VLOG . Klassizismus vs. Historismus . Teil 1 . Schultze-Naumburgs „Kulturarbeiten“ im Kunstwart

Inhalt:

1. Das Phänomen des Widerstandes gegen den Historismus seit 1900. Gegenentwurf ist die Architektur vor 1850, siehe Märchendeutschland. Übrigens natürlich ein Phänomen der Wiederentdeckung der Vergangenheit als die eigene Zukunft, also das Konzept von Kultur und Ingenium.

2. Ich lese unter Einblendung der fotografischen Beispiele die Kommentare Schultze-Naumburgs zur abgebildeten Architektur.

3. Das Beispiel ist nicht typisch, sondern atypisch, wie der merkwürdige Turm im Haus zeigt. Herangehen an das Problem über stilistische Ungereimtheiten: Sowohl die Schmucktürmchen des Historismus als auch der voluminöse Turm des klassizistischen Beispiels werden „Türmchen“ genannt. Und das, obgleich damit zwei nicht nur völlig verschiedene Phänomene benannt sind, sondern auch zwei vom Autor diametral opponierende Wertungen einhergehen. Schultze-Naumburg tut es, um den überdimensionalen Turm, der das schlichte klassizistische Haus proportionstechnisch im Grunde verunstaltet als Türmchen zu verniedlichen. William Beckfords Abbey als Beispiel ungeheur unpassender Türme.

4. Zweites Beispiel: Eine historistische Villa. Ich lese die Bemerkungen Schultze-Naumburgs zur eingeblendeten Fotografie vor. Das eigentliche Problem, weshalb auch das Haus mit dem Turm als Vergleichsbild notwendig wurde: die ähnliche Höhe der Häuser, um Vergleichbarkeit zu schaffen. Daher die merkwürdige Wahl der Bilder und die sonderbaren Rechtfertigungen und Beschuldigungen der abgebildeten Bauten durch den Autor.

5. Zwar ist der Ausgangsgedanke, die Häuser müßten vergleichbare Größe haben, um sinnvoll gegenübergestellt zu werden, richtig, jedoch hebt das die Grundproblematik des Vergelichs nicht auf, daß nämlich der Historismus 150 Jahre später auch ein doppelt so großes Volk unter Dach und Fach zu bringen hat. Automatisch steigen Grundstückspreise und die Firsthöhen wachsen, um mehr umbauten Raum bei gleicher Grundfläche unterzubringen. Das hat jedoch nichts mit den Kunststilen zu tun – außer insofern gerade diese großflächigeren Fassaden ohne den historistischen Schmuck viel eintöniger aussähen und daher die stärkere Ornamentierung instiktiv der richtige Stil für die größeren Bauten ist: siehe gleiche Argumentation im Monolog zu Muster und Figur.

6. Da im 18. Jahrhundert lediglich Schlösser die Bauhöhe des historistischen Beispiels erreichen, findet der Vergleich also im Grunde zwischen einem klassizistischen Gartenhaus und einem klassizistischen Schloßbau statt. Auch ist immherin die Belle Etage auch im hsitoristischen Beispiel mit klassizsitischem Ornament versehen, und zwar im Stile eines Schloßbaus der Zeit.

7. Absurde Aussage zur Zimmergröße. Die Deckenhöhen und damit auch die Zimmertiefe ist natürlich im Historismus angewachsen, nicht wie hier behauptet geschrumpft. Außderem offensichtlich mehr Wohnraum im historistischen Beispiel durch die fehlende Verjüngung am Übergang in den Turm.

8. Der historistische Giebel tatsächlich unpassend und verzweifelt aus allen Stilepochen zusammengepanscht. Allerdings ist dergleichen nicht gerade üblich. Auch das ein gesuchtes Beispiel. Allerdings werden durchaus in jeder Vermassung, wie sie auch mit dem ausgehenden 19. Jh. stattfindet natürlich auch mehr Fehlgriffe getan. Der redlichere Vergleich mit dem für das 18. Jh. sehr stattlichen Gartenhaus wäre eine Fabrikantenvilla um 1900 gewesen, welche dann einen nicht ganz unbedeutenden Architekten und tendentiell auch keine fragwürigen Stellen aufgewiesen hätte.

9. Bedeutung dieser 100 Jahre alten Diskussion heute: Die Verächter des Ornaments, die sich gegen den Historismus zusammenfinden, und zu denen auch Schultze-Naumburg gehört, sind im Grunde verfechter des Bauhauses und damit des Plattenbaus. Aber die Rechnung der Übertragung der klassizistischen Schlichtheit auf doppelt und zehnmal so große Fassaden ist jedoch ein naives Ansinnen, wie wir heute wissen. Große Flächen brauchen Struktur, d.i. Ornament.

10. Tatsächlich ist abgesehen vom Giebel das historistische Beispiel proportionstechnisch mit einer einwandfreien Fassade ausgestattet, während im Gegenteil das klassizistische Gartenhaus eine allgemeine Proportionskatastrophe darstellt. Das Beispiel zeigt also im Gegensatz zum intendierten Effekt bei genauerer Betrachtung das ganze Gegenteil.

 

 

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