gemälde von Schloß Schwarzburg auf Schloß Heidecksburg in Rudolstadt

Auf Schloß Heidecksburg habe ich noch schnell die Vorschau auf das Ziel mitgenommen (das Naturalienkabinett ist sehr lieblos eingerichtet, wenn auch reichhaltig). Dann ging’s auf ins Schwarzatal. Das sollte man bei Gelegenheit mit dem Rad durchfahren, da ein nur unmerklich ansteigender, breiter Staubweg parallel zur Straße am anderen Ufer hinaufführt und man im Auto die Felsformationen, die teils stark bewachsen sind, und auch die hohen Waldwände der Talhänge gar nicht sehen kann (im offenen Wagen schon eher). Auch mag manche Beschreibung im Baedeker durch zu starken wuchs überholt sein.

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Schwarzburg (Ort) und Aufstieg zum Schloß

Schließlich im Ort Schwarzburg: Eine klassische, bereits an Beispiele des Thüringer Waldes erinnernde Sommerfrische mit seiner leichten Fachwerk-Schiefer-Architektur der Jahrhundertwende, als diese Luftkurorte besonders beliebt waren. Das spitze Dach in der Mitte des linken Bildes gehört dem Haus, in welchem Ebert die Reichsverfassung unterzeichnete.

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Schloß Schwarzburg auf dem Tännigshaupt, dreiseitig von der Schwarza umflossen

Das Schloß sollte ab 1940 zu einem NSDAP-Tagungsort umgewandelt werden, wobei viel Substanz zerstört wurde. Das Zeughaus, das mit seinem Doppelturm den Eingang in die Schloßanlage bildet, sollte Garage werden. Der Turm des Schlosses selbst fehlt heute.

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Ein Schwarzabogen mit seinem ebenen Wiesenmäander

Es hatte gerade leicht geregnet und die Sonne war kurz davor, wieder hervorzubrechen, sodaß eine merkwürdige Lichtstimmung herrschte, als ich hinaufgestiegen kam. Die Sonne verschwand allerdings wieder, nachdem ich fotografiert hatte und so blieb es erträglich.

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Kaisersaal auf Schloß Schwarzburg mit 48 Ganzkörperportraits (dt. Könige und Kaiser) und 100 Medaillonportraits römischer Kaiser

Kurz bevor es ins Zeughaus ging, sah ich mir noch den Kaisersaal an, der im erweiterten Gartenhaus hinter dem in Restaurierung befindlichen Schloß liegt.

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Terrasse des Gartenhauses am Südende der Anlage, rechts das Kaisersaalgebäude

Das war der Sommeraufenthalt der schwarzburgischen Fürsten, die das Schloß im Kasernenstil des 18. Jh. barock umgestalten ließen, nachdem sie 1710 gefürstet wurden.

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Der Spazierweg vom Oberort zum auf einem Felssporn gelegenen Schloß. Steine mit Paragraphen der Reichsverfassung.

Vom unbedingt sehenswerten Zeughaus kann ich keine Bilder liefern, da man die Besucher bat, keine Fotos ins Internet zu stellen und ich mich – wenn auch ungern – füge. Ich kann soviel sagen, daß Sie bestimmt noch nie so viele historische Waffen auf einmal gesehen haben und vermutlich auch nicht so schöne Jagdgewehre und besonders pittoreske Pistolen, allesamt aus feinstem Wurzelholz mit Silber- oder Goldbeschlägen. Eine Augenweide. Allerlei Rüstungen, Helme und Lanzen, sowie Beutegut gibt’s obendrauf. Das Ganze wird wieder in der Originalaufstellung des ausgehenden 19. Jh. präsentiert. Erst seit Mai 2018 ist diese Sammlung nach Jahrzehnten im Magazin wieder zu sehen.

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Schloß Schwarzburg aus einiger Entfernung

Nach einem kurzen Abstecher in die Ferne, um das Ensemble noch einmal von oben sehen zu können, gedachte ich über die schöne Aussicht der Burg Greifenstein bei Bad Blankenburg wieder heimzufahren, sah aber den Fröbelblick ausgeschildert, den ich noch nicht kannte. Es dämmerte bereits und die Temperaturen waren nun auch hier für einen Aufstieg zu ertragen (zumindest oberkörperfrei) und ich lief nichtsahnend am bewaldeten Hang hinauf, bis sich plötzlich der herrlich weite Blick über die weich geschwungene, kleinteilige Landschaft nördlich des Schwarzatals vor mir ausbreitete. Ein leichter Wind kühlte die Anstrengung hinfort und machte mit dem anziehenden Gewitter am Horizont die abendliche Bergwacht zu einem extravaganten Genuß.

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Der Fröbelblick: irgendwo links in einem Tal liegt Schloß Schwarzburg, irgendwo fern rechts Ilmenau

Fröbel stieg hier herauf täglich, seitdem er in Bad Blankenburg wohnte und ließ sich vom Anblick dieser Landschaft zum Begriff des Kindergartens anregen. Das also ist er, der Kindergarten. Oder sagen wir: das Paradies.

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Blick von der Leuchtenburg dem Saaletal entlang zurück nach Rudolstadt

Aber auch damit war der Gipfelstürmerei des heutigen Tags noch nicht genüge getan. Nochmals an der Leuchtenburg, da das anziehende Gewitter nun bereits heftige Winde über die Kuppen fegte, beschloß ich, schnell hinaufzuhechten um Gewitterluft zu schnuppern. Hier war es bereits so kühl, daß selbst der steile Weg nur Atemnot, nicht Hitzetod verhieß.

Rette sich in die Sommerfrische, wer kann? Mission accomplished.

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2 Gedanken zu “Auf in die Sommerfrische nach Schwarzburg und zum Fröbelblick

  1. D. Green

    Bester Herr Wangenheim,
    Aufs herzlichste gedankt für Ihre Eindrücke von Ihrer Partie nach Schwarzburg.
    Lohnenswert ist auch eine schattige Partie in die Buchenhallen [https://de.wikipedia.org/wiki/Buchenhalle] oder Kanzlersgrund [https://de.wikipedia.org/wiki/Kanzlersgrund). Wenn es höher, einsamer schattiger werden soll dann zum Oppidum Steinsburg [https://de.wikipedia.org/wiki/Oppidum_Steinsburg]. Hier sehen wir Sie hoffentlich wieder in probater Garderobe.
    Mit werten Grüßen
    Ihr Dark P. Green

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