Spazierfahrt nach Saalfeld . Teil 1 . 14 Aug 2017

Ich denke, ich habe einmal wieder eine kleine Ausfahrt verdient. Aber zunächst möchte ich Sie mit einem gefährlich aussehenden Insekt bekannt machen, das im Garten in einer Vogeltränke ertrunken ist. Ich nehme an, es handelt sich um jenes Tier, das bereits den furchterregenden Namen Laubholz-Säbelschrecke trägt. Zunächst macht sie nur den Eindruck einer etwas unförmigen Grashüpferart.

Laubholz Säbelschrecke.JPG
Laubholz Säbelzahnschrecke, naja Säbelschrecke. Aber sie hat Zähne, am Hinterleib.

Wirklich furchteinflößend wird das Getier erst, wenn man es auf den Rücken legt. Dann zeigt es einen knallgrünen Bauch. Aber das scheint eine Ausnahme zu sein. Es finden sich meist Bilder mit gelben Exemplaren.

Laubholz Säbelschrecke Bauch.JPG
Laubholz Säbelschrecke mit giftgrünem Bauch

Aber nun geht’s los. Saalfeld nennt man die Steinerne Chronik Thüringens. Das hat mit ihrer gut erhaltenen Bausubstanz zu tun. Weshalb ich also noch nicht dort war, weiß der Himmel.

Bei Seitenbrück.JPG
bei Seitenbrück

Nun handelt es sich eigentlich bloß um 50 km. Aber Sie wissen ja, der Wangenheim genießt die Fahrt mit offenen Fenstern und tuckert selten mit über 50 Sachen durch die Landschaft. So dauerte die Fahrt weit über eine Stunde. Und was soll ich sagen: Es war wieder einmal herrlich. Heute rochen die Wälder besonders würzig und es war ein Genuß so viele enge Sträßchen durch die Uhlstädter Heide entlang zu gondeln.

zwischen Trockenborn und Hummelshain.JPG
Aussicht zwischen Trockenborn und Hummelshain: Was wie Flachland aussieht, ist eine Ebene, in welche ein halbes Dutzend enger Täler geschnitten ist.

Eine meiner Lieblingsstellen auf dieser Strecke, deren Straßen ich freilich alle kenne, ist jene Haarnadelkurve vor Friedebach. Die Straße schwenkt am Waldrand fast 180° und steigt in den Forst hinauf. Das erinnert mich an Landschaftgemälde, die es wahrscheinlich gar nicht gibt, die man allerdings sehr wohl einmal malen sollte. Da man die Stelle aber in ihrer eigentümlichen Wirkung gar nicht fotografieren kann, sondern nur in Bewegung wirkt, vermute ich, es wird auf ewig nur in meinem Kopfe herumschwirren.

vor Friedebach.JPG
vor Friedebach

Sehr viel unscheinbarer, aber dafür auch fotografisch zu bannen, ist das angenehm flache Tal vor Hütten, das sich eröffnet, sobald man aus besagtem Wald wieder ins Freie tritt.

vor Hütten.JPG
vor Hütten

Diese Strecke bin ich auf diesem Blog  bereits rückwärts von Ranis her gefahren, wo ich auch die alten Motorradfahrten verlinkt habe. Hütten ist lediglich ein Dorf, allerdings mit stattlichen Bauten, wovon ich hier nur ein Beispiel gebe.

Hütten.JPG
Hütten

Das ganze abgelegene Tal, das man eher eine flache Senke im Höhenzug zwischen Orla- und Saaletal nennen sollte, ist ein Kleinod. Man fühlt sich im Niemandsland und von aller Welt abgeschieden, und doch vermittelt die Weite des Tals den offenen Eindruck, es möge noch meilenweit so fort gehen. Dort stehen liebliche, alte Baumreihen an der Straße, hier schlängelt sich der schmale Asphalt ohne ersichtlichen Grund von einer Talseite zur anderen, dann wieder Kühe, faul im Grase liegend, altertümliche Weidezäune… ein wunderbares Reisen.

