Irrungen, Wirrungen . Theodor Fontane und die edlen Wilden

Zum letzten Soirée russe, genauer zum Spaziergang auf dem Alten Friedhof in Weimar, der zuvor stattfand, habe ich eine nicht ganz unwesentliche Betrachtung nachzusenden, nämlich ein paar Gedanken zu Fontanes Irrungen, Wirrungen. Als ich die Novelle nämlich vor einer Woche hörte, da schienen mir einige Momente der Erzählung großartig, andere recht fahl ausgefallen zu sein. Wie das mit der zeitgenössischen Kritik und heutiger Gutmenschenlektüre zusammenhängt, später mehr.

Zunächst fällt an dem Stück auf, daß es im Grunde nur über die erste Hälfte hinweg eine echte Geschichte vorzuweisen hat, nämlich das Verhältnis Bothos mit Lene. Da sie Schneiderin und er Baron ist, macht die Liaison einen etwas merkwürdigen Eindruck und stößt natürlich familiär auf wenig Gegenliebe. Da schließlich Botho aus Gründen besserer finanzieller Aussichten Käthe von Sellenthin heiratet, ist damit jede weitere Frage geklärt. Der Roman endet aber damit nicht, sondern geht nochmal so lang fort. Und das ist nicht wenig gekonnt.

Denn dieses Dahintröpfeln der Alltäglichkeiten, von einer ausversehenen Begegnung der beiden Verliebten auf der Straße, dem Gang zum Grab der verstorbenen Mutter Lenes (was freilich beim Leser die Hoffnung schürt, die beiden mögen sich dort noch einmal begegnen), ja selbst die völlig davon abgelösten Kurpostkarten Käthes, seiner Frau, sind einzig und allein da, um den Prozeß der allmählichen Ablösung, d.i. des allmählichen Entliebens zur Darstellung zu bringen, den der daheimgebliebene Botho verwirrt wie ruhelos durchlebt.

Nun ist ja die Geschichte um unstandesgemäße Liebe ein uralter Hut. Das war zuletzt bei Schiller modern. Daher ist die Interpretation dieses Romans als einem, der diese Standesfrage thematisiert, auch völlig absurd. Aber die Germanistik und das von derartigen Protagonisten verfaßte Wiki sind nun mal gern im Modus der Verfluchung all dessen, was vor 1968 noch an Vernunftzuständen vorhanden war. Sie wissen schon: Das böse Kaiserreich (die Geschichte spielt im Berlin der 70er Jahre) mit seinen patriarchalischen Vorstellungen und Regeln, die gegen jede Freiheit des Menschen stehen u.s.f.

So dämlich war allerdings nicht einmal Fontane, der sich durchaus Lächerlichkeiten sonderbarer Art in seinen Personalien leistet. Denn der ausschlaggebende Grund für das Zustandekommen der Heirat mit der Sellenthin ist nicht ihr Stand, sondern das liebe Geld und das allein. Hoppla! Die schöne Kritik am System dahin – was sagt man dazu?

Und dieser Twist ist nötig. Denn ganz im Ernst: Glaublich ist die Geschichte ohnehin nicht. Als ich den Beginn hörte, dort in einer Gärtnerkate eine typische Konversation einfacher Arbeiterfrauen stattfindet und darin mir nichts dir nichts der einzige Mann mit Baron angeredet wird, da zog ich doch etwas die Augenbrauen zusammen? Was für ein lächerlicher Spitzname!

Doch nein, es war der Titel des Herrn. Ja, tatsächlich sitzt dort ein Baron in der Untermieterhütte eines Gärtners am Stadtrand von Berlin. Wenn dergleichen Szene schon auf mich Heutigen absurd wirkt, wie dann erst damals in den Ohren des Bürgertums, das diesen Roman las? Das ist nicht unschicklich oder sittenlos, das ist einfach absurd.

Und zu dieser Anmutung trägt auch die im Verlauf der Geschichte völlig unrealistische Konzeption der Figur Lenes bei. Denn als sich das Ende der kurzen Liebschaft andeutet – von Fontane sehr subtil dadurch markiert, daß Lene mit den Freundinnen von Bothos Kumpanen allein spaziert und schwatzt, als diese ihr unverblümt erzählen, daß dies für sie alles nur Spiel sei, und sie sich zum Heiraten kapitalere Männer suchen würden – als also dieses Ende des Verhälntnisses anrückt und sich schließlich manifestiert, da ist Lene die Ruhe selbst. Nur Botho macht Anstalten von unterdrücktem Liebeskummer. Sie, Lene, ist ganz abgeklärt, meint immer wieder, daß es schön gewesen sei, aber sie werfe ihm nichts vor, es müsse nun mal anders sein.

