Marktwirtschaft oder Kommunismus? Das Ringen der Mentalitäten um die Zukunft . Ein Lob der Tatkraft . Teil 3

Wer möchte nun bei allem bisher gesagten nicht zu gern verstehen, woher dieser Drang kommt, so konsequent in Richtung wirtschaftlichen Niedergangs zu navigieren. Und freilich ist das keineswegs das Ziel. Wer will schon verarmen?

Im vorangehenden Teil dieser Reihe habe ich eine Weltkarte der durchschnittlichen Intelligenzquotienten verlinkt und tue es hier erneut. Und zwar deshalb, weil der IQ sicher keine zuverlässige Aussage über die Gesamtleistung einer Gesellschaft gibt (obwohl Sie leicht sehen, daß er durchaus die allgemeine Wirtschaftskraft auf der Weltkarte recht gut abbildet), wohl aber ein ausgesprochen gutes Maß für die Disziplin¹ des Menschen und ganzer Gesellschaften ist.

¹ Zwar schlägt Disziplin den IQ in Schulerfolgen mit einer Korrelation von 0.7 zu 0.3, ist also ein durchaus anders Maß, dennoch sehen Sie an dieser Studie, daß die Disziplin an US-Schulen exakt mit der IQ-Rangliste zwischen Asiaten (am diszipliniertesten), Weißen, Hispanics, Schwarzen, Indianischstämmigen (am undiszipliniertesten) übereinstimmt.

Disziplin aber ist ein Indikator für die Bereitschaft sich zusammenzureißen, also den tierischen Affekten, die in uns allen arbeiten, zu widerstehen und etwa auf den jetzigen Konsum zugunsten späteren Reichtums zu verzichten, mehr Arbeit mit Freude anzugehen, da sie vorwärtsbringt, niemanden auf offener Straße anzugreifen, nur weil man ihm etwas wegnehmen könnte, die Staatsmacht im Kleinen anzuerkennen, weil man im Großen doch unterliegt usf., all das sind ganz entscheidende Elemente für das Funktionieren der bürgerlichen Gesellschaft. Wohl können wir angesichts der allgemeinen Intelligenz so leben. Aber: Wollen wir noch?

Denn wir müssen uns freilich nicht zusammenreißen. Das illustriert sehr schön jene weit bekannte Parabel vom Millionär und dem Fischer. Die eine Gesellschaft strebt zu immer neuen Höhen, treibt sich gegenseitig an, und zugleich verdient jeder für sich. Die andere lebt in den Tag hinein: Komm ich heut nicht, komm ich morgen, es wird schon reichen (und im Zweifel verwende ich meine Energie darauf, mit Gewalt zu nehmen, was die anderen nicht freiwillig teilen).

Zweifelsohne gibt es keine dieser Gesellschaften in ihrer Reinform. Es handelt sich nicht um zwei theoretische Gesellschaftsentwürfe, die man mir nichts dir nichts ausprobiert, sondern um Mentalitäten, Gesinnungen, Mindsets. Diese sind in jeder Gesellschaft in einem gewissen Verhältnis vorhanden. Im intelligenteren Teil der Gesellschaft ist das Vertrauen in die vorausplanende Logik stärker als der Wunsch nach dem Wohlbefinden des Augenblicks. Im dümmeren Teil regiert der innere Schweinehund, Leichtfertigkeit, Nichtbedenken von Folgen für die Zukunft und der Genuß des Augenblicks.

Diese Intelligenz hat sich bei den Ostdeutschen 1989 nicht etwa plötzlich verändert, als sie vom Niedergang und Verrotten in einem phlegmatischen Staat die Nase voll hatten, sondern der Zustand des Landes wurde immer katastrophaler und entsprach dem Tatwillen der Bevölkerung nicht mehr. Man glaubte, besser zu sein als das Gegenwärtige. Nun ist aber der umgekehrte Fall ebenso möglich: nämlich vom ständigen Vorwärts! in kapitalistischen Gesellschaften die Nase voll zu haben, vom ununterbrochenen Kampf, von Kritik und Arbeit, obwohl doch alles im Überfluß vorhanden ist. Und exakt das drängt sich heute durchzusetzen.

