Kapitalismus und Diskriminierung

Am allerliebsten diskriminiere ich ja. Das liegt daran, daß ich recht gern mein Hirn benutze. Denn es ist ein essentielles Gut menschlichen Denkens, zu diskriminieren. Ja, es handelt sich um den eigentlichen Vorgang des Denkens. Wir machen Unterschiede in der Welt aus, um uns in derselben zurechtzufinden.

Scheitern Sie an der Diskriminierung von Griff und Schneide an einem Messer, kann das schmerzhaft für Sie enden. Ist Ihr Auge mit der Diskriminierung von rot und grün überfordert, überlege ich mir vielleicht doch noch einmal, ob ich zu Ihnen ins Auto steige. Können Sie und nicht von oder unterscheiden, ist eine Diskussion um logische Fragen mit Ihnen völlig zwecklos. Auch das Tier diskriminiert. Man sollte als Wiesel schon unterscheiden können, was die Silhouette einer Maus und die eines Fuchses ist. Das eine ist schmackhaft, das andere läßt es sich schmecken.

Nun kann man freilich dabei eklatante Fehler machen. Und es werden häufig eklatante Fehler gemacht. Es wird falsch diskriminiert. Aber das ist im Grunde nichts Schlechtes, zumindest nicht für den, der erkennt, daß Fehler gemacht werden. Und zwar deshalb, weil es seine Position stärkt, wenn andere Fehler machen. Lassen Sie mich konkret werden.

Alle paar Jahre mühen sich die vereinten Social Justice Warriors (SJW’s) an der diskriminierenden Kreditvergabe an Schwarze und Latinos ab – in den USA. Europa hängt da immer schon etwas hinterher. Und tatsächlich, die Banken geben Schwarzen nur gegen erhöhte Zinsen Kredite und lehnen sie überhaupt deutlich öfter ganz ab. Das liegt selbstredend daran, daß die widerlichen Kapitalisten zweifellos Rassisten sind. Aber das sollte niemanden ärgern, sondern jubilieren lassen. Denn das ist doch das Schöne an dieser Situation: Die Bänker sind in einer rassistischen Ideologie gefangen und machen daher volkswirtschaftliche Fehler. Denn sie verlieren ja durch diese Diskriminierung offenbar Kunden. Und an jedem Kunden verdient sich so eine neo-kapitalistische Bank schließlich dumm und dusselig.

Jetzt kommt die Stunde der Social-Justice-Warrior: Sie nehmen Ihr eigenes Geld in die Hand und verleihen es an die Schwarzen und Latinos – und zwar zu denselben Konditionen, wie sie von den suprakapitalistischen Banken nur Weißen gewährt werden. Damit haben sie einen signifikanten Teil der Bevölkerung zu ihren Kunden gemacht und… verdienen jetzt so endlos Geld, wie die Bänker.

Jaja, ist ja gut! Das hab ich mir bloß ausgedacht. Das machen sie natürlich nicht. Warum bloß? Und warum ist keine Bank daran interessiert, diese offensichtliche Lücke bei der Kundengewinnung zu schließen?

Nun, falsche Diskriminierung, oder wie der gute alte Milton Friedman sagt: discriminating for irrelevant reasons, also Diskriminierung aus ungerechtfertigten Gründen, ist ja bloß eine andere Umschreibung von: sich irren. Nämlich einen Faktor falsch bewertet zu haben.

Nehmen wir die Hautfarbe. Nach der reinen, abgelösten Farbe der Hautoberfläche eines Wesens seine Eignung für irgendetwas oder sonstige Eigenschaften abzulesen ist ohne weiteres ein kühnes, meist falsches Unterfangen. Wenn die grünen Männchen auf unseren Planeten kommen, dann wissen wir nicht, wer da vor uns steht. Nun zu sagen: Grün mag ich nicht! Das sind bösartige Geschöpfe! ist töricht.

Vielleicht sind grüne Wesen ganz umgänglich. Sie würden niemals eine negative Assoziation entwickeln, wenn das eine gute Repräsentation von grünen Wesen wäre. Sie wissen natürlich, was nun kommt: Grüne Wesen können, wie in Mars Attacks, auch eher weniger umgänglich sein.

Aber bei Schwarzen und Latinos geht es nicht um ihre Hautfarbe, sondern eben ganz einfach um ihre wirtschaftliche Zuverlässigkeit. Und damit sieht es offenbar statistisch nicht sonderlich gut aus. Sonst würde doch irgend jemand, zu guter Letzt die SJWs selber, die Arbitrage abfassen, die zwischen dem Zinssatz für Weiße und jenem für Schwarze liegt. Und sollten sie aus humanitären Gründen an Gewinnen nicht interessiert sein, könnten sie die Kredite sogar nochmals günstiger anbieten.

Das offensichtlichste Gegenbeispiel, daß hier nämlich rein wirtschaftliche Phänomene arbeiten, sind die Nordostasiaten. Denn niemand käme auf die Idee, diesen schlechtere Bedingungen bei der Kreditvergabe anzudingen als Weißen. Vermutlich sind sie sogar zuverlässiger.

