Der Wangenheim ist doch bestimmt auch so ein schlimmer Frauenfeind, oder? — Selbstverständlich! Teil 1

Ganz gut gesungen. Freilich ist er kein Hampson, das ist eine andere Liga. Aber besser als dieser doch zuweilen recht steife Fischer-Dieskau. Ach, Quasthoff singt das? Ist das nicht der Krüppel? – Hohoho, ja.

Hat der Wangenheim gerade Krüppel gesagt? Hat er. Nun ist er kein Prophet. Aber es steht doch geschrieben: Jesus heilte die Krüppel. Alles in der Ordnung also. Obwohl ich sicher bin, daß die „Kirchen“ den Text heute bereits mit irgendwelchen Euphemismen gesäubert haben.

Nun benötigt man wenig Phantasie um die Lücke zwischen diesen Bemerkungen und dem Folgenden zu schließen – mir jedenfalls ist der genaue Zusammenhang im gestrigen Soirée russe entfallen –,  nämlich, daß es keine genialen Malerinnen gebe. Freilich, Angelika Kaufmann sei eine der Erwähnung ausgesprochen werte Ausnahme und habe teils recht schöne Bilder gemalt – und dennoch sei das insgesamt durchschnittliche Ware ihrer Zeit. Anton Graff sei auch nicht gerade genial zu nennen, und doch spräche ungleich mehr Charakter aus seinen Portraits. (Goethe übrigens, der Angelika recht nahe stand, hat ihr im Vergleich zu Tischbein in seiner Italiänischen Reise ein ähnliches Zeignis ausgestellt: Angelika [Kaufmann] malt mich auch, daraus wird aber nichts. Es ist immer ein hübscher Bursche, aber keine Spur von mir.) Der Begriff des Genialen sei in beiden Fällen kaum angebracht. Und genauso verhalte es sich natürlich in der Musik.

Daraufhin erhielt ich nun schweren Widerspruch. Ich hätte nur keine Ahnung und solle mich also heraushalten. Es gebe sehr wohl eine Reihe guter Komponistinnen (deren Namen sonderbarerweise auch auf Nachfrage nicht fallen). Aber all das entwickle sich erst. Vor zweihundert Jahren habe es in den Orchestern noch kaum Frauen gegeben, heute seien es fast genauso viele Frauen wie Männer (nope, they’re not: 35%), auch gebe es immer mehr weibliche Dirigenten.

Nur eben, sage ich, sei der Beruf des Orchestermusikers keine schöpferischerische Tätigkeit im Sinne des Komponisten. Genauso, wie es eine Absurdität darstelle, daß die Einspielung eines Werkes 70 Jahre Schutz genieße und damit bald auf eine Stufe mit der Komposition selbst gestellt werde. Aber die schöpferische Tätigkeit liege beim Komponisten und nicht beim Interpreten. Das solle jedoch nur nebenbei gesagt sein.

Auch unter den Komponisten gebe es interessante Frauen, wirft Florian ein, etwa Ethel Smyth. Das sei meist sehr energiereiche und aufgeweckte, übrigens betont männliche Musik. Ich füge an, ich selbst hatte einst einen Orchester-Satz aus ihrer Feder für eine sehr geeingnete Untermalung befunden. Auch sei ja kein Zweifel daran, daß Clara Schumann gute Musik geschrieben habe. Aber da handle es sich eben nicht um einen Wagner, keinen Liszt und auch keinen Robert. Und selbst in der zweiten Riege seien die weiblichen Beispiele absolute Ausnahmen, wenn man dagegen die Unmenge an zweitklassigen männlichen Komponisten des 19. Jahrhunderts bedenke, die heute auch kaum noch jemand kenne.

Das Hauptargument gegen mich lautet, Frauen hätten im 19. Jahrhundert schlicht nicht die Möglichkeit zur Veröffentlichung gehabt und seien deshalb arg benachteiligt gewesen. Und das ist nun ein absoluter Mythos, der die wahre Situation geradezu auf den Kopf stellt. Erstens, sage ich, habe es etliche Veröffentlichungen unter falschen Namen oder gemeinsam mit Männern gegeben, zweitens setze das voraus, daß auch Männer nur geschrieben hätten, wenn die Dinge veröffentlicht worden seien. Aber jeder, der auch nur einen Schimmer von der Veröffentlichungsgeschichte in der Musik, aber nicht weniger in der Literatur habe, wisse welche Masse an Kompositionen und Literatur verfaßt worden seien, ohne daß über Jahre Aussicht auf Veröffentlichung bestanden hätte.

