Soirée russe . 15 Aug 2017 . Der Tor Berlioz und Wagner als Gurnemanz . Teil 1

Eine ganze Sitzung ausschließlich Berlioz, das ist ermüdend. Nun hat Berlioz aber in der Musikgeschichte durchaus mehr als Bedeutungslosigkeit erlangt. In einem solchen Falle haben gewisse Abneigungen immer mit einem fundamentalen Mißverständnis oder wenigstens einer abhanden gekommenen Leseweise zu tun. Daher läßt sich gerade aus negativen Urteilen, wie dieser gehörigen Langeweile, meist das Interessanteste schließen.

Zunächst begann es recht unterhaltsam, nämlich mit den ersten beiden Sätzen der Romeo-und-Julia-Sinfonie. Da wäre erstens der anfängliche Straßenkampf aus dem Shakespeare-Drama und der Ruf zur Ordnung durch den Prinzen, hier dargestellt durch eine Solo-Posaune. Blech ist ohnehin die Lieblingsinstrumentengattung Berlioz‘, wie wir bereits vom letzten Mal aus dem Requiem wissen und auch heute noch bestätigen werden können. Denn Blech bringt Gewalt und Effekt. Das war seine Welt.

Der zweite Satz, der – auch das hatte ich beim letzten Mal nachgetragen, obgleich wir es nicht hörten – mit dem im ersten Intervall leicht abgeänderten Beginn des Tristan anhebt, sei, sage ich, mit dem Ball bei Capulets ebenfalls, trotz der Auszeichnung als Sinfonie, ganz opernhaft gestaltet. Dasselbe gelte für die nächtliche Liebesszene im Garten. Überhaupt Chor und Solisten verstärkten diesen Eindruck noch.

Ich sage, das rieche doch bereits arg nach Gesamtkunstwerk. Insofern Wagner, der dem verehrten Berlioz die gewidmete Tristanpartitur zusendete, seine Adoration für dieses Werk zum Ausdruck brachte (Wagner nennt es eine völlig neue Art von Musik), sei das vielleicht kein unbedeutender Einfluß für Wagners Kunstauffassung gewesen. Florian bemerkt, daß dergleichen ganz neu nicht sei, eher eine Mischung aus Oper, Requiem und Sinfonie, wie es ja schon mit der Neunten Beethovens aufgekommen sei, deren Weg weiterzuentwickeln sich ohnehin alle Nachfolger zur Aufgabe gemacht hätten.

Zum Zweiten hören wir die Grande symphonie funèbre et triomphale, eine Sinfonie für Blasorchesterbesetzung. Sie wurde zum zehnten Jubiläum der Julirevolution in Auftrag gegeben und sollte unter freiem Himmel gespielt werden. Der Effekt der einmal mehr übermäßigen Besetzung verpuffte darin natürlich vollends. Doch obgleich Berlioz eine noch größere Besetzung anvisiert hatte, so erzählt Florian, seien von den 10.000 Franc für den Komponisten ohnehin bloß 2.800 übrig geblieben, welche Summe bei noch mehr engagierten Musikern endgültig aufgefressen worden wäre. Berlioz war Geschäftsmann genug, die Großbesetzung also bloß schriftlich zu hinterlegen.

Wir stellen einmütig fest, daß der Stil Berlioz‘ hier besonders deutlich zum Ausdruck komme, nämlich die Aneinanderreihung von Ideen, vor allem instrumentatorischen Einfällen und Effekten, während die Themen oft sogar ausgesprochen einfältig seien und jedenfalls einer Entwicklung meist völlig entbehrten. Diese Momente stächen, sage ich, aus einem Meer von beliebigem Dahinplätschern heraus, bis man wieder Minuten auf einen neuen Effekt zu warten habe. Man müsse gleichwohl zugeben, daß gerade dieser Kontrast die Effekte ganz entscheidend verstärke.

Auch wenn es selten konsequent und harmonisch vorbildlich entwickelten Stellen gebe, die allerdings auch mit ausgesprochen simplen Material arbeiteten, sage ich, sei selbst der Schluß in seiner abrupten Art ein Rohrkrepierer. Auch der Einsatz des Chores verfehle darin völlig seine Wirkung. Es fehlten, so Florian, die Steigerungen, die großen Bögen, wie im ganzen Werk, so am Schluß.

Schließlich hören wir die beiden letzten Sätze der Symphonie fantastique – Épisode de la vie d’un artiste. Es handele sich dabei um den Traum des verliebten Künstlers, in welchem er wegen des Mordes an seiner Geliebten zum Schafott geführt werden, erklärt Florian. Im Schlußsatz treffe der Protagonist dann in der Hölle bei einem Hexensabbat auf seine Geliebte. Ich sage, so unkonventionell hätte man die Vereinigung nach dem Tod wohl noch nie zustande gebracht. Dagegen sei der Tristan ja tiefchristlich. Florian meint, das Ganze sei vielleicht weniger die Darstellung eines Opiumsrausches, wie es Berlioz schildere, sondern vielmehr habe sich Berlioz in einen solchen begeben, um das Werk zu schreiben. Ich füge an, vermutlich gründe sich jedes Werk dieses Mannes auf einen Opiumrausch.

Sonderbar genug, sage ich, klinge der dritte Satz, welcher den Gang zum Schafott darstellt, nach einer dramatischen Einleitung eher nach Freudenmarsch. Aber das solle, so Florian, die Jahrmarktsstimmung einer solchen Enthauptung vergegenwärtigen. Das könne man, sage ich, mit einer barocken Fanfare, wie dem Te deum Carpentiers verwechseln. Der Schlußsatz hingegen mache nun ganz den Eindruck einer Effekt-Sammlung. Die abfallenden Streicher zu Beginn, habe Wagner im Ring sehr ähnlich verwendet. Dann komme reine Wiener Klassik zu Vorschein. Vielleicht hat Strauß in seiner Annen-Polka sogar von Berlioz gelernt. Seine Schüler scheinen ungezählt. Auch hier übrigens werde diese leichte Musik mit einem Tonartwechsel abgeschlossen, führe aber nichts konsequent daraus Entwickeltem zu. Es sei ein tolles Durcheinander.

Schließlich, nachdem Johannes bereits gegangen ist, versuche ich dem Gehörten etwas Sinnvolles abzugewinnen. Wir analysieren den Zusammenhang Wagners mit Berlioz.

Teil 2

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.