Solang sie also nicht absolut sicher sind, daß eine Diskriminierung aus irrelevanten Gründen vorliegt – und das ist die einzige unzulässige, d.h. nicht gerechtfertigte und deshalb am Ende immer kostspielige Diskriminierung –, halten sie sich natürlich mit dem Einsatz eigenen Geldes zurück. Sie fordern dann lieber vom Steuerzahler oder den Banken ein größeres Risiko einzugehen oder schlicht zum Aderlaß.

*

Aber nehmen wir an, es gäbe solche Fälle von Diskriminierung aus ungerechtfertigten Gründen. Und es gibt sie. Reichlich sogar. Sie findet immerzu statt. Bei unentdeckten Talenten, bei nicht etablierten Parteien, und zu guter Letzt bei falsch bewerteten Unternehmen.

Nehmen wir das letzte Beispiel: falsch bewertete Unternehmen. Wer sorgt dafür, daß diese wirklich falsche Diskriminierung aufhört? Die SJWs nicht. Sondern die Kapitalisten. Genauer: nicht die Mainstreamkapitalisten. Zu denen gehören nämlich auch die Progressiven, wenn sie FAANG-Unternehmen (Facebook, Apple, Amazon, Netflix, Google) nutzen (und zuweilen deren Aktien kaufen) und durch diese Mainstream-Haltung für Überbewertungen bereits reichlich überbewerteter Unternehmen sorgen, und nach dem Crash natürlich immer den bösen Kapitalismus schuldig sprechen, dabei waren sie es selbst. Nein, wer gegen diese Crash-Faktoren vorgeht, sind die Value-Investoren.

Wenn ich heute eine unterbewertete Aktie kaufe, dann stelle ich jenen Menschen Geld zur Verfügung, die ein nach den Zahlen fabelhaftes Unternehmen führen, aber für diese gute Arbeit nicht angemessen entlohnt werden. Da arbeitet also eine Menge von Menschen recht erfolgreich, wird aber für diesen Erfolg aus rein irrationalen Gründen nicht gerecht bezahlt. Ob zu recht oder zu unrecht, das entscheidet der Markt, zumindest over time. Hat der Value-Investor recht, dann handelt es sich tatsächlich um eine Pay-Gap. Hier stehen sich nachweislich, und zwar in Zahlen meßbar, hohe Leistung und geringe Bezahlung gegenüber, d.h. es wird zu unrecht diskriminiert.

Nun wird diese Diskriminierung am Aktienmarkt immer auch aufgehoben. Dazu braucht es jedoch keine Social Justice Warriors. Mit der Zeit erkennen immer mehr Anleger die Diskriminierung aus irrelevanten Gründen und steigen ein. Der Kurs steigt. Und zwar weil es genügend Menschen gibt, die statt zu reden, den ernstlichen Beweis antreten, daß sie an die Unterbezahlung, d.h. Unterbewertung glauben, nämlich indem sie ihr eigenes Geld auf das Unternehmen setzen.

Das soll nun dem Value-Investor keine Medaille der sozialen Gerechtigkeit umzuhängen. Denn der tut dergleichen nicht aus Gründen sozialer Boni, sondern eben deshalb, weil eine echte Diskriminierung, wie ich oben sagte, für den Diskriminierenden einen wirtschaftlichen Nachteil, die Diskriminierung zu entdecken und wirtschaftlich die Gegenposition einzunehmen aber Arbitrage bedeutet. Übrigens auch im außerwirtschaftlichen: Wer jemanden gesellschaftlich diskriminiert, der es nicht verdient, diskriminiert zu werden, wird in the long run als Trottel dastehen. Zu recht.
Wer dagegen ungerechtfertigte Diskriminierung erkennt, kann daraus selbst einen Vorteil schlagen. Ob in menschlichen Beziehungen, weil man einen Menschen, der geächtet ist, zu seinem Verbündeten macht, da er ausgesprochen hohe Leistungen irgendwelcher Art erbringt, oder im Wirtschaftsleben.

Unsere Kämpfer für soziale Gerechtigkeit aber können keinen wirtschaftlichen Vorteil aus diesen angeblichen wirtschaftlichen Diskriminierungen schlagen. Auch bei der Gender-Pay-Gap ist noch kein SJW darauf gekommen, ein Unternehmen ausschließlich mit weiblichen Angestellten zu gründen und die angeblich 20% Lohnvorteil auszunutzen. Oder wenigsten wie alle andere Unternehmen zu wirtschaften, aber Frauen 100% des Männergehaltes zu zahlen. Wie kommt das?

Natürlich, weil eben keine ungerechtfertigte Diskriminierung vorliegt, sondern nur Diskriminierung, die ihre guten Gründe hat. Daher wird jede Bank die höhere Kreditausfallrate in jedweden Kreisen (seien es gewisse Wohngegenden, gewisse Berufe, gewisse Ethnien) mit höheren Zinsen ausgleichen oder Kredite gar nicht vergeben. D.h. bis der Staat sie dazu zwingt, immer ein und dieselbe Zinslast zu fordern. Das nennt man dann Sozialismus.

