Nach den Dornburger Schlössern . Teil 2 . Kutschfahrt nach Weimar

Ich habe freilich schon oft mit meiner Langsamfahrerei kokettiert. Aber heute darf ich wohl von einem neuen Kapitel des Wangenheimschen Kutschfahrens sprechen. Nicht mehr doppelter Galopp, sondern nur noch einfacher. Denn so langsam wie von Dornburg nach Weimar ging es noch nie. Und daran schuld war das Wetter.

Zunächst einmal aber hat auf den Dornburger Schlössern wieder einiges im Baedeker nicht gestimmt. Von wegen „der Hofgärtner führt“ – und 50 Pf. wollte der auch nicht bloß. Wo sind wir nur hingekommen! Soll ich jetzt vielleicht alle 80 Jahre einen neuen Reiseführer kaufen? Sauerei, elende! Immerhin standen an der Kasse zwei, im Rokokoschloß habe ich mindestens drei Angestellte gesehen. Daher kostete es auch das Fünffache. Ich konnte mich nicht halten, die Inflation der letzten 87 Jahre zu berechnen: 2,7% p.a.

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Die drei Dornburger Schlösser, von der äußersten Aussichtsplattform als Kugelfisch gesehen

Bereits das Schloßpersonal tuschelte vom Wetterumschwung, als ich Punkt 17 Uhr alles gesehen hatte und herauskomplimentiert wurde. Dann stand jener Rosé-Himmel – passend zum Rokokoschloß – über dem westlichen Saale-Ufer, der auch schon erste Gewitterdüfte herniedersandte. Sie wissen, dieser feuchte Geruch, der an die Nachregenzeit gemahnt, obschon noch kein einziger Tropfen Wassers gefallen ist.

Nun mußte ich wenigstens hoffen, mich auf die 92jährige Straßenkarte verlassen zu können, denn besseres hatte ich wieder einmal nicht zur Hand. Und während mich Richter, Meyer und Grieben im Stich ließen, war es der Baedeker, der den sehnsüchtig erwarteten Kartenausschnitt zwischen Jena und Weimar in ausreichender Detaillierung rettungsweise anbot.

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Das mittlere Saaletal von Saalfeld bis Naumburg (Ausschnitt) 1 : 250 000 . Faltkarte im Baedeker Thüringen . 1925

So also bestieg ich mein mittlerweile recht zünd-müdes Rennpferd und klapperte über das Marktpflaster aus der alten Höhenstadt. Laut Karte – um nicht denselben Weg zurück zu fahren – war die Straße über Zimmern, Kösnitz, Stobra, Hermstedt, Klein- und Großromstedt zu nehmen. Nun denn!

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Gewitter zieht auf

Kaum nach Zimmern hinaufgelangt, drohte die mächtige dunkle Wand bereits mit heftigen Böen, die im Dorf schauerlich den Sand aus den Hofeinfahrten auf die Straße wirbelte. Ich hielt und fragte einen alten Gärtner, wie ich nach Kösnitz käme, der mir in einem Windgebraus sagte, da sei ich ganz recht… dann eine lange Pause machte, als könnte ich mit dieser Auskunft bereits zufrieden sein, um dann fortzufahren, ich müsse nur geradeaus der Nase nach. Ich dankte. Nun wollte er mit der Erklärung dieser an Ausführlichkeit sicher nicht gewinnenden Wegbeschreibung des Geradeaus gar nicht mehr aufhören, als er sich nunmehr geschmeichelt fühlte, daß jemand nach dem unbedeutenden Dörfchen gelangen wollte. Ich dankte also noch etwa drei Mal und verließ das von Staubfahnen durchfegte Dorf.

Man muß mit dergleichen Karten sehr wachsam sein. Denn auch der Abzweig nach Stobra befindet sich heute vor, nicht in Kösnitz (wenn die Karte es je richtig anzeigte), aber als ich von der recht breiten Straße schließlich auf die schmale Chaussee einbog, da schaute ich auf die Uhr und stellte fest, daß mir noch eine ganze Stunde Zeit blieb, um nach Weimar zu gelangen. Zugleich öffnete ich, nachdem der Sturm sich gelegt hatte, wieder beide Fenster und die großartige Gewitterluft flog mir erneut um die Nase. Außerdem waren nun die Farben im dämmrigen Gewitterrot von einer so ausgenommenen Lebendigkeit, daß ich die Stimmung nicht anders als mit Kutschwetter beschreiben kann. Also jenes Wetter, bei welchem man um 1812 dem lieben Gott dankte, einen geschlossenen Wagen zu besitzen, — aber ich weiß nicht weshalb, die feuchte Luft einen drängt, sich nach draußen zu begeben, das Gewitter zu erleben und dramatisch mit Donnerschlägen in die Stadt einzufahren.

Kurzerhand entschloß ich mich also, nicht mehr so zu rasen (also bis zu 60 Stundenkilometer zu schrubben) und stattdessen auf der leicht abschüssigen Straße trotz meiner bloß 25 Sachen kein Gas mehr zu geben. Und so turkelte ich selten über 35 Sachen auf den langen Geraden der schmalen Landstraße von Dorf zu Dorf.

