Freiherr von Auffenberg und der verdünnte Riesling

Stauffenberg? AU-FFEN-BERG! Herrgott Sakra-nochemal! Der hätte sich nicht so dämlich angestellt, einen Koffer dem Plan gemäß, Glock zehn zu Nacht, gemessen instruiert an der rechten Stelle zu plazieren. Aber solche Leute fliegen eher im hohen Bogen aus der Hofgesellschaft, weil Sie Humor haben. Ja, Humor hatte er.

Es mag an meinem spiritualen Gesöff gelegen haben, daß die erste Novelle Auffenbergs auf mich so erregend wie Sekt wirkte, ein guter, nein gut aussehender, d.i. nett etiquettierter Riesling von den hessischen Staatsweingütern des Klosters Eberbach mit dem breiten, verdächtig aussehenden Adler. Natürlich hab ich ihn nur wegen des Adlers gekauft! Glauben Sie ich unterstütze ohne Zwang den Hessischen Staat? Gott bewahre! Nein, um ehrlich zu sein, war es einer der zwei einzigen lieblichen Weine im Regal. Und ich bin doch, wie Sie wissen, ein allerliebster Süßholzraspler. Sowas trinkt eigentlich nur Federweißen – und den, bevor er reifen kann. Also eigentlich Traubensaft.

Wie ich all so lese, den Auffenberg, und nippe, den fruchtig gespriesenen Wein, dem, wenn ich nochmals in dieser Hinsicht abschweifen darf, nach meinem Geschmack eine ganze Menge Fruchtigkeit fehlte, weshalb ich Apfelsaft daran goß. Aber nicht nur das. Es kommt schlimmer noch, verehrtes Publiko. Zunächst nämlich verdünne ich denselben (und alle anderen Weine ebenfalls) nach altgriechischer Art 1:1 mit Wasser, ja blankem Mineralwasser, gern auch Fachinger, wenn im Hause, was selten genug der Fall. In seiner Humoristischen Pilgerfahrt nach Granada und Kordova im Jahre 1832 bestätigt mich darin übrigens Auffenberg selbst, da nur Dichter unverdünnten Wein tränken. Nun, ich bin kein Dichter, also – ich sehe es doch! – verdrehen Sie nicht die Augen!

Süßer Wein in der Bibliothek 1200
la Geseuffe

Schon die Alten konnten sich nicht recht entscheiden, ob man Wein 1:1 oder 1:2 mit Wasser zu verdünnen habe. Bei Beerenauslese reicht das, im Falle der üblichen lieblichen Weine muß jedoch noch etwas Geschmack zugesetzt werden. Ich kippe also gedankenlos noch einen Teil guten naturtrüben, hessischen Streuobstwiesen-Apfelsaft daran. Und damit hätten wir es dann, wenn nicht Fachingen einigermaßen knapp im Rheinland liegen würde, bei dieser Mischung ganz Ihrem Gefühl gemäß, es handle sich um eine ekelhaft-gosseninspirierte Panscherei, mit jenem Hessian Mercenary zu tun, der seinen Kopf in den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen verlor, ihn nun geisterhaft zu nächtlicher Stunde auf dem alten Schlachtfelde sucht und dabei ausversehen ein Blutbad nach dem anderen anrichtet. Aber Gemach, meine Herren, es ist ja Weißwein. Dennoch werden Sie sagen: etwa so kopflos, wie der Kerl, der Apfelsaft und Wasser in einen Riesling antisepariert.

Aber mal ganz ehrlich! Tun Sie doch nicht so, als könnten Sie aus einem mit Alkohol derart überschwefelten Traubengeschmack noch irgendwelche Feinheiten erschmecken. Das ist, als wollten Sie die feinen Nuancen eines Westerland-Rosenduftes unmittelbar an der Öffnung eines alten Dieselauspuffs ausmachen. Nein, der hinkt ganz bestimmt nicht. Der scharf beißende Geschmack des Alkohols soll bei dieser Übung wohl den Schwierigkeitsgrad erhöhen? Ich könnte ja verstehen, wenn man leicht Vergorenen nähme, damit die ebenfalls übertünchende Süße des Traubensaftes sich gemildert hätte. Aber 10% Alkohol? Sie belieben zu Scherzen, Sie Grobgustoniker!

