Soirée russe vom 27 Juli 2017 . Die Meistersinger in Bayreuth . Teil 1

Im Regen der letzten Tage hatte ich endlich einmal wieder Zeit, eine altmodische Wanderung zu machen, deren belebenden Charakter ich in der gegenwärtig recht dichten Arbeit  schon bald vergessen haben mochte.

Und doch wird sich dieser Zustand nicht allzu bald mäßigen, womit mein einziger Reisegenuß die wöchentliche Fahrt nach Weimar bleibt. Allein dieses entspannende Rollen über die Dörfer hat einen höchst kontemplativen Charakter. Was im Garten nur bei schönem Wetter möglich ist, das findet man hier sogar im Regenwetter. Manchmal ist es allerdings der Kontemplation zu arg, sodaß ich zwar an die Druckerpatronen, die mir ausgegangen sind, nicht aber an die Jewel-Cases für das Spengler-Hörbuch gedacht habe, das sich in letzter Zeit erhöhter Beliebtheit erfreut. Das freut mich natürlich sehr, da ich, wie ich einmal sagte, Spengler gern in die Wohnzimmer zurückzubringen einen kleinen Beitrag leisten möchte.

Im russischen Abend angekommen, berichte ich zusammenfassend von der schönen Meistersinger-Aufführung in Bayreuth, die übrigens – falls Sie noch einen Fernseher besitzen – heute Abend um 20:15 auf 3sat und am Sonntag um 20:15 auf EinsAlpha nochmals ausgestrahlt wird. Außerdem gibt es wohl bald den Livestream als Video zu sehen.

Der erste Akt, sage ich, sei von wirklich witzigen Einfällen gepflastert gewesen. Schon allein, wem beim Einzug Wagners auf der Bühne gleich zu Beginn und seinem an die Anekdote des auf dem Sofa herumspringenden größten Komponisten der Weltgeschichte erinnernden Rumgehample nicht das Grinsen ins Gesicht fahre, der müsse ziemlich stumpfer Natur sein. Außerdem eingeladen zu dieser Wahnhäuslerischen Privatinszenierung der Meistersinger: Levi und Liszt. Letzter setzt sich ans Klavier, wird dann von Wagner hinfortkomplimentiert: Man muß schon spielen können, mein lieber Franz!

Und so gehe das ganz ungeniert fort, als Wagner nacheinander Geschenke auspacke, ein Portrait Cosimas, das beide auf’s Äußerste beglücke, dann Brokatseide, die er sich herrlich entzückt um die Schultern werfe und schließlich Flacons französischer Parfums, deren mit den Fingerspitzen aufgenommenen Duft er mit schwungvollen Handbewegungen über die Anwesenden verteile, wovon insbesondere Liszt und Levi gar nicht angetan seien.

Der wirklich geniale Einfall der Inszenierung sei jedoch gewesen, daß es nicht bloß einen Wagner gebe, sondern nach und nach immer mehr der Backenbärte auf die Bühne kämen: Vom Kinde (ebenfalls mit Backenbart) bis zum Sachs (Michael Volle auch physiognomisch absolut überzeugend). Stolzing und David kämen ebenfalls als Wagner daher. Das habe die witzige Folge, daß Wagner, was die Ausführungen zur Kunst anbelange, immer wieder zu sich selbst spreche, also – wenngleich das vielleicht idiosynkratisch wirken solle – natürlich von tiefer Richtigkeit ist. Denn freilich stellt Wagner hier auch seinen Werdegang und verschiedene Stufen der, d.h. seiner musikalischen Erkenntnis dar. Da habe Kosky einen Volltreffer gelandet.

Johannes meint, er rekurriere vermutlich auf den Narzissmus in Wagner, der überall nur sich selbst gesehen habe. Ich sage, das sei natürlich völlig richtig und auch selbstverständlich. Den Narzissmus Wagners bestreite ja niemand. Insofern sei das nicht Anti-Wagnerisch.

Der zweite Akt finde im grasbegrünten Saal der Nürnberger Prozesse statt, was dann doch viel von einer leeren, abstrakten, nichtssagenden Regietheater-Inszenierung gehabt habe. Insofern sei der zweite Akt auch nichtssagend. Daß sich die Juden-Fratzen im Nazi-Stil nur ein jüdischer Regisseur leisten könne, sei selbstverständlich. Aber die Figur des Beckmesser gebe nun mal historisch den Antisemitismus schlicht nicht her. Daher sei das allzu gesucht und komme ein wenig als Verzweiflungstat daher, dem zweiten Akt ein Gesicht zu geben. Gleichwohl sei das mit den durchgängig historischen Kostümen leicht zu verschmerzen.

Im dritten Akt, der nun tatsächlich im mit Bänken ausgestatteten Gerichtssaal stattfinde, mache aber diese Anklagesituation ebenfalls keinen Sinn, außer eben das nochmals aufgewärmte Motiv der Judenkarikatur, die Beckmesser durch ein paar kleinwüchsige Orthodoxe anheften habe, die ihn kurz umflimmerten.

Daß in der Pause irgendein Kommentator gemeint habe, das Volk fliehe schließlich vor der Ansprache zur deutschen Kunst, sodaß Sachs vereinsamt dastehe, habe sich in der tatsächlichen Inszenierung jedoch als Unsinn erwiesen. Denn das Volk gehe jubelnd von der Bühne ab, um Stolzings Sieg zu feiern, lange bevor Sachs alias Wagner seine Rede beginne. Und jenes Verachtet mir die Meister ergehe nun als Ansprache nicht ans Volk, sondern gar ans Publikum! Und welche Brisanz der Text gerade heute hat, das habe ich bereits hier ausgeführt.