Allerdings dauert es Jahrzehnte, bis eine heruntergekommene Wirtschaft wieder zum Laufen gebracht werden kann. Und dasselbe gilt für eine funktionierende Wirtschaft, die niedergerissen wird. Der Initialpunkt zu handeln liegt immer weit vor seinen Wirkungen. Das kann sowohl den Tatkräftigen am Aufschwung verzweifeln lassen, so wie es den Undisziplinierten treffen kann: sie machen alles falsch oder gar nicht und doch bricht die Wirtschaft nicht sofort zusammen. Sie schließen daraus, ihr Weg sei nachhaltig. Nur Wenige bemerken, daß das Währungsregime der divergierenden Targetsalden in Europa und die Verdopplung der Staatsschulden unter Obama einen Weg darstellen, eine immense Inflation (also tatsächlich bereits eingetretene Wirkungen) statistisch zu kaschieren.

Auch ist nur wenigen klar, daß der Nettolohn inflationsbereinigt bereits seit Jahrzehnten stagniert. Und das bei leicht manipulierbaren Warenkörben und dem so beliebig adjustierbaren hedonistischen Faktor bei der Inflationsberechnung. Innerhalb dieser Schönwetterblase schwebt der Kommunismus – der äußerlich noch marktwirtschaftlich funktioniert – und meint, sich jede ernste Auseinandersetzung sparen zu können.

Und nun haben Sie es natürlich längst bemerkt, daß diese Beschreibung wie die Faust auf’s Auge paßt, wenn wir an unsere heutigen gesellschaftlichen Diskurse denken, an Diskussionen, die in Universitäten, auf der Straße, ja sogar in Unternehmen geführt werden.

Dem Anderen lieber zu schmeicheln als ihm die Wahrheit zu sagen, als ihm die Leviten zu lesen, ihm zu widersprechen, beginnt heute bereits im Schulalter durch Schönreden der Leistungen. An den Universitäten wird es nicht besser, wie man hoffen könnte, sondern schlimmer, zumindest in jenen Studiengängen, in welche die Unmengen an Studenten drängen, deren kognitive Fähigkeiten bei weitem für echten wissenschaftlichen Diskurs, also gnadenlose Argumentationsschlachten, nicht entfernt ausreichen. Entweder man läßt sie durch die Prüfungen rasseln oder man senkt die Anforderungen. Da die Losung Akademisierung lautet, also Gleichmacherei auf vermeidlich höchstem Niveau, geschieht das zweite.

Das Primat dieser Reibungsfreiheit setzt identisches Denken und Handeln voraus. Keine Widerrede, sondern Unterwerfung unter eine allgemein akzeptierte Haltung, in der man selbst ganz nebenbei so unangreifbar wird, so durchgängig immerzu recht hat, als hätte man gute Argumente, als gehöre man zu den Intelligenten. Die Scheinintelligenz ist geschaffen.

Sie glauben, das sei übertrieben? Vor zehn Jahren, als ich noch in philosophischen Fakultäten herumsprang, sprach ich mit einem Doktor, der für die Korrektur der Klausuren in praktischer Philosophie zuständig war. Für die Beantwortung der Klausurfragen, so war der genannte Korrektor baß erstaunt, wurden ganze Passagen aus dem Begleit-Skript der Vorlesung teils wörtlich wiedergegeben. Ein Beweis für ungeheure Fähigkeiten im Auswendiglernen. Und zwar nicht von ein paar Studenten, sondern – halten Sie sich fest: durchgängig. Es gab unter Dutzenden Teilnehmern der Vorlesung keinen einzigen Studenten, der eine von den Gedankengängen des Skripts abweichende Argumentation gewählt hätte. Ein gefährlicherer Gesellschaftszustand – nichts als perfekt funktionierende Indoktrination – kann kaum gedacht werden. Die Konformität dieser Generation ist gespenstisch.

