Der ideale Oktobersonntag . 15 Okt 2017

Bevor wir beginnen, noch der Hinweis auf die Ergänzung des Vierzeilers am Grabe Prellers.

Heute, da vielleicht der allerschönste, weil sonnig-warme und doch erfrischend laue Oktobertag seit Jahren bei uns war, und ich mit dem Rade ein paar Dörfer weiter zu unserem Musicus fuhr, um mit ihm diesen herrlichen Herbstreigen mit einem Spaziergang zu beehren, und da die Menschen sich gemeinschaftlich und doch jeder für sich über alle Maßen zu freuen schienen, auf den Motorrädern, in den Roadstern und auf den Fahrrädern, da mußte ich Gottlob Schelles Spatziergängen gedenken, da er solches sagt wie:

Aber nicht nur dergleichen und treffenderes, dessen genauer Ort in jenem reichen Büchlein mir gerade nicht gegenwärtig ist, von der allgemeinen Lustwandelei, in der sich einjeder seinem spiegelsymmetrisch verspäteten Osterspaziergange hingibt, sondern auch das vergnügte Schulmeisterlein Wutz kam mir in den Sinn. Dieser hatte auch nichts als die ewige Freude im Leben, etwas einfältig, aber doch froh und ehrlich froh, daß man ihm sogleich in Paulschem Wortwitz nachzueifern gewillt sein muß, wo man kann, obgleich doch die tänzelnde Ironie des Herrn Richter dasjenige ist, das dem Schulmeisterlein nun wirklich gänzlich abging und doch all die brave Unterhaltung Jean Pauls beinhaltet (die im übrigen en détail natürlich niemand versteht und wer’s behauptet lüget).

Denn muß man nicht auch böse sein, um ironisch zu schreiben? Muß man nicht aus einer erhabenen Position, abseits der fröhlichen Einfalt auf die Einfalt sehen, um ihr, d.i. dem außenstehenden Beobachter, die Einfalt zu Bewußtsein zu witzeln? Ja, das muß man. Auch hier schreibt sich der Büchermacher herbei, was er selbst nicht hat. Aber es wird durch dergleichen Umwege nicht weniger wahr, schön und gut.

Aber es ist ja Oktober! Und der Tag ist schön! Ich kremple die Beine meiner etwas zu kurzen Hosen unter die Knie, was den Hochwassercharakter verschleiert und angesichts der fülligen Wärme auch körperklimatisch nötig war, lasse aber das Tweet-Sakko an, was wohl in dieser strumpflosen Knickerbocker-Kombination reichlich komisch aussah und mir mit mancherlei langem Blicke vergolten wurde. Hier hat niemand Sinn für Ironie. Man sollte mit Jean-Paul-Büchern werfen und die Platzwunden genießen.

Aber halt! Wir sind ja heute alle froh! Ach, war ich froh! Es war selbst am Zehnprozenter nicht zu warm (ich hatte die Jacke über den Lenker geworfen), es ging ein leichtes Lüftchen, das nur mäßig kühlte, nicht unterkühlte, und ich kam meinem Ziel hurtig näher.

Herbst bei Magersdorf.JPG
an einem Hang bei Magersdorf

Wir stellen das Rad in den Hof und machen uns ans Marschieren durch die nahen Birkenhänge, die jedoch in diesem Jahr schon sehr zeitig ihre Blätter abgelegt haben. Unter anderem witzeln wir dabei über den Zwiebelmarkt in Weimar. Florian erzählt, die Dichte der mitten in der Stadt urinierenden Trunkenbolde sei dieser Tage von überproportionalem Ausmaße und verbreite teils entsprechende Gerüche in der „Kulturstadt“. Ich sage, das erinnere mich doch arg an eine Top-Gear-Folge, die ich zuletzt gesehen, da das bekannte Trio aus Clarkson, Hammond und May auf einer East-Coast-Tour unter anderem durch Washington D.C. fahre und dabei mit ihren Sportwagen durch ein rein schwarzes und völlig heruntergekommenes Viertel fahren.

Waren das Zeiten, als man beim BBC noch über Neger-Ghettos Witze machen konnte! Hammond (shorty):

Looking no one in the eye! Looking no one in the eye!

