Mit dem Sportcabriolet auf der Reichsautobahn . Straßen machen Freude!

Es gibt einmal wieder einen netten Film über das Autofahren in den 30er Jahren. Diesmal steht die Reichsautobahn im Vordergrund und es soll vor allem gezeigt werden, wie schön es ist, auf ihr zu fahren und welche Vorteile es hat, wenn man mal eben zum Skifahren aufbrechen kann.

Schon der Titel zeigt, worum es beim Autofahren und eben auch beim Straßenbau seinerzeit ging: 1. Reisen, 2. Rasten, 3. Arbeitsbeschaffung, 4. weil uns nichts mehr einfällt: Es dürfen auch Laster auf die Bahn. Und schließlich das Panier: Straßen machen Freude!

Die recht markante Musik mit der an Herbert Windt erinnernden Fanfare stammt von Werner Bochmann, der auch die Musik zu „Quax, der Bruchpilot“ und die „Feuerzangenbowle“ schrieb.

Zwar nervt im Mittelteil das „Heil Hitler“ gehörig, aber dafür gibt es einige schöne Fahraufnahmen zu sehen. Leider hat man die Originalaufnahmen als zu uninteressant empfunden und die Fahrszenen fast durchgängig beschleunigt. Das verwundert auch nicht, denn wenn Sie die Geschwindigkeit bei Youtube mit der Zahnrad-Option unten rechts auf 0.5-fach herunterregeln, was für die schnellen Fahrten zu anfangs richtig sein dürfte und auch später, auf der Fahrt in die Berge, auf 0.75 normalisieren, dann wird das Tempo zwar realistisch, aber eben auch weniger effektvoll.

So sehen Sie insbesondere an der Aufnahme des BMW Dixie ab 2:10, wie der Fahrer zu unnatürlich heftigen Bewegungen neigt. Hier war der Schub besonder nötig, denn dieser Kleinwagen von unter 500kg Gewicht erreichte gerade so seine 75 Kilometer pro Stunde. Wenn Sie nun noch bedenken, daß diese Autos meist nicht Vollgasfest waren, wundern Sie sich kaum noch, daß bei der 0.75-fachen Geschwindigkeit alles stimmt. Ja, doch, wir befinden uns auf der Autobahn.

Dann dürfen Sie die vier Damen genießen. Beachten Sie dabei im Hintergrund aber den wahren Verkehr, wenn die Filmemacher keine Autos für die Aufnahme herankarrten, wie es in der nächtlichen Schlußszene zu sehen ist, als einmal mehr nur auf einer Seite der Autobahn gefahren wird.

Bei 5:26 sehen Sie (bis 5:55) die im Bau befindliche Saaletalbrücke bei Jena. Sie wurde von Friedrich Tamms entworfen, dem Mann, der später Kriegsdenkmäler für den Osten, d.h. in der Ukraine und in Weißrußland bauen sollte und bereits Entwürfe vorgelegt hatte. Daß auch eine Brücke Entwurfsqualitäten haben kann, sehen Sie an den scharf geschnittenen und monumentalen Wasserspeiern des Bauwerks. Er zeichnete ebenfalls die Flaktürme in Hamburg und Wien. Für die Autobahn entwarf er auch Tankstellen, nämlich die noch heute erhaltene in Fürstenwalde, von welchem Modell sogar in Polen noch drei Stück in Betrieb sind.

Es gab auf den Reichsautobahnen regelmäßige Buslinien, die ebenfalls aus Gründen landschaftlichen Erlebens aufgenommen wurden, und wie Sie heute aus Kostengründen wieder in den Markt drängen. Anschnallpflicht bestand, wie Sie sehen, offenbar nicht. Aber es gab ja nicht einmal Gurte in den Autos.

Und schließlich erleben wir die Fahrt auf der Großglocknerstraße in einem herrlichen offenen Wagen. Überhaupt können Sie an der Zahl der Cabriolets ablesen, wie häufig Autos zu reinen Vergnügungszwecken gekauft wurden. Ich habe spaßenshalber alle geschlossene und offenen Wagen in diesem Film gezählt. Das Verhältnis lautet 41 zu 34. Und zwar für die Cabriolets. Und diese sind, im Gegensatz zu den 20er-Jahren in dieser Zeit bereits nicht mehr billiger als die Limousinen. Es handelt sich also um sehr bewußte Kaufentscheidungen. Vergleichen Sie das mit dem heutigen Verhältnis, dann wird Ihnen klar, wie sehr das Genießen im Vordergrund stand. Insbesondere weil die Fahrt im Cabrio auch nur bei geringen Geschwindigkeiten wirklich angenehm ist.

