Soirée russe vom 27 Juli 2017 . Teil 2 . Wagners C-Dur und E-Dur-Sinfonien und Balakirews zweite

Zu den Meistersingern passend zieht Kim galant die schon beim letzten Mal vorgesehene CD mit den frühen Wagner-Sinfonien hervor, mit welcher wir endlich einsteigen. Zunächst die C-Dur Sinfonie aus dem Jahr 1832. Sie wurde von seinem Lehrer Christian Gottlieb Müller 1832 uraufgeführt und kam dann erst 1882 wieder zur Aufführung, nämlich privat bei Wagners in Venedig. Erstaunlich genug, diese Uraufführung in Leipzig fand im Beisein von Clara Wieck statt, die daraufhin an Robert Schumann schreibt, Wagner habe ihn überflügelt – ein deutlicher Vorwurf an Schumanns Zögern eine solche zu verfassen. Ihr Vater habe die Sinfonie außerordentlich gelobt (aus einem Brief Claras an Robert, den der Vater Friedrich mitverfaßt hat):

Die Sinfonie von F. Schneider [Hofkapellmeister in Dessau; berühmter und äußerst fruchtbarer Komponist; schrieb 23 Sinfonien], welche im Gewandhaus gemacht wurde, sei zu vergleichen einem Frachtwagen, der zwei Tage bis Wurzen führe und hübsch im Geleise bliebe und ein alter langweiliger Fuhrmann mit einer großen Zippelmütze murmelte immer zu den Pferden: Ho, ho, ho, hotte, hotte. Aber Wagner führe in einem Einspänner über Stock und Stein und läge aller Minuten im Chausseegraben, wäre aber dem ohngeachtet in einem Tage nach Wurzen gekommen, obgleich er braun und blau gesehen habe.

Wagner brauche zu Beginn, sagt Florian, sieben oder acht Orchsterschläge, während die siebte Beethovens, an die das alles doch sehr erinnere, mit vieren auskomme. Insofern, scherzt Florian, habe er ihn wohl übertroffen. Ja, das sei ganz typisch für den frühen Wagner, füge ich an. Er probiere da in den Orchesterschlägen recht minimale harmonische Schritte aus, wie das schon in der Hochzeit geschehe. Man könne sagen, der junge Wagner entdecke das Durchschreiten der Harmonien für sich, sehr einfach, nämlich ganz voneinander getrennt und meist in zu vielen Schritten mit entsprechend geringem dramatischen Zug und eben dazu in Orchesterschläge verkürzt. Die Runde erkennt Webersche und Mendelsohnsche Einflüsse.

Aber er versuche sich gerade in dieser Sinfonie durchaus ja auch bereits an verschränkter harmonischer Führung, sage ich. Außerdem sei es schon in der ersten Hälfte des Kopfsatzes arg dramatisch angehaucht, erinnere einen an die typischen Wagner-Momente späterer Opern wenigstens bis zum Holländer. Wir sind uns einig, das sei für einen 19-jährigen eine erstaunliche Leistung. Florian fügt an, Beethoven habe mit neunzehn nichts auch nur Ähnliches geschaffen.

Dann, am Schluß des letzten Satzes, horche ich plötzlich auf: Das sei exakt aus dem Liebesverbot gekupfert! Als wir nach Ablauf der Sinfonie den Abschnitt wiederholen (die Orthodoxen erlauben kein Zurückspulen, während die Sinfonie läuft, da mußte ich mich fügen), wird mir klar, daß diese merkwürdig heraustechende Stelle aufsteigender Noten eine harmonisch und motivisch exakte Kopie aus dem Frauenchor der Hochzeit sei. Das stelle einen erneuten Fall der Art dar, wie wir ihn schon bezüglich der Feen und des Holländers gesehen hätten.

Und nun, beim abermaligen Hören, erkenne ich eine weitere, schnell darauf folgende Stelle, die vermutlich im Eifer des Gefechtes gestern untergegangen ist, nämlich ein Déjà ecouté aus oder vielmehr in den Holländer: diese Stelle absteigender Noten des langsamen Satzes nämlich kehrt in dem wunderschönen abschließenden Duett Senats mit Erik wieder, als dieser singt Sag war es nicht die Versicherung deiner Treu! das heißt genauer: Als deiner Hände Druck mich hehr durchdrang, sag war es nicht… hier herrlich intoniert von René Kollo.

