Soirée russe . 20 Sep 2017 . Teil 1 . Wolkendurchbruch, Ilmpark und Klavierzyklen

Von meiner Fahrt nach Weimar gebe ich Ihnen diesmal nur ein einziges Foto zur Ansicht. Aber dieses Foto hat sich gewaschen, obwohl Sie nicht gleich erkennen werden, wie ich das meinen könnte.

Sonnenstrahlen.JPG
Sonnenstrahlen durchbrechen eine Wolkenlücke

Haben Sie sich schon einmal überlegt, wie ein solcher Strahlenkranz zustandekommt? Ich weiß, dieses Naturphänomen haben Sie schon tausendmal erlebt. Und es scheint auch ganz nach physikalischen Gesichtspunkten zustandezukommen. Wie sonst?

Verlängert man die Strahlen nach oben, so treffen diese natürlich in der Sonnenscheibe zusammen. Natürlich? Kann das denn sein? Die Sonne befindet sich ja nicht 10km über der Erdoberfläche, sondern 150 Millionen km entfernt. Die Sonnenstrahlen erreichen also die Erde als parallele Bündel. Wie kann es dann sein, daß dieselben hier scheinbar so auffächern?

Das ist ein Frage, die ich seit meiner Schulzeit allen möglichen Menschen, vom Fließbandarbeiter bis zum Physik-Professor gestellt habe. Zu allererst meinem Astronomie-Lehrer, den Sie schon aus meiner kleinen Geschichte des Wangenheim-Value-Screener kennen. Auch seine erste Vermutung, wie die Anderer, war damals: Beugung am Spalt. Das hat sich aber schnell als Verlegenheitsantwort herausgestellt. Denn erstens ist die Größenordnung dieses riesigen Wolkenspaltes, insbesondere seiner Kanten, nicht geeignet, um Licht signifikant zu beugen und außerdem ist die Auffächerung am Spalt bei dieser Spaltbreite auf die Spaltränder beschränkt. Auf dem Foto sind aber ganz deutlich gleichmäßige Winkel abgetragen, die alle in einem zweidimensionalen Sinne zur Lichtquelle hinter dem Spalt führen. So sieht keine Beugung aus.

Die zweite Antwort lautet: simple Perspektive der eigentlich parallelen Lichtstrahlen, die in einem leichten Nebel als räumliche Linien sichtbar werden. Auch das aber macht keinen Sinn. Denn wir müßten dann erstens auch Effekte beobachten, in welchen die Strahlen von uns fort, also zusammenlaufen, und zweitens kommen die Strahlen selten besonders deutlich auf uns zu. Vielmehr taucht das Phänomen dann auf, wenn wir eine Wolkenlücke vor uns haben, welche das Licht auf einer von uns gleichmäßig entfernten Ebene herabfallen läßt – so scheint es wenigstens.

All das kann mich nicht befriedigen. Ich tippe auf eine Art Auswahleffekt, wie er ja auch mit dem Parallelismus der Strahlen stattfindet, die auf die Erde treffen. Dieser kommt durch die Kleinheit des Bogenwinkels jenes Stückchens Himmelfläche zustande, die wir vom Erdboden aus beobachten können. Etwas ähnliches, in einem mir noch nicht erschlossenen Sinne, scheint hier vorzugehen. Und ich habe nach wie vor das Gefühl, daß die Erklärung dieses Phänomens, das im übrigen für jeden astronomisch noch ungebildeten Menschen die natürliche Schlußfolgerung zuläßt, daß die Sonne tatsächlich nur 10km entfernt ist, ausgesprochen trivial sein muß. Es ist mir ein ungeheures Rätsel, daß mir bisher niemand eine schlüssige Erklärung für diese doch bald alltägliche Erscheinung geben konnte. Aber vielleicht haben Sie ja die Erklärung?