 

von Hütten nach Herschdorf.JPG
Zwischen Hütten und Herschdorf

Und schließlich langen wir auf den letzten Kamm über das Orlatal. Die Landschaft weitet sich nochmals und gibt Raum für verschwenderisch großzügige Blicke über Äcker und Himmel.

Über dem Orlatal.JPG
Über dem Orlatal

Die Wolken stehen in ungeheurer Weite zerklüftet über der herrlichen Kulturlandschaft aus Dutzenden, ja hunderten Baumreihen, Allebäumen, kleinen Feldern und Ortschaften, die sich unregelmäßig durch das Tal ziehen.

Blick ins untere Orlatal.JPG
Blick ins untere Orlatal bei Krölpa

Und schwupp, sind wir auch schon in Saalfeld, das völlig vom Verkehr erdrückt wird. Es begrüßt uns das Saaltor, das die Stadt wie ein Burgtor von der Saalebrücke trennte.

Saaltor und Saalfeld.JPG
Blick durch das Saaltor

Hier sehen Sie, daß selbst Architektur der 20er Jahre immer verkommt, wenn Renaissance-Fassaden zur Restaurierung gegenüber zur Verfügung stehen. Es gibt gute und schlechte Zeiten. Im Hintergund die Johanneskirche.

Saalfeld.JPG
Links ein Bau der 20er Jahre, rechts zwei Patrizierhäuser der Renaissance

Die doppelgieblige Stadtapotheke darf man sich ruhig noch einmal näher ansehen. Die Hofapotheke am gleich sich anschließenden Markt ist ein Bau, der um 1200 als Amtshaus des kaiserlichen Vogtes aufgeführt wurde. Denn Saalfeld war ein sächsischer Königshof.

Hofapotheke Saalfeld.JPG
Hofapotheke (um 1200) . davor auf einem Tuffsteinsockel eine Miniatur von der Stadt in Bronze gegossen

Dreht man sich herum, erscheint das Renaissance-Rathaus aus dem zweiten Viertel des 16. Jahrhunderts, das selbst in dieser Zeit noch gotische Elemente erkennen läßt.

Rathaus Saalefeld.JPG
Rathaus Saalfeld

Der Markt bietet jedoch auch eine weniger erfreulich Ansicht. Wenn Sie genauer hinsehen, bemerken Sie rechts bereits unsere neuerworbenen Beinklotze. Der braune Einschlag in dieser Stadt ist wieder einmal ekelerregend und auf dem Markt omnipräsent. Hier bemerke ich übrigens, daß ich doch schon einmal in der Stadt war. Ich habe damals einen Freund vom Bahnhof abgeholt. Das Wetter war recht düster aber stimmungsvoll.

Vor allem aber war die Stadt noch negerfrei. Ja, so war das damals im Osten, als das größte Verbrechen an meinem ästhetischen Sinn noch nicht begangen war. Weit und breit nur Deutsche. Warum dunkle Hautfarbe übrigens in Europa unsittlich ist, ja unsittlich, das erkläre ich Ihnen im Winter. Erinnern Sie mich gegebenenfalls daran! Links übrigens ein Bus, der für direkte Demokratie wirbt. Ich glaube allerdings nicht, daß die Gutes im Schilde führen.

Dann reicht ein Blick um die Ecke, um das zweite Tor der Stadt mit seiner im 18. Jahrhundert aufgesetzten Barockhaube zu gewahren. Da war mir ein wenig, als sei ich in Rothenburg ob der Tauber.

Oberes Tor Saalfeld.jpg
Oberes Tor vom Markte aus gesehen

Auf der anderen Marktseite gibt es ein paar böhmisch anmutende Lieden, d.i. Laubengänge zu sehen. Aber wohl hat das mit Böhmen nichts zu tun. Dort sind sie bloß häufiger erhalten. Vermutlich sah früher jeder kleinstädtische Markt in Deutschland so aus.

laubengänge Saalfeld.JPG
Laubengänge . Saalfeld . Markt

Ich sehe, der Spaß zieht sich doch in die Länge. Lassen Sie uns eine Pause machen und den Rest in einen zweiten Teil verlegen.

*

Advertisements

Ein Gedanke zu “Spazierfahrt nach Saalfeld . Teil 1 . 14 Aug 2017

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s