Einführung in das Value-Investing . Die Ursprünge des Wangenheim Value-Screeners

An unserer Schule gab es einen ausgesprochen engagierten Physik-Lehrer. Wenn ich mich recht entsinne, war er aber nicht nur das, sondern initiierte auch das Börsen-Planspiel unserer Schule, das für mich der erste Kontakt mit dem Aktienmarkt war.

Wann genau es begann, kann ich nicht mehr memorieren, aber ich greife wohl kaum daneben, wenn ich sage, es trug sich während des Runs in die Dot-com-Blase zu, in welchem die erfolgversprechendste Investment-Idee war, einen Affen Darts auf eine Aktientabelle werfen zu lassen, um die Kaufentscheidungen zu treffen. Man konnte einfach unmöglich verlieren. Der Ausgleich für dieses Spielgeld-Investment war, daß meine Eltern Telekom-Aktien kauften. Sie wissen schon…

To cut to the chase… nach etwas Beschäftigung mit dem Aktienmarkt zwischendurch, insbesondere Dividendenstrategien, lernte ich viele Jahre später über mein Buch den Fondmanager Max Otte kennen, der mich auf seine Konferenz zu Oswald Spengler im Harz einlud. Er empfahl mir eine Handvoll Bücher, die ich begierig las. Eines war Porters Competitive Advantage, ein anderes zur Unternehmensbewertung, außerdem Competition Demystified und ein Buch zu Bilanzen.

Ich habe dabei viel gelernt, allerdings vor allem, daß Projektionen in die Zukunft (Discounted Cash Flow) akademischer Mumpitz sind und viele Dinge, wie auch Wettbewerbsvorteile, im Nachhinein wunderbar analysierbar sind und höchst logisch erscheinen aber all die anderen Entwicklungen, die hätten eintreten können, unterschlagen und letztlich eben nichts dergleichen vorherbestimmt werden kann.

Ich sage gern: Wäre tatsächlich irgend jemand in der Lage, mit einiger Sicherheit vorauszusehen, welche Unternehmen einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil haben, d.h. wie man diesen erzeugt, dann wären jene Genies keine Anleger, sondern würden selbst ein solches Unternehmen aufziehen oder leiten. Denn das ist noch deutlich lukrativer, als nur per Dividenden und Kurssteigerung mitzuverdienen. Lassen wir uns also keinen Bären aufbinden.

Es ist dabei durchaus illustrativ und zur Einschätzung gewisser Fragen innerhalb der Fundamentalwert-Analyse wichtig, die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge zu verstehen. Value-Investing jedoch befaßt sich damit, vor allem billig einzukaufen, um gewisse Unsicherheiten in der Vorhersage der Unternehmensentwicklung bereits im Voraus abzufangen. Und die Value-Analyse ist im Unterschied zur Einschätzung, ob unsere Massen sich auch in zwei, drei oder vier Jahren noch um Apple- oder Netflix-Produkte reißen, recht simpel: Genauso, wie Sie ein Stadthaus vielleicht für die 10-fache Jahresmiete Miete kaufen, so verschmähen Sie es, wenn Sie das 30-fache zahlen müssen. Dieses Haus armortisiert sich abzüglich der Renovierung, die sie alle 30 Jahre durchführen müssen, vielleicht nie.

Dasselbe gilt für Unternehmen. Auch da ist alle paar Jahre eine Renovierung, nämlich neue Produkte, Vertiebswege oder ähnliches nötig, oder der Markt schwankt ganz allgemein, sodaß eine gewisse Absicherung durch günstiges Erwerben der Aktie immer attraktiv ist. Aber woher weiß man, daß eine Aktie unterbewertet ist?

Eine sehr einfache, aber hocheffektive Methode Unterbewertung eines Unternehmens zu erkennen, hat 2005 Joel Greenblatt vorgelegt. Er selbst beschreibt es als eine Quanitifizierung von Buffets: Gute Unternehmen zu einem günstigen Preis kaufen. Daher war seines das wichtigste der mir empfohlenen Bücher: The little Book, that beats the market.

Ich kann nur jedem Anfänger empfehlen, dieses kleine Büchlein zu lesen, denn es ist kurz, knackig, witzig, verständlich und vor allem überzeugend. Es macht zum Value-Investor. Denn hier geht es nicht um das tägliche Börsen-Larifari und Orkalesprüche, wo bald der DAX oder der S&P500 steht, sondern um knallharte, nachprüfbare Tatsachen. Und das mit amerikanischer Leichtigkeit vorgetragen.

