Soirée russe . 02 Aug 2017 . Weber, Mendelssohn-Bartholdy und das Dresdner Amen

Daß ich jede Woche eine herrliche Fahrt nach Weimar genieße, das habe ich Ihnen zuletzt ja ausführlicher dargestellt. Es war einmal mehr ein sonniger Abend, an dessen Himmel sich zuweilen ausgesprochen malerisch gewaltige Wolken türmten. So hatte ich im Grunde weniger den Eindruck einer Autofahrt als vielmehr den eines Ganges durch eine Gemäldegalerie mit überproportional vielen Achenbachs.

zwischen Sulza und Maua III
zwischen Maua und Sulza auf einem Sporn des Saaletals

Doch diesmal komplettierte die Stimmung ein Bauer, der sich seines Traktors entledigt haben mußte. Denn zwischen Göttern und Magdala kamen mir zwei stattliche Braune entgegen, die ein Fuhrwerk – freilich nicht stahl-, sondern gummibereift – hinter sich herzogen, das weder ein Kirmeswagen noch ein historisches Gefährt, sondern schlicht in Benutzung war. So etwa, wie das auf osteuropäischen Straßen häufig zu finden ist. Und trotz aller Pferde, die zuweilen links und rechts auf Koppeln grasen, erschien es doch ein so ungewöhnlicher Anblick, daß mir war, als sei die Welt wieder ein Stückchen wahrer und vollkommener geworden. Und so fuhr ich einmal mehr in bester Stimmung in Weimar ein.

zwischen Mellingen und Magdala.JPG
vor Mellingen

Aber zur Musik. Der kommende Monat, den wir aus Mangel an russischer Führung zu dritt verbringen, eröffnet uns ein anderes Beschäftigungsfeld als die russische Musik es nun schon seit über einem Jahr tut. Daher bat ich, man möge mir eine kleine Nachhilfe in Sachen Weber, Mendelssohn, Berlioz, Brahms und eventuell Meyerbeer gestatten, was freudig aufgenommen wurde.

Zunächst schlug Johannes vor, den zuletzt gehörten Jugendsinfonien Wagners jene Webers gegenüberzustellen, da dieser ebenfalls nur zwei geschrieben habe und zwar beide 1807 und beide in C-Dur. Die erste Sinfonie erklingt. Die 25 Jahre bis zu den Wagnersinfonien seien, sage ich, an einem deutlich klassizistischeren Duktus hörbar. Florian bemerkt, sein Lehrer sei Michael Haydn gewesen. Und gelegentlich klinge es allzu sehr nach Joseph, wie ich anfüge. Eines der Themen klinge interessanterweise sehr russisch.

Mit diesem volkstümlichen Charakter hänge vielleicht auch jenes Nebenthema zusammen, das doch arg simpel geraten sei, gerade in der Holzbläserwiederholung. Auch wenn er es im zweiten Durchgang harmonisch recht nett variiere, laufe es doch ebenso primitiv aus. Johannes meint, das sei ihm auch im Freischütz immer merkwürdig vorgekommen, daß es diese hochromantischen Stellen gebe, die Weber immer wieder mit den einfachsten Motiven kombiniere. — Das Klarinettenkonzert Nr. 2 in Es-Dur, das ähnlich konservativ daherkommt, wird angeschlossen.

Die Sinfonien schrieb er mit 21 Jahren, war aber bereits mit 17 Kapellmeister in Breslau. Das darf man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Das waren die bösen Konservativen, die aristokratisch und monarchisch gesinnten alten Herrn der Zeit, die einem Siebzehnjährigen das Pult geräumt haben. Das nennt man eine wirklich durchlässige Gesellschaft. Heute ist diese Offenheit für junge Talente völlig undenkbar. Niemand klebt an seinen Stühlen so Pattex-fest, wie unsere angeblichen Demokraten und Linksliberalen. Aber wir leben natürlich in den durchlässigsten und offensten Zeiten der Weltgeschichte… was sonst? — Eher in den erstarrtesten und deshalb auch ignorantesten Zeiten – sowohl der Vergangenheit als auch, was derlei Beispiele erzeigen, der Zukunft gegenüber. Eine Epoche kleinkarierter Opportunisten und Feiglinge, so wird man unsere Zwischenzeit dereinst titulieren – und recht dabei haben.

Wagner ist als Kind ein großer Verehrer Webers gewesen, der zuweilen im Hause Wagner Gast war, und welchen er aus dem Fenster blickend von den Proben her über die Straße humpeln sah. Dabei würden wir eher vermuten, Mendelssohn müsse es gewesen sein, der einen großen Eindruck auf den jungen Wagner gemacht habe. Dieser bis dahin als Wunderkind nicht unbekannte junge Mann wurde 1826/7 in ganz Deutschland schlagartig als Komponist gefeiert, und zwar der Ouvertüre zum Sommernachtstraum op. 21 wegen, die er ebenso wie Weber erstmals mit gut 17 Jahren selbst dirigierte. Sie sehen, das war kein Einzelfall. Das war der Stoff, aus dem diese angeblich so starre Gesellschaft gewebt war. Aber erzählen Sie das einem „Modernen“…

Nun könnte man sagen, diese Reihung Klassizist-Romantiker, die hier bei Wagner auftritt, sei gar nicht ungewöhnlich, denn Felix Mendelssohn-Bartholdy hatte noch steifere Wurzeln: Sein Lehrer war ja bekanntlich der von Goethe (dessen Musikgeschmack doch ausgesprochen altbacken war) hochgeschätzte Zelter.

