Der Wangenheim-Index . Ein Screener für Value-Investments

Seit einger Zeit versuche ich die Fundamentaldaten, die ich bei der Auswahl von Aktien für wesentlich halte und bisher nach Gefühl abgeglichen habe, streng mathematisch in eine simple Punktzahl zu verwandeln, die Auskunft über die allgemeine Wert-, Gewinn- und Finanzlage eines Unternehmens gibt.

Das ist schon deshalb nötig, weil doch eine ganze Handvoll Kennwerte gegeneinander abgeschätzt werden muß, über deren Zusammenhang innerhalb eines Unternehmens und über deren Differenz zwischen den Unternehmen man schon bei 20 Kandidaten einfach keinen Überblick mehr behalten kann. Um nicht nur nach dem Gefühl und Pi mal Daumen zu gehen, braucht es daher einen Score, der all die Ziffern sinnvoll gewichtet. Dazu gehört

1. freilich der Unternehmenswert und die letzten bekanntgegebenen Gewinne. Im Moment arbeite ich mit Gewinnen vor Steuern und Zinsen, aber inklusive betriebsfernem Einkommen. Letzteres ist diskutabel, differiert aber im Vergleich einer Reihe von Unternehmen prozentual ohnehin nur selten wesentlich (ähnlich EBIT vs. EBITDA). Ich nehme deshalb auch gute EBITs exklusive betriebsfernem Einkommen, also guten operativen Gewinn auf. Damit ist zunächst eine Bewertung des Unternehmenspreises zu den Gewinnen gesetzt, also das wesentliche Kriterium des sogenannten Value-Investing. Dieser Wert ist die Grundlage des Wangenheim-Index und macht in Einzelfällen 80% des Wertes aus, im allgemeinen aber knapp unter 50%. Das dürfte die geeignetste Einzelkennzahl sein, um langfristig hohe Renditen zu erreichen. Der Backtest zeigt hier 16-18% p.a. in den letzten Jahrzehnten. Daher liegt hierauf das Hauptaugenmerk.

2. beziehe ich die Kapitalrendite ein. Studien zeigen, daß diese kein Fundamentalwert ist, der in Anlagen mit Jahresfrist mehr Outperformance zeigt, als EBIT/EV, allerdings könnte ein extrem hoher Wert über langjährige Anlagen bedeutsam sein.

3. Ein wesentlicher Wachstumsfaktor, der bei hohen Werten eine gewisse Beständigkeit verspricht, ist die Bruttogewinnmarge/Nettobetriebsmarge. Sogenannte 100-Baggers (also Aktien, die um das 100-fache gestiegen sind) zeichnen sich durch große Gewinnmargen aus, die auch oft über Jahre persistieren.

Der Ertrag auf das Anlagekapital (minus gewichtetem durchschnittlichen Kapitalkostensatz = WACC) wird ebenfalls eingepreist und im Falle einer negativen Größe anhand der Verschuldung gewichtet (hohes Dept/Cash-Verhältnis erhöht den negativen Wert).

4. Ebenfalls wichtig ist die Einbeziehung des Cashflows aus laufender Geschäftstätigkeit und des Barmmittelzuflusses. Diese gewichte ich mit der Marktkapitalisierung, sodaß es insbesondere für SmallCaps bedeutsam wird (das dürfte Pleitekandidaten abstufen). Damit im Zusammenhang gibt es einen Bonus bei geringer Verschuldung im Verhältnis zum Cash und günstigem Current-Ratio.

5. Zuguterletzt darf natürlich die Dividende nicht fehlen. Hier verwende ich die medianisierte Dividendenzahlung der zurückliegenden Jahre (je nach Umfang der Dividendenhistorie).

Um Ihnen einen kleinen Eindruck zu geben, habe ich die derzeit höchsten 10 Werte des Wangenheim-Scores im amerikanischen Börsenhandels einmal in einer Tabelle zusammengestellt, je fünf SmallCaps und fünf LargeCaps:

SmallCap MCap Bn $ W-Index LargeCap MCap Bn $ W-Index
NTIP 0.1 111.8 IDCC 2.7 84.5
FNJN 0.08 107.2 UTHR 6 68.3
BPT 0.5 89.1 AGX 1 59.9
AGTC 0.1 89.1 GILD 92 57.6
NTR 0.06 86.6 FSI 22 52.6

Ich habe hierbei Small- und LargeCaps bei 1 Mrd. $ getrennt. Daß SmallCaps bessere Wachstumsraten und auch oft höhere Unterpreisungen vorweisen, ist selbstverständlich. Das schlägt sich in höheren W-Scores nieder.

Der Wert ist nicht linear zu lesen. Ein doppelter Wangenheim-Index ist nicht doppelt so „gut“, sondern er zeigt an, daß zur Unterbewertung (wie unter 1. beschrieben), welche die Voraussetzung ist, überhaupt in die Liste aufgenommen zu werden, eine Reihe guter sonstiger Kennziffern (unter 2.-5. genannt) hinzutreten.

Praktisch gesprochen: Einen W-Index bis etwa 40 kann ein Unternehmen allein durch Unterbewertung erhalten. Alles was darüber liegt, wird in der Regel durch finanzielle Standfestigkeit oder gute Wachstumskennzahlen erreicht, die zur Unterbewertung hinzukommen.

In Zukunft werde ich in den Börsenbriefen alle zwei Wochen diese Screener liefern, welche dann je 20 Kandidaten enthalten. Der Screener kann hier bestellt werden.

*

Haftungsausschluß/Disclaimer: Jedes Investment in Aktien ist mit Risiken behaftet und kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen. Ich halte meine Quellen für verläßlich, jedoch kann ich keine Garantie für Richtigkeit und Aktualität übernehmen. Dieser Börsenbrief stellt keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers dar. Es handelt sich nicht um Empfehlungen im Sinne des Wertpapierhandelsgesetzes. Die hier dargelegten Informationen geben lediglich einen Einblick in die Auffassungen des Autors. Backtests zeigen ausschließlich die Wertentwicklung in der Vergangenheit und machen ausdrücklich keine Aussage über zukünftige Entwicklungen am Aktienmarkt.

 

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3 Gedanken zu “Der Wangenheim-Index . Ein Screener für Value-Investments

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