Die Praxis des Value-Investing . Einstiegszeitpunkt und Charts . Teil 3

Nun waren die Beispiele des ersten und zweiten Teils tendentiell ungewöhnlich, obwohl sie so oder ähnlich nicht selten auftreten. Wie sieht es aber im Allgemeinen aus? Können wir den günstigsten Einstiegszeitpunkt wenigstens bei langsam fallenden Kursen an positivem Momentum, also stärkeren Kursanstiegen, ablesen?

Die Frage läßt sich schnell verneinen. Das mag Sie nun endgültig enttäuschen, da Sie von diesem Dreiteiler doch eigentlich zu erfahren hofften, wie man die niedrigsten Einsteigspreise nun tatsächlich trifft. Aber die Dinge liegen eben komplizierter und ich halte es für unredlich, Strategien zu verbreiten, die eine Sicherheit beim Leser hervorrufen, welche die dargestellten Vorgehensweisen überhaupt nicht liefern. Daher sehen wir den Tatsachen lieber ins Auge. So werden wir sicher die rationaleren Entscheidungen treffen. Im Leben, wie am Wertpapiermarkt.

Denn wie sieht so ein Kursverlauf eines typischen unbeliebten, d.h. unterbewerteten Unternehmens aus? Nehmen wir uns erneut den Chart von Gilead her, diesmal etwas weiträumiger:

GILD Monatschart
$GILD . monatliche Kerzen

Wir interessieren uns nun für den Kursverlauf seit 2016, also seit der Preis so derb abgestürtzt ist und global fällt. Im ganzen Jahr 2016 hätten Sie kaufen können. Seitdem ist die Aktie nämlich nach allgemeinen Kriterien unterbewertet. Und viele Value-Investoren sind bereits nach dem eklatanten Kurssturz Anfang 2016 eingestiegen und können trotz der ausgezeichneten jüngsten Entwicklung noch immer nicht ihren Kaufpreis realisieren, von Gewinnen ganz zu schweigen.

Aber hätten Sie nun abgewartet und wären seit Anfang 2016 auf der Pirsch gewesen, um nach Momentum-Kriterien einzusteigen, dann hätte der März 2016 eine gute Gelegenheit geboten, nachdem zwei monatliche Kerzen grün gefärbt waren. Sie sehen aber, daß es von da an weiter bergab ging und zwischendurch sogar immer wieder ganze Monate knapp ins Plus wanderten. Wie viele kleinere Erholungen der Kurs mitgemacht hat, das haben wir schon am hochaufgelösten Chart in Teil 2 gesehen. Dutzende Male falscher Alarm.

Sie sehen auch, daß der zweite Kurssturz, von dem Jeff Clark (siehe den zweiten Teil dieser Reihe) behauptete, daß Sie ihn abwarten sollen, gar nicht eintritt! Nach seiner Anweisung hätten Sie Gilead nie gekauft, da der Kurs nach dem einmaligen Sturz nur noch langsam und gemächlich nach unten gezogen ist. Und Sie sollten ja nach seiner Strategie erst nach dem zweiten Kurssturz kaufen. Auch das funktioniert also – natürlich – nicht.

Der Farbverlauf in lila, der von 70$ aufwärts verläuft, stellt meinen Kaufpreis dar. Da könnten Sie nun sagen: Gut gemacht, Herr Wangenheim! Wenn die letzten drei Monate den endgültigen Erholungstrend anzeigen, dann haben Sie ja direkt am Umkehrpunkt gekauft!

Richtig, aber wer weiß das schon? Der Kurs könnte ebensogut noch weiter, vielleicht auf 40$ absinken. Würde mich das berühren? Nein. Darf es nicht. Ich habe lediglich zu evaluieren, ob der erwartete Kurswert [wie ihn der Wangenheim-Value-Screener mittlerweile angibt] noch immer deutlich über meinem ursprünglichen Kaufpreis liegt, also Unterbewertung vorliegt. Und solang das der Fall ist, kann man seinen Einkaufspreis sogar noch verbessern, indem man nachkauft und so seinen zu frühen Einstiegszeitpunkt noch etwas korrigiert.

Das nennt man dann doubling down. Dafür ist – für Alle, die viel mehr als den gegenwärtigen Preis gezahlt haben – selbst heute noch Zeit. Freilich darf das nur nach einer nochmaligen Bewertung geschehen, welche die Ausgangsentscheidung zum Kauf bestätigt. Denn wenn dem Unternehmen in dem Grade, wie der Kurs sinkt, die Gewinne schrumpfen, bleibt es unterbewertet, allerdings bedeutet dann Nachkaufen unter Umständen, einer endlosen Abwärtsspirale zu folgen.

