Die Praxis des Value-Investing . Einstiegszeitpunkt und Charts . Teil 1

Man könnte viele Unterschiede zwischen den Methoden des Value- und Momentum-Investements ausmachen. Und alle fallen sie freilich unter die Ausrichtung am Mainstream des einen und der Contrarian-Denkweise des anderen. Es heißt jedoch für das alltägliche Investorendasein durchaus etwas sehr viel Konkreteres, als es diese Allgemeinplätze glauben machen.

Ich möchte das an einer Frage illustrieren, die mich von einem meiner Screener-Abonnenten erreichte. Er eröffnete mir seine Idee, Value-Aktien erst bei einsetzendem Momentum, also Kursanstieg zu kaufen, wenn es sich um ein Papier handelte, das mit wenig Volumen und leichtem Abwärtstrend laufe, um nicht die Verluste mitzunehmen, die bis zur Erholung eingefahren werden. Ob das erfolgversprechend sei? — Glauben Sie mir, ich würde das ausgesprochen gern exakt so handhaben. Aber ich halte es für unmöglich. Erlauben Sie mir, dazu etwas auszuholen.

*

Es ist oft bemerkt worden, daß der Value-Investor die Tugend ausgeprägter Geduld mitzubringen hat und schmerzliche Verluste auszuhalten geübt sein muß. Das ist auf die schlichte Tatsache zurückzuführen, daß auch die besten Value-Investoren gern zu früh in die fallenden Kurse der unbeliebten, d.h. unterbewerteten Unternehmen hineingreifen und deshalb noch einen guten Teil des Abwärtstrends mitzugehen verdammt sind, bevor die Umkehr, die aus der Unterbewertung abgeleitete mean reversion, einsetzt.

Der Value-Investor wartet also oft länger auf den Erfolg und muß in dieser Zeit sogar deutliche Rückschläge verkraften. Das klingt wenig attraktiv. Aber das ist kein Grund, sich vom Value-Ivensting fernzuhalten. Denn gerade diese unschöne Seite des Value-Investings macht es zu einer nie versiegenden Quelle. Joel Greenblatt hat es mehrfach auf den Punkt gebracht:

If value investing worked every day and every month and every year, of course, it would get arbitraged away, but it doesn’t. It works over time, and it’s quite irregular. But it does still work like clockwork; your clock has to be really slow.

The market doesn’t always agree with you. Over time, value is roughly the way the market prices stocks, but over the short term, which sometimes can be as long as two or three years, there are periods when it doesn’t work. And that is a very good thing.

Es ist eine sehr gute Sache, weil es sonst eine zu simple Gelegenheit wäre, Arbitrage einzufahren und damit für jeden Marktteilnehmer offensichtlich, sodaß die Chance nur für die schnellsten und größten Investoren der Welt nutzbar wäre. Daß die Straße des Value-Investments etwas rauher ist, garantiert der Methode ihr Funktionieren wie ein Uhrwerk. Auch für private Investoren und auch wenn es manchmal ein paar Jahre zu warten gilt.

Das heißt freilich nicht, daß Value-Investing über Jahre hinaus nicht funktioniert (obgleich die verschiedenen Anlagestrategien untereinander mal besser, mal schlechter abschneiden), sondern vor allem, daß Einzeltitel auf lange Zeit hinaus unterbewertet bleiben können und sich ausgesprochen schwer tun, ihren intrinsischen Wert zu erzielen. Kein Wunder, daß da Mancher unruhig wird.

Wenn das alles ist! werden Sie sagen, wie mein Screener-Abonnent es tat. Die Kurse eines unterbewerteten Unternehmens dümpeln tief unten herum und fallen vielleicht sogar noch? Nun, da liegt es ja nahe, die Aktie einfach weiter zu beobachten und dann zu kaufen, wenn wieder positives Momentum anliegt und das Kapital in dieser Zeit in andere Werte zu investieren oder einfach als Cash zu halten. Das wäre immer noch besser, als zu früh, also teurer zu kaufen. Damit wäre das Problem gelöst. Hört sich großartig an. Aber das wird überwiegend schief gehen. Warum?

Erstens wegen völlig unverhersebaren Sprüngen in den Kursen. Und mit Sprung meine ich tatsächlich: Sprung. Ein Sprung, so schnell, daß Sie nicht rechtzeitig werden reagieren können. Nehmen Sie etwa den Kursverlauf von Gilead ($GILD) in den letzten Tagen.

GILD täglich
Gilead Sciences Inc . tägliche Kerzen

Für diesen Sprung um 10% innerhalb von drei Tagen hätten Sie eine Glaskugel benötigt. Eine gute. Denn der Sprung hat natürlich seinen Grund. Gilead Sciences Inc. hat Kite Pharma gekauft. Wenn Sie lustig sind, mögen Sie googeln, was man sich an daraus resultierenden Wettbewerbsvorteilen verspricht. Aber das ist im Grunde nebensächlich. Entscheidend ist, daß der wesentliche Zuwachs an einem einzigen Tag stattfand und dort zum Großteil in der ersten Handelsstunde.

