Der Herbst kühlt ab

Viele Jahre habe ich schon im Spätsommer sehnsüchtig auf den Winter gewartet. Die Unbeschwertheit des Sommers war ausgeufert. Dagegen hatte man vorzugehen. Etwas mehr Einfältigkeit war gefordert. Dieser Tage jedoch, da ich durch die gemäßigte Herbstluft recht versöhnlich aus dem Sommer entlassen ward, da überraschte mich doch die jäh einfallende Kälte auf meinen Wanderspatziergängen im Tal recht ordentlich. (Hat der Schelm Spatziergang geschrieben? Schelle, mein Freund, sei gegrüßt!)

Diese unvorbereitete Konfrontation, die mich eine zügige Anpassung der Garderobe vornehmen ließ und daher im Gegensatz zu anderen Jahren, da ich mit derselben gewöhnlich etwas nachhänge, machte den Geschmack der neuen Welt, der November-Kühle ganz besonders genußreich. Und was habe ich mich vor Jahren gefreut, als ich einmal literarisch bearbeitet fand, was bis dahin nur meine Gefühlslage war, da ich begann Rudolf Herzog zu lesen. Ah, dieser Winter! Den kann uns ihr geliebtes Italien nicht nachmachen. Unsere Heimat ist die schönste. Weil Sie die stillste ist? Damit wir Muße haben abzuschließen…

Besonders anheimelnd dieser Tage ist aber die gesperrte Landstraße, die mir den alten Brauch des Landstraßenwanderns ermöglicht. Ach, was erzähle ich da für einen Unsinn! Diese Art von Landstraßen, wie der Film sie zeigt: alles endgültig vorbei! Das sind verdichtete Staubwege mit herrlichem Obstbaumestand. Ich sollte mir einen günstigen amerikanischen Tourenwagen kaufen und nur noch Feldwege fahren. Vor 15 Jahren konnte man wenigstens unsere Straße tatsächlich noch entlangwandern. Heute undenkbar, wenn nicht gerade der Belag erneuert wird. Dann, nach einem guten Kilometer biege ich hinüber auf die Wiese und in den Wald.

Wald II.JPG
auf meiner Spazierwanderung

Gewöhnlich war es dieser Tage trübe. Aber es ist dennoch schön, denn im Wald ist immer Getriebe. Gestern haben mich, so schien es, die Krähen lautstark verfolgt, die eigentlich zu Dutzenden aufgescheucht waren (wohl vom Südsee-Reisequartier), immer wieder bricht es im Unterholz und Rehe fliehen, heute zog knapp über dem Boden des oben gezeigten Weges, der recht abschüssig ist, ein Bussard entlang, bis er meiner und ich seiner gewahr wurde, worauf er in steilem Steigflug anhob und über mir bereits halbe Wipfelhöhe erreicht hatte. Und oben angekommen saß ein alter Waldbauer auf seinem abgeschalteten Traktor und starrte in die Landschaft.

Dabei sinnierte ich darüber, ein altes Herrenhaus zu kaufen und zu renovieren. Außerdem, wie ich den wunderlichen Blog austrocknen lasse. Es ist ein erstaunliches Phänomen, daß der größte Ertrag in der Leserschaft eines Blogs immer zu seinem Beginn liegt und hernach kontinuierlich abfällt, obgleich die Leserzahlen überproportional ansteigen. Ein merkwürdiges Phänomen und doch Tatsache: Vermassung.

Das war bisher nie anders. Auch bei meinen vorausgehenden Blogs nicht. Nach höchstens einem Jahr waren sie wieder verschwunden. Wie hieß der Letzte gleich? Wangenheims akademische Sottisen, wenn mich nicht alles täuscht. Untertitel: universitäre Schwänke und Episoden. Das war die Zeit, in der ich noch Professoren vorgeführt habe. Kein Wunder, daß es nur zwei Sorten Beziehung der Professoren zu diesem Wangenheim gab: Duldung aus allgemeiner Neugier heraus und blanken Haß. Aber wie könnte ich leugnen, das nicht wenig genossen zu haben.

