Nach den Dornburger Schlössern . Teil 3 . Soirée russe: Delibes, Cherubini, Silvestri und Knight Rider

Was haben der Ferrari 458 und meine klapprig Zitrone gemeinsam?

Den Designer.

Was hat der 1982er Pontiac Firbebird mit meinem C4 gemeinsam?

Die Motorleistung.

Das Erste werden Sie mir vermutlich noch abnehmen. Es handelt sich um den Italiener Donato Coco. Auch wenn es keinen direkten Hinweis darauf gibt, so darf man ihn wohl auch als den Schöpfer des Airdream-Conceptcars ansehen, das offensichtlich der Ausgangspunkt für die Linienführung des Citroen C4 war.

Bei der zweiten Übereinstimmung sind Sie zu recht mißtrauisch. Denn das hätte ich auch nicht für möglich gehalten. Aber es lohnt, sich diesen Umstand einmal auf der Zunge zergehen zu lassen: Im Jahr 2004 wurde der Citroen C4, ein billiger Kompaktwagen, zur Markteinführung mit vier Motoren angeboten: 88 PS, 109 PS, 136 PS und 170 PS. Alles langweilige Vierzylinder selbstverständlich. Im Jahr 1982 wurde die dritte Generation des Pontiac Firebird, eines Muscle Car, ebenfalls mit vier Motorleistungen angeboten. Der größte war ein bollernder V8 mit sage und schreibe fünf Litern Hubraum. Aber nun halten Sie sich fest: mit zwei Leistungsstufen von einmal 145 und einmal 165 PS.

Zweite Wahl war ein 2,8 Liter V6. Dieser hatte noch gerade 102 PS. Can you believe it? Und dann ist da noch der Einstiegsmotor, der einzige von Pontiac selbst, ein Reihenvierzylinder mit zweieinhalb Litern Hubraum und 88 PS. Wirklich.

Warum erzähle ich das? Weil es einen Einblick in zwei völlig verschiedene Auffassungen von der Verwirklichung des automobilen Traumes gibt. Ja, die dritte Generation des Firebird war der Ölkrise wegen recht schwach ausgelegt. Aber er galt als wunderschön. Und die großen Motoren kaufte man offenbar auch nicht aus Gründen endloser Leistung, sondern schlicht des Klangs wegen. Bedenken Sie nun noch, daß der Wagen zwischen 1300 und 1600 kg wog und im schlimmsten Falle mit einem 3-Gang-Automatik-Getriebe ausgestattet war, dann wird ihnen klar, von welcher Art Sportwagen wir da reden.

Und dennoch war das der amerikanische Traum der Freiheit. Ich entsinne mich daran, als Kind Knight Rider geschaut und im wesentlichen 45 Minuten lang nur auf die Szenen gewartet zu haben, in denen KITT einsam über weite Highways fuhr. Und natürlich wenn er sprach und Passanten zum Staunen brachte, wenn er allein losfuhr und was dergleichen mehr für Kinder beeindruckend und lustig ist.

In einem Land, in welchem tatsächlich Freiheit herrscht, muß man sich nicht mit Höchstgeschwindigkeit in die bloße Illusion der Freiheit flüchten. Man braucht lediglich ein schönes Auto, das die Freiheit nett einrahmt, und einen endlosen Highway. Aber die Deutschen hatten zuletzt vor 50 Jahren Stil. Das ist lang her.

*

Vielleicht fahre ich bloß diesem Freiheitsgefühl zuliebe draußen herum. Heute aber ging es lediglich noch nach Weimar, wie Sie sich vom letzten Mal entsinnen.

Frankendorf.JPG
zwischen Kapellendorf und Frankendorf

Da ich in die Stadt eingefahren war, begann nun der lang angekündigte Wolkenbruch – kurz und heftig, kurzzeitig stand ich im Hagel, bis es sich recht schnell beruhigte und ich im Soirée russe anlangte.

Ich gehöre zu den Menschen, die Gewitter lieben. Das gilt freilich nicht für jeden, deshalb waren wir heute bloß zu zweit.

Wir hören zunächst nach allgemeinen Erörterungen die Ouvertüre zu Luigi Cherubinis Oper Medea, einem, wie Florian bemerkt, von Beethoven, Wagner und Brahms nicht wenig geschätzten Werk. Ich sage, das hätte durchaus sehr Beethovensche Züge und auch ein ganz ordentlich einprägsames Hauptmotiv, aber die Entwicklungen seien doch nicht so stringent, wie man das von den besten Beethoven-Sätzen her kenne.

Auch habe das Hauptthema den nicht sonderlich auffälligen Mangel, in den Bässen sehr monoton zu sein. Die ausgesprochen lebhafte Melodiestimme überblende das erfolgreich. Aber schon mit der Hochzeit hätte Wagner dergleichen nicht mehr (also nie) geschrieben. Hinzu kämen die häufigen Generalpausen, welche offenbar die Punkte anzeigten, an denen ihm die Fortspinnung nicht mehr möglich gewesen sei. Den einen oder anderen Schlagabtausch, den sich Cherubini allzu überheblich mit Napoleon geleistet habe, und welche Florian zitiert, zeugten zwar von anderen Qualitätsunterschieden und stellten Napoleon eher zum Musikgeschmack Goethes und Zelters, aber seine (Cherubinis) Verehrung Beethovens könne man bei der gehörten Musik wohl begreifen.

