Zur Heidecksburg nach Rudolstadt . Teil 1 . Fahrt im Saaletal

Großes kommt auf Sie zu. Also verhältnismäßig. Und Miniaturen. Aber im Grunde biete ich hier ja ausschließlich Miniaturen (neben vereinzelten Minotauren). Ingene Spreizung – für die Insider.

Nun ja, ich bin ein Glückspilz. Nicht nur, daß ich immer wieder auf die schönsten Reisen gehen darf, selbst profane Erledigungen arten bei mir in wahre ästhetischen Genüsse aus. Das heißt, man muß natürlich ein Auge dafür haben. So mein wöchentlicher Einkauf im östlichsten HaWeGe-Markt Deutschlands. Ich könnte natürlich auch nach fünf nichtssagenden Kilometern dieser Notdurft nachkommen, aber ich fahre lieber drei Mal so lang und dafür wunderschön.

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zwischen Geisenhain und Oberbodnitz, nach langer Walddurchfahrt

Zunächst ist da freilich unser eigenes schönes Tal und der Eingang des Gneuser Tales, das die alten Hasen dieses Blogs bereits mitdurchfahren haben. Zum Einkaufen geht es aber am steilen Hang gleich zu Beginn links hinauf, sodaß man ins Gneuser Tal sehr schön hinabsehen kann, und dann in langen Geraden durch den Laubwald. Das ist gerade im Sommer angenehm kühl. Sie müssen wissen, daß in meiner alten Schüssel schon seit Jahren die Klimaanlage den Geist aufgegeben hat. Da ich allerdings ohnehin die Vögel zwitschern hören will und sich die Windgeräusche bis 50 Stundenkilometer in Grenzen halten, ja angenehm sind, erfüllt das Fahren mit offenen Fenstern den Zweck nicht nur ebensogut, sondern kommt dem Ratschluß des wunderlichen Herrenreiters in noch umfassenderer Weise entgegen.

Dann tritt die Chaussee aus dem Wald und nimmt einmal Schwung durch eine Feldersenke, die gern von Damwild durchstreift wird, über eine kleine Hucke nach Oberbodnitz hinein. Auf dieser mäßigen Anhöhe gibt die Landschaft erstmals einen Blick auf das nahende Ziel preis: Die Leuchtenburg bei Kahla.

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Leuchtenburg bei Kahla

Sie sehen im obigen Bild bereits, wie die Straße nach links in einen Hohlweg hinabführt. Diese altertümliche Straßenführung – meist mit malerischem Baumbestand auf den Flanken und gerade hier in der Gegend fast durchgängig mit Aufschlüssen direkt am Fahrbahnrand – verströmt in mir jedes Mal die Atmosphäre einer gediegenen Kutschfahrt zu Goethes Zeiten. Und man möchte den Geheimrath zum Kutschbock hinaufrufen hören: Haaaalt! Besorge er mir aus dem Instrumentenkoffer Hammer und Lupe sowie ein Viertelstündchen Zeit. Na los, wachen Sie auf, Riemer! Wir haben zu tun!

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Hohlweg nach Oberbodnitz hinein, mit Sandsteinaufschlüssen am Straßenrand

Und so quält sich Riemer aus dem Plüsch, der Kutscher setzt sich gelangweilt in den Schatten der Bäume, die Tiere ruhen sich aus und Goethen hockt mit seinem Sekretär am Straßenrand, sie klopfen, diskutieren zuweilen heftig, schaffen Gestein in die Koffer…

Aber wir müssen weiter! Das Dorf ist recht nett anzusehen und besitzt noch das alte Pflaster, wie es sich gehört, liegt in einer Senke und entläßt uns deshalb wieder in einem leichten Hohlweg hinauf in Richtung Leuchtenburg.

