Die Meistersinger von Nürnberg – 25. Juli 2017 – Bayreuther Festspiele . Ein Lob in Versen

Bayreuth will uns heute wieder,
Mit einem Feind des Meisters gar,
Die deutscheste der Opern stutzen.
Wie wird da mein Int‘resse rar!

Doch nicht nur das Regiebetragen
Kann oft man hier nur blind ertragen.
Da anderswo doch immerhin
Bei müdem Aug‘ noch klanglicher Genuß sich breitet,
Dort ist in Bayreuth uns selbst das verleidet.

Die Ouvertür‘ in aller Pracht
Entkriecht dem Orchesterdeckel kaum mehr als sacht.
Drum hört man bloß recht fiepslig,
Als sei man balde siebenzig.
Doch stört das den Bayreuther kaum,
Denn wer wär jünger dort im Raum?

So murmelt’s also aus dem Graben,
Man mag es durchaus leicht ertragen,
Denn auf viel Schlimmres eingestellt,
Was sich auf dem Parkett abspielt,
Blinzelt man recht unverstellt
Und sieht, nein was!
Ein echtes, schönes, wunderfeines, warmgetöntes Bühnenbild!

Was mag da schiefgelaufen sein?
Wer grätscht dem Kosky hier in’s Bein!

Und in die hohe Bibliothek
Führt frohgelaunt des Meisters Weg, Ja!
Wagner selbst mit Braut und Hund
Findet sich im Freundesrund,
Und Liszt der alter Degen
Ist ebenfalls zugegen.

Doch damit nicht genug, die Herrn!
Der Wagners kommen mehr noch an,
Jeden Alters einer,
Und dirigier‘n zu seiner
Recht müden Ouvertüre,
Als ob’s zu bessrem Tone führe.

Nun aber Obacht, große Kunst!
Der junge Wagner singet selbst die Brunst!
Stolzing also mit Backenbart
Und Cosima in Evas Art.

Auch David ist ein Richard W.
Der seinem Alter-Ego Weh
Und Ach der Kunst erkläret,
Sodaß die Freud‘ des Greises währet,
Den mit dem scharfen Kinn von Alters her
Das Treiben seiner Jugend schert.

Liszt kommt nun als Pogner wieder:
Auch das ein witziges Bemühen.
Der Sachs – der doch nur ehrt –
Wo Stolzing Meister ist und kühn,
der ist jedoch mit Backenbart verkehrt!

Beide singen schönsten Baß,
Wie man ihn weithin sucht.
Das kann der Vogt vielleicht nicht schlechter,
Doch ist er als Tenor gebucht.

Auch ob er Italiener ist,
Erraten kann man’s nicht.
Daß er den „Zorn sich sparen“ soll,
War er wohl zu erpicht.

*

Damit wir diesen ersten Akt
Nicht frohgemut beenden,
Zeigt uns Herr Oberlehrer dann,
Wie er als Richter kann noch schänden.

So findet sich im zweiten Akt der Wagner
Vor hoh‘s Gericht gestellt,
Da dieser böse Judenfeind
Den Beckmesser entstellt!

Das ist der Levi, sein guter Freund,
der partout nicht wollte werden Christ,
Weshalb er, weil die Anfrag‘ Wagners böse war,
Ein Hakennasendasein frist‘.

Drauf bläst der Jud‘ den Juden auf,
Man hat schon Geistreich’res gesehn,
So groß es geht und größer,
Doch als das Volk sich dünne macht
Da sinkt die Heißluft nieder.

Gut, lassen wir dem Kosky diesen Scherz,
Der Kostümaufmarsch allein
Schließt fest ihn uns ins Herz.

*

Und dieses Bild des Richtersaals,
Wo Wagner wird vernommen
Setzt sich im dritten Akte fort,
Doch fragt man sich, was soll der Ort?

Man weiß nicht recht wieso,
Denn nun wird’s immer klassischer
– die copulatio übersehen –
Bis selbst die Fahnen müssen gehen,
Der Saal den deutschen Meistern überlassen.

Wo Stolzing sich der Töne müht
Recht umsonst und windelweich,
Da wünscht man ihm ein Stimmenfach,
Das seiner Rolle gleicht.

Doch Wagner wird am Ende doch
Von Meister Sachs vertreten,
Der Deutscher Meister Ehr‘ gelobt
In einem heil’gen Regen
Dem gar kein Quäntchen Hohn,
Nicht auf der Bühn‘, nicht im Gesicht,
nicht irgendwo verliehen wird:

So ward‘s für Wagners hohes Wort
Und unsereins ein Segen.

Ob Kosky sich den Hohn gedacht
Und nur zu dumm ihn angebracht,
Daß alles andersrum zu lesen,
Oder ob er es vollbracht
Den Wagner, unsren Meister

Am Ende doch zu lieben?

Nie habe ich die Meistersinger
derart klassisch je gesehen.
Vom Wagnerhasser inszeniert
Und ernst wie nie:
Wie kann das gehen?

Die Zeiten, mag ich denken,
Sie sind dabei sich anderwärts zu wenden.