… Zwar verliert sich Prof. W. in seiner gutmütigen Art in einer Theorie der Synästhesie, die uns allen das wohlreine Gefühl großer Einigkeit in der keinerlei Übereinstimmung fordernden Beliebigkeit solcherlei Esoterik erzeugt, aber der entscheidende Punkt ist, wenn auch unbewußt, ausgesprochen.

Dritte Wortmeldung (Wangenheim): Habe ich recht verstanden, daß Ihr entscheidender Punkt derjenige des Zusammengehens von Sprache und Melodie, Musik gewesen sei? – Ja.

Ist es weiterhin nicht so gewesen, daß ihre beispielhaft gegebene Musik zu 50% aus Rezitativen bestand, also Sprechgesang, der eine musikalische Einordnung der Sprache unmöglich macht, obgleich doch gerade diese wenigen Auszüge einen Zusammenhang von Musik und Sprache erzeigen sollten? – Ja, weißer Sokrates.

Und weiterhin: befinden wir uns nicht in einer Zeit, die von wahrhaft romantischem Musikdrama noch weit entfernt ist? Befinden wir uns nicht in einer Zeit, in der die Musik Haydns und Mozarts regiert, ja noch kaum ein romantischer Einschlag bei Beethoven zu verspüren ist? – Ja. Und ich setze bei Ihnen weitgehende musikalische Kenntnis voraus (Ach, sieh einer an!), die ich – wie zu anfangs bereits eingestanden – nur dilettantisch behandeln kann. (Und das bei der endlosen Strapazierung des „panoramatischen Blicks“)

Die Rednerin wendet sich bereits bei der Beantwortung der Frage flüchtend zur Seite.

Aber sehen Sie dann nicht, daß es eine wahrhaftige Verbindung von Musik und Sprache per definitionem gar nicht geben kann, wenn die Musik noch nicht einmal in der Lage ist, der Sprache etwas beizufügen, nämlich aus dem schlichten Unvermögen dem klassizistischen Formkorsett entkommen zu können?

Die Referentin schaut nunmehr allein in die Runde und aus dem Fenster:
Das wollte sie ja nie behaupten. Ihr Anliegen sei es allein gewesen, das Empfinden der Zeitgenossen darzustellen und ihre Wahrnehmung des Phänomens zu referieren.

Aha! Nun ja. Wen sollte das gewundert haben! Wer von euch wohlmeinenden Lesern hatte Erkenntnisdrang erwartet? Die lachenden und die naiven Gemüter? Wohl euch! Nicht einmal etwas aussagen wollte die Lesende – „[die] nach reiflicher Überlegung leider den Jenaer Lehrstuhl [einst] nicht angenommen hat[te]“ –, sondern schlicht die Rezeption des Gelesenen, die Nacherzählung ihrer Archivarbeit verbreiten, dem wunderbaren Mammon des „Zitierens“ huldigen. Kann Wangenheim nun noch sinnvoll fragen, wie es möglich sein soll, das Verhältnis von Musik und Wort zu besprechen, ohne also auch nur das geringste zur Musik sagen zu wollen? Freilich nicht. Denn der Schlußgedanke des Vortrags lautet also nach Wangenheims Intervention (d. i. Mäeutik) – zumindest nach abwägender Umformulierung der Thematik des Vortrags (die doch „Drama und Oper“ lautete):

In meinem Vortrag „Das romantische Drama und die Oper“ wollte ich eigentlich zum Verhältnis von Musik und Sprache referieren, entschloß mich aber alle Aussagen dazu schließlich aus Mangel an Beschäftigung mit einer der beiden in Verbindung gebrachten Künste, über gar nichts zu reden, sondern andere reden zu lassen – womit ich zwar nicht über den Anspruch einer Erstsemester-Hausarbeit hinausgelangt bin, mich aber spornstreichs und glücklich aller Kritik entzogen habe.
Ein Lehrstück in Sachen Logik. Willst du Äpfel mit Birnen vergleichen, so müssen dir Äpfel, aber – horchet auf! – auch Birnen bekannt sein.