Das ist freilich eine recht nette Voraussetzung dafür, daß die Hauptfigur der Erzählung, Botho, in den Mittelpunkt der inneren Handlung rücken kann, da sonst die Eifersucht und das Leiden Lenes wohl den Hauptteil der Trennung ausgemacht hätte. Und um sie sollte es fürderhin ja nicht gehen. Es handelt sich also um einen Schriftstellerkniff. Dennoch ist diese übermäßig abgeklärte Reaktion des Schneidermädchens natürlich an Absurdität nicht zu übertreffen. Etwas Unrealistischeres könnte man sich für sie im Grunde nicht ausdenken.

Dasselbe gilt für ihre Offenheit gegenüber ihrem späteren Gatten, dem sie von der Liebschaft mit Botho erzählt und von dem er daraufhin in Kurabwesenheit seiner jungen Frau daheim empfangen wird, um Lene zu empfehlen. Dabei handelt es sich freillich erneut um einen Kniff, um die beiden in der Selbstfindungsphase Bothos zusammenzubringen, ohne daß Lene noch involviert werden müßte. Auch diese Offenheit Lenes ist jedoch reichlich unrealistisch. Wenngleich ich zugebe, daß die moralische Überlegenheit der niederen Klassen, die dadurch zum Ausdruck kommt, zwar nicht allgemein gültig, aber doch auch nicht abwegig ist, wie Tolstoi in „Sollen die Bauernkinder bei uns schrieben lernen oder wir bei ihnen?“ erklärt: Die niederen Stände vergingen sich am Staat und ehrten die Familie, die höheren Stände dagegen sähen es als Sünde an, den Staat zu betrügen, würden aber mit Leichtigkeit den Gatten hintergehen.

Obgleich ich sehe, daß Fontane seiner Lene aus wohl rein erzählerischen Gründen diese Merkwürdigkeiten untergeschoben hat, so bleibt doch dadurch die ganze Darstellung des niederen Standes lächerlich. Und das ist es auch, was die zeitgenössische Kritik meinte, als sie die „Hurengeschichte“ ablehnte.

Bis auf die derben Haudrauf-Sprüche der Frau Dörr (der Gärtnersgattin) bleibt die Darstellung des niederen Bürgerstandes Fabel: die edlen Wilden, wie Florian auf unserem Spaziergang treffend kommentiert. Hingegen ist, wie ich das bereits ebenfalls bezüglich Tolstoi angemerkt habe, die Darstellung der höheren Stände bei den Autoren dieser Zeit, die nun mal genau dort verkehrt sind, fabelhaft. Etwa die Zusammenkunft mit Onkel Osten und Leutnant Wedell. Das ist reinster preußischer Offiziersjargon in seiner Hochblüte, ein einziger Genuß, was da alles durch den Kakao und um drei Ecken gleichzeitig gezogen wird. Hier kommt nur mit, wem es an Konzentration nicht magelt. Ein Feuerwerk. Grandios.

Und freilich, letztlich ist der überlange Ausklang des Romans, als alle Verhältnisse längst unverrückbar eingerenkt sind, nichts als die Eingewöhnung des Barons: in das Vergessen seiner Liebschaft und in das Wesen seiner Gattin, die überdreht, aber doch nicht unsympathisch an den Leser tritt, ja in mancher Hinsicht sehr klarer Menschenkenntnis und Offenheit sogar Lenen sehr nahe kommt.

Sie gibt auch den Anlaß für eine mir besonders eindrückliche, wenngleich ausgenommen profane Stelle am Schluß der Novelle, als Botho seine Frau vom Bahnhof abholt und sie in der Kutsche heimfahren. Da heißt es:

Sie hielt ihm den Finger auf den Mund und schlug den Reiseschleier wieder zurück, der ihr halb über das Gesicht gefallen war, gleich danach aber passierten sie den Potsdamer Bahnviadukt, über dessen Eisengebälk eben ein Kurierzug hinbrauste.

Der Reiseschleier. Das sind die Momente, an denen wir trotz aller altertümlichen Bilder, die wir beim Lesen solcher Geschichten in uns aufsteigen sehen, plötzlich merken, daß wir nicht einmal eine Ahnung von den wahren Bildern dessen haben, wovon uns hier erzählt wird. Ein Reiseschleier, zum Schutz vor dem Staub, dem die Dame dieser Zeit bei einer Kutschfahrt, am Bahnhof, auf den Straßen ausgesetzt ist. Sie verstehen. Wir haben nicht den Hauch einer Ahnung.

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