Zurück in die Vergangenheit oder Back to the Future

Zuletzt sendete mir mein Bruder ein Photo eines DeLorean DMC-12, den er an der Tankstelle sah. Ein außergewöhnlicher Zufall. Das nahm ich zum Anlaß, mir noch einmal Auschnitte aus dem Film, der den Wagen bekannt machte, anzusehen und stieß darunter auf ein Video, in welchem ein Amerikaner, der sich einen seiner zwei DeLoreans im Stil des Filmwagens umbaute, den schönen Satz sagte: It wasn’t until I got this DeLorean Time-Machine, that I felt, time travel is possible. Wether it’s in the mind or real… you get the connection, that you can do more with this. Go where you wanna go. Be where you wanna be. No matter what time it is.

Genau diese Erkenntnis ist die Grundlage meiner Spazierfahrten. Endlich realisieren, was für ein Geschenk der abendländischen Technik es darstellt, einfach so, ohne Kraftanstrengung, ohne ermüdende und ausdauerbegrenzte Tiere durch die Landschaft zu fahren, die für Jahrtausende nicht schneller als mit zwanzig Stundenkilometer durchritten werden konnte. Um diesen gewaltigen Sprung der Möglichkeiten des Seins im Raum zu erkennen, muß man sich in die ungeheure Beschränkung der Zeit vor der Dampfmaschine zurückdenken können und realisieren, welche Freiheit allein die komfortable Erhöhung der Geschwindigkeit auf vierzig Stundenkilometer bei erhaltenem Genuß von Landschaft und Architektur wirklich bedeutet, statt wie ein Irrer die Möglichkeiten der Technik bis zum Bodenblech zu nutzen, um stupide Einkaufen zu fahren.

Andererseits ist es die Ironie der Sache selbst, daß die moderne Technik aufgrund fehlender Selbstbeschränkung des Plebs, d.h. durch Vermassung, die Schönheit der alten Welt zerstört. Denn, wie Sie aus dem Schluß des ersten Beitrags zu Märchendeutschland wissen und jede meiner Spazierfahrten kund tut, geht meine Sehnsucht nicht nach entfernten Zielen, sondern nach vergangenen Zeiten.

Dabei war ich nicht immer so. Tatsächlich hat mich als Kind das Moderne, die Technik interessiert. Und vermutlich hätte ich auf die Frage, ob ich lieber in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen wollte, mit einiger Wahrscheinlichkeit – ganz wie Doc Emmet Brown – die Zukunft gewählt. Aber woran liegt das?

Weil es noch etwas zu gewinnen gab, weil ich noch nicht realisiert hatte, daß wir in der langweiligsten Zeit der Weltgeschichte leben, fähig alles zu tun, was nur physikalisch gedacht werden kann. Wir können die Welt umrunden, jeder Trottel kann es, wir können sie komplett zubetonieren oder in die Luft sprengen. Doch, wer alles kann, will lieber nichts mehr können.

Deshalb ist uns dieser durchgeknallte Dr. Brown so sympathisch, der irgendeine völlig überteuerte, aber stilvolle automobile Fehlkonstruktion hernimmt und seine Kabel für die Time-Machine-Zutaten vorzugsweise über die Kotflügel verlegt, mit Plutonium umgeht, als seien es Sirupflaschen, also mit Hinterhoftechnik verrückte Dinge zusammenbastelt, die eigentlich nie funktionieren, bis auf diese… Zeitmaschine – das hat seinen Charme in dem noch Unbezwungenen, im Tüfteln mit rudimentärsten Mitteln, immer aus dem hideout der Rebellen. Apropos Rebellen. So wie der DeLorean in den entscheidenden Momenten, nicht anspringen will, so geht’s auch dem Millennium Falcon, immer wieder.

Das war, als man in solchen Fällen noch nicht jammerte: Das ist ungerecht! Wir brauchen mehr Gerechtigkeit in der Galaxis! sondern einfach clever war und sich gegen seine Gegner mit Hirn durchsetzte. Ganz im Sinne von Thomas Hobbes.

