Bayreuther Festspiele 2018 . Lohengrin . Akt I

Demnächst werde ich genauer zu den Kompositionsprinzipien des Lohengrin sprechen, welche unmittelbare Anregung allerdings aus Dresden herrührt, doch da die Besetzung in Bayreuth fast identisch ist, darf ich hierzu noch eine kurze, aber einigermaßen genaue Kritik für alle näher Interessierten loswerden:

Link: Lohengrin-Premiere

Zum Glück erspart uns das Radio jedes Bühnenbild, lächerliche Kostüme usf. Daß dergleichen Nerven schont, ist in Bayreuth nichts Neues. Sicher, der Weg führt zurück zu klassischen Aufführungen, wie man zuletzt in Dresden sah, Gott sey Dank! aber Bayreuth war immer schon etwas hinter dem Zeitgeist zurück.

Man kann sich den Lohengrin dennoch getrost ansehen, allerdings in der genannten, sehr klassischen Aufführung in Dresden, wo zwar die große Waltraud Meier nicht die Ortrud singt – was in der Schlußszene vermutlich einen eklatanten Unterschied machen wird -, aber Beczala und Zeppenfeld ebenso Lohengrin und König Heinrich.

Auch der Heerrufer ist in Bayreuth gleich in den ersten Takten souveräner als in Dresden, wenngleich der nicht schlecht war. Zeppenfeld ist freilich über fast jeden Zweifel erhaben. Allerdings ist die Sychronisation zwischen Stimmen und Orchester eher mangelhaft. Dafür kann aber weder auf der Bühne, noch im Orchestergraben jemand etwas: ein typischer Mangel der Arbeit jenes dilettantischen Opernhaus-Konstrukteurs R. Wagner. Dichter, bleib bei deinen Partituren.

Telramund ist wie in Dresden sehr bösartig-verkniffen, aber eben auch unüberhörbar polnisch akzentuiert kaum ein echtes a ohne e, kein e ohne ö, kaum ein ch ohne sch. Die höheren Töne zieht er nach Konvenienz in machbarere Tiefen herab. Das paßt nicht ganz schlecht zu dem verschlagenen Wesen, das Telramund davon erhält. Die Frage bleibt bloß, ob man ihn nicht heldischer darstellen sollte. Aber das sind freie Interpretationsfragen. Dieser Sänger könnte allerdings auch nicht anders. Es ist eine Farbe.

Nun zeigt der Heerrufer (ein Lette), leichte, englisch wirkende Akzente. Aber es bleibt erträglich. Zeppenfeld scheint allerdings heute eine Oktave höher zu singen. Das Sonore bleibt etwas auf der Strecke. Aber auch das mag an Bayreuth liegen. Ich könnte vielleicht mit Graf Kessler sagen: Nie sind mir die Mängel der Bayreuther Oper derart aufgefallen wie heute solang sie so organisiert ist, passen ganzheitliche Kunstwerke nicht hinein.

Aber dann fleht Elsa. Und das ist schon ein merkwürdig Ding. Sehr klare, deutsch gesungene Vokale. Das erscheint zunächst ungewöhnlich, ist aber erfrischend naiv, auch wenn das e zuweilen doch allzu simpel, fast kindisch intoniert ist. So naiv ist Elsa dann doch nicht. Dabei ist der Sopran außergewöhnlich verständlich und angenehm rein. Der Chor macht derweilen seine Sache formidabel, meist recht gut synchronisiert und kräftig in den Anhauchlauten.

In der gut hörbaren Begleitung wird deutlich, daß Wagner wohl doch an genau so einen Telramund gedacht hat. Was freilich nicht heißt, daß ein geraderer Bariton, wie Hartmut Welker, den Kontrast mit der gemein-hinterhältigen Musik nicht vielleicht schöner kontrastiert, sodaß diese nur Deutung in die Zukunft bleibt.

Hatte ich schon erwähnt, daß Thielemann hier ungewöhnlich und auch unnötig hetzt? Das gilt für den Schluß des Gebetes Elsas, war jedoch bereits zu Beginn der Ouvertüre unangenehm genug. Und zum Auftritt Lohengrins, d.h. im herrlichen Aufwallen der Volksstimmen beim Herannahen des Schwans und seines Ritters bleibt die letzte Wirkung leider aus. Kennt man so vom Effekthascher Thielemann nicht. Diesmal kann’s die Bayreuther Tonschluck-Akustik nicht sein.

Nun, was soll man zu diesem Lohengrin sagen? Was soll man sagen als: Wir haben wieder einen Heldentenor! Heil deinem Kommen, theurer Held! Ich glaube, er ist, gerade im ersten Schwanengesang, noch besser, d.i. jetzt wirklich angekommen in den höchsten Rängen des Faches eines Wagner-Tenors.

Aber wir wollen peinlich genau sein. Das „segenvoll“ aus „segenvoll mög Gott bei deinem Schwerte stehn“ hätte Jerusalem oder Windgassen dann doch noch pseudo-coloriert. Aber ich sage das nur der Vollständigkeit halber.

So nahst du uns von Gott gesandt… Nein, Zeppenfeld ist heute doch nicht in bester Form (aber auch das sind Kleinlichkeiten). Darauf aber wieder ein wunderbarer Lohengrin. Auch er scheint hier allerdings an seinen Grenzen zu kratzen, mehr jedenfalls als in Dresden. Dabei ist die Semperoper doch sehr groß?

Aber, da wir gerade beim Meckern sind: Warum verschluckt Beczala anlautende Ts so oft? Ich betone freilich nochmals, das nur der Vollständigkeit halber anzumerken. Es ist ein Genuß mit einigen fast nötigen Marotten. Denn wer hätte nicht etwa schon über das Genuschel Windgassens gelacht?

Nun, in der Einführung des Gotteskampfes werden allerdings die Schwächen eines bloß noch bellenden Heerrufers allzu deutlich. Dafür ist Zeppenfeld nun wieder, wie man es von ihm erwartet. Gleichfalls ist nicht zu überhören, daß er viel Druck an unnötigen, mittelhohen Stellen gibt. Eine klare Kompensation für tiefere, wenig druckvolle Stellen. Er war immerhin schon so sonor und bald so kräftig, daß man an Moll denken mußte.

Der Chor ist zwar großartig, aber für die meisten Solisten zu laut. Er soll ja im Gebet vorm Gottesgericht nur die Harmonisierung geben. Tatsächlich gehen die Solisten unter.
Auch in der Schlußfanfare, die Lohengrin im ersten Akt singt: „Durch Gottes Sieg ist jetzt dein Leben mein…“ mißlingt die Intonation. Ich habe das Gefühl, trotz eines insgesamt hörenswerten ersten Aktes, z.T. auch schön hörbarem Orchester und alles in allem sehr guten Stimmen (vor allem verglichen mit früheren Jahren), ist bei dieser Premiere niemand durchgängig auf seinem Höhepunkt, weder im Graben, noch auf der Bühne.

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