Andererseits ist das freilich Ausdruck des völligen Unverständnisses der Sache selbst, also Kants, Hegels oder Benthams, obgleich freilich die Scheine dennoch verteilt werden mußten. In einem echten Bildungssystem würde man daraufhin das Skript abgeschafft haben, auf daß sie das selbständige Denken lernen. Aber Sie wissen ja: Wir wollen alle Akademiker sein. Und auch die Professoren stemmen sich gegen diese Unverzichtbarmachung aller möglichen Lehrstühle durch diese Studentenschwemme freilich nicht. Gesellschaftlich ist dieses kleptomanische Festbeißen an Vorgesagtem aber vor allem eines: beängstigend und furchterregend.

Es zeigt den freiwilligen Unterwerfungsgestus nicht nur dieses neuen Verständnisses von „Wissenschaft“ an – indem das Totschlagargument der Straße durch bewußte Niveauabsenkung (bei immer besseren Noten) in die Hörsäle getragen wurde –, sondern der Gesellschaft überhaupt, die sich in der Angst vor der Abweichung von der Norm jeden Bären aufbinden ließe und läßt und so zum Spielball aller staatlichen und suprastaatlichen Interessen wird. In Anbetracht dessen sind es beinahe bloße Kollateralschäden, wenn auch die Kritik an unseren immer häßlicheren Städten, der geistigen Einfalt moderner Kunst, den ständigen Vergewaltigungen des logischen Denkens gänzlich ausbleibt.

Aber jeder Fortschritt, jede Neuerung, jede Korrektur von falschem Glauben wird gerade durch Kritik, unangenehme Fragen, Widerstand und wiederum die Kritik an dieser Kritik geboren. Es ist immer zuerst das Denken! Denn nochmals: Erfolg ist selten instantan zu beobachten. Das „Es geht doch auch so!“ ist der Trugschluß unserer Zeit. Daher ist Vertrauen in klares, logisches, vorausschauendes Denken so wichtig für die dauerhafte Existenz jeder höheren Gesellschaft. Die vehementesten Folgen lassen auf sich warten, bis es zu spät ist, ihrer Herr zu werden.

Der Erhalt einer motivierten Gesellschaft ist daher ein ständiger Kampf, ein rücksichtsloses Ringen mit den schlagendsten Argumenten, den überraschendsten logischen Kombinationen, dem Aha-Effekt, dem Zugeben des denkerischen Fehlers. Ist dieses Vertrauen in das Denken, das Projektieren auf die Zukunft verloren, ist die betreffende Gesellschaft es ebenfalls. Nur wer sein Handeln konsequent evaluiert, wird ein hohes Niveau an der Weltspitze halten können.

Ich will Ihnen zwei alltägliche Beispiele geben: Ihr Gast sagt Ihnen, daß der Kuchen scheußlich schmeckt! Man macht Sie ungeniert darauf aufmerksam, daß Ihre Hosenaht geplatzt ist. Das ist peinlich, natürlich! Aber diesen Kuchen werden Sie nie wieder anbieten und ihre Kleidung täglich auf ordentlichen Sitz prüfen. Sie haben es gelernt. Nur das gebrannte Kind scheut das Feuer. Die derbste Kritik hat den größten Lerneffekt, es muß wehtun. In einem ruhigen Moment werden Sie später Ihren Kritikern dankbar sein. Daher existiert in wirklichen Konkurrenzgesellschaften eine Kultur der ernsthaften Dankbarkeit für die niederschmetterndste Kritik. Kennen Sie das noch?

Wo jedoch keine Kritik mehr ist, wo das logische Gegenargument nichts mehr gilt, dort ist der Stillstand, die Verlotterung, im Grunde der Ort, an dem die Menschen sich selbst überlassen werden, sich ohne äußeres oder inneres Korrektiv in ihre Idiosynkrasien verlieben und dabei völlig degenerieren, im Grunde vereinzeln, ohne Kontrolle und also ohne echtes Mitgefühl. Kritik, logische Aufklärung als Hilfe zu verstehen, scheint mir zunehmend ein unverstandener Gedanke zu sein – es ist ausschließlich noch beleidigend, ein bösartiger Angriff. Man haßt den logischen Zwang. Man weicht ihm aus. Aber die Welt basiert nichtsdestoweniger auf logischen Grundlagen. Und wer gegen die Natur handelt, wird über kurz oder lang untergehen. Die Physik dieses Universums läßt sich nicht zum Anderssein überreden.

