Zur Heidecksburg . Teil 3 . Privatgemächer, Gemäldegalerie und Nahost-Ingenieure

Bevor es in die kleine Gemäldegalerie im Obergeschoß geht, besuchen wir noch kurz den Renaissanceflügel des Schlosses, der vom Brand 1735 verschont blieb. Dort erwarten uns nämlich die recht sonderbaren Privatgemächer der Fürsten.

Das beginnt bereits mit der vollständig in schwedischer Birke vertäfelten Ankleide, deren Längswand von einem eingelassenen Kleiderschrank ausgefüllt wird, hinter welchem sich noch heute eine Wandmalerei der Renaissance-Zeit verbirgt.

Das ist freilich eine ziemlich moderne Ausstattung, welche dem Zeitgeschmack des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts Rechnung trägt und allein von der Materialwahl her den Eindruck kalter Flächen zu vermeiden vermag.

Ganz anders hingegen das folgende Schlafzimmer, das allen ernstes noch vom letzten Fürstenpaar genutzt wurde. Hier finden sich jene merkwürdig von türkisem Brokatstoff überzogenen, reich in Freiform ornamentierten Bettgestelle, die ich noch nirgendwo auch nur in ähnlicher Art je gesehen habe.

Das Zimmer scheint ebenfalls dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu entstammen, nun allerdings mit reichlichem Hang zum Historismus. Nicht nur die Betten erinnern an die märchenhaften Schlitten, die wir im letzten Teil vor den Ausstellungsräumen aufgereiht sahen, auch der Wandteppich zeigt eine deutliche Verwandschaft zu den weniger avancierten Gemälden von Schwindts und einem Schuß Bauernkunst in Anlehung an die Landschaftsmalerei des 18. Jahrhunderts.

Es folgt das besonders fein anmutende Damenschreibzimmer in dezentem Grau und mit in zartem, neo-gotischem Stuck überzogenem Kreuzgewölbe. In der Fensternische neben dem Sekretär ein  solider Refraktor für die Musestunden.

Im Goldenen Saal erhaschen wir noch einen Rückblick ins Rokoko, der hier ebenfalls in historistischer Weise überhöht dargeboten wird, aber keineswegs verfehlt, wenn man von dem etwas unruhigen Kontrast der Stuckbemalung absieht.

Besonders nett sind hier die Einfassungen der Sopraporten, die immer wieder das Schloß selbst zeigen und einen herrlichen farblichen Kontrast zur gesuchten Weiße der Rahmung bilden.

Schließlich noch einen Blick in das einzig erhaltene Renaissance-Zimmer des Schlosses, das hinter Glas geschützt wird, bevor der Rundgang beendet scheint, ich aber unsere Führerin noch wegen der Gemäldegalerie befrage und sodann mit ihr eine Etage hinauf steige.

Dort empfängt uns im ersten Raum ein typisches Gastmahl Cagliaris, mit Gelage, Balustrade, Aussicht auf einen Turm, seitlicher Einfassung durch Innenraumarchitektur und – hier etwas mager – der üblichen Wolkenrahmung. Es handelt sich im Speziellen um eine kleine Ausführung der Hochzeit von Kana.

Sie sehen, im Grunde ist hier alles identisch, von den Körperhaltungen praktisch aller Figuren, über die Architektur, bis hin zu den Vögeln, die um den Turm schwirren. Nur ein paar Kleiderfarben unterscheiden sich – und natürlich die Größe. Denn die Hochzeit von Kana ist mit 10m x 7m etwas monumentaler geraten. Das vorliegende Gemälde ist nur 1,50m breit. Dennoch ist die Bildkomposition auch in dieser Größe beeindruckend. Und freilich denkt man hier unweigerlich an Coutures Les Romains de la décadence.

Später, hinter Glas, eine frühe Studie Caspar David Friedrichs zum Wanderer über dem Nebenmeer, ausgeführt als Ölbild 1808. Das ist beim Vergleich mit dem zehn Jahre später geschaffenen Meisterwerk auch nicht zu übersehen. Es ist unsigniert, aber die Zuschreibung gesichert. Man fand das Bild 1941 bei Ordnungsarbeiten im Magazin der Heidecksburg. Welch ein herrlicher Zufall!

Daneben, in einer Ecke, ein typisches Kupferstichmotiv des 18. Jahrhunderts in Aquarellfarben von Hackert.

Hier folgte eine Reihe von sehr schönen südischen Ansichten, deren Künstler ich jedoch über die Freude an den schönen Gemälden zu meiner Schande vergessen habe. Das Ganze erinnerte mich sehr an Blechen und Gurlitt, wenngleich die beiden freilich nicht dabei waren.

Derlei Ansichten italienischer Steilküsten vor einer Seelandschaft mit Wandelgängen und Domizil haben schon immer besonderen Eindruck auf mich gemacht. Eines der näher blickenden, weniger klassischen Beispiele hat Robert Alott gemalt.

Schließlich neben der Klosterruine von Paulinzella aus der Hand eines gewissen Ahlborn ein etwas unrealistischer Hummel, der allen ernstes eine typisch italienische Landschaftsmalerei als Arnstädtisch verkaufen will. Oder sollte tatsächlich die vorindustrielle Eichenlandschaft unserer Breiten so ausgesehen haben? Jedenfalls ist das für Carl Hummel nicht außergewöhnlich. Erst später wurde er gelegentlich realistisch. Hier haben wir ein Beispiel, das noch sehr an die Landschaftsmalerei des 18. Jahrhunderts erinnert.

Den Abschluß bildet ein überragendes Gemälde des Schlosses selbst, und zwar von Tübbecke, der Professor an der Weimarer Malschule war und dessen Gänsewiese wir zuletzt im Weimarer Schloß gesehen haben.