Der Chor komme schließlich als Orchester auf die Bühne, welches Wagner nun in den Schluß der Oper dirigiere. Klassischer und wagnerfreundlicher könne man sich den Schluß im Grunde nicht denken. Würde ich das geahnt haben, hätte ich mir die Aufführung natürlich im Kino angesehen. Aber wer erwarte soetwas von Bayreuth? Man hätte Kosky ernst nehmen sollen, als er sagte, man möge sich Popkorn besorgen und die Aufführung genießen.

Keiner der Anwesenden außer mir hat den Livestream gesehen, doch beschließt man, sich die Wiederholung im Fernsehen zu Gemüte zu führen. Und den ersten Akt sehe ich mir ebenfalls noch einmal an.

*

Nachtrag: Da Vogt mit seinem verweichlichten lyrischen Tenor, der nicht die geringste Färbung der Artikulation kennt, den ganzen Glanz aus der Rolle zu nehmen weiß, halte ich es für unumgänglich bei den Verweisen auf die Bayreuther Aufführung hier noch auf einen adäquaten, sängerisch großartigen Vortrag des Preisliedes zu verlinken.

6 Gedanken zu “Soirée russe vom 27 Juli 2017 . Die Meistersinger in Bayreuth . Teil 1

  1. Leser

    Kosky meint Wagner nicht vom Antisemitismus trennen zu können. Er gehöre, so sagte er in diversen Interviees, zur Sorte Juden, die Politk und Kunst bei Wagner nicht auseinanderziehen könnten. Ganz im Gegenteil zu Barenboim, mit dem er öfter ein solches Streitgespräch geführt haben soll. Seine eigene Festspielinszenierung bezeichnet er als „Erniedrigungscomedy“. Es ist allerdings bewunderungswürdig, daß die Herrschaften des Soirée russe die Inszenierung von der Intention Koskys trennen. Umgekehrt war das aber nicht der Fall.

    Insofern, so Kosky, seien die Backenbartableger nicht bloß narzisstische Projektionen, sondern vor allem Typen des deutschen Wesens, wie es der Ideologe Wagner haben wollte. Hier denkt Kosky also durchaus in Kausalreihen: der böse Wagner habe sein Wahnbild „was deutsch sei“ salonfähig gemacht, die Meistersinger der gordische Knoten des europäischen Antisemitismus seit dem Mittelalter. Er scheut in einem Interview dann auch nicht davor zurück, Wagners Angst, selbst Jude zu sein, zu erwähnen. Typisch stumpfe Psychoanalyse.

    Von dem, was ich bisher mitbekommen habe, scheint es mir ganz und gar nicht witzig zu sein. Ich habe die Inszenierung allerdings nicht gesehen. Das werde ich nachholen (auch wenn ich keinen Fernseher besitze). Aber das ist der Preis für nationale Ausstrahlung, SKY Pay-TV und Kinoübertragungen: Am Ende verkauft Bayreuth ein Produkt der allgemeinen Belustigung über einen Ernst, der doch nicht mehr der eigene sein kann. Wer die Welt versorgt, der denkt nicht über das Deutschsein nach, der hat jedes Gefühl für diese Fragen verloren, der bewegt sich in anonymen multikulturellen Massen. Berlin hat in Bayreuth gesiegt, die GmbH „auferstanden aus Ruinen“.

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  2. Zunächst einmal kann ich natürlich nur für mich sprechen, nicht für die übrigen Teilnehmer. Da wird es durchaus wesentliche Differenzen in der Anschauung geben.

    Erniedrigungscomedy… aber wer soll da erniedrigt werden? Wagner? Nun, das ist schlicht nicht gelungen. Ich meine, mir ist egal, auf welchen irren Wegen die alten Kostüme und gegenständlichen Bühnenbilder wieder in Mode kommen. Am Ende wird der bloße Eindruck davon – und zwar als Schönheit – siegen und nicht irgend eine lächerliche Interpretation als Comedy, mag sie nun auf Erniedrigung aus sein oder nicht.

    Daß Kosky nicht auf unserer Seite ist, das habe ich nicht übersehen und wird ja schon an der lächerlichen antisemitischen Überzeichnung des Beckmesser deutlich. Aber darüber lache ich nun wieder. Also das, was Kosky vielleicht komödiantisch meinte, das nehme ich ernst, was er ernst meinte, das fand ich komisch. Insofern sprechen wir beide von Komik und meinen doch etwas anderes. Aber ich wüßte keine schönere Art und Weise aneinander vorbeizureden.

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  3. Leser

    Nein, ich meinte in der Mail, ich hätte von der komischen Inszenierung im Radio gehört und musste unweigerlich lachen! Als ich dann Ihre Ktirik laß, da dachte ich, Sie seien in Bayreuth. Bis dahin wusste ich nicht, dass eine Liveausstrahlung eingeplant war.

    Heute Abend hol ich das aber dann auch nach. Vielen Dank für den Link!

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  4. Ach, Sie haben die Bilder imaginiert, Hehe! Sehr gut.

    Die Auflösung ist leider schwach, wenn es nicht an meiner Vebindung liegt. Insofern wäre wahrscheinlich die Mediathek von 3sat besser, falls es soetwas gibt.

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  5. Leser

    Ihren letzten Punkt teile ich, bzgl. der Mode bleibe ich skeptisch. Jemand, der in Berlin gefeiert wird – so denke ich zumindest – für den ist Comedy immer auch linksmoraline Botschaft. Man macht sich über die Kostüme lustig, man schlachtet sie zur allgemeinen Belustigng aus und lässt sie derweilen auch fallen, sobald sie den Zweck erfüllt haben. Aber vielleicht meinten Sie auch etwas anderes mit der Mode? Ob der Eindruck des Schönen nicht eher Ihr persönlicher Geschmack ist, das bleibt abzuwarten.

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