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Oberbodnitz . Einfahrt und Ausfahrt

Dann schwingt sich die Straße sanft am Waldrand hinauf, an dem altertümlichen Dorf Seitenbrück vorbei und über eine erneute Hucke eröffnet sich der nächste, nun deutlich nähere Blick auf die Burg.

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hinter Seitenbrück . Straße nach Kahla

Jetzt sind die Konturen des Burgfrieds bereits deutlich erkennbar und es geht durch eine wundersame Landschaft aus tiefen Wiesengründen und geschwungenen Linien allumher, denen auch die Straße folgt und deren weitwinkligen Reiz man nur erleben, nicht fotografieren kann.

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Straße nach Seitenroda . links tief hinabgreifend herrlich geschwungene Wiesen und Wälder

Auch hier finden sich am rechten Hang Aufschlüsse direkt am Fahrweg, aber es ist nicht ganz so schattig, und unser Herr Geheimrath hat vom letzten Stop in Oberbodnitz ebenfalls die Nase voll, sodaß nicht noch einmal gehalten wird.

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geschwungene Landschaft um den Doppelkegel der Leuchtenberg

Die Straße wendet sich links um den Burgberg, vorbei an jenem Aussichtspunkt, an welchem ich zuletzt mit der Gleitschirmpilotin sprach, als ich abendlich von Ranis her zurückkam, und eröffnet den Blick in das Saaletal, über dem die Leuchtenburg weithin thront.

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Aussichtsbank unter einer Baumreihe unterhalb der Leuchtenburg . Blick ins Saaletal nach Süden

Ganz links sehen Sie dann auch schon das Ziel unserer Reise, nicht den HaWeGe-Markt, sondern irgendwo dort im Dunste liegt Rudolstadt. Aber auf dem Weg dorthin gibt es noch einiges zu entdecken.

Schon länger wollte ich das folgende Photo schießen, das Sie als Leser meines Blogs in wunderbarer Erinnerung haben werden – wenigstens wenn ich Ihnen die Vorlage für diesen Schnappschuß aus der Märchendeutschland-Reihe danebenstelle.

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Citroen C4 (2017) und Käfer (1939) unterhalb der Leuchtenburg

Denn selbstverständlich handelt es sich hier um den herrlichen Reisefilm mit dem Käfer von Weimar nach Karlsbad, den Sie – ob schon gesehen oder nicht – noch einmal in seiner Darbietung einer lückenlosen Kulturlandschaft ohne Schandflecken an Straßen, Dörfern, Städten und Natur samt seinem liebenswürdigen Humor und der sehr gelungenen Musik genießen sollten.

Und da ich den Film gerade selbst noch einmal sehe, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Die kurze Szene zwischen Pößneck und Ziegenrück… kommt Ihnen die kleine Kirche nicht bekannt vor? Jaja, nicht so zugewachsen, aber das ist das hübsche Maßwerk am Chorgiebel der spätgotischen Veitskapelle in Wernburg, die wir damals mit dem Baedeker Thüringen von 1925 ausfindig gemacht haben. Erinnern Sie sich?

Aber worüber ich Sie eigentlich einmal nachgrübeln lassen wollte: Die Musik ab 10:28 sollte Ihnen bekannt vorkommen. Allein, ich selbst grüble noch, was gerade dieses Stück mit dem Ort zu tun haben sollte. Denn der Komponist hat zwei andere Stücke in Böhmen geschrieben, und selbst die in Marienbad und nicht in Franzensbad. Können Sie das Rätsel lösen?

Bevor wir nun von Kahla nach Rudolstadt fahren und damit meine Einkaufsstrecke verlassen, habe ich mich entschlossen Ihnen noch eine Stelle aus der teils noch recht altertümlich erhaltenen Stadt Kahla zu zeigen, die bald nicht mehr existieren wird. Denn man ist freilich weit davon entfernt, den Wahnsinn des Abrisses alter Häuser und des Neubaus nichtssagender moderner Fassanden zu beenden. Die folgende Stelle erinnert mich jede Woche an Rothenburg ob der Tauber. Bald jedoch nicht mehr.