Besonders illustrativ ist im Falle der Sinfonie, wie zwischen den beiden Déjà ecouté aus Hochzeit und Holländer Wagner noch zweimal anhebt (in Hochzeit’scher Art mit typischen Paukenechos), dabei offenbar eine Fortführung des unpassend eingeworfenen Hochzeit-Zitats sucht… und schließlich eben beim Holländer herauskommt, der hier noch elf Jahre auf sich warten läßt, also Zukunftsmusik ist. Das Ganze wiederholt sich nochmals als Steigerungen ausgeführt ab 18:00. Das scheint mir bald das schönste Déjà ecouté, das mir je untergekommen ist: Wagner bei der Arbeit über die Schulter gucken.

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Es folgt die zweite Sinfonie Wagners in E-Dur. Die ersten beiden Sätze sind von Felix Mottl, der 1887 in Bayreuth drigierte, auf Bitten der Familie, welche die Skizze in einem Antiquariat erstand, wenn ich mich recht entsinne, orchestriert worden. Mehr ist nicht erhalten.

Der erste Satz ist gar alles andere als schlecht und sogar sehr feurig, leicht italienisch geraten, aber der zweite Satz war für mich, seit ich ihn kenne, ein ausgesprochen überwältigendes Stück. Denn hier ist Wagner 1834 bereits dort angekommen, wo ich ihn am höchsten Schätze, nämlich beim Lohengrin. Ich glaube, das ist hier im Blog noch nicht zur Darstellung gekommen, daher darf ich Sie auch noch zu dieser Prophezeihung aus früher Wagnerscher Musik einladen: Es ist das Hauptmotiv des langsamen Satzes, das schließlich in eine Wendung aus Elsas Brautzug zum Münster übergeht. Das erinnert nicht nur, sondern ist eine exakte Kopie. Die schöne Einführung des zweiten Satzes, also die Hinführung zu diesem Abgesang hat er zugunsten des eigentlichen Motivs aus dem Brautzug nicht mehr verwendet, obgleich die harmonische Form und die Stimmenführung bereits ganz den Lohengrinschen Duktus angenommen hat und vermutlich von Mottl, der diese Identität zweifellos erkannte, entsprechend orchestriert. Ich halte diesen zweiten Satz für eines der schönsten Stücke, die Wagner geschrieben hat. Und das 14 Jahre vor der Komposition des Lohengrin.

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Da dies im Grunde bloß eine Exkursion darstellte, gehen wir nun zu den Russen über, genauer Balakirevs zweiter Sinfonie. Deshalb sehen Sie im Titelbild auch Balakirev neben Wagner. Man scherzt, heute seien nur Antisemiten im Programm. Wie dem auch sei: Die erste hörten wir bereits beim letzten Mal, was ich hier unterschlug, und an welcher er dreißig Jahre schrieb, oder besser gesagt, sie fast dreißig Jahre liegenließ, bis er sie abschloß. Es gefielen vor allem der erste und zweite Satz, und allgemeine pseudo-arabische Einflüsse wurden bemerkt. Genaueres ist mir nicht mehr im Gedächtnis.

Die zweite erringt durchgängig geringere Gunst in der Runde. Ich versuche ein wenig dagegenzuhalten. Das sei kein Geniestreich, aber gerade die allgemeine Langeweile, wie man sagen könne, gebe dem Stück eine gewisse Note von süffiger Kaffeehausmusik. Das teilt unser Musicus noch. Ich sage, die Frage stelle sich, was hier zur Darstellung gebracht werden solle.

Wenn das ein sanfter Ritt durch das russische Land sein solle, bei dem man alle paar Stunden in einem Dorf Volkstänze höre, um nur daran vorüberzuziehen, dann mache die allgemein gelungene russische Färbung der Musik und die eingestreuten Volksliedverarbeitungen und tänzerischen Momente durchaus Sinn. Freilich führe das für eine Sinfonie des frühen 20. Jahrhundert, wo wir nun angekommen seien, zu einem recht altertümlichen und wie Kim einwirft uninspirierten Eindruck. Aber gerade das gebe der Musik eine außerordentliche Gelassenheit in der Darstellung eines vergegenwärtigten Bildes der ruhenden russischen Seelenlandschaft. Dies werde verstärkt durch die allgemeine Ähnlichkeit der Sätze, die nach Tempi, Rhythmen und Instrumentierung (die allgemein als sehr gut befunden wird) untereinander nur minimal kontrastierten. Aber ich stoße auf taube Ohren. Vor den Meisterhörern hat Balakirew also versungen.

Klock, klock, klock!

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4 Gedanken zu “Soirée russe vom 27 Juli 2017 . Teil 2 . Wagners C-Dur und E-Dur-Sinfonien und Balakirews zweite

  1. Pingback: Soirée rusee . 03 Aug 2017 . Weber, Mendelssohn-Bartholdy und Parsifal – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. Pingback: Soirée russe . 15 Aug 2017 . Der Tor Berlioz und Wagner als Gurnemanz . Teil 2 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

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