Und da wären Sie nun eingestiegen? Zu welchem Preis? Sie dürfen ihn nicht zu niedrig wählen, da es sekündlich bergauf geht, sonst bekommen Sie die Aktie nicht. Sie wollen auch nicht zu viel zahlen, wissen Sie doch nicht, wie lang der Zuwachs anhält. Außerdem ist klar: Solche Ereignisse wird jeder verpassen, der noch irgendetwas anderes tut, als von 15:30 bis 22:00 an den Monitoren zu hängen, um alle möglichen Kurse zu verfolgen. Kurz: Sie werden zum Daytrader. Abgesehen von den Umgebungsinformationen, den relevanten Meldungen, die Sie allesamt beobachten müßten. Und in allen Branchen gleichzeitig ist zu dieser Beobachtung überhaupt niemand fähig. Sie bräuchten einen Staff von Analysten.

Mit einem Wort: You have to own it. Sie müssen die Aktie bereits besitzen, bevor solche Ereignisse statthaben. Das ist die einzige zuverlässige und mit vertretbarem Aufwand anwendbare Strategie.

Ganz unvorhersehbar ist dabei eine solche Übernahme dennoch nicht. Denn die deutliche Unterbewertung von $GILD hat ja seinen Grund in recht guten Earnings bei niedrigem Handelspreis. Sind die Gewinne aber gut (auch wenn es sich hier zunächst nur um ein Verhältnis handelt: bei Gilead ist es auch nominal der Fall), dann sind strategische Übernahmen wie diese überhaupt erst möglich. Insofern ist jede Value-Strategie in Hinsicht auf solche Kurssprünge prädestiniert. Und das Schöne ist nun: Immerhin diese Unterbewertung eines Unternehmens kann man sehr wohl im Voraus bestimmen. Z.B. indem Sie den Wangenheim Value Screener hernehmen, wo Gilead Sciences schon länger auf den obersten Plätzen der LargeCaps stand. Nach dem schlagartigen Kursgewinn ist es natürlich ein paar Plätze nach unten gerutscht, da es nun offensichtlich weniger unterbewertet ist.

Es gibt sogar noch extremere Ereignisse solcher Art. Etwa den fast 50%igen Kursgewinn von Global Sources Ltd., deren Chart der letzten sechs Monate folgendermaßen aussieht.

GSOL
$GSOL . Doppelsprung um 77% vom 22. auf den 23. und 24. bis 25. Mai 2017

Der Sprung fand über Nacht statt. Versuchen Sie da mal mitzuhalten. Auch hier gibt es gute Gründe für die Kursexplosion dieses Value-Wertes. Sie sehen auch, daß es sich eben nicht um bloßes Momentum handelt, das im nächsten Monat durch Gewinnmitnahmen diffundiert. Auch das liegt daran, daß bei Valuewerten die Besitzer oft wissen, daß die Papiere noch immer unterbewertet sind und man daher weiter zu halten keinen Fehler begegehen wird.

Im zweiten Teil wollen wir konkreter und am Beispiel auf die Frage meines Abonnenten eingehen, ob man in anderen als diesen Extremfällen, den Einstiegszeitpunkt intelligent wählen kann. Und schließlich nehmen wir uns noch der Philosophie und Psychologie des Investierens an.

*

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4 Gedanken zu “Die Praxis des Value-Investing . Einstiegszeitpunkt und Charts . Teil 1

  1. Den kann es noch nicht geben, da ich die Formel erst vor einigen Monaten entwickelt habe. Und ich habe keine Software in der Hand, die eine komplexe Formel backtesten könnte.

    Anhaltspunkte sind die Backtests der Magic-Formula oder des Acquirer’s Multiple, wie Sie sie in den Verlinkungen nachsehen können, die ich hier gegeben habe: https://thwangenheim.wordpress.com/2017/07/26/einfuehrung-in-das-value-investing-die-urspruenge-des-wangenheim-value-screener/

    Für das, was ich oben dargestellt habe, brauchen Sie jedoch den Wangenheim-Index nicht. All das gilt für jede Form des Value-Investments. Ob Sie die Aktien selbst aussuchen, ob Sie nach der Magic-Formula gehen, nach dem Acquirer’s Multiple, nach dem W-Index – immer ist diese Langfristigkeit zu beachten und Kurzfrist-Papier-Verluste sind gelassen hinzunehmen. Außerdem gilt auch immer: You have to own it!

    Daß ich meinen Wangenheim Index verlinke, ist selbstverständlich, aber der Beitrag informiert im Allgemeinen über das Phänomen des Value-Investing. Nur wer sich für eine solches Fundamentalwert-Ranking von Value-Werten interessiert, den weise ich auf den W-Index hin.

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  2. Pingback: Das Prinzip des Value-Investing . Einstiegszeitpunkt und Charts . Teil 2 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  3. Pingback: Taktik und Technik beim Value-Investing . Teil 1. Streuung, Sparplan, Einstiegszeitpunkt – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

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