Ich sage, die Bedingungen für viele Frauen, sich im 19. Jahrhundert künstlerisch zu betätigen, seien sogar um Längen besser gewesen als die der Männer. Während Frauen, wie die Wesendonck, den ganzen Tag nichts anderes zu tun gehabt hätten, als sich ihre Langeweile als Gemahlin eines reichen Kaufmanns mit dem Dichten zu vertreiben, habe Wagner in Paris gehungert, als er den Fliegenden Holländer geschrieben habe. Florian erzählt später: Während Robert Schumann sich in seiner kalten Studentenbude physisch zum Klavierspielen traktiert und im Selbststudium Kontrapunkt gelernt habe, sei der Vater Clara Wiecks dabei gewesen, der Tochter im warmen Salon ständig in Erinnerung zu behalten, ihre Klavierübungen nicht zu säumen. Und später sei es ihr Mann Robert gewesen, der sie zum Komponieren angehalten habe. Als ihr Mann starb, und sie niemand mehr zum Komponieren animierte, gab sie es auf. Gibt es eine sprechendere Erzählung?

Eine ungeheure Zahl von Komponisten- und Schriftstellerlaufbahnen des 19. Jahrhunderts zeigten ein jahrzehntelanges Ringen mit den etablierten Kräften unter größten Entbehrungen. Wie sähen dagegen die Lebensläufe Jane Austens, Angelika Kaufmanns oder eben Clara Schumanns aus?

Auch glaubte ich dabei selbst ohne jegliche Beispiele, daß es heute eine ganze Reihe von Komponistinnen gebe. Wie käme ich dazu es zu leugnen! In einer Welt, in der es als Kunst gelten könne, einen Eimer Farbe an die Wand zu werfen oder Fett in eine Ecke zu schmieren und die akademische Welt bis hinab zu den Google doodles bis zur totalen Verkrampfung Frauen in der Geschichte suchten, denen man irgendeine immerhin marginale Bedeutung zumessen könne, verwundere dergleichen wahrlich nicht.

Es gebe, sage ich, nur ein endgültiges Kriterium dafür, ob etwas tatsächlich von Rang sei. Und das sei die Frage, ob jemand bereit sei, Geld für diese Kunst auszugeben. Nicht so sehr in der Unikatkunst, dort reichten ein paar durchgeknallte oder gelangweilte Milliardäre aus. Sondern vielmehr in der Breitenwirkung. Und die einzige sinfonische Musik, die heute Geld einspiele, sei die Film- und Computerspiele-Musik.

Da können Sie nun die zehn erfolgreichsten Filme des Jahres 2016 nehmen, oder die erfolgreichsten aller Zeiten – das Ergebnis ist dasselbe. Trotz 50% Frauenanteil in der Bevölkerung, ist nicht eine einzige Komponistin darunter. Vermutlich werden Sie selbst bei den 100 erfolgreichesten Filmen nur sehr wenige Ausnahmen finden, wenn überhaupt eine einzige.

Erfolreichste Filme 2016:

1. Rogue One: Michael Giacchino
2. Findet Dorie: Thomas Newman
3. Zoomania: Michael Giacchino
4. Pets: Alexandre Desplat
5. Willkommen b. d. Hartmanns: Gary Go
6. Phantastische: James Newton Howard
7. Ace age – Collision voraus: John Debney
8. The Revenant: Bryce Dessner
9. Deadpool: Tom Holkenborg
10. Sing: Joby Talbot

Nach Zuschauerzahlen (zeitlos):

1. Vom Winde verweht: Max Steiner
2. Krieg der Sterne: John Williams
3. Sound of Musik: Richard Rodgers
4. E.T.: John Williams
5. Titanic: James Horner
6. Die Zehn Gebote: Elmer Bernstein
7. Der weiße Hai: John Williams
8. Doktor Schiwago: Maurice Jarre
9. Der Exorzist: Jack Nietzsche
10. Schneewittchen: Leigh Harline

Alles Männer. Aber das wundert natürlich niemanden. Genauso wenig, wie man erwarten würde, daß Frauen das hohe finanzielle Risiko unternehmerischer Tätigkeit im selben Maße wie Männer eingehen, so werfen sie sich nicht jahre-, vielleicht jahrzehntelang wie ein irrer Savant in irgendwelche sinfonischen Kompositionen, bis sich irgendwann kurz vorm Tod der Erfolg einstellt – oder eben (Hoppla!) doch nicht.

Freilich, man kann über die Qualität der Filme streiten. Ein schönes Beispiel ist Rogue One als der Nachfolger von dem hier herrlich verissenen: The Force Awakens. Aber bei den besten Filmen aller Zeiten wird das mit der Kritik insbesondere auch an der Musik schon schwerer.

*

Dagegen lautet nun freilich das allgemeine Argument: Frauen werden strukturell  benachteiligt. Und zwar bis heute. Wirklich? Das ist mein Liebingsargument. Denn das ist noch glatter zu widerlegen als all das oben gegen mich vorgebrachte.