Wie das eben verlinkte Video bereits eröffnet, beschränkt sich die Strategie der Magic Formula darauf, die Unternehmen mit

1. den höchsten Gewinnen (EBIT – Earnings Before Interests and Taxes) im Verhältnis zu ihrem Unternehmens-, d.i. Handelswert (EV – Enterprise Value) und

2. jene mit den höchsten Kapitalrenditen (ROC – Return On Capital) ebenfalls im Verhältnis zum Unternehmenswert zu listen.

Unternehmen, die in beiden Listen möglichst weit oben stehen, werden gekauft (man addiert also die Positionsnummern in der Liste und listet dann nochmals nach dieser Summe).

Praktisch heißt das: Man kauft jeden Monat eine Aktie und stößt sie nach einem Jahr wieder ab – egal wo sie steht – und kauft neu nach der aktualisierten Liste. Durch dieses langsame Zusammenstellen des Portfolios (gut 1,5 Jahre für 20 Aktien) ist sichergestellt, daß man nicht in allgemeiner Überbewertung kauft. Das gibt eine schöne chronologische Streuung und ein diversifiziertes Portfolio. Die Renditen dieser sturen Methode beliefen sich in einem über Jahrzehnte laufenden Backtest auf 14% p.a. Und das heißt, der S&P wurde signifikant geschlagen. In der Tat hat Greenblatt seit etlichen Jahren eine Internetseite laufen, auf welcher dieser Magic-Formula-Screener abgerufen werden kann.

Als ich mich mit der Sache näher befaßte, stieß ich dann auf Tobias Carlisle, der zur selben Zeit bei Google einen Vortrag über die Magic Formula hielt. Carlisle stellte sich nun eine ganz simple Frage: Was ist treibender an der ausgezeichneten Performance dieser Formel? Das EBIT/EV oder das ROiC/EV? Und es stellte sich heraus, daß die Rendite in viel höherem Maße vom EBIT als vom ROC herrührte. Das EBIT/EV allein erreichte im selben Zeitraum eine Rendite von sogar 16% p.a., bei 23 Jahren Untersuchungszeitraum sogar knapp unter 18%.

Daher gibt Carlisle nun zu recht an, die bessere Magic Formula gefunden zu haben (rechnet aber, vor allem um seine Methode als different darstellen zu können, nicht mit dem EBIT, sondern mit operativen Gewinnen) und bietet ebenfalls einen Screener an, allerdings nur für Unternehmen mit einem Enterprise Value von über 3 Mrd. US-$. Der deutlich profitablere All-Investible- und Small-Cap-Screener kostet 50$ im Monat.

*

Die Grundidee des Value-Investing ist freilich, Unternehmen zu kaufen, deren Aktienpreis gering ist. Wenn der Markt effizient wäre, also alle Preise exakt die gegenwärtige Situation repräsentieren würden, so gäbe es kein billig oder teuer.

Tatsächlich aber schwanken die Aktienkurse über recht kurze Zeiträume zum Teil beträchtlich, z.B. 50% innerhalb eines Jahres, obwohl sich der Wert des Unternehmens nur in den seltensten Fällen derart vermindert oder vergrößert hat. Das hat mit dem berühmten Mr. Market, also der breiten Masse an Anlegern zu tun, die irrational genug sind, überteuerte Aktien zu kaufen und billige zu verkaufen.

Und zwar, weil die Menschen emotionsgetrieben sind, weil sie Angst haben und gierig sind. Sie glauben nicht an Zahlen, Daten, Fakten, sondern an ihre Gefühle. Das sehen wir nicht zuletzt an der gegenwärtigen politischen Lage. Irgendein Journalist oder die ganze Clique berichtet in Untergangstönen von einem Unternehmen und der Kurs bricht ein, obwohl unter Umständen lediglich ein negativer Hype vorliegt und das Unternehmen fantastische Fundamentalwerte vorzuweisen hat. Mr. Market, d.h. die breite Masse, verkauft in dieser Angststimmung und der Kurs fällt. Dann haben Sie die Chance ein Unternehmen günstig zu erwerben. Daher der legendäre Spruch Warren Buffets: Be fearful when others are greedy and greedy when others are fearful.

