Zur Heidecksburg . Teil 4 . Fahrt nach Weimar und Mussorgskis Lieder

Als sich der Rauch verzogen hatte, konsultierte ich meine Reiseführer-Karten von 1908 und 1930, da ich keine aktuelle Straßenkarte zur Hand hatte und mußte einsehen, daß es sinnvoll auf kleinen Sträßchen nicht nach Weimar gehen würde, selbst vor 100 Jahren – obgleich damals kein Anlaß bestanden hätte, woanders als auf der ohnehin leeren Hauptstraße zu fahren. Es war also die B85 zu nehmen. Aber sie entpuppte sich bei geringem abendlichen Verkehr als eine recht angenehme Reiseroute.

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B85 zwischen Pflanzwirbach und Ammelstädt in der Abendsonne

Kaum Rudolstadt verlassen, begann sich die Straße von einem Talbogen zum nächsten zu schlängeln und einer war schöner als der andere. Später der Abzweig nach Haufeld und Treppendorf, den ich seinerzeit nicht aufgenommen, der aber ganz in der Nähe dieser Szenen liegt, und der heute wie damals einladend ist, mich aber nicht nach Weimar geführt hätte, wo doch nun der Weg hinführen sollte.

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Teichel Abzweig Haufeld, Treppendorf

Und so zieht sich die Straße, auf eine Hochebene vor den Ausläufern des Thüringer Beckens angehoben, in langen Geraden über das Land.

Zwischen Neckeroda und Lengefeld.JPG
zwischen Neckeroda und Lengefeld

So gleichgültig über die Alleen zu gleiten, wie es an diesem Abend möglich war, das ist ein selten gewordenes Stück Freiheit. Kutschfreiheit, wohlgemerkt.

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Abzweig Altdörnfeld

In Bad Berka schließlich rechts ab, die altbekannte Straße über Hetschburg nach Buchfahrt – jedesmal ein neuer Genuß.

zwischen Hetschburg und Buchfahrt.JPG
zwischen Hetschburg und Buchfahrt

Und schließlich die letzten Kilometer vor Weimar auf der Belvederer Allee.

Belvederer Allee.JPG
von Vollersroda nach dem Schlosse Belvedere

Und wie ich nach Weimar hineinrolle, erinnere ich mich, noch ein altes Versprechen einlösen zu müssen. Als ich das Haus Hohe Pappeln besuchte, da war mir jenes kleine Gartenhäuschen im Stil des Nachbarhauses aufgefallen und ich versprach, es dereinst noch aufzunehmen. Und heute soll es abgegolten sein, verehrte Leser.

*

Als ich bei Florian ankomme, erzählt er von seiner Reise nach Schweden. Den Koffer, der im Flugzeug vorausging, in welches sie selbst nicht mehr zusteigen durften und vier Stunden warten mußten, kam am letzten Tag des Urlaubs in seine Hände zurück. Die Führerin war eine Joga-Trainerin. Versprochene Orte wurden letztlich nicht besucht. Sehen Sie, warum meine kleinen Puppentheater-Reisen so viel erfüllender sind? Immerhin, Malmö etwa sei weniger bereichert als Berlin, von wo aus er flog, so erfahre ich auf Nachfrage. Sie wissen: Das soll ’was heißen! Warum sollte ich freiwillig in eine dieser beiden Höllen fahren?

Und damit sind wir im Soirée russe, der heute mit Liedern Mussorgskis begangen werden wird. Vor allem die Kinderstube (wir hören die originale Klavierfassung) ist da zu nennen, welche im Gegensatz zu Schumann eine echte Representation kindlichen Wankelmutes und schnell wechselnder heftiger Ausbrüche darstellt. Dagegen seien die Kinderszenen Schumanns ganz gewöhnliche Musik, sage ich, und hätten mit Kindheit nichts zu tun. Florian fügt an, Schumann habe die Erzählung eines alten Mannes, der am Kamin auf seine Kinheit zurückblicke, geschrieben. Ich muß an Kügelgens Lebenserinnerungen eines alten Mannes denken. Und genau das ist es. Ich verschätze mich noch darin, was die Kinderszenen eigentlich seien, da ich eine Melodie der Nachtstücke vorsumme.

Vor allem aber beeindruckt mich das jüdische Lied (obgleich sonst die gequälte Tragik dieser Musik gar nicht mein Geschmack ist), das weniger jüdisch, sondern ganz sonderbar mit durchaus nicht ganz unrussischen und unjüdischen Harmonien, aber doch sehr ungewöhnlich mitteleuropäisch-tragischen Tonsprüngen eine ganz merkwürdige, fast überladene Gefühlsdichte erzeugt. Wir hörten eine bessere Sopranaufnahme, aber ich denke, die Atmosphäre des zweistufigen Hauptmotives dieses hebräischen Liedes ist dennoch deutlich.

Das Vorpsiel mag man noch jüdisch nennen, wenngleich in mir ein ganz anderes Gefühl aufkommt, das ich jedoch bislang nicht näher zu beschreiben vermag. In der ersten Stufe bis 0:32 will es mir wie eine rein russische Harmonik und Melodik vorkommen, die dann plötzlich mit dem Sprung nach 0:33 ganz in einen mitteleuropäischen Jubel-Klimax übergeht, der den vormalig traurig-weinerlichen Ton mit einer unsagbaren Kraft in die Höhe hebt und in diesem Aufruhr zerstäuben läßt, obgleich so schmerzlich kurz, daß er im nächsten Moment schon wieder ganz unvermittelt zerfällt, um bei 0:38 in eine ganz gleichgültig russische Auflösung gebettet zu werden. Was hätte aus diesem Spannungsbogen noch werden können?