In heutigen Filmen ist das ganz anders: Sie wissen vom letzten Mal, daß in den neueren Star-Wars-Ablegern Mary Sueeee den Plot regiert. Aber ich verlinke gern nochmals auf den witzigen Verriß von The Force Awakens. Zu diesem clean-up des Erzählens passend wurden die dreckigen Star-Wars-Schiffe und primitiven Rebellen-Verstecke wieder durch den Hochglanz der Zukunfts-Utopie Star Trek in Form von endlos sterilen Rendering-Szenen und Lens Flares ersetzt.

Aber wo alles glatt geht, da ist es auch zum Tode langweilig. Und das ist kein filmisches Problem, sondern ein gesellschaftliches. Nichts anderes ist der gegenwärtig herrschende Linksliberalismus: Er macht alles bis zum Erbrechen langweilig. Es ist eine gesamtheitliche Verehrung der Glattheit in jedem nur erdenklichen Sinne. Und das obwohl diese Kreise in einer irren Illusion noch immer von einer Herrschaft ihrer Gegner phantasieren, was sie selbst in völliger Absurdität zu Rebellen und Revolutionären macht, obgleich sie längst alle Institutionen mit ihrem Denken infiltriert haben. Man glaubt daher bald nicht, wie sehr sie das kränkt, wenn jemand das seit Jahren Offensichtliche ausspricht: Konservatismus ist die neue Gegenkultur. Und der Doc ist auf unserer Seite, als er in der reichlich kitschigen Schlußszene von Teil 3 sagt: Back to the Future? No, already been there.

Deshalb ist die entscheidende Frage nicht: Wer will in die Zukunft, wer in die Vergangenheit?, sondern: Wer ist das fettgefressene, unbeweglich-langweilige Hätschelkind und welcher abgewrackte Kerl hat in der Garage eine Zeitmaschine gebaut, mit der er die Zeit einmal mehr umzukehren im Begriff ist? Und da macht es bei den Insidern dieses Blogs natürlich klick!, denn daß gar die gesamte Weltgeschichte aus einer ständigen Zeitreise vor und zurück besteht, das habe ich ja nicht gerade kurzweilig, sondern allzu sehr im Duktus eines durchgeknallten Sonderlings vom Schlage Emmet Browns hier ausgeführt.

Daher hat die Gegenwart bei allen zerstörerischen Eingriffen durch die Feinde des guten Lebens, die sich linksliberal nennen, eben auch schon seit langem jenes überaus witzige Moment, daß die Revolutionäre, die sich ja allen Ernstes für solche halten, dennoch von der Installation ihrer Ideen in den höchsten gesellschaftlichen Sphären in etwa demselben Maße Nutzen ziehen, wie sie zugleich glauben, von rücksichtslosen Kapitalisten regiert zu werden. Man weiß nicht, wie das in einem solchen durchschnittlichen Hirn zusammengeht, einerseits die social justice Maßnahmen der linksliberalen Regierung für gut zu bejubeln, andererseits gerade diese aus ihrer Sicht immer auch kapitalistischen Kreise aus der Regierung entfernen zu wollen.

Das Schöne daran ist nur, zu beobachten, wie die weltumspannende linksliberale Hautevolee ihre armen Möchtergernrevoluzzer auf der Straße und in den Wahlkammern mit der übernommenen Inklusionsagenda bereits seit Jahrzehnten foppt, an sich bindet und immer reicher und autoritärer wird, während die Revoluzzer immer mehr verarmen. Eigentlich ist ja, wenn es nicht ganz allgemein verheerende Auswirkungen auf das tägliche Leben unser Aller hätte, der Schachzug der Mächtigen, den minderbemittelten Social-Justice-Warriors das Gefühl zu geben, man sei auf ihrer Seite, an Genialität kaum zu übertreffen. Keine herrschende Klasse hat je seinen Revoluzzern derart gekonnt das Gefühl gegeben, daß sie bei dieser Revolution von höchster Stelle unterstützt werden (außer vielleicht die Kirche gegenüber den Geißlern)…

…tatsächlich aber der ganze Apparat bis zum Anschlag aller Instrumente gegen sie läuft. Lean back and enjoy.

Ein Gedanke zu “Zurück in die Vergangenheit oder Back to the Future

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