Es gibt eine grandiose Antwort Milton Friedmans auf diese Behauptung. Damit könnte ich es belassen, aber es steckt recht viel in dem, was er hier in aller Schnelle so schlagend argumentiert und obendrein rhetorisch genial äußert. Wir können das Argument Friedmans herumdrehen und damit sehr anschaulich klar machen, daß es keine Unterbewertung von Frauen gibt, keine Benachteiligung also. Denn wo sollte sich Bewertung und Benachteiligung deutlicher zeigen als im sogenannte Gender Pay Gap, also der Ungleichbezahlung von Männern und Frauen für dieselbe Arbeit:

Erhalten Frauen, wie von höchstoffizieller Stelle, nämlich dem Bundesfamilienministerium, propagiert wird, tatsächlich 21% weniger Gehalt als Männer bei der gleichen verrichteten Arbeit… dann habe ich jetzt für Sie die ultimative roadmap to become a billionaire!

Nämlich indem Sie irgend ein Unternehmen eröffnen (suchen Sie sich irgend etwas aus – es spielt fast keine Rolle worin!), in welchem Sie ausschließlich Frauen einstellen. Ihre Gehaltskosten werden um immerhin 10% geringer ausfallen als in einem Unternehmen mit gleichem Anteil an Männern und Frauen. Und wenn Sie in eine Branche gehen, in der bevorzugt Männer angestellt werden, also Hoch- und Tiefbau, Motorenkonstruktion und Supraleiterphysik, können Sie 20% Lohnkosten sparen. Das ist ein Wettbewerbsvorteil, mit dem Sie sich dumm und dusselig verdienen! Dumm und dusselig, meine Herren! oder Damen?

Nun sind Sie natürlich etwas vorsichtig, bevor Sie Ihr Vermögen in ein solches Unternehmen stecken. Und Sie fragen mich zur Sicherheit, warum darauf noch niemand gekommen ist. Warum? Das liegt daran, daß strukturelle Frauenfeindlichkeit herrscht. Doch, doch!

Nun ist ja das Grundböse an der Marktwirtschaft, daß jede Möglichkeit, die Kosten zu senken und damit den Gewinn zu erhöhen, aus blanker und schöder Gier genutzt wird. Wenn es Menschen gibt, die man ausnehmen, denen man also für dieselbe Arbeit weniger zahlen kann, dann wird der menschenverachtende Kapitalist es tun. Die Wahrscheinlichkeit ist also groß, daß Sie nicht der erste mit dieser Idee sind, von der billigen Arbeitskraft der Frauen zu profitieren. Aber nehmen wir an, alle Kapitalisten sind Frauenfeinde und die Unterdrückung der Frau geht ihnen in einer allgemeinen Verschwörung über den Profit (ungeheuer realistisch, nicht wahr? Nun, das ist mit Verschwörungstheorien so). Dann ist das Ihre Chance, d.h. nicht Ihre, denn Sie glauben es vermutlich nicht, daß dabei 20% zu holen sind, aber die Chance jeder Feministin, die daran glaubt – oder wie im Falle dieser Diskussion, die Chance jedes männlichen Feministen. — Also wenn ich überzeugt wäre, daß es einen derart substantiellen Wettbewerbsvorteil gibt, dann würde ich ihn nutzen. You’re free to exercise your world revolution!

Aber nein, wir wissen alle ganz genau, daß hier lediglich verschiedene Leistungen verschieden bezahlt werden. Ja, wir alle wissen das. Aber in einer Gesellschaft, in der die Hälfte aller Geschäfte durch den Staat getätigt werden, also bei 50% Staatsquote, denken wir auch zu 50% nicht mehr rational-wirtschaftlich, sondern kommunistisch, daß also jedem dasselbe zustehe und die Allgemeinheit dafür aufzukommen habe. Es geht nicht um gleiches Geld für gleiche Arbeit, sondern um das moralische Unbehangen, jemandem ins Gesicht zu sagen, daß er wenigstens in einer bestimmten Hinsicht schwächer sei als jemand anderes, ja daß ganze Gruppen in bestimmten Tätigkeiten statistisch schwächer sind als andere. Doch das ist nichts als: Feigheit vor den Tatsachen.

Und glauben Sie nicht, daß sich das noch ändert. Davor schützt nur ein absoluter Zusammenbruch des Sozialstaates durch die Mutter aller Crashes. Jeder Crash, der den Staat nicht zerstört, wird ein weiteres Argument dafür sein, daß der Kapitalismus (der unseren ganzen Reichtum geschaffen hat, aber das sind die berühmten minor details) gescheitert ist und abgeschafft werden muß.

Sollte es allerdings doch 120%ige geben, die tatsächlich an die Unterbezahlung der Frau glauben: Nur zu, los! Es steht jedem frei diese offensichtliche Arbitrage innerhalb unseres Wirtschaftssystems abzuschöpfen und der Gerechtigkeit endlich die Bahn zu brechen und dabei selbst zum philantropen Milliardär zu avancieren!

 

 

Ein Gedanke zu “Der Wangenheim ist doch bestimmt auch so ein schlimmer Frauenfeind, oder? — Selbstverständlich! Teil 1

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