The White man feels, this is not home. May (the gentleman or Captain Slow):

I selected the bumpy road setting for my suspension.

Antwort Hammond:

What about the bullet proof setting for your windows?

Und dann der Moment, der meine Assoziation schürte (May):

Here’s a man walking along playing with his testicles.

Gefolgt von ein paar unheimlichen Tele-Aufnahmen von suspicious Grüppchen, wie auch wir sie mittlerweile kennen, erzählt Clarkson von der einmütigen Art, in der Schwarze sich in den USA freudigst über den Haufen schießen. It’s their culture, besides they never invented the gun.

Waldweg Rothenstein.JPG
Feldweg zwischen Rothenstein und Magersdorf

Aber zurück zur mitteleuropäischen Oktober-Landschaft. Florian meint, die Ansicht dieses Weges sei doch im Grunde schon vor zweihundert Jahren so möglich gewesen. Ich gebe zu bedenken, daß leider nicht. Die Fahrspuren seien zu breit. Das weise auf breite Traktorreifen hin. Bei Kutschverkehr sei der Grünstreifen der Mitte breiter und die Sandfurchen schmaler. Ansonsten habe der Weg aber eine recht schöne kulturlandschaftliche Anmutung, wenngleich auch das Feld viel zu groß und noch vor 70 Jahren vermutlich in viele Fluren aufgeteilt gewesen sei.

Als wir oberhalb von Rothenstein eine Schar Spatzen auffliegen sehen, sage ich: Kriegt einer Angst, flüchten alle. Florian: Die Führer der Spatzen sind die Feigen unter ihnen. Ich lache. Ja, sage ich, es gebe Gesellschaften, in denen führten die größten Feiglinge die Gruppe, das sei der gegenwärtige Westen, und dann gebe es Gesellschaften, wie das Wolfsrudel, da führe der Mutigste. Die erste Form des Lebens funktioniere nur, solang man diese Spatzen füttere oder sie von anderen stehlen könnten: Sie säen nicht, sie ernten nicht, der Herr ernährt sie doch. Ich werde bestätigt, die Gegenwart trinke ja nur die Weinkeller aristokratischer Zeiten leer. Ich füge an, erst wenn der Keller leergesoffen sei und man hungere, wähle man wieder den Mutigsten an die Spitze. Der Michel sei eben selten dämlich.

Florian meint, daher müsse man sich auch nicht wundern, wenn die meisten großen Deutschen sich über die Dummheit des deutschen Michels ausgenommen abfällig geäußert hätten, was den Rechten natürlich gar nicht schmecke: böse Herabsetzung des eigenen Volkes. Aber, sekundiere ich, wer dumm sei, müsse dumm genannt werden. Wer die dummen Deutschen und Europäer in Schutz nehme, sei ein Schönwetter-Trottel. Immer, wenn es eng werde, steuere der Pöbel seinen Karren zuverlässig in den Abgrund. Das gelte es nicht gerade mit Opfer-Gehabe schönzureden.

Da helfe nur eins: Haus im Grünen und einen Sportwagen, um so schnell wie möglich weit weg auf die Grand Tour gehen zu können. Der BMW Z4 sei mittlerweile sehr günstig und habe schöne alte 20er-Jahre Fahrwerksgeometrie. Man sitze gewissermaßen auf der Hinterachse. Das sei heute ein Einzelfall. Alles habe sich auf die langweilige Porsche Mittelsitz-Geometrie eingeschossen. Bei diesem BMW sei das anders. Auf der Anhängerkupplung noch einen Außenbordkofferraum, der auch angesichts des dürftigen Restkofferraums bei eingefahrenem Verdeck unbedingt nötig sei, und man habe das Erscheinungsbild eines 20er-Jahre Tourenwagens in moderner Ausführung, wenngleich der Wagen natürlich eher einem Wanderer W 25 K oder einem BMW 328 ähnlich sei.

Auf dem Weg hinauf ins Kloßdorf heben wir ein Fahrrad auf, das durch den gewaltigen Luftzug unseres Wanderschrittes umfiel, sehen kleine und große Grillen, Raupen und den nahen Sonnenuntergang bis wir endlich zwei Reiterinnen begegnen und den Kreis schließen.

Herbst bei Magersdorf 2.JPG
zwischen Magersdorf und Obergneus

 

 

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