Bayreuther Festspiele 2018 . Lohengrin . Akt II & III

Die Schwäche Koniecznys als Telramund wird zu Beginn des zweiten Aktes, da er ganz ohne Assistenzstimmen ist, leider überdeutlich. Zumals der Mezzo-Sopran Waltraud Meiers wolkengleich und völlig anstrengungslos gegen die angespannt-drückende Stimme des Grafen kontrastiert: keine erzürnte Aufregung, kein schmetternder Aufruhr. Selbst das effektvolle „Du wilde Seherin“ verklingt ohne Wirkung. Allerdings war auch vom Pult aus keine Anstrengung zu vernehmen, ein Zeichen zu setzen.

So kommt es, daß tatsächlich der dramatische Sopran merklich deutlicher artikuliert ist als der Bariton – ein seltenes Phänomen. Doch damit hat Telramund seine Schuldigkeit ja auch bereits getan, der im wesentlichen nur noch zum Sterben wiederkommen wird. Dafür haben wir nun die beiden Soprane nebeneinander. Und da kann nicht mehr geleugnet werden, daß die überdeutsche, man muß sagen straßendeutsche Aussprache der Harteros auf die Oper eben nicht gehört. Hier muß immer mit dem Mundraum gearbeitet werden. Freilich, „modernistische Authentizität“ wird Mancher sagen, ist nun wieder in Mode. Ja, man versteht ab und an etwas – sonst nicht die Art der Soprane –, aber doch bitte nicht auf Kosten des Klanges, verehrte Hörer!

Denn vergessen wir nicht den Torwächter vor jedem Eruieren neuer Methoden:

Alles hat seinen Sinn. Erst wenn du den verstanden, darfst du gedenken, ihn zu bessern.

Und der Grund für die geschlossene Artikulation auf der Bühne, also die artistische, gekünstelte Tonbildung, ist die blanke Tatsache, daß in der Oper fast ausschließlich künstlich, nämlich auf Obertönen gesungen wird. Dergleichen wirkt zu keinen Moment natürlich. Läßt man die geschlossene Artikluation zugunsten der offenen fahren, zerfällt der Gesang in zwei Grundformen, ist mal abstrakt, mal natürlich. Dergleichen kann, gerade bei geringeren Lautstärken effektvoll eingesetzt werden. Hier haben wir es aber nicht mit Ausnahmen, sondern eben jenem angeblich authentischen Klang zu tun. Dabei ist es nicht mehr als die unpassende Vermischung völlig divergenter Singstile.

Der Kontrast zwischen einer ausgenommen naiven Elsa und der gewieften Ortrud wirkt freilich ausgezeichnet. Nur nützt eine solche Scheidung der Stimmen und Charaktere nichts, wenn man bei vereinzelten Vokalen der Harteros glaubt, einer Artikulationsstunde zu lauschen. Ja, ist denn heut Singschul?

Schließlich wächst Telramund noch einmal über sich hinaus. Dafür wirkt Beczala umso angestrengter, als dieser ihn des Zaubers beklagt. Unter Kraft klingt er über allen Zweifel erhaben, doch in den leiseren Tönen fällt ihm die Spannung heute schwer. Wir werden allerding sehen, daß er sich vermutlich nur etwas aufgespart hat. Und das mit Recht.

 

Akt III

Daß das Vorspiel des dritten Aktes zu schnell gespielt wird, nämlich so, daß die feinen Harmonisierungswechsel in den schnellen Streichertremandos gar nicht mehr wahrgenommen werden können, gehört ja leider zum guten Ton auf bald allen Bühnen: Haste was kannste: Meine Streicher sind die „schnellsten“.

Im Brautgemach ist Beczala in seinem Element. Großartige Farben, ungehörte Variationen, feine Spannung in den Übergängen. Er kann’s!

Getrübt wird diese Brillanz allerdings durch die viel zu umgangssprachlich intonierten e und i Elsas. Die ganze Ausrichtung der Stimme ist zu steif. In schneller Abwechslung aber grätscht ihr Beczala immer wieder hinein und treibt dem Geschehen die bäuerlich-mozartsche Stimmung des freilich sonst glasklaren Soprans aus.

Wenn Sie sonst aus Bayreuth nichts hören, so doch wenigstens diese zwei Minuten ab 2:56:58 der Aufführung (mit guten Kopfhörern), da Beczala auf einer Weltklasse, die ich noch nie gehört habe, in feinsten Farben, unter einer nicht enden wollenden Reihe aus meisterhaft gesetzten Stimmüberschlägen und in höchster Reinheit Elsa beschwört: Atmest Du nicht mit mir die süßen Düfte! Der Mann hat’s raus. Ein Grandseigneur des Wagnertons. Das ist eine Bravour, die man seit Jahrzehnten nicht mehr hören konnte – jedenfalls nicht, daß ich wüßte.