*

Nachdem ich aus Gründen unbedingt nötiger Absatzerneuerung meiner Wander-Schuhe (die nichts anderes als ganz gewöhnliche Kalbsleder-Derbies sind) diesmal vor dem russischen Abend in die Stadt gehen mußte, nahm ich die Gelegenheit wahr, nicht nur nach langer Zeit wieder einmal ein paar Hörbücher (diesmal Stifter, Keller und Fontane) auszuleihen sondern auch, wie seit wenigstens einem Jahr ungetan, durch den mittlerweile recht herbstlich angehauchten Ilm-Park zu schlendern.

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Goethes Gartenhaus . Ilmpark

Die anbrechende Jahreszeit tat sich schon durch die vereinzelt bereits strahlenden Herbstfarben in mancher Baumkrone kund, vor allem aber durch jenen typischen, leichten Moderduft, den der Herbstwald hervorbringt. Zudem stand die Sonne um etwa sechs Uhr für recht warme Farben bereit, und so machte ich eine kleine Runde bis zum Römischen Haus, dessen Inneres Sie u.a. hier betrachten können.

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Römisches Haus . Ilmpark

Ganz besonders schön war im Abendlicht der östliche Abschluß des Parks mit seinem eichenbestandenen Spazierweg nahe des Goetheschen Gartenhauses. Das ist für mich die Idealansicht einer spätsommerlich leichten Mischung aus Melancholie des Naturlaufes und der ausgesuchten Komposition eines Kunstparks, wie wir ihn hier vor uns haben. Ein schöneres Motiv für einen Blechen, Gurlitt, Zünd oder Götzloff könnte es gar nicht geben. Und es sind diese unscheinbaren, aber herrlich malerischen Kleinode, die man wohl an jedem Waldrand des 18. Jahrhunderts fand und welche die Gartenkunst für die immer Sehnsüchtigeren in die Stadt brachte.

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Eichen an einem Randweg des Ilmparks

Aber nun zur Musik, Klaviermusik, um genauer zu sein. Sollte das ein langweiliger Abend werden? denke ich. Aber ich werde eines besseren belehrt. Wir hören zwei Klavierzyklen über das gleiche Thema. Wir sollen raten. Der erste ist dieser (machen Sie nach dem Klick die Augen zu, wenn Sie mitraten wollen).

Nun sollte es ja heute endlich mit den Russen fortgehen, aber ich sage nach kurzem, das sei kein Russe, sondern zutiefst deutsch. Man secundiert mir mit unumstößlichen Schumann-Assoziationen. Und dann das zweite Stück des Zyklus. Huch! Eindeutig Mussorgski. Kein anderer schreibt solche Themen. Und mehr oder weniger in dieser Abwechslung geht es durch den ganzen Zyklus, bis schließlich Johannes bekannt gibt, daß es sich um Tschaikowskis Jahreszeiten handelt. Das erste Stück, der Januar, auch dem Titel nach ganz Schumann: Am Kamin. Das zweite: Karneval… auf dem kahlen Berge gewissermaßen oder auch als ein Bild einer Austellung.

Ich sage, so ein Monatszyklus habe im Grunde nicht viel mit den Monaten zu tun, sonst könnten derart scharfe Kontraste nie zustandekommen. Ich werde allgemein akkomplimentiert, der Komponist suche sich offenbar an den Monaten eher das heraus, was zu seinen Kompositionen passe und achte natürlich auf eine unterhaltsame Abwechslung. Johannes führt aus, es handle sich um ein Auftragswerk Tschaikowskis für seinen Verleger, der einen von Laien spielbaren Zyklus wünschte. Man könne also nicht von künstlerischer Notwendigkeit sprechen. Gleichwohl, sage ich, hätten wir es mit sehr feiner Musik zu tun. Außerdem wird allgemein die getreue Nachahmung deutscher Klaviermusik bewundert, ebenso der spanische Einschlag inmitten des Zyklus.

*

5 Gedanken zu “Soirée russe . 20 Sep 2017 . Teil 1 . Wolkendurchbruch, Ilmpark und Klavierzyklen

  1. Rayleigh- und Mie-Streuung sind ja im Grunde nichts anderes als das Beugungsphänomen am Spalt, nur eben an kleinen Objekten. Hier haben wir es aber mit weißem Licht zu tun.