Dort tragen die Fleißigen die Faulen in der Gegend herum, damit deren Aussicht besser ist. Und weil sie das nicht lange tun, sondern sich irgendwann ebenfalls kein Bein mehr rausreißen, sinkt die Wirtschaftskraft einer solchen Gesellschaft recht schnell ins Bodenlose. Sie kennen das. Daran ist die DDR zugrundegegangen. Am Ende hat kaum noch jemand richtig gearbeitet. Das kann Ihnen jeder Arbeiter aus DDR-Zeiten berichten. Sie wissen, daß wir uns heute auf einer ähnlichen Trajektorie befinden.

Aber es gibt ein anderes Beispiel, von dem Sie vielleicht noch nichts gehört haben: die Kolonisten in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ja, in der Tat. Die ersten Siedler waren alles andere als Kapitalisten. Sie waren sogar vorbildliche Kommunisten. Bis, ja bis die Hälfte von Ihnen verhungerte. Das ging damals recht schnell, weil man von Null zu wirtschaften begann. Heute, da 150 Jahre industrieller Kapitalismus bereits eine große Menge Wohlstandes geschaffen hat, dauert es natürlich viel länger, bis wir wieder Ratten und Schnürsenkel fressen. Dann werden wir auch wieder ein Einsehen haben, wie die Kolonisten in ihrer neuen Heimat.

Was auf diesen Fauxpas eines kommunistischen Versuches folgte, ist der in der Geschichte beispiellose 150-jährige Aufstieg der USA, und zwar vor allem in Bezug auf den allgemeinen Reichtum der durchschnittlichen Amerikaner. Auch Deutschland war – wenngleich wir nicht umsonst die „Erfinder“ der Sozialversicherung sind – im ausgehenden 19. Jahrhundert im Grunde eine gänzlich amerikanische Gesellschaft. Das wird heute gern vergessen. Aber beide Systeme sind gegenwärtig, mit Staatsquoten von 38 und 44%, weit von den ehemaligen 10% entfernt.

Im Zuge dieser allgemeinen Denkweise der Allmächtigkeit des Sozialstaates brandmarkt man aber, wie Sie sahen, vornehmlich die eigentlich durchaus gerechtfertigten Diskriminierungen. Andererseits werden tatsächlich ungerechtfertigte Diskriminierung, also das Niederhalten von eigentlich fähigen Leuten, die dem Gemeinwohl enorme Vorteile erwirtschaften könnten, im gleichen Maße immer häufiger. Wo Nicht-Leistung belohnt wird, dort wird automatisch Leistung entlohnt. Und das hat in der Geschichte noch nie bei mehr Wohlstand geendet, auch nicht bei bloß weniger, sondern im Untergang des Systems: Darwinismus in der Größenordnung von Weltanschauungen.

 

*

2 Gedanken zu “Kapitalismus und Diskriminierung

  1. Leser

    Ich mag die Wahl Ihres Titelbildes. Anscheinend hatten Sie der Diskriminierungen resp. Unterscheidungen genügend zu treffen! Die Colorierung ist Ihnen gelungen. Wollten Sie die Monumentalität des Leipziger Bahnhofs farblich besoders hervorheben oder haben Sie sich da einfach an das Original gehalten? Der Rest scheint dagegen jedenfalls zu verblassen, was aber der damaligen Wirkung durchaus noch entspräche.

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  2. Das Titelbild verweist auf den Satz, Deutschland hätte um 1900 im Grunde ein amerikanisches System gefahren. Und da die alten Beiträge „Marktwirtschaft und Kapitalismus“ mit kolorierten Bildern aus New York betitelt waren, dachte ich, eine deutsche Stadt wäre nun angebracht. Und da es recht einfach zu kolorieren schien, habe ich mich mal geopfert.

    Der Bahnhof ist das naheste Gebäude. Fernere Fassaden müssen etwas blasser sein. Aber Sie haben dennoch recht, denn die Fotografie ist genau in diesem Sinne bearbeitet (und zwar beim Vergrößern, also beim Abziehen, nicht in neuerer Zeit). Der Kontrast des Bahnhofs ist höher als derjenige aller übrigen Objekte. Das kennen Sie vielleicht aus alten technnischen Büchern, wo gewisse Teile einer Fotografie hervorgehoben werden, da sie gerade besprochen werden, während der Rest mit verringertem Kontrast dargestellt ist. Hier sehen sie ein Beispiel, das filmisch umgesetzt ist, da ich gerade keine Bilder im Netz finde: https://www.youtube.com/watch?v=gAwuv_aYm34#t=3m14s

    Den Automobilen nach zu urteilen, handelt es sich um eine Fotografie der frühen 20er Jahre. Da war der Bahnhof noch recht neu und offenbar hielt man es für angemessen, ihn herauszustellen. Vielleicht war es eine Postkarte mit der Bildunterschrift: Der Hauptbahnhof in Leipzig.

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