Und mußt Du mir nun nicht zugeben, Gorgias, daß der Widerspruch, zu dem ich Dich geführt habe, Dein einstiges Ansinnen ganz unmöglich macht? – Ja, das muß ich nun eingestehen, weiser Sokrates!

Das waren noch Zeiten! Da machte ich mich noch über den Verfall der Wissenschaft lustig. Das hat übrigens entgegen manchen Glaubens nichts mit den Damen auf dem Katheder zu tun. Die Damen kommen nur immer verstärkter auf denselben, weil das Niveau so drastisch gesunken ist. Wer wollte es ihnen bei dem allgemeinen Niedergang der Qualität verwehren? Nein, nein, das hat schon alles seine Richtigkeit. Nur warum es richtig ist, das begreift die Masse freilich nicht. Man könnte sagen: Die Wissenschaft ist racht deelhaft geworden. Oder anders ausgedrückt: Voder, Voder, wann’d de Warscht gegesse hust, gibste m’r de Schole! — Gebt Sie ihnen. Ist recht so. Ich hab noch einen, der vielleicht am besten paßt: Wemmer dich un die kleen’n Erdäppeln nich hätten, müßtmer lauter große essen.

Aber es gab auch noch Männer alten Schlags, die ich kennengelernt habe. Etwa den Gräzisten schlechthin, Professor Dummer. So habe ich ihn noch in Erinnerung. In seinen letzten Jahren, auf dem Pult krauchend, mit seinem neidisch machenden, melierten Haar, immer korrekt gekleidet, und artig im gealterten Gang des Grandseigneur mit einem Einkaufsbeutel in der Hand auf die Universität zulaufend, da ich bereits den kleinen Seminarraum aufgeschlossen und von hoch oben aus dem altehrwürdigen Universitätshauptgebäude hinab auf den Fürstengraben sah, so kannte man ihn. Und natürlich mit seinen großen, wachen und gutmütigen Augen ruhig und gelassen in die Runde blickend.

Nun, Runde ist etwas hoch gegriffen. Wir saßen zum Teil zu zweit in seiner Vorlesung zu Aristophanes. Freitag nachmittags, Sie verstehen. Die Komödie der folgenden Woche las ich danach in der leeren Bibliothek, als er bereits wieder im Zug nach Berlin saß. Ein halbes Jahr nach seiner letzten Vorlesung war die Todesanzeige am Brett angeschlagen. Wenn man nun noch weiß, wann er mit dem Griechischen begann (seine Schwänke aus der Schulzeit waren legendär), dann bleibt kein Zweifel: ein Leben für die Gräzistik von der Wiege bis zur Bahre. Aber wie sagte er, aus dem Offizierskasino zitierend, so oft: Der Bien muß quietschen! 

Auch ich habe es quietschen lassen. Nicht zu wenig. Und nicht zuletzt wegen dieser Vorlesung kommt Aristophanes so wesentlich in meinem Buch vor (immerhin über vier Seiten – das ist bei gerade einmal 500 Seiten für die vereinte Weltgeschichte viel). Und überhaupt ist die Wanderung im nunmehr kalten Tale eine erstaunliche Reminiszenz an meine alten Tage, da ich am Wochenende das unter der Woche Zusammengetragene durch meinen Kopf hindurch in eine nochmals überschauendere Form brachte. Das Laufen regt ungemein die Kopfdurchblutung an, möchte man meinen. Man kann nicht laufen ohne zu denken, allgemein zu denken. Von den Details abzusehen, wenngleich inkorporierend. Das spazierende Wandern ist die eigentliche philosophische Tätigkeit.

Aber wie es in der Philosophie im allgemeinen zu sein pflegt, war ich auf diesen Wegen, die ich fast unverändert noch heute gehe, freilich vor allem mit den Widersprüchen befaßt. Sie zu leugnen, wäre so philisterhaft wie unser Akademismus gewesen. Aber ich rang um ihre Auflösung. Und in einem gewissen Sinne, in einem höheren, wenn ich so sagen darf, lösten sie sich auch auf. Die Leser meines Buches wissen, worin diese bestand:

Man muß loslassen können.