Es handelt sich bei dem Wagen im Film um einen Mercedes-Benz Typ 540 K Sport Cabriolet A, der von 1938 bis 1939 gebaut wurde. 115 PS leistet der Reichenachtzylinder mit knapp fünfeinhalb Litern Hubraum bei 3400 U/min. Der Kompressor erhöht die Leistung kurzzeitig auf 180 PS.

Die Kürzung des Radstandes bei diesem Modell um 30 Zentimeter sollte den Wagen wohl etwas wendiger machen. Sie sehen, daß er dennoch recht seine Probleme hat, die engen Kehren der Großglocknerstraße zu umwenden. Der Wagen war 4.65m lang und wog 2250kg. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei außerordentlichen 170 Stundenkilometern. Aber schon bei normaler Geschwindigkeit schluckte der Motor 29 Liter auf 100km. Zu zahlen waren 22.000 RM für dieses Schmuckstück. Ein nettes Einfamilienhaus der Zeit.

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2 Gedanken zu “Mit dem Sportcabriolet auf der Reichsautobahn . Straßen machen Freude!

  1. Leser

    Wie dart man sich das mit dem Vebrauch vorstellen? War Benzin so günstig, dass man nach Anschaffung dieses 1,2l-Ecoboost Geschosses eigentlich schon einen lebenslangen Anspruch mitgekauft hatte? Also ins Verhältnis gesetzt zu jenen 22.000 RM.

    Und wie darf man sich das Rumgeheile im wirklichen Alltag vorstellen? Lustigerweise wird solcher Propaganda bei heutigen Afklärungsmaßnahmen unreflektiert Glauben geschenkt, was ziemlich absurd ist. Man bekommt also ein Bild vermittelt, wonach fernab von irgendwelchen großstädtischen Partreiaufgeboten etc. auf irgendwelchen Rasthöfen bedingungslos und überall, selbst in der tiefsten Provinz also, der „Heil Hitler“ Abschiedsgruß ausgeübt worden wäre. Damit aber lässt man einen Teil der Legende einfach am Leben, anstatt vernünftig aufzuklären.

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  2. Mit den Preisrückrechnungen ist es ja so eine Sache. Der Liter Benzin kostete in den 30er Jahren in Deutschland 35 bis 39 Pfennig. Das entsprach einem Laib Brotes. Aber wiederum nur einem halben Stück Butter. Also irgend etwas zwischen 50 Cent und einem 1€ Aldi-Brot vielleicht.

    Der Vergleich mit den USA ist vermutlich sprechend (https://books.google.de/books?id=b287PhKy6DcC&pg=PA57&lpg=PA57&dq=benzinpreis+1930&source=bl&ots=zx8Qv4lyyE&sig=mLYJ50dUe9TQec_wiShjfW8PIPM&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwj96vuO4qHVAhXKXBoKHTqGB9sQ6AEIPDAE#v=onepage&q=benzinpreis%201930&f=false): Das Pro-Kopf-Einkommen war 1939 in Deutschland halb so hoch wie in den USA (lt. Wechselkurs), der Sprit war aber nicht ganz doppelt so teuer (etwa 90%). Heute kostet das Benzin in den USA 50 Cent/l. Bei uns fast das dreifache. Nun müssen Sie selbst schätzen, ob das nun billig oder teuer war. Jedenfalls war es eher der Marktwert, nicht wie heute hauptsächlich Steuer.

    Sie müssen natürlich bedenken, daß der 540K, wie Sie richtig sagen, ein ungeheures Geschoß in dieser Zeit war. Abgesehen vom 770er Staatslimousinen-Mercedes (44 Tsd. RM) war das neben dem Horch 853 (15 Tsd. RM) das teuerste an Sportcabriolets, das man bekommen konnte (der Special-Roadster kostete sogar 28 Tsd. RM). Sie hören ja, daß die Maschine wie ein Flugzeugmotor brabbelt. Für Leute, die sich solch ein Luxus-Cabrio leisten konnten, kam es auf den Spritverbrauch nicht an. Das letzte große Cabrio von Bentley, der Azure, braucht ja auch 20 Liter.

    Ein BMW Dixie oder auch ein kleiner DKW verbrauchte tatsächlich bloß 6-7 Liter auf 100 km. Das hielt sich also in Grenzen.

    Ich denke, Sie weisen schon richtig darauf hin, daß es im Alltag natürlich anders zuging. Zwar waren die Tankwarte an den RABen Staatsangestellte in Uniform, aber aus unserem Karlsbad-Film kennen Sie ja ebenfalls eine Tankstellenszene, die dergleichen nicht enthält. Denn der Film wurde von Esso gesponsert, nicht von der Regierung.

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