Leben wie um 1900

Ich kann gar nicht sagen, ob für mich das Gutshaus 1900 ein Schlüsselerlebnis war, wie für jenen Mann, auf den wir gleich kommen. Aber ich denke, meine Faszination des Soliden und Althergebrachten hat eher persönliche und familiäre Ursprünge. Nichtsdestoweniger war eine solche Inszenierung im Jetzt für mich freilich höchst interessant.

Dieser Typ Serie, in welchem Laien alte Zeiten spielen, hat seinen Ursprung in England. Das direkte Vorbild war 2003 The Edwardian Country House. Als Herrenhaus diente in dieser Vorlage eher ein Schloß, wie sich das für den englischen Adel gehört, und für die Zahl der Darsteller freilich völlig überdimensioniert. Aber England war ja auch Weltmacht. Haste was kannste!

Später, seit 2010, überführte man die Idee ins echt Schauspielerische und drehte die im englischsprachigen Raum ausgesprochen erfolgreiche Serie Downton Abbey. Das war gewissermaßen die auf Hochglanz polierte Schlußszene des Genres, mit einem Übermaß an Deckenhöhe, Brokattapete, Barock- und Empire-Möbeln, endlosen Zimmerfluchten und jeden Abend Frack (außer das nötige Vorhemd war aus umtrieblerischen Gründen nicht zu greifen und man mußte sich im Smoking blamieren). Nicht zu vergessen, die gute alte Schule des Wit, des derben, nicht nur englischen Humors.

Kennen Sie das noch? Oder besser: Haben sie das noch erlebt? Nicht dieses ewige Rumgeschmeichle, dieses verschlagene Vorschützen von Anstand und Leutseligkeit? Das ist es, wie der Bauer, der „Manieren“ gelernt haben will, sich aufführt. Nämlich seine ewigen Laster, vor allem den Neid und seine vehehlten Inferioritätsgefühle, mit aller Macht im Griff zu halten, bis ihm doch seine ganze Niederträchtigkeit irgendwann einmal in einem tourettalen Erbrechen entweicht… Was sind dagegen die alten Männer erfrischend, die heute bereits komplett ausgestorben scheinen: Gerade heraus, wenn sich jemand daneben benimmt! Keine falsche Contenance heucheln, wo einfach eine Zurechtweisung angebracht ist.

Da fällt mir unser alter Mathematik-Professor ein. In mathematischen Sätzen heißt es oft: „Vermöge folgender Definition…“ Da fragte eines Tages ein Student des ersten Semesters, was „vermöge“ heiße. Die Antwort war ein lautes und bloßstellendes: Sind Sie Ausländer? – Nein. – Dann werden Sie auch die deutsche Sprache verstehen! Die Stunde ging unter Gemurmel und Gekicher fort.  Und vielleicht hat die betreffende Studentin auch etwas daraus gelernt. Zum Beispiel, daß sie an ihrer Sprachbildung etwas tun müsse und das eigenständige Recherchieren eine Tugend ist.

Aber nach einem solchen Umstand ist es dann auch wieder gut. Solche Männer, jene mit Stil, wird man nie etwas nachtragen sehen. Das ist jenes weibische: Ich lege dir deine Fehler noch 40 Jahre nach der Hochzeit vor und kann’s dir nicht vergessen. Gerade das ist eben nur sprichwörtlich weibisch. Was sind unsere kleinkarierten Männer heute mit dieser ehrlosen Veranlagung unterwegs. Was das unsere Diskussionskultur zerstört hat! Man kennt keinen Mann des öffentlichen Lebens mehr, der für seinen Witz bekannt wäre. Oder täusche ich mich? Vielleicht war Reich-Ranicki der letzte.

Es ist natürlich bezeichnend für unsere Zeit, daß auch in Downton Abbey die Dowager Countess diesen Part übernimmt und dagegen der Herr des Hauses ein Zärtling ist. Nicht, daß es diese wunderbaren alten Schreckschruwen nicht gegeben hätte, aber tatsächlich war es natürlich andersherum. Der Earl of Carvarnon, der das echte Highclere Castle bewohnte, war nicht nur ein böser Hund, sondern übrigens ganz nebenbei jener, der mit Howard Carter das Grab des Tut-Anch-Amun ausgrub.  That’s what I do at weekends. – What is a… week-end?

Wie komme ich darauf, das zu rekapitulieren? Weil ich heute zufällig auf einen gewissen Herrn Schmitz, Florian Schmitz, stieß und nicht wenig beeindruckt war. Dieser junge Mann… ach, sehen Sie selbst: lebt im Jahr 1900. Naja, nicht ganz. Ich sehe da im Bildwinkel Suppenbrühe mit gelbem Plasteverschluß. Außerdem kommt der Aschenmann nicht mehr. Aber ziemlich nah dran, wie Sie sehen.

Nun ist es ja so, daß mir Menschen gefallen, die ihr Gemüt rekreieren. Auch die Sprache stimmt also. Allerdings wäre ich für derartige Disziplin dann wohl doch ungeeignet. Gleichwohl bewundere ich die Konsequenz dieses Herrn, wo ich reichlich alteriere und mich mit kleinen Bissen aus den schönen alten Zeiten begnüge.

Und ich sage mit Grund schöne alte Zeiten. Der Mensch – sofern nicht völlig abgestumpft, wie die Adoranten des Modernismus, die alles nachäffen, solang die sie umgebende Masse es ihnen vorhampelt –, kann den Niedergang der Ästhetik im modernen Leben nicht ernstlich übersehen. Und wessen Empfindung nur genügend Klarheit über diese Tatsache gewinnt, die unweigerlich zur Erkenntnis führt, daß Abhilfe das Leben verschönert, hat gegenzusteuern. Und es gibt keinen dankbareren und gegen jedes Feixen der Majorität sich ganz von selbst verteidigenden Zustand, als den der eigenen Zufriedenheit.

*

 

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Ein Gedanke zu “Leben wie um 1900

  1. Genau so isses. Noch Fragen ?

    Hartmut Amann*, Freiburg

    *fast 75, total altmodisch, spiele Straßen-Theater im besten Anzug, den ich habe, mit gewichsten Schuhen, und liebe scarlettiöse Damen mit zerbrechlicher Taille.

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