VLOG . Einige Gedanken zur Tannhäuser-Ouvertüre . Richard Wagner . Hörbeispiele

 

Inhalt

1. Die Oktavtranspositionen und -verdopplungen in den Akkorden der ersten Takte des Pilgerchors als Mittel der Spannungsgebung. Wagner setzt mit aus der Oktave springenden Tönen der Akkorde Pseudodissonanzen, um die Spannungs- und Auflösungszustände der Melodie zu lenken.

2. Erste Ausreißer aus der Harmonik zur Bildung verschärfter Spannungen, nachdem die Melodie im wesentlichen eingeführt ist.

3. Die große Wirkung von Oktavtranspositionen am Beispiel der ersten Takte des Adagios aus Bruckners zweiter Sinfonie. Der doppelte Ton im Anfangsmotiv wird durch leichte Variation im Baß, aber vor allem durch den Oktavsprung getrennt, um die Langweiligkeit zweier aufeinanderfolgender identischer Töne zu beheben. (So wie übrigens auch die Akkorde des beginnenden Pilgerchors je zwei von drei Tönen gemeinsam haben und deshalb sehr uninspiriert klingen, spielt man sie je innerhalb ein und derselben Oktave.)

4. Die Holzbläser-Instrumentierung des Beginns der Ouvertüre gewählt, um die Feinheiten der „Harmonik“ besser hörbar zu machen. Nach der Vorstellung der Melodie dann zunehmende Dilution durch die weichen Streicher.

5. Das Prinzip der Abwechlung von Spannung und Entspannung, nun mehr und mehr in echten harmonischen Dissonanzen, setzt sich im Verlaufe fort: Die berühmten Seufzer-Kaskaden des Tannhäuser-Vorspiels, welche aus der Höhe fallend zunächst besonders hörbar sind, in den tieferen Regionen jedoch vom Blech übertönt werden, sodaß es scheint, sie träten nur periodisch auf. Nachdem das Blech ins piano übergeht, steht exakt dieser Wechsel aus dissonanten Seufzern und der Melodie ohne dieselben, also harmonisch, nun auch in der Partitur, indem sich Takte mit und ohne Seufzer abwechseln.

6. Einige kurzfristigere Beispiele von Spannung und Entspannung innerhalb des Übergangs des Pilgerchors in den jubelnden Mittelteil, wobei die Lustigkeit und das Jubeln dieser Passage, die sich in kurzen Ankündigungen in der Übergangsphase immer wieder ankündigen, von entspannter Art sind gegenüber dem dramatisch-schmachtenden Pilgerchor. Schließlich: Dir töne Lob!

7. Weitere Beispiele von Auflösung und fragenden Takten im Verbindungsteil der beiden Mittleren Jubelpassagen.

8. Im Schluß die zusätzliche Blechstimme im Schlußanlauf des Pilgerchors als kleine Verschränkung im Rhythmus, nunmehr nicht mit dramatischen Seufzern unterlegt, sondern mit schwingend herabfallenden Streichern.

9. Konlusion: Das Moment der Abwechlungs von Anpspannung und Auflösung ist in der Partitur omnipräsent, von den ersten zarten Oktavtranspositionen bis zu den dissonant eingestreuten Seufzerkaskaden. Obgleich dies ein allgemeines Prinzip gerade der Opernmusik ist, so doch hier geradezu im Übermaß und auf allen Ebenen sichtbar, und zwar aus dem Inhalt der Oper selbst gespeist, die nichts anderes erzählt als die Aufladung der Sünde (Jubel, Harmonie), das Gewissensleid (Dissonanz) und die Erlösung aus dieser Schuld (wieder Konsonanz). Dieser Inhalt des Librettos hat Wagner im Kleinen wie im Großen in dieser Musik umgesetzt. Auch langwellig gilt die Abwechlung insofern als der Pilgerchor eine spannungsreichere Musik darstellt als die Jubelfanfare, welche in Dreiteilung die Ouvertüre ausfüllen.

10. Daher lassen sich die Spannungszustände des Vorspiels als Scharen von Wellenfunktionen (und deren Addition) darstellen, die den Spannungszustand der Musik (und des Hörers) repräsentieren. Vergleich mit der fraktalen Verschränkung der Sinuswellen in „Kultur und Ingenium

 

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