Im direkten Vergleich mit der grandiosen Referenzaufnahme mit Jerusalem, Studer, Moll, Welker und Meier unter Abbado wird der Unterschied zwischen Beczala und Jerusalem deutlich: Jerusalem gelingen die schärferen Stöße in den Hochtönen, Beczala ein Galantier der dramatischen Überschläge. Zwei Großmeister ihres Faches.

Das ist kein Pappensti(e)l, dieser Lohengrin auf Augenhöhe mit Jerusalem & Windgassen. Absolute, unangestrengte Klarheit, feines Überschlagen der Stimme, meisterhaftes Anhauchen, ruchloses Räubern im Guttural-Register und dezente, aber lyrisch verlaufende Zwischenschwinger in den Tonwechseln. Ein Genuß! Daß ich das noch erleben darf!

Es ist ausgesprochen schade, daß dieser erstklassige Tenor von einem so nachlässigen Sopran akkomplimentiert wird. Immerhin bleibt unter Lautstärke und Druck auch ihr kein Raum für Primitivintonationen. Aber ich bin sicher, wir werden noch in den Genuß kommen, ihn mit angemessenen Sopranen zu hören (wie es schon in Dresden besser war). Er will den Lohengrin jetzt einige Jahre singen. Habt Dank!

Gerade drei Wochen hatte Beczala zur Wiederaufnahme des Lohengrin nach zwei Jahren Abstinenz. Manchmal geht es daher daneben. Er singt: schmückt Elsa meine gute, statt süße Frau. Denn gut ist sie freilich nach der gestellten Frage nicht mehr.

Der Aufmarsch der Heere beginnt zwar mit sehr sauberen Trompeten, aber die kraftvollen Ab- und Aufschwünge in den tiefen Registern bringt Thielemann nicht recht zu Gehör. Dabei müßte er das lieben! Hinzu treten nach dem Orchesterzwischenspiele arge Synchronisationsschwierigkeiten mit dem Chor. Übrigens haben wir Beczala als Lohengrin überhaupt vor allem Thielemann zu verdanken. Der Mann wird mir immer sympathischer.

Die Gralserzählung meistert Beczala mit Bravour und es möchte bald eine, wenn nicht die Referenzaufnahme geworden sein, wenn er nicht hier seinen zweiten Textfehler inkorporiert hätte. Dafür ist die Taube im feinsten Sinne angehaucht, der Gral brutal überschlagen – grandios!

Und dann wieder dasselbe, wie zuvor: Elsa schließt sich an und macht die gesamte Stimmung mit Ihrer Gossenartikulation zunichte. Wirklich nicht schön!

Mein lieber Schwan ebenfalls wunderbar zart und fest, exakt, gefühlvoll. Auch hier wieder herrliches Einschwingen in die Töne (im Kampf dies Schwert), ohne sie gesucht wirken zu lassen. Formidable!

Und so erwarten wir in der Schlußszene eine ausgezeichnete Ortrud, die auch kommt. Zunächst. Dramatisch, heftig, klar, böse genug. Besonders genau artikuliert ist es allerdings nicht. Ja, mit jeder Zeile geht der Gesang in wortlose Tonerzeugung über. Es ist kein bloßes Bellen – dafür ist der Sopran zu klangvoll. Aber daß dabei irgend ein Hauch eines Vokals oder Konsonanten durchschimmern würde, wäre eine glatte Lüge. Es scheint, als habe sie ihre Zunge verloren. Mehr und mehr merkt man ihr auch die Anstrengung an. Hoffen wir, daß die große Waltraud Meier das Singen nicht verlernt, sondern nur kurz verloren hat.

Aber das alles sind Kleinigkeiten gegen das große Geschenk, das uns hier aus Polen zuteil wurde. Dabei ist Beczala nicht bloß ein grandioser Wagnertenor, er ist auch ein Mann, dem man mit Freude im Interview lauscht.

Da versucht die Journalistin ihn zum „Problematischen“ bei Wagner zu drängen – er kennt nur die Gefahr für seine Stimme und die Festlegung auf gewisse Rollen. Sie versucht ihm Begeisterung für’s Regietheater zu entlocken – er preist die klassische Aufführung, mit der er habe in Dresden beginnen dürften und läßt der psychologischen Interpretation nur in Grenzen ihren Wert. Mit anderen Worten, der Mann trägt – leider im heutigen Kunstbetrieb eine Seltenheit – einen absolut gesunden Menschenverstand mit sich herum. Preis deinem kommen, theurer Held!

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