Ein schauerliches Stück zerfetzter Momente tiefster Gefühlslagen in einer Achterbahn so schnell, daß einem die Ohren übergehen und die Sinne und Gefühle. Ich habe soetwas nie zuvor gehört und weiß nicht, was soll es bedeuten.

***

6 Gedanken zu “Zur Heidecksburg . Teil 4 . Fahrt nach Weimar und Mussorgskis Lieder

  1. Leser

    Wüssten Sie eine tragfähige Differenzierung streng jüdischer und russischer Harmonik anzugeben? Wie unterscheidet sich das jüdische Ghettovolkslied vom russischen Bauenlied? Wieviel religiöse Tiefenwirkung steckt in der einen, wieviel erdemhaft-landschaftliches in der anderen Harmonik?

    Der religiöse Überschwang, der einen Menschen, ein ganzes Volk für ganz kurze Augenblicke aus der schlimmen Lage befreit – wenigstens imaginiert – ist ja ein Phänomen, das der Psychologie nicht fremd ist. Selbst noch Spenglers Schwärmerei von der Volksmasse, die wie ein einziger großer Wille plötzlich unvermittelt sich zusammenzieht, ist noch von dieser Religiösität gezeichnet. Vielleicht können wir diese Musik als solch ein Auf und Nieder verstehen.

    Hätten Sie vielleicht einen Auszug des Liedtextes? In welchem Verhältnis stehen Ton und Wort. Was wird eigentlich erzählt?

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  2. Pingback: Zur Heidecksburg . Teil 3 . Privatgemächer, Gemäldegalerie und Nahost-Ingenieure – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  3. Das ist die Schwierigkeit, die mir beim Schreiben des Absatzes unterkam. Es handelt sich um sehr ähnliche Gemütslagen, was vermutlich auch damit zusammenhängt, daß die jüdische Musik stark von den Ostjuden geprägt wurde – obgleich hier meine Kenntnis der jüdischen Musik an ihre Grenzen stößt. Dennoch möchte ich dem Russischen zuweilen etwas mehr Lebensfreude unterstellen.

    Das Interessante aber ist letztlich, daß wir es hier mit einem russischen Komponisten zu tun haben, der selbstverständlich, wie alle Russen, sein Handwerk von Westeuropäern gelernt hat, also bereits diese beiden Stile vereint, und nun darüber hinaus ein jüdischen Lied schreibt, sodaß wir es hier mit einem Konglomerat aus drei Welten zu tun haben, das vermutlich die merkwürdige Wirkung des Stückes ausmacht.

    Ich werde eine Bitte umgehen lassen, daß das Booklet nocheinmal mitgebracht wird und kann Ihnen dann am Freitag bescheid geben. Ich habe zwar mitgelesen, aber vor allem die Kinderstube in Erinnerung.

    Da fällt mir ein, wir hörten auch eine Vertonung des Flohliedes aus dem Faust: https://www.youtube.com/watch?v=UEVEJTm3Hhk

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  4. Leser

    Ach, wie aus der Beschreibung auf YouTube zu entnehmen, stammt die Textgrundlage von Lew Mei. https://de.m.wikipedia.org/wiki/Lew_Alexandrowitsch_Mei

    Ich denke, solange man dahingehend keine genaue Unterscheidungen treffen kann, bleibt der Titel das einzig Jüdische daran. Zu Dichters Ehren gewissermaßen. Mal schauen, was der Text hergibt.

    Meiner Meinung nach wäre ein spezifisch jüdisches Element in der Musik nur ein solches, dass sich unabhängig vom Wirtsland bei allen Juden – sobald sie musizieren und (!) auch ihre Religion ausüben – zeigen würde. Ansonsten sprechen wir ja von assimilierten, also keinen echten Juden.

    Man erkennt z.B. den jüdischen Sprechstil immer und überall, ganz unabhängig welche Sprache sie sprechen. Im Deutschen wäre da Marcel Reich-Ranicke mein erster Einfall. Vielleicht gilt meine Einschätzung auch bloß auf frühen jiddischen Sprachgebieten.

    Zuletzt ist aber Petersburger Weltschmerz zur Zeit Mussorgskys ein allgemeines Phänomen, oder nicht? Ist diese Komposition überhaupt volkstümlich? Und da das Fenster russischer stilisierter Musik so klein ist, können die Misstöne durchaus überhaupt nicht mit spezifisch jüdischer Gemütslage in Verbindung stehen. Hier eine etwas langsamer gespielte Darbietung mit Mannesstimme

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  5. Der Text des jüdischen Liedes lautet:

    Ich bin eine Feldblume, eine Lilie im Tal.
    Mein weißkehliges Täubchen,
    Inmitten der jungen Freundinnen gleich einer Lilie in den Dornen,
    Mein weißkehliges Täubchen.

    Wie eine duftende Myrthenblüte
    Zwischen verdorrten Bäumen ist mein Liebster
    Inmitten der jungen Freunde.
    Wo bist du, mein Liebster, mein Schöner?

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