Und freilich meine ich mit Kritik nicht, daß es noch nicht genug Gleichberechtigungsbeauftragte im Lande gebe, daß wir noch nicht genug gegen Hatespeech tun u. w. drgl. m. ist. Bereits die Phrase „noch nicht genug“ zeigt an, daß es sich um eine Verstärkung der bereits existierenden Bewegung handelt, den bandwagon, den allgemeinen Strom. Kritik aber findet gerade nicht mit dem Strom statt. Ich meine jene Kritik, welche die gesamte, in der fraglichen Sache betroffene Gesellschaft gegen einen aufbringt. Das allein ist wahre Kritik. Beifall von eingesessenen, offiziellen Stellen erhält man nur als williger Vollstrecker.

Doch wo sollten unsere Kinder den Widerspruch gelernt haben? Wer hat ihn noch erlebt, zuhause (womöglich als Einzelkind?), an der Schule, an der Universität? Wo wird eigentlich noch nicht von A bis Z gehätschelt? Daß unsere gesellschaftswissenschaftlichen Universitätsabgänger vielerorts schon heute in ein tiefes Loch fallen und bemerken, daß mit dergleichen Pseudobildung, nämlich Unfähigkeit streng logisch und rational zu argumentieren, am freien Markt kein Geld zu verdienen ist, zeigt, welches ungeheure Potential unser Bildungskommunismus bereits verschenkt. Denn auch diese Menschen könnten schon jeweils Jahre zum Bruttosozialprodukt gehörig beitragen und es zukünftig tun. Aber allein die Wahl des Studiums, sein Geld mit Lamentieren verdienen zu wollen, zeigt jenen oben beschriebenen Weg, der vom Schaffen, sich Aufraffen, sich Anstrengen weiter und weiter fort zielt.

Es rentiert sich allenfalls noch in der Wirtschaft. Selbst ingenieurs- und naturwissenschaftliche Studiengänge weisen länger schon Tendenzen zur Anwendung vorgefertigter Prinzipien auf, statt zu grundlegendem Verstehen. Der Staat und alles was mit ihm korreliert, alle kommunistischen Elemente der Verteilung und der Angst vor jeder Art von logischer Härte, sind gar in einem kritikfreien safe space der flüchtenden Mimosen angekommen und züchten sich in einem Bildungssystem des Phlegmatismus immer mehr dieser mindergebildeten aber dafür überfreundlichen, d.h. falschen und vor allem gut funktionierenden Menschen heran. Während vor hundert Jahren noch Phlegmatiker bemitleidet wurden, werden agile, aufsässige Kinder heute mit Medikamenten behandelt.

Setzt dieser Trend sich durch, ist jedoch auch die Wirtschaftskraft der mit Potential ausgestatteten Verbliebenen endgültig verschenkt.

Hier verweise ich auf ein ausgesprochen interessantes Telephongespräch Nixons mit dem demokratischen Soziologen und Botschafter Moynihan. Studien zeigten schon 1971 deutlich, daß Schuldbildung nicht das geringste mit den Bildungsausgaben zu tun hat, sondern die Umgebung, die übrigen Schüler entscheidend sind und daß schwache Minderheiten nur minimal gefördert, aber fähige Minderheiten von einer schwächeren Mehrheit massiv heruntergezogen werden. Da sich nun die „dumb immigration“ an sozialen Brennpunkten einfindet, ist sie jedoch lokal immer in der Mehrheit, wenn Masseneinwanderung erst einmal eingesetzt hat. Damit sind auch alle intelligenteren Schüler der lokalen Minderheit am Ort verloren. — Der Aufhänger des Gesprächs ist übrigens das Thema der IQ-Unterschiede der Rassen, a „knowledge better not to know“. Also das, was Sie oben bereits auf der Weltkarte sahen.

Das ist ein entscheidender Fakt, daß Schulleistungen in undisziplinierter Umgebung massiv niedergehen. Freilich, als Einzelner können Sie von diesem Niedergang profitieren, sofern sie sich den allgemeinen Anschauungen zu entziehen vermögen. Je weniger wirklich fähige Menschen es gibt, desto eher stechen Sie heraus und verdienen abseits der allgemeinen Liebkosungen an der Dummheit der übrigen. Allerdings müssen Sie dann ebenfalls die Massen belügen – und außerdem sprachen wir in dieser Reihe ja über Gesellschaften, nicht über Individuen. Und dieser gesellschaftliche Verlust wirkt sich schließlich in verlorener Lebensqualität auch für jeden Herausstechenden in seiner ganzen tragischen Konsequenz aus.