Ich berichte, daß ich gelesen hätte, das Knight-Rider-Thema – schon wieder KITT – klinge nicht nur zufällig nach Delibes Fanfare aus dem Balett Sylvia, sondern Stu Phillips habe es tatsächlich als Vorbild gedient. Daraufhin hören wir beide Varianten noch einmal. Ich sage, nicht nur weise die Fanfare Delibes im dritten, dem Schlußelement, eine ganz merkwürdige Harmonik (allein durch die Melodieführung, nicht durch Harmonisierung) auf, sondern der Halbtonschritt, der als Wechselnote in den ersten beiden Seqeunzen für die Serienmusik eingefügt wurde, passe die ersten beiden Sequenzen der dritten recht gut an. Wir stimmen überein, damit erst mache die sonst recht beliebige Jagdfanfare überhaupt vollständig Sinn.

Interessant mute zudem an, wie Delibes im zweiten Anlauf die Fanfare hamonisiere. Das sei etwas gesucht – nicht insofern es außergewöhnlich sei, sondern indem eine solche klare Fanfare eigentlich nicht harmonisierbar sei, zumindest nicht, ohne ihren Charakter gänzlich zu ändern. Genau das geschehe hier. Sie werde domestiziert. Überhaupt funktionierten nach meiner Erfahrung Fanfaren höchstens mit Zweiklängen, nie mit Dreiklängen, wie Delibes es hier tue. Daher klinge es – was freilich beabsichtigt sei – unglaublich verwaschen und rundgelutscht. Mir scheint jetzt fast, als sei die Fanfare erst die Ableitung aus der harmonisierten Variante.

Erstaunlich, merke ich nebenbei an, wie sehr der sich anschließende leichte Marsch an Elgars Pomp and Circumstance March No. 1 erinnere. Delibes sollten wir also durchaus häufiger hören. Wer weiß, wie viel Einfluß auf spätere Zeiten sich da noch offenbart.

Florian stellt mir daraufhin die Filmmusik zu Louisiana Story (1948), einem halbdokumentarischen Film über die glückliche Einheit von Technik und Idylle, vor. Standard Oil hat den Film in Auftrag gegeben. Der Plot: Natur trifft auf Bohrinsel; was man sich ausschließlich Technik-kritisch vorstellen kann, soll das Gegenteil zeigen, nämlich wie unbekümmert beides miteinander zurechtkommt.

Der Komponist Virgil Thomson sei ein Wagnerhasser gewesen und habe alle europäisch klingende Musik vermieden, erzählt Florian, und daher versucht, eine genuin amerikanische Musik zu schreiben. Als die Musik erklingt, sage ich, das höre man. Manchmal erinnere das an asiatische Musik, manchmal klinge es russisch. Das sei ja das einzige, was übrigbleibe. Sonst kenne er noch die beliebige disharmonische Musik. Allerdings sei er damit ja ungewollt ausgesprochen europäisch. Schließlich habe diesen finalen internationalen Stil die europäische Musik entwickelt. Da beiße sich der Moderne gewissermaßen kräftig in den Schwanz. Aber sprechend sei daran freilich, daß er diesen Stil als wurzellos empfinde, obwohl er doch eindeutig europäisch sei. Und das liege an dem, was ich immer sagte: dieser finale europäische Musikstil sei heimatlos, austauschtbar, erinnere an keinen Ort, kein spezifisches Volk, sei vollkommen seelenlos und daher für alle Neuerung aus dem Nichts prädestiniert und adaptierbar.

Ich erwähne außerdem nochmals die Titelmusik zu Back to the Future. Da habe Silvestri eine ausgesprochen interessante Melodie geschaffen. Das erinnere mich in seiner seqentiellen Fortschreibung an das Tannhäusermotiv. Florian meint, das sei mit dem Star-Wars-Thema nicht anders. Ich bestreite das. Als ich zuletzt gar meinte, daß es sich dabei überhaupt nicht um das Hauptthema handle, sei das Ausdruck meines Unwohlseins gegenüber diesem Motiv gewesen. Denn das könne man ja an Penetranz im Grunde gar nicht überbieten. Dieses #a auf dem da in den schrillen Trompeten herumgehämmert werde, schmerze doch geradezu. Viermal dis d c ais – das könne einem schon auf die Nerven gehen. Florian meint, das sei die Stelle, die tatsächlich von Williams stamme. Denn man werfe ihm ja ein Plagiat vor. Ich bin ganz erstaunt. Ich wisse davon nichts. Doch, es gebe von Erich Wolfgang Korngold eine ganz eindeutige Vorlage: Kings Row (1942).

Ich bin baff. Das sei – von dem Ritardando abgesehen – sogar der natürlichere Ausklang. Gleichwohl fehle der Notenfolge alle Brillanz, die Williams mit diesem penetranten Ais an den Schluß gesetzt und damit das ganze Gewicht nach hinten verlegt, d.h. eine Fanfare daraus gemacht habe. Erstaunlich.