*

Jägersdorf Sonnenstrahlen.jpg
Jägersdorf . Wanderung mit einem alten Schulfreund

 

¯¯¯ *** ¯¯¯

 

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Der Herbst kühlt ab

  1. Leser

    Ihre ausdauernde Streitlustigkeit (am Katheder!) in allen Ehren – und was ich mir schaukelnd ins Fäustchen lachte, als ich dies eben laß! – aber mir ist das schlicht immer zu blöde gewesen. Einmal, da meine Waffe mehr die Feder als die Zunge, hieß es zu einem geradezu lächerlichen Text einen Kommentar zu verfassen unter Berücksichtigung einiger Fragen von der Dozentin. Nun, jedenfalls wurde denn auch mein Text bei der Nachbesprechung peinlichst vermieden, nachdem eine Kommilitonen es noch amüsant fand, dass der Verfasser es vorzog von sich in dritter Person zu schreiben. Sie verstehen.

    Das war aber eine ermüdende Erfahrung. Danach hab ich mir nicht mehr den Finger krumm gemacht (oder gar in die Höhe samt Arm ausstrecken lassen), um auf Schwachsinnigkeiten des x- und yten sogenannten Dr. oder Prof. zu bestehen. An meiner Verbildungsstätte wäre ich sonst noch überbeschäftigt mit der Ablehnung der anderen Wortmeldungen, bevor es gar zur Sache kommen würde. Nein, nein. Wo der Ernst zur Sache fehlt – jener ideologiefreie reine Erkenntnisdrang, von dem Sie sprechen -, da tut es mir fast schon Leid Verlegenheiten zu offenbaren. Gut, aber das ist eine Charakterfrage und wie gesagt: Ihre Streitlust in allen Ehren!

    Spazieren und Abstrahieren. Ja ja, der alte Spengler hätte sich finster gefreut über diese Zusammenstellung. War es doch für ihn ein Zeichen später Menschen, die städtische Gewohnheit noch in die Landschaft – unter Vermeidung der Natur – zu tragen. Aber sie haben recht. Spazieren ist eine intellektuelle Tätigkeit (wie witzig doch auch Sie – wenn vielleicht auch unbewußt – das starre Hocken des alten Bauern dagegen konstrastieren) durchgeistiger Menschen, wie auch sonst schon der typische Titel „Die Kunst des …“ verraten würde. Ich werde mir dieses Buch demnächst mal besorgen, um auch meinen Spaziergängen kunstvolle Würde zu verleihen! „Von den Details abzusehen, wenngleich inkorporierend“: Vorzüglich getroffen, denn oftmals sind es die kleinen Ereignisse und Naturerscheinungen, die wie Brücken aus Metaphern und Gleichnissen zu abstrakten Formbildern hinreißen. Wenig später fallen diese Brücken der Verwesung anheim, das initiale Erlebnis weilt kaum noch in der Erinnerung, während das erreichte Erkenntnisbild wie eine Kraftmitte und Massepunkt ehern erhalten bleibt.

    Ihr Vorhaben diesen Blog einzustellen kann ich natürlich nur beklagen. Ich hoffe, meine eigene Inaktiviät war nicht einer der Argumente für diesen Schluss. Denn verfolgt habe ich immer alles und mit größtmöglichem Interesse. Bevor es zur Löschung kommt, fordere ich allerdings ein Textarchiv! Sie wissen ja gar nicht, wie oft ich ältere Blogeinträge erneut lese. Damit würden Sie mir einen nicht kleinen Gefallen tun.

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  2. Was könnte für den Abschluß schöner sein, als Ihre feine und von mir keineswegs bemerkte Beobachtung, wie der Bauer, Spenglersches Zeichen des ewig Ungeschichtlichen, in die Landschaft starrt, auf der die Heere, Händler und Häretiker, die eigentliche Weltgeschichte, zu neuen Ufern vorüberzieht.

    Im übrigen antworte ich Ihnen privat.

    Nahezu wortlos findet eine Fortsetzung der wunderlichen Reisen auf thwangenheim.tumblr.com statt. Auf meinem Youtube-Kanal gibt es dagegen zuweilen einen Vlog-Beitrag.

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