Bereits die ganz gelassen, aber in meisterhafter Harmonisierung ruhig eröffnenden Holzbläser, zeigten den Sommernachtstraum als ein Stück an, das dem 17-jährigen Wagner niemand zutrauen könne. Das Hauptmotiv komme ebenfalls über alle Anfängerzweifel erhaben daher, wenngleich der plötzliche Einsatz desselben nicht gänzlich ausgereift wirke, wie ich ausführe. Schließlich das allseits bekannte Rüpel-Motiv – ein Ohrwurm, den jeder kennt.

Florian meint, auch er hätte das Stück, da er es zum ersten Mal gehört, als bekannt empfunden, dabei sei das seine erste klassische CD gewesen. Ich sage, das gehe mir natürlich genauso, allerdings müsse man bedenken, daß derart einprägsame Melodien, wozu auch andere Passagen des Stücks gehörten, früher so oft im Radio gespielt worden seien, daß man es vermutlich dennoch vorher gehört habe. Aber diese unerwarteten und an keine konkrete Erinnerung geknüpften Déjà écouté seien ja ohnehin die schönsten. Jedenfalls erkläre die völlig Grandseigneur-istische Stimmung dieses Stücks sehr überzeugend, daß die Hörer der Zeit mit offenen Kinnladen vor dem 17-jährigen Dirigenten und Komponisten gestanden hätten.

Eines allerdings sei dann doch nicht sonderlich gekonnt: Der scheinbare Schluß, der das Stück nicht beende, sondern in ein ruhiges Auslaufen mit dem Motiv des Anfangs münde. Nicht, daß der Schluß leise ausgeführt sei, hätte ich zu bemängeln, sondern die Tatsache dieses vorgezogenen Vollschlusses, der die Hörer in die Stimmung eines Endes versetze, die dann jedoch enttäuscht werde, indem bereits bekannte Motiv weitergeführt würden und damit der eigentlich keinesfalls schlechte Gedanke eines ruhigen Ausleitens zerstört werde.

Johannes meint, bei Wagner lasse sich immer eine Entwicklung nachvollziehen, ein Reifen seiner Kunst. Hier, bei Mendelssohn, sei alles sofort da. Florian ergänzt, sein erster großer Erfolg sei auch zugleich der Höhepunkt seines Schaffens gewesen. Das, meine ich, sei eine interessante Beobachtung, die mit meiner Beschreibung des Wunderkindes im Gegensatz zum Erlebniskind aus KuI S. 484 ff exakt übereinkomme. Und wie ich so nachlese, steht dort all das bereits, gerade auch der Zusammenhang zwischen Wagner, Mendelssohn und Zelter. Gutes Buch. Wer hat das geschrieben? — Wangenheim… Ah, der soll wohl auch ’n netten Blog haben.

Florian liest uns Wagners Bemerkungen zum Sommernachtstraum vor, die er 1878 machte. Darunter das bekanntere Zitat des Mückentanzes, mit welchem die Elfen darzustellen Wagner bedenklich fand. Gleichwohl fällt sein Gesamturteil positiv aus.

Wir schließen die Hebriden-Ouvertüre Mendelssohns an, welche ebenfalls mit einem recht bekannten Hauptmotiv beginnt, aber die Frische des Sommernachtstraumes durchaus vermissen läßt. Das Ganze höre sich schon deutlich angestrengter an, so als sei ihm über dieses Hauptmotiv hinaus nichts mehr eingefallen.

Wir schließen mit der Reformations-Sinfonie, Nr. 5. Florian erklärt auf meine Nachfrage, daß bereits ein Onkel, der den Namen Bartholdy angenommen, der vom Vorbesitzer eines Gutes der Familie herrühre, zum christlichen Glauben konvertiert sei. Dieser habe das Christentum in die judische Familie getragen und Felixens Eltern dazu gebracht, zwar nicht sogleich selbst überzutreten, aber die Kinder christlich zu erziehen. So hätten wir also eine Reformations-Sinfonie aus jüdischer Feder, was doch recht merkwürdig wirke, sage ich.

Kaum läuft der erste Satz, rufe ich hinein, das sei doch Parsifal! In der Tat, aber, so Florian, Wagner habe nicht von Mendelssohn abgeschrieben, sondern beide vom sogenannten Dresdner Amen, verfaßt von Johann Gottlieb Naumann als Teil der sächsischen Liturgie. Das sei mir unbekannt gewesen. Wie klein die Welt doch damals gewesen sei. Aber Sachsen, das sei nun mal schon immer der Nabel der Welt gewesen, weshalb wir Thüringer früh dazu übergegangen seien uns frech als Westsachsen zu bezeichnen.

Der zweite Satz, so besteht Einigkeit, lasse dann alles Geistliche fehlen. Es ist hier das Scherzo. Mendelssohn schließt mit einer leichten Abwandlung des Luther-Chorals Ein feste Burg ist unser Gott. Im Übrigen komme der Schlußsatz recht klassizistisch daher. Es sei vielleicht nicht wenig verwunderlich, daß die Sinfonie keinen Erfolg hatte, obgleich sie keineswegs schlecht geschrieben sei. Aber wir hätten ja bereits festgestellt, daß Mendelssohn seinen schöpferischen Höhepunkt bereits mit 17 überschritten hatte. Gnade den Frühzündern.

 

 

 

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