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Kahla . das Terrassenhaus wird demnächst abgerissen

Freilich erreicht diese Ansicht nicht die Postkartenqualität des Plönleins in Rothenburg mit den beiden Stadttoren im Hintergrund. Lieblich ist es dennoch und ein kleines Element von vielen anderen, besser erhaltenen der Stadt, für dessen idyllische Anmutung offenbar niemand mehr einen Sinn zu entwickeln imstande ist. Hinzu kommt, daß gegenüber – Sie sehen das Baustellensschild rechts – bereits ein schöner Klinkerbau des 19. Jahrhunderts abgerissen wurde und gerade der Neubau aufgerichtet wird. Ein Trauerspiel.

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von Kahla nach Hummelshain

Um die Fahrt auf der B88 noch ein wenig hinauszuzögern, trödeln wir an der linken Seite des Saaletals über kleine Sträßchen nach Kleineutersdorf. Dann ist die Bundesstraße nicht mehr zu verhindern – obwohl sie sehr schön verläuft, aber doch stärker und schneller befahren ist – und wir folgen den großzügigen Schwüngen der alten Reichsstraße durch das teils recht enge Tal.

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vor Uhlstädt-Kirchhasel (Statt sich die schöne Landschaft zu besehen, haben die Autofahrer nichts sehnlicher im Sinn, als den LKW wegzunehmen. Die beiden armen Tropfe am Ende der Schlange haben es trotz reichlich Pferdestärken nicht über’s Herz gebracht und weinen nun vermutlich recht heftig.)

In Uhlstädt habe ich den kurzen Parallelverlauf der Landstraße genutzt, um etwas gemütlicher fahren zu können und Ihnen noch einen Anblick der zuletzt besuchten Weißenburg vom Tal aus zu bescheren.

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Weißenburg bei Uhlstädt und Etzelbach

Aber was rede und rede ich, wir kommen ja gar nicht voran! Bloß 40 Kilometer und der wunderliche Wangenheim ist nach einer Stunde noch immer nicht angekommen. Na, wir sind ja schließlich auf Reisen und nicht auf der Flucht.

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Nebenstraße zwischen Niederkrossen und Weißen . vor Rudolstadt

Da aber bisher so gar nichts passiert ist – wenigstens für die weniger Interessierten –, muß ich Ihnen, damit sie mir bei der Stange bleiben, doch zum Abschluß noch einen Ausblick auf das geben, was uns im zweiten Teil erwartet. Viel Rokoko und den subtilen Übergang desselben in den Klassizismus, hoch über Rudolstadt. Harren Sie aus, verehrte Leser, harren Sie aus!

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Schloß Heidecksburg
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5 Gedanken zu “Zur Heidecksburg nach Rudolstadt . Teil 1 . Fahrt im Saaletal

  1. Leser

    Großartige Reisebilder! In Thüringen müsste man leben! Und ein herrlich inszenierter Goethe: Haaalt! … Was habe ich gekichert vor Entzücken.

    Ihr Rätsel möchte ich probieren. Aber sagen Sie, wollten Sie Ihre Leserschaft etwa absichtlich verwirren? Denn es klang so, als sei die Rätselmusik gerade vom gesuchten Komponisten selbst geschaffen gewesen. Nun, jedenfalls dachten Sie an Wagner. Danach hört es bei mir aber auch schon auf zu klingeln. Die 2-3 Sekunden ab 10:28 erinnern an 5,6 Sekunden aus der Meistersinger Ouvertüre. Aber auch im Vorspiel zum dritten Akt des Lohengrin ließe sich ein kurzer Fetzen finden. Ich kann es leider nicht weiter zuordnen! Da scheint mir der Stil Eisbrennners doch prägnant genug. Woran haben Sie gedacht? Und worüber grübeln Sie – falls das kein raffiniertes Ablenkmanöver war!