Um aber zu Silvestri zurückzukommen, füge ich an, hier handle es sich nicht um eine dreifache Wiederholung der Fanfare, sondern zunächst seien da die drei Töne des Hauptthemas, die als Variante, d.h. ausgeschmückt in deutlich akzelleriertem Rhythmus wiederholt würden. Schon diese rhythmische Beschleunigung mache einen gewaltigen Eindruck, insbesondere durch die gesamtheitliche Prononcierung der Rhythmik. Dann werde die Chose nach oben katapultiert, um das Doppelmotiv eine Quinte höher zu wiederholen, woraufhin die Noten in einer Doppelauflösung herunterpurzelten, die wiederum die Töne des Ausgangsmaterials in Oktavtransposition zu einem Neuanlauf des Ganzen vorbereiteten. Dieser Rundlauf könne nun beliebig oft wiederholt werden und schraube sich immer höher. Ganz besonders imposant klängen dabei auch die Blechbässe während der Quinterhöhung.

*

Wir schließen einige Beobachtungen zur Entwicklung des Films an. Wir sähen heute, sage ich, im Grunde des Zerfall des Mediums Film vor uns. Das habe alles den Stil der Operette als Verfallsform der Oper. Nur mit dem Unterschied, daß das frühe 20. Jahrhundert sich dessen bewußt gewesen sei und die Operette durchgängig als komisch aufgefaßt habe, was zu einer veritablen Stilrichtung geführt und große Kompositionen hervorgebracht habe. Heute werde der Film unfreiwillig komisch – was etwa durch das Mary-Sue-Phänomen deutlich sei.

Dabei weite sich ja durchaus jedesmal das Publikum aus. Daß heute Neger und Frauen die Plots bestimmten, sei sicher ökonomisch gar nicht so dumm. Denn es sei eben falsch zu glauben, daß A new Hope in The Force Awakens nochmals an die gleichen Leute verkauft worden sei. Die Kinogänger der 70er und 80er Jahre waren an diesen $ 2 Mrd. vermutlich überhaupt nicht beteiligt. Man müsse sich klar machen, daß Star Wars und Star Trek vor allem etwas für Nerds gewesen sei, also einem gewissen Teil der jungen, männlichen Bevölkerung. Dazu kam durch die Heldengeschichte der Rest der jungen Männer.

Aber Kinotickets können auch andere bezahlen. Also warum dort nicht abstauben, indem man den sogenannten Minderheiten vorgaukelt, sie hätten auch etwas damit zu tun? Das sei gar nicht dumm kalkuliert. Die Fanbasis, der harte Kern sei einfach zu klein. Also schieße man die Qualitätsabteilung auf den Mond und drehe einen Film, der zwar überhaupt keinen Sinn mache, aber Millionen nicht besonders helle und an der Sache uninteressierte Zuschauer in die Kinos locke. Und da die Franchises sich in die allgemeine Popkultur eingenistet hätten, zögen Spruche wie „May the force be with you“ ohnehin bei jedem.

Wenn die Verteilung des Geldes zu 50% durch den Staat geschehe, also Minderintelligente über den Sozialstaat die Hälfte aller erwirtschafteten Güter kaufen könnten, dann müsse man das Niveau, die Qualität absenken, um die Dummen zum Kaufen zu animieren. Und freilich seien da auch die Möglichkeiten, sie über den Tisch zu ziehen, gewaltig. In allen Branchen.

Daraufhin liest mir Florian die Geschichte „Wie Robinson entstand“ von Ilja Ilf und Jewgenij Petrow vor, eine herrliche Parabel auf die Indoktrination des Kulturschaffens und die unumgängliche Langeweile, die sie in alles pflanzt. Ein russischer Robinson Crusoe soll geschrieben werden. Nachdem aber nicht genügend Anklänge an die sozialistische Gesellschaft in dem packenden Stück des beauftragten Autors vorkommen, wird es mit notwendig erachteten Änderung derart verhunzt, daß ein Satirestück ganz ungewollter Art herauskommt.

Ich sage, das sei exakt die Beobachtung, die auch heute jeder machen müsse. Robinson Crusoe wird zum LPG-Kassenwart oder eben Luke Skywalker zu Mary Sue. Eines sei immerhin sicher: Diese Filme seien so schnell wieder vergessen, wie das Geld gezählt wird, das man mit ihnen einnehme.

4 Gedanken zu “Nach den Dornburger Schlössern . Teil 3 . Soirée russe: Delibes, Cherubini, Silvestri und Knight Rider

  1. Ich muß mich für eine Fehlverlinkung entschuldigen: Der letzte Video-Link vor dem zweiten Stern war 10s zu früh gesetzt. Es handelt sich zwar um die Quinterhöhung, sie wird dort aber noch ohne Blechbässe ausgeführt (oder sie sind zumindest schlecht hörbar). Der Link ist nun mit dem richtigen Zeitpunkt gesetzt.

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