Irgendwann aber (was freilich dauern kann und in welcher Phase der Value-Investor gelassen und geduldig bleiben muß) kommt die Masse wieder zur Besinnung, erkennt ihre emotionsgetriebene Fehleinschätzung, man sieht wieder die guten Fundamentalwerte und kauft das Unternehmen: Der Kurs steigt. Nun verkaufen Sie. Und das ist Ihre Arbitrage.

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Wir wissen damit also, daß das EBIT/EV offenbar den besten Return aller einfachen Fundamentalwerte liefert. Wie sehen aber nun die anderen, üblichen Fundamentalwerte der Unternehmen in diesem Screening aus?

Carlisle erklärt sehr anschaulich, warum es unsinnig ist, selbst eine Auswahl zu treffen. Das bezieht sich jedoch darauf, den Anweisungen des einfachen Modells nicht zu folgen. Lassen Sie uns also dem Modell folgen, aber die von ihm zur Auswahl gestellten unterbewerteten Firmen genauer betrachten, und zwar nach Net/op. Margin, medianisierter Dividende, Cashflow und Verschuldung, das Ganze untereinander und mit der Marktkapitalisierung korreliert.

Da stellt sich nun heraus, daß nicht selten die unterbewertetsten Titel auch die am wenigsten verschuldeten, die mit der höchsten Wachstumsrate usw. sind. Und bei gleicher Unterbewertung ist dann die Auswahl allerdings durchaus nicht mehr fehl am Platze. Denn die Schwäche der sonstigen Fundamentalwerte müßte eine konkurrierende Aktie natürlich mit noch größerer Unterbewertung ausgleichen. Tut sie das nicht, macht es keinen Sinn, sie vorzuziehen. Heraus kommt der Wangenheim-Value-Screener.

Eine letzte Unvollkommenheit besteht im System der Magic Formula nun darin, daß stur nach einem Jahr verkauft werden soll. Auch das werde ich in Zukunft mit einem Fundamentaldaten-basierten Verkaufsscreener für alle jemals im Screener aufgetretenen Aktienwerte beheben, indem in einem Ranking von besonders bis wenig verkaufswürdig die früher gescreenten Unternehmen umgekehrt und nach den gegenwärtigen Fundamentalwerten (vor allem freilich auch hier dem EBIT/EV) gelistet werden, sodaß man besser abzuwägen vermag, ob gewisse Werte realisiert werden sollten.

Der Wangenheim-Value-Screener kann hier bestellt werden.

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Und wie beteiligt man sich nun ganz praktisch am Aktienhandel? Soll ich zu meiner Hausbank gehen? — Um Gottes willen! Sofern Sie nicht 20.000 € pro Aktie investieren, verderben Sie sich mit den irren Gebühren gehörig Ihre Rendite.

Insbesondere um im US-Aktienmarkt zu handeln, können Sie keine deutsche Bank gebrauchen. Der größte, älteste und auch günstigste Online-Broker in den USA ist wohl nach wie vor Interactive Brokers. Für einen normalen Aktientrade bezahlen Sie praktisch nie über 2$. Genaueres finden Sie hier. Es gibt Ableger dieses Brokers und seiner leichtverständlichen Plattform Trader Work Station in Form von Cap Trader und Lynx.

Aber diese Kopien können nach meinem Kenntnisstand eigentlich nur mit einem Vorteil punkten: weniger als 10.000 € minimales Anlagekapital. Das ist nämlich der Mindestbetrag, den ein Konto bei IB erfordert. Die genauen Konditionen entnehmen Sie bitte den Webseiten: Captrader und Lynx.

 

Auf gute Renditen!

 

Haftungsausschluß/Disclaimer: Jedes Investment in Aktien ist mit Risiken behaftet und kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen. Backtests zeigen nur Renditen in der Vergangenheit an und nicht die Renditen der Zukunft. Ich halte meine Quellen für verläßlich, jedoch kann ich keine Garantie für Richtigkeit und Aktualität übernehmen. Dieser Börsenbrief stellt keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers dar. Es handelt sich nicht um Empfehlungen im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes. Die hier dargelegten Informationen geben lediglich einen Einblick in die Auffassungen des Autors.

 

 

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4 Gedanken zu “Einführung in das Value-Investing . Die Ursprünge des Wangenheim Value-Screeners

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