Und dieser Fall, daß unterbewertete Unternehmen statt ihren Aktienpreis dem Unternehmenswert anzugleichen, vielmehr ihre vormals hohen Gewinne an den niedrigen Preis, nämlich nach unten hin, anpassen, ist auch ganz allgemein das größte Risiko beim Value-Investing. Um dem von vorn herein entgegenzuwirken, kauft der Value-Investor erstens mit einer möglichst hohen Margin of Safety, also möglichst großer Unterbewertung (d.h. eben nicht unbedingt sofort, sobald die leichteste Unterbewertung sichtbar wird), sodaß auch im Falle absinkenden intrinsischen Unternehmenswertes die Verluste überschaubar bleiben, und versucht zweitens möglichst stabile, besser noch wachstumsstarke Unternehmen herauszupicken (wie ich es mit dem Wangenheim-Value-Screener tue). Dennoch gibt es natürlich immer auch Verlierer. Jeder Anleger, gleich welcher Strategie, hat sie im Portfolio. Entscheidend ist das Verhältnis der Gewinner zu den Verlierern.

*

Das bringt mich zur Frage des Mindsets, das man im Allgemeinen an den Aktienmärkten, aber als Value-Investor im Besonderen erfüllen sollte. Zwei Haltungen scheinen mir entscheidend zu sein, um mit Value-Investments glücklich zu werden:

1. Sie vertrauen Zahlen mehr als der Gesellschaft

Wie meine ich das? Sie wissen und glauben fest daran, daß in der Wirtschaft Zahlen, d.i. Fundamentalwerte entscheidend sind, und die Gefühlslagen von Menschen den Kurs kurzfristig bestimmen, aber langfristig falsch liegen. Sie lassen sich also von der allgemeinen Stimmung, die gegen die Zahlen steht, nicht umstimmen. Sie zweifeln nicht aufgrund der Angst oder des Hypes Anderer an Ihrer eigenen Strategie, sondern nutzen die Nische, welche die Allgemeinheit in Ihrer einheitlichen Meinungsbildung hinterläßt. Sie haben einen gesunden Widerspruchsgeist.

Dieser Widerspruchsgeist kann auch ungünstig zu stark sein. Nämlich dann, wenn Sie Thesen verfolgen, wie etwa: Die Börsenwerte fallen irgendwann alle wieder auf Null zurück. Ich investiere nicht. Das ist freilich auch ein Querdenker-Argument, allerdings ein selbstzerstörerisches, eine zu allgemeine Haltung. So etwa, als wenn der Geschichtsphilosoph sagt: Über Jahrhunderte gemessen, kehrt sich jeder Stil wieder um. Und ja, ich habe darüber ein ganzes Buch geschrieben. Aber man muß die weiträumigen Argumente der Philosophie an die Größenordnungen des Lebens anzupassen in der Lage sein: Denn trotz dieser Erkenntnis der Umkehr aller Trends hat die Gotik Jahrhunderte lang existiert. Das eine ist die schöngeistige Betrachtung überlebensgroßer Zeiträume, das andere soll uns innerhalb unserer eigenen Lebensspanne vorwärts bringen. Das sind trotz des identischen Grundprinzips des Wechsels der Anschauungen (mean reversion) praktisch gemessen zwei völlig verschiedene Aufgaben. Das „philosophisch“ zu übergehen, zeugt nicht von philosophischer Denkerkraft, sondern von Ignoranz für den Gültigkeitsbereich der eigenen Argumentation.

2. Geld bedeutet Ihnen nichts

Zum Zweiten ist es ausgenommen hilfreich, wenn Ihnen Geld völlig egal ist. Das mag merkwürdig klingen, insofern Investments ja Vermögen generieren sollen. Aber je weniger Ihnen das Geld, das Sie im Spiel haben, wert ist, desto leichter nehmen Sie Papierverluste hin und sagen sich: Nichts überstürzen, warten wir mal ab… statt in Angst vor dem Verlust Ihres schönen Geldes! alles zu verkaufen, um wenigstens die Hälfte „zu retten“.

Daher gilt auch hier die alte Weisheit, zunächst nur dasjenige Geld an die Börse zu werfen, das Sie selbst als Spielgeld betrachten, auf das Sie also verzichten können und das Sie kurzfristig nicht brauchen. Nicht etwa deswegen, weil Sie es nicht zurückbekämen, sondern weil Sie psychologisch jene Zeiten auszuhalten haben, in welchen der unrealisierte Papierwert einen grauenhaften Anblick bietet. Da gibt es nichts schönzureden. Wer das nicht kann, sollte noch nicht einmal in ETFs investieren, die einen Bärenmarkt ganz ebenso mitmachen, sondern sein Geld zur Sparkasse bringen und hoffen, daß die Währung nicht kollabiert.

Diese Geduld und die Fähigkeit einen Papierverlust zu ertragen, eben weil man weiß, daß dieser Preis das Unternehmen nicht adäquat repräsentiert, d.h. an den richtigen Stellen trotzig zu sein und darauf zu vertrauen, was man tut, sind die eigentlichen Qualitäten des Value-Investors. Auch wenn tausend andere Investoren ängstlich werden… Sie müssen den Zahlen vertrauen. Und das ist sicher auch schlicht eine Gemütseigenschaft, die einem in die Wiege gelegt sein kann oder nicht. Verbessern jedenfalls in dieser Frage kann sich jeder.

Oder, um mit einem Greenblatt auch abzuschließen:

The market is not always cooperative in the short term, and the key when it’s not being cooperative is to be patient. But patience is in short supply.

 

*

 

 

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Ein Gedanke zu “Die Praxis des Value-Investing . Einstiegszeitpunkt und Charts . Teil 3

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