Wie es war? Eigentlich möchte ich nie wieder anders fahren. Das ist meine Geschwindigkeit. Sie werden die Bilder vielleicht belächeln, weil auf ihnen recht wenig zu sehen ist, aber es lag in diesen Anblicken, fern jeder Zivilisation, so schien es, einsam kutschierend, der ganze Zauber einer verlassenen Kutschfahrt des Jahres 1825. Vielleicht war es bloß der Wunsch, dazubleiben. Oder wenigstens nicht zu schnell wieder fortzugehen.

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was für ein Luxus, auf der ewigen Geraden bloß zu fahren, was das Rollen hergibt (zwischen Kösnitz und Stobra)

Zum einen war da dieses einsame Rollen durch die trübe Gewitterstimmung der Alleenlandschaft, zum anderen, wenn ich aus dem rechten Fenster sah, das immer leuchtendere Korn, das gegen diese Untergangsstimmung so sonderbar abstach, je weiter entfernt es stand.

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vor Stobra

Lassen Sie sich nicht von den verwaschenen Bildern irritieren. Die Belichtungszeit stieg bei der allgemeine Dämmerung trotz des dagegen leuchtenden Ockers der Felder so stark an, daß selbst 25 Stundenkilometer schnell scheinen.

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Herrlich war es, soo langsam durch recht unbedeutende Landschaft zu fahren, so als hätte man nichts anderes zu tun, als wäre das richtig so. Freilich war ich auch ganz allein, wenn wir von einem Träcker und einer Schafherde absehen. Je weniger Menschen um einen sind, desto eher findet man den eigenen Rhythmus. Ich hatte meinen gefunden, als ein winziger Tritt auf das Bremspedal ausreichte, um diesen beiden Kameraden einen Gruß zurückzulassen.

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zwei einzelne Schafe am Ortsrand von Stobra

Und als ich einmal das ständige Anhalten aus der ja bereits fast stehenden Geschwindigkeit von kaum über 20 Kilometern zur Tugend gemacht hatte, da blieb plötzlich auch für solche, vielleicht wenig beeindruckende, aber allzu malerische Fluransichten, im Angesicht eines derart einfühlsamen, weil gemächlichen Blickes, eine kleine Minute Zeit. Ich beschloß, man müsse einen Klappstuhl mitführen, den man bei Gewitterstimmung mitten auf’s Feld stellen und geruhsam fernsehen könne.

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ein abgegrastes Flurstück mit lockerem Baumbestand

Dann langte ich an die Chaussee von Apolda nach Jena, die neppich mit kullerrunden Bäumen bestanden war und passierte Kleinromstedt, wo ich bemerkte, daß ich noch immer zu schnell war. Denn ein idyllisches Dorfsträßchen war schwuppdiwupp vorbei – Aaaaber der Waaagen, der rollt!

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die Landstraße von Apolda nach Jena

Dann begann es tatsächlich leicht zu tröpfeln. Ich schloß das rechte Fenster, um den Baedeker zu schützen und rollte nach Großromstedt hinein. Groß ist hier – Gott sei Dank – ein Euphemismus.

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zwischen Klein- und Großromstedt

Hatte ich schon genügend Photos von leuchtenden Feldern unter Gewitterhimmel gezeigt? Ich glaube nicht, Tim. — Wohlan, ich habe noch eins.

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Getreidefeld hinter Großromstedt

Nicht, daß es eine Eigenart von 92 Jahre alten Baedeker-Karten wäre, aber nun endete einmal mehr das offizielle Straßennetz für den wunderlichen Wangenheim. Das heißt, hier begann eigentlich die Reise, nämlich auf einem Weg mit angemessener Fahrbahnbreite.

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Hyperraum-Sprung mit Schafen bei 29 Stundenkilometern

Und schließlich kam ich an einem herrlichen, saftig-grünen Ausblick heraus, von dem Sie als geschätzter Leser dieses Blogs dreimal raten dürfen, was er zeigt. Denn hier waren wir schon einmal.

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Blick von den Schlachtfeldern Jena-Auerstedt auf, na? Na?

Kapellendorf. Vielleicht haben Sie es an dem massiven Turm des Wasserschlosses im Tale erkannt.

Selbstverständlich kennen Sie also von hier aus den Weg nach Weimar. Aber Sie glauben doch nicht allen ernstes, daß ich nicht trotzdem beim nächsten Mal auch dieses Stück Fahrt noch ausbreiten werde? Ja, Sie hoffen vielleicht. Aber dieser Blog soll Ihnen ja schließlich nicht gefallen. Also hören Sie auf zu stöhnen.

Oder bleiben Sie einfach hier. Wenn schon auf weiter Flur eine historische Tafel steht, dann darf ihr auch Aufmerksamkeit zuteil werden.

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Hier fand der letzte Angriff der Preußen statt. Generalleutnant Rüchels Korps wurde in diesem abschließenden Gefecht der Schlacht von Jena am 14. Okt. 1806 vernichtend geschlagen. Und der Wangenheim steht schamlos im Zitrön daneben. Wo bleibt da bloß der alte Preußengeist!
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2 Gedanken zu “Nach den Dornburger Schlössern . Teil 2 . Kutschfahrt nach Weimar

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