Das ist zweifelsohne eine fantastische Ansicht mit einer ungeheuren Tiefenwirkung, zurückhaltenden, aber doch wirkmächtigen Kontrasten, und eines unaufgeregten Realismus schönstes Beispiel.

Zu guterletzt möchte ich noch auf ein Gemälde aufmerksam machen, zu dem mir erneut der Maler fehlt, das mich aber ausgesprochen an Waldmüller einnerte.

Und dann ging es endlich hinaus! Das Wetter war noch immer grandios, der Kammerluft genug geduldet, und so trat ich frei atmend aus dem Tor und spazierte über den Schloßhof auf die erste Terrasse.

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Innenhof des Schlosses

Dort war die Tribüne für die allsommerlichen Theater-Aufführungen unter freiem Himmel (sehr zu empfehlen) im Aufbau begriffen und ich bekam nun endlich Aussicht in die Ferne.

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Blick auf Rudolstadt

Türmchen, Gauben, verwinkelte Dächer, enge Gäßchen – herrlich im Saaletal gelegen, mit viel Wald und manchem kahlen Hügelchen… was will man mehr? Hier ist ein Stückchen Märchendeutschland übriggeblieben. Und man mag von diesem Anblick kaum scheiden, so friedlich liegen die Perlen im Tal.

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Die zweite, untere Terrasse, fast noch schöner gelegen, auf einer Höhe mit dem Turm der St. Andreaskirche, die just, als ich ihr entgegengehe, das 18-Uhr-Geläut zu schlagen beginnt, mit Pavillion, herrlichem Baumbestand und dem noch immer fantastischen Blick auf das Saaletal und die Stadt.

Am Ende der Mauer dann lungern eine Handvoll Nahost-Ingenieure an der Mauer. Man kann in diesem verdammten Land keinen Ausflug mehr tun, ohne sich diesem Affront für jeden feineren Geist auszusetzen. Kein Ort ist mehr unbetroffen. Es ist ein Trauerspiel.

Aber das sind natürlich alles nur Vorurteile. Denn ich hörte dort am laufenden Band „Alamalacha“. Wußten Sie, daß das nichts anderes heißt als elliptisches Integral dritter Gattung in Weierstraßscher Normalform? Doch, wirklich! Die unterhalten sich über Funktionentheorie.

Allerdings gilt das nur, wenn es auf der ersten Silbe betont ist. Auf der dritten Silbe betont heißt es Ziegendreck. Verzeihung, ich bin in der Zeile verrutscht. Es bedeutet den an sich seienden objektiven Geist Hegels als absolute Idee gedacht. Sie sehen, allein die Subtilität dieser Sprache ist von so gewaltiger Tiefgründigkeit, daß wir Deutschen nur staunend neben diesen großen Kulturmenschen stehen können und versuchen uns wenigstens nicht zu blamieren – oder könnten Sie den objektiven Geist Hegels aus der Lameng heraus erklären? Sehen Sie, ich auch nicht! Wir brauchen eben unbedingt Einwanderung.

Noch eins, damit Sie keinen Fehlinterpretationen aufsitzen: Wird „Alamalacha“ auf der ersten Silbe besonders stark gehaucht und auf der Schlußsilbe betont, dann unterhalten sich die Herren über Volkswirtschaftslehre. Das heißt nämlich Pareto-Kriterium mit besonderer Emphase auf das Equimarginalprinzip. Immer wenn also mittelpigmentierte und auf den ersten Blick recht minderbemittelt dreinschauende Neubürger irgendwo herumlungern und Sie etwas ähnliches wie Alamalacha hören, dann handelt es sich um ein akademisches Symposion unter freiem Himmel. Das sind eben kulturelle Besonderheiten. Der Képos war auch bloß ein Garten. Seien Sie ganz beruhigt. Die Rente ist sicher. Also nicht Ihre. Aber das sind minor details.

Nun mögen die also alle ungeheuer intelligent sein, aber der Anblick ist dennoch widerlich, weshalb ich nach nur kurzem Verweilen kehrt machte, um die Beleidigung meiner Augäpfel in erträglichen Maßen zu halten und die reiche Ästhetik des Tages nicht sinnlos aufzuzehren. Dann verließ ich das Gelände und sprengte das Schloß.

*

Teil 4

4 Gedanken zu “Zur Heidecksburg . Teil 3 . Privatgemächer, Gemäldegalerie und Nahost-Ingenieure

  1. Leser

    Dieses Schloss muss ich auch besichtigen! Tübbeckes Gemälde ist wahrlich überragend. Fast könnte man meinen, die Landschaftsarchitekten planten diese edlen Ein- und Ausblicke ausschließlich für die Maler.

    Da ist die Pariser Lösung durchaua begrüßenswerther für den Landfahrigen. Unnötigerweise dürfen die Neubürger ja für gewisse Zeit nicht das Lokal ihrer Unterbringung verlassen. Aber langfristig wird es sie alle in die Großstädte verschlagen Ins absolute Alamacha! Ich bin diesmal nicht in der Zeile verrutscht. Sorry, not sorry.

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  2. Pingback: Zur Heidecksburg . Teil 2 . Die Repräsentationsräume und Rococo en miniature – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  3. Sie meinen den Landschaftsarchitekten Bauer Grundmann und Waldpächter.

    Ich fürchte der Verteilungskommunismus wird das letztlich nicht gestatten. Es bleibt auch abgesehen von allen Steuerfolgen beim Auswanderungsgebot.

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  4. Pingback: Der Historienmaler Hans W. Schmidt . Teil 3 . Eine Ausstellung in der Harry-Graf-Kessler-Kunsthalle Weimar – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

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