Genug nun aber der Vorrede, mir geht es bald wie Auffenberg in seiner Novellina, der immerfort vom Pferd, d.i. das Thema, fällt. Aber wie köstlich tut er’s. Und nun weiß ich freilich, daß Sie selbst als gut dozierter und gelegentlich dozierender Germanist noch nie etwas von Joseph Freiherr von Auffenberg gehört haben – der Herr sei Ihnen gnädig – weshalb Sie freilich auch keine Ausgabe dieses großen Dichters besitzen – der Herr fängt an zu grübeln, ob Gnade hier das rechte Mittel sei – und deshalb von mir rezitiert bekommen müssen (mein Platz beim Herrn ist sicher!), etwa den Ritt nach Durlach, der mit einem Fremden geritten wird, mit dem der Dichter feindliche Freundschaft geschlossen, und der unerwartet den empfindlichen Pizarro des Autors mit unverschämter Geschwindigkeit zu einem Gasthofe nach Durlach reitet, sodaß die Gastgeber zunächst nicht nachkommen, bis ihnen die Pferde durchgehen:

„Du! – wer ist der vorn auf dem Langschwanz?“ — Ich heulte: „Ein Gast auf meinem Piza-rro!“ — „ich war schon wieder weit; aber hinter mir kam wie rasend Christoph, der den Puky auch nicht mehr halten konnte und ihn dadurch besänftigen wollte, daß er schrie: „Zug halt!“ — dann: „Escadro—n halt!“ — dann: „Divis—ion halt!“ aber der Satan war in die ganze Cavalcade gefahren, und am Durlacher Thor hielt der Lord, höhnisch nach mir blickend, der ich sammt Christoph an ihm vorbei mußte — schreiend: „In die Karlsburg, Eure Herrlichkeit!“ — und jetzt ging’s durch Durlach quadrupedante etc. etc.; die Eisen flogen an die Fenster hinauf, die Pflastersteine warfen Funken, ich heulte: Christoph — drücke rechts! — die rechte Drense! — drück’ nach der Karlsburg zu! — Dies war aber nicht nöthig, denn der Staatssecretär wollte dort einkehren [d.i. das Pferd]; zum Glück stand der Hausknecht unter’m Hofthor und hatte mich schon einmal so ankommen gesehen. Er machte beide Flügel auf; der Brander unter hochfliegenden Steigbügeln hinein — der Christoph nach — seine Kniee bis zum Gesicht hinauf angezogen, als sitze er auf einem durch Zauberei vom Sturmwind entführten Leibstuhl, und jetzt — jetzt parirte am Stallthor der Brander — so hartnäckig und plötzlich, daß ich, den Hausknecht umarmend, den Boden erreichte, ihm auch gleich zwei Schechsbätzner versprach, wenn er sagen wolle, ich sei auf eine neue und von mir erfundene Art herabvoltigirt.

Nach dieser gelungenen Ankunft in der Karlsburg, die, mit einem Schrecken überstanden, immerhin noch keine Toten hinterließ, ruft Auffenberg nach dem

„Kellnerrrrrrrrr!!!“ und der Kellner kam. — „Champagner her! in den oberen Stock, in’s Eckzimmer, wenn kein Fremder daneben logirt.“ — „Nein, Herr Lieutenant,“ sagte der Kellner erstaunt. „Und den Gast, bitte ich, gar nicht anzureden, und daß der Gang leer bleibt, wenn wir oben sind, und eine Glocke hinauf, damit ich klingeln kann, wenn ich was brauche — (bedeutend) wenn ich was brauche.“  — Der Kellner bedauerte, es sei nur eine kleine Glocke da, wie die Silentiumglocken in den Lesezimmern. „Goldener Matthes!“ rief ich, „ich gebe Dir drei Sechsbätzner, wenn Du mir die große Table-d’hôteglocke von der Wand ab und hinauf ins Zimmer practicirst. Jetzt Champagner — drei Bouteillen einstweilen — siehst Du — er kommt! siehst Du — der dort!“