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  2. Sie haben recht, ich muß dieses Goethe-Stück noch schreiben. Am Besten eine Mischform aus Schaupspiel und Novelle. Mit Kessler, Mann, vielleicht auch Spengler und in dem anderen Zeitstrang Kleist, Wieland und Goethe mit Riemer. In Weimar, auf Fahrt und im Grandhotel Pupp in Karlsbad. Es kitzelt mir grad wieder unter den Nägeln!

    Doch, ich denke schon, daß Eisbrenner hier gekupfert hat, wie auch schon bei der Gaudeamus-igitur-Einfahrt in Jena. Wagner haben Sie richtig geraten, aber Sie denken über zu viele Ecken. So hinterlistig bin ich gar nicht, denn es war ernst gemeint, daß die Lösung des Rätsels nicht zu zur Entstehunggeschichte der Musik paßt, denn es ist weder der Lohengrin noch die Meistersinger (zumindest so weit ich es höre).

    Das sind doch eindeutig Tristanakkorde, die da angeschlagen werden, bald dasselbe Motiv. Nicht so sehr die ersten drei Sekunden, obwohl das Motiv dort anhebt, sondern vielmehr die Akkorde bei 10:32 und 10:35. Das findet sich ziemlich genau ab 5:23 hier wieder: https://www.youtube.com/watch?v=J-qoaioG2UA#t=5m23s

    Wenn tatsächlich Lohengrin oder die Meistersinger erklingen würden, dann wäre das Rätsel ganz gelöst, denn die hat er wenigstens in mittelbarer Nähe in Marienbad geschrieben. Aber der Tristan ist in der Schweiz und in Italien entstanden. Das machte mich stutzig. Dabei wäre es ein leichtes gewesen, den lieben Schwan anklingen zu lassen o.ä. Aber es ist meiner Auffassung nach unmöglich, daß es sich hier um Zufall handelt.

    Aber das Schönste an seiner Musik ist freilich das herrliche Aufbruchsmotiv, das den kleinen Käfer immer wieder behende anschiebt, wenn es weitergehen soll. https://www.youtube.com/watch?v=zeKxedoLkUE#t=4m11s Großartig!

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  3. Leser

    Oh, da habe ich mich wohl selbst überlistet! Ich dachte es so: Sie suchen ein Stück, dass in Marienbad komponiert wurde, also an dem Orte, wo noch zwei weitere entstanden seien. Folglich also denjenigen, der nicht zwei, sondern ganze drei Stücke dort komponierte. Anscheinend – laut einer Internetquelle – habe Wagner auch am Parsifal in Marienbad geschrieben. Das war mein Denkfehler! Und ich bin – denn des Denkers Irrtum folgt der nächste zugleich! – diese Stücke in Gedanken, wie mit Ohren durchgegangen und war nie so wirklich ganz selbst überzeugt vom Ergebnis.

    Ja, freilich! Tristan ist es. Das habe ich dumpf geahnt aber mit meinem eben geschilderten logischen Fauxpas nicht über die Schwelle gebracht. Das erklärt mir jetzt auch besser Ihr eigenens Nachdenken.

    Das Aufbruchmotiv ist großartig, da stimme ich Ihnen zu. Den Film hatte ich mir auch schon bei erster Gelegenheit – d.h. als er das erste Mal bei Ihnen Erwähnung fand – angeschaut. Bloß heute entdeckte ich auf meinem Androiden die wunderbare Blaufilter-Option, was dem Schwarzweiß einen angenehm sanft-naturhaften Grünstich verleiht. Nun ein noch größerer Augenschmeichler.

    Sollte es je auf einer Bühne erscheinen – wohlan! Aber bis dahin erbitte ich mindestens auch ein Hörspiel! Das drängt doch förmlich nach Verwirklichung.

    Ihr leser bleibt gespannt.

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