    Ihr Hinweis zeigt jedoch nochmals deutlich, daß natürlich schon deshalb Streuungs- oder Beugungsphänomene nicht am Werk sein können, weil wir nicht die geringsten Verfärbungen wahrnehmen, wie sie bei jeder Lichtbeugung stattfinden.

    Daß wir die Lichtstrahlen überhaupt in der Luft sehen, hat natürlich mit ganz ordinärer Streuung an Staubteilchen zu tun, die aber das Phänomen der Richtung der Lichtstrahlen nicht beeinflussen, sondern nur sichtbar machen.

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  2. Mir fällt noch etwas ein, das vielleicht zu einer Lösung beiträgt. Ich glaube sehr, daß es sich um ein simples Perspektivenphänomen handelt (das nur deshalb übermäßig stark scheint, weil wir die Wolken für näher nehmen als sie sind). Damit die Perspektive aber umkehren kann, d.h. die Strahlen zusammenlaufen, müßte das Lichtphänomen der Sonnenscheibe gegenüber stattfinden, d.h. die Sonne im Rücken, müßte man Lichtstrahlen durch eine Wolkenlücke strahlen sehen, die dann wie eine Straßenmarkierung zusammenlaufen. So etwas habe ich aber noch nie gesehen.

    Wenn nun (wobei ich nicht wüßte, welche Gründe das haben sollte) mit der Sonne im Rücken die Strahlen nicht sichtbar werden können, dann wäre das Problem exakt in dem Sinne gelöst, wie ich im Beitrag andeutete, nämlich indem all die Situationen durch einen zweiten Effekt ausgefiltert werden, die keine auf uns zulaufenden Strahlen beinhalten.

    Und das könnte wiederum mit ganz unspektakulärer makroskopischer Streuung zu tun haben: Wenn die Sonne uns im Rücken steht, gibt es vielleicht einfach keinen genügenden Kontrast zwischen sichtbar gemachten Lichtstrahlen und dem allgemeinen Himmel/Dunst, während im Gegenlicht der Kontrast (wie jeder Fotograf weiß) immer um ein Vielfaches höher ist.

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  3. Ich bin begeisterter Wolkengucker und nehm mir zur Erklärung der Himmelswunder immer mein Lieblingsbuch von Gavin Pretor-Pinney zur Hand. Zum Wolkendurchbruch sieht man bei ihm ein ganz ähnliches Foto /S. 244 dtsch. Ausgabe) und dazu die Erklärung zu diesem optischen Effekt , der im „Zusammenspiel zwischen Sonnenlicht und schwebenden Wasserpartikeln“ entsteht:

    Es sind „Schattenstrahlen“, sichtbare Strahlenbündel, die zwischen schattigen Wolken durchbrechen. Sehen kann man die Strahlen nur, wenn das Licht durch schwebende Partikel in der Luft gestreut wird. … Es handelt sich dabei um nichts anderes als Lichtstrahlen, die nur nach ihrer Streuung durch winzige Wassertröpfchen in der Luft beobachtet werden können… Obwohl die Strahlen von der Sonne mehr oder weniger genau parallel zueinander durch die Atmosphäre gelangen, wirkt es aus unserer Perspektive am Boden so, als liefen sie auseinander.“

    Daß keine Farbe dabei im Spiel ist, ist so zu erklären: wenn die Sonne hoch am Himmel steht, wird ihr Licht von den Wolken reflektiert und erreicht den Boden, nachdem es die Atmosphäre vertikal durchquert hat. So ziemlich das ganze Spektrum sichtbaren Lichts gelangt damit zur Erde und das Gesamtspektrum an sichtbarem Licht ist weiß.
    Steht die Sonne niedrig am Horizont, muß das Licht eine weite Strecke zurücklegen,…“bei einem derart flachen Einfallswinkel wird der Großteil der kurzen Wellen des Lichts zerstreut, während die längeren (roten) Wellen mehr oder weniger ungestört passieren.“
    Bei Regenbögen oder anderen Halo-Effekten entsteht die Farbe, wenn weißes Licht voneinander getrennt wird (wenn es z.B. in Regentropfen gebrochen und reflektiert wird oder durch „eine Schleierwolke strahlt, deren Kristalle durchsichtig sind und die Form kleiner sechseckiger Platten haben.“ Wie beim ‚Zirkumzenitalbogen‘, wo das Licht an der Oberseite eines sechseckigen Krstalls eintritt und ander Seitenfläche austritt.