*

6 Gedanken zu “Die Meistersinger von Nürnberg – 25. Juli 2017 – Bayreuther Festspiele . Ein Lob in Versen

  1. Das ist ja eine erstaunliche Wendung, jetzt werde ich mir diese Inszenierung doch mal anschauen – wenn sich mal die Gelegenheit ergeben sollte. Auf 3SAT und auf der 3SAT-Internetseite wurde sie ja gebracht vor ein paar Tagen, aber ich bin im Ausland, da wurde das gesperrt.

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  2. Das scheint auch beim Bayrischen Rundfunk so zu sein. Auch bei ARD-Alpha wird es beschränkt, wie ich gerade sehe. Die Schlußszene läuft.

    Aber wie Sie vermutlich den Prosa-Ausführungen meiner Eindrücke entnommen habe, und ja auch hier anklingt, ist es durchaus noch zweischneidig. Es gibt immerhin weder Rattenkostüme noch werden die Renaissance-Roben abgelegt. Außerdem darf man sagen, daß es im Sinne Wagners komisch ist, also komisch wo die komische Oper es sein soll, ernst wo sie ernst sein soll. Und das ist tatsächlich, wie Sie richtig sagen, erstaunlich.

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  3. Aber gerade diese Schlußszene wollte ich mir nun partout nicht antun… Das ist zu schmerzlich für mich. Dabei verstehe ich ja, was Sie zur Komik sagen… Aber ich habe da eine Sperre. Für mich haben die Meistersinger selbstverständlich eine komische Seite, klar, aber gleichzeitig sind sie für mich irgendwie heilig, sie zeigen so schön, wie schön und gut Deutschland möglicherweise gewesen ist (ich beuge mich freiwillig dem Zweifel: „Deutschland, wie es nie gewesen ist…“, meinetwegen „hätte sein können“) oder (heute noch) sein könnte. Die Oper könnte nicht so schön sein, wenn alles nur eingebildet wäre. Das Komische und das Heilige widersprechen sich für mich nicht*, das macht ja gerade auch das Schöne an unserer Kultur aus, wo lachen und weinen beieinander liegt – nicht nur unserer; und dieser Universalismus macht es vielleicht, daß der Israeli tatsächlich am Ende Wagner eben doch liebt. Wagner geht so tief ins Eigne, daß es, wie man so sagt, wieder allgemein wird. Und wenn Sachs am Ende allein im Tribunal ist und singt, ist das vielleicht Mitleid, ich weiß es nicht, habs ja nicht gesehen.

    * „Wählt der Herr einen heiligen Stoff… Das dünkt uns weltlich“ ist dabei gar nicht SO komisch.

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  4. P.S.: Nein, Ihre Ausführungen in Prosa hatte ich nicht gesehen, nur die Verse gelesen. Hier sprechen Sie ja ausdrücklich und eindeutig von der “schönen Meistersinger-Aufführung in Bayreuth”. Sie machen mich nun doch neugierig, und ich werde mal wagen, diese Inszenierung mir anzuschaun und die Verletzung meiner zarten Gefühle zu riskieren.

    Zur Vervielfältigung Wagners auf der Bühne fiel mir ein, daß der Psychotherapeut Fritz Perls seine Patienten immer die Rolle aller Personen, die in ihrem Leben, besonders aber in ihren Träumen, von Bedeutung sind, einnehmen lassen hat. Alle, die in mir vorkommen, sind im Prinzip ich. Und so sind eben alle auch Wagner, die sich Wagner als seine Gefährten gesucht hat – das hat seine “tiefe Richtigkeit”. Das hat nichts mir “Narzissmus” zu tun bzw. ist, wie Sie sagen “selbstverständlich”, das gehört zu Wagners Wissen um sich, ist tatsächlich “nicht Anti-Wagnerisch”. Diese Ironie für sich selbst, die gehört zu Wagner und zur Komik, klar.

    Aha, den zweiten Akt sehen Sie also auch sehr kritisch.

    Zu Spengler und dessen “Der Mensch und die Technik”: Dieses Buch war gerade Gegenstand auf einer Konferenz, an der ich teilgenommen habe; vielleicht ist der Vortrag für Sie von Interesse: https://www.youtube.com/watch?v=OFcD47I84go. Ist leider nur abgelesen und nicht so gut verständlich. Wenn Sie möchten, frage ich den Vortragenden nach dem Text.

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  5. Ich kann Sie nur nochmals versichern, daß der Schluß in dieser Aufführung keine Komik besitzt. Daher sagte ich, es ist ernst, wo es ernst sein soll, und komisch, wo es komisch sein soll. Einzige Abweichungen sind die zwei, drei sexuellen Anspielungen, von denen wir wohl erst loskommen, wenn die Regisseure demnächst vielleicht einmal erwachsene Menschen werden.

    Der Spengler-Vortrag ist sehr schlecht zu hören und beginnt mit zwei eklatanten Fehlern: Spengler ist 1880 nicht 1890 geboren. Das kann man großzügig überhören, aber mit Jünger hat er nichts zu tun, was gleich im zweiten Satz suggeriert wird. Immerhin schickte der ihm eine Ausgabe keines Stahlgewitters und Spengler antwortete nicht einmal. Die „Beziehung“ war also ausschließlich einseitig.

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