Sie sehen, nein, nicht Ihn, Sie sehen, wie keine Komödie späterer Zeit unterhaltsamer sein könnte. Und Sie sehen, wie dialog-lastig diese Novellina ist. Auffenberg schreibt hier seine erste Novelle. Er ist Dramatiker, ein sehr geistreicher und starker dazu. An vielen Stellen wie ein von Kleist geschwängerter Schiller. Oder umgekehrt. Ich denke an seine Spartaner. Daher gibt es auch immer wieder dramatische, also dialogische Einschiebsel, die er später, als sich die Novellina zur Novelle auswächst und er sich dieser Vokabel nicht wenig schämt, kurzerhand in Dramatischer Dialogus umnotiert. Köstlich, der Mann!

Und obwohl ich dem Drama nicht abgeneigt bin, habe ich doch mehr Liebe zur Novelle zu gestehen. Umso erquickender war es, als ich letzter Woche gedankenlos den siebenzehnten Band des Auffenbergschen Oeuvres aus dem Regal zog und darin diese unerwartete Entdeckung machte.

Auffenberg.JPG
Joseph Freiherr von Auffenberg . Werke in 20 Bänden und zwei Supplementbänden

So, nun möchte ich alle unwirrschen Äußerungen des heutigen Abends wieder gnädigst zurücknehmen und Ihnen bekennen, daß der siebenzehnte Band nicht aus Schönheitsgründen en face in’s Regal complimentiert wurde, obwohl das ungewöhnliche Mittelgrau mit der blauen Marmorierung nicht schlecht zusammengehen will, sondern weil die güldenen Nümmerlein dahinter nur bis 21 zählen wollen. Sollten Sie also zum erwählten Publikum des heroischen Dichters zählen oder wenigstens im ererbten Besitz des zweiten Supplementbandes sein, zugleich aber Auffenberg hassen – Gott strafe Sie ohne Gnade! – dann würde ich mich unter Auferbietung aller mir möglichen Contenance notgedrungen dazu erbarmen, Ihnen den fraglichen Band zu billigstem Preise abzuhändeln.

Aber ich wittere doch, Sie dürsten noch nach einem weiteren Schlucke von meinem verdünnten Apfelriesling! Vous êtes faire-sauf-un, Monsieurs!

Vielleicht müssen Sie zunächst wissen, daß die Geschichte vom Nordlicht von Karlsruhe mit einem Kegelduell contre den wunderlichen Fremdling beginnt, der später Auffenberg auch noch im Reiten abzieht: das Donner-Duett!

Den Fremden stolz messend, trat ich im Spiel ein. Der Mißmuth der Gesellschaft stieg; er hatte bereits fünf geworfen und sich zu seinem gelben Wasser gesetzt. [Die Wunderlichen scheinen etwas gemein zu haben…] Keiner der anderen zählte mehr als Drei oder Vier. — Ich, ein neu eingetretenes Mitglied, kam zuletzt an die Reihe. — Mein Herz schlug gewaltig voll Stolz und Hoffnung; ich hatte mir die größte Kugel ausgesucht…

Natürlich gelingen solche herrlichen Lacher nur, weil das ganze erstens als eigens erzählte Erinnerung Realismus haucht, vor allem aber durch die Jean-Paulsche Affektiertheit, die jedoch hier durchgängig über sich selbst witzelt und billiger ins Hirn gleitet als der hochkandidelte Möchtegernfranzose, … also etwa so wie verdünnter hessischer Apfelsaft-Riesling vielleicht.

Nun könnte ich Ihnen noch eine schöne Stelle aus dem Debut der Hauskavalkade nachsenden, aber ich habe wirklich nicht ewig Zeit für Ihre speciellen Litteraturdegustablen. Ich komme ja selbst jeden Abend nur eine Schale voll wunderlichen Apfelrieslings weiter, d.i. kaum eineinhalb Dutzend Seiten. Sie müssen, mein verehrtes Publico, schon selber lesen. Da beißt der Hesse keinen Kopf ab.

*

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Freiherr von Auffenberg und der verdünnte Riesling

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.