    Auch wenn Sie es noch nie beobachtet haben, gibt es sie wohl doch: wenn die Sonne im Rücken des Betrachters steht,gibt es ‚Gegendämmerungsstrahlen‘. „Diese scheinen nicht aus der Sonne zu kommen, sondern vom gegenüberliegenden Punkt am Himmel. Wie Schattenstrahlen entstehen sie im Gegenspiel von Licht und Schatten in der Luft um Wolken.. Die illusion, daß die Gegendämmerungsstrahlen zusammenlaufen, entsteht durch den perspektivischen Effekt.

    Das hab ich mir bei Gavin alles so zusammengesucht – kanns nicht besser erklären.
    Halt ein Wolkengucker von nur geringem Verstand.

    Herzliche Grüße
    Cornelia Stauch

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  4. Vielen Dank für Ihre Aufklärung. Das bestätigt meine Annahme, daß es sich um den reinen perspektivischen Effekt handelt und daß das Fehlen jedweder Farbe genau darauf zurückzuführen ist, daß es sich eben nicht um Beugung handelt (wie oben schon mit dem Argument fehlender Farbe ausgeschlossen), was mir schon immer spanisch vorkam. Das entscheidende Argument, d.h. das Phänomen, das Sie nun zur Auflösung des Problems geliefert haben, ist das der Gegendämmerungsstrahlen. Denn soetwas habe ich noch nie gesehen. Hier ein eindrucksvolles Foto von besagtem Effekt: https://apod.nasa.gov/apod/image/1011/anticrepuscular_britton_big.jpg

    Ich hatte angenommen, daß ein Auswahleffekt besteht, der dieses Phänomen ausschließt (s.o.). Und zumindest scheint es ihn in gewissem Grade zu geben, denn dergleichen kommt tatsächlich ausgenommen selten vor. Oder ich lebe unter ungünstigen Bedingungen. Aber daß der Gegeneffekt existiert, zeigt nun eindrücklich, daß es ein reines Perspektivenphänomen ist. Haben Sie vielen Dank für die definitive Lösung.

    Das ganze zieht eine zweite interessante Tatsache nach sich. Denn, wie ich bereits oben andeutete, spricht unser Raumgefühl im Grunde gegen die Strahlenwinkel. Ich zumindest habe bei solchen Anblicken das Gefühl, daß die Strahlen gar nicht sonderlich stark auf mich zukommen, sondern fast senkrecht auf den Erdboden fallen. Das weist darauf hin, daß wir das Phänomen als viel weiter entfernt annehmen, als es eigentlich ist. Wenn ich keinen Denkfehler begehe, schätzen wir also die Wolken als zu entfernt ein (und damit auch zu groß).

    Aber das eigentlich gemeine an diesem Effekt ist, daß er suggeriert, die Sonne sei 5 Kilometer entfernt. Der Effekt der Gegendämmerungsstrahlen wirft diese Vorstellung natürlich komplett über den Haufen. Daß wir aber diesen Anblick der zusammenlaufenden Sonnenstrahlen als völlig abnormal ansehen (so geht es mir wenigstens: es ist ein grotesker Anblick), zeigt wie sehr wir die provinziale Auffassung der zum Greifen nahen Sonne durch diesen Effekt verinnerlich haben. Denn die zusammenlaufenden, weil fliehenden Strahlen der Sonne dürften uns sonst nicht wundern. Tatsächlich betrachten wir aber die aufgefächerten Strahlen eben nicht als lokale, sondern globale Perspektive, als befinde sich die Sonne innerhalb der Atmosphäre.

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