Denn in der bürgerlichen Gesellschaft versucht jeder in diesem logischen Sinne zu denken, sodaß durch gegenseitiges Korrigieren und Überbieten ein höchst produktiver Gesellschaftszustand erreicht wird. Die breite Masse sorgt in diesem Fall für Disziplin, Tatkraft und Ordnung. Ist die Masse aber in einem laissez-faire, laissez aller darin gehemmt, so bleiben nur die Widerständigen als Erfolgreiche übrig, die über kurz oder lang diese Gesellschaft der im Denken Behinderten beherrschen. Das ist die Ironie des Kommunismus, daß er am Ende von den größten Kapitalisten kontrolliert wird.

Verheerend für den inneren Zustand dieser Gesellschaft ist, daß die Mehrheit der Beherrschten keinen Drang mehr verspürt auch selbst für Ordnung, Disziplin und Tatkraft zu sorgen. Ein Massenproletariat entsteht, das sich eher gegenseitig ausraubt, als sich zu neuen Leistungen anzuspornen. Nur der hohe Stand an Intelligenz hat den Ostblock nicht in Drittweltzustände abdriften lassen und einen geordneten Übergang möglich gemacht. Unter der Einwirkung der dumb immigration aber kann die Ordnung, die sich einst von selbst regulierte, irgendwann nicht einmal mit einem Polizeistaat noch aufrechterhalten werden.

Dieser allgemeinen Ordnung und Arbeitsmoral wegen ist eine soziale Marktwirtschaft, nämlich bürgerliche Gesellschaft, trotz all ihrer kommunistischen Tendenzen des moderaten Sozialstaates ein vollkommen erstrebenswerter Zustand. Denn alle profitieren von der Leistungsbereitschaft aller anderen und dem sozialen Frieden, der Ordnung und den selbstverständlichen Umgangsformen, indem sie frei, ohne Angst, Einschränkung und Störung durch herumstreunende Diebe, sinnlose Kommunikationshürden und behindernde Kulturunterschiede sich mit der Gestaltung ihres Lebens befassen und dem Vorwärtskommen verschreiben können.

Wie dagegen eine Gesellschaft aussieht, die meistenteils primitiv und untätig ist und nur an wenigen Schaltstellen noch fähiges Personal hervorbringt, deshalb der Kriminalität und fehlenden Kohäsion wegen ständige Wachsamkeit und sinnlos verausgabte Wirtschaftskraft zum Schutz vor den äußeren Verhältnissen erfordert, deren Einschränkung der Freiheit zudem auch die Verkümmerung von Lebenserfahrung bedeutet, und daher für das gute Leben kaum noch Vorbilder und Handlungsräume übrigbleiben, das können sie genau dort auf der Welt studieren, wo jene dumb immigration herkommt, die den neuerlich phlegmatischen Westeuropäern so gar nicht unähnlich ist.

Und zu guter Letzt ist es keine unbedeutende Frage der Ästhetik. Als die bürgerliche Gesellschaft noch völlig intakt war – bis kurz über die Mitte des 20. Jahrhunderts –, hat sich das Streben und der Wille zum Besseren eben nicht nur in Wachstumsdaten und grundlegenden Innovationen geäußert. Nein, es zeigte sich im ganzen Erscheinungsbild dieser Gesellschaft, in Architektur, Umgangsformen, Garderobe, Sprachschatz und Allgemeinbildung. Jede Kultur der Weltgeschichte ist auf marktwirtschaftlichem Boden erwachsen. Nicht selten hat ein Kommunsimus in der einen oder anderen Form sie zerstört. Bereits heute ist von dieser Kulturzeit kaum mehr als das Ergebnis, die wirtschaftliche und soziale Wohlfahrt übriggeblieben. Auch auf diese letzten Ausläufer von Kultur wird man in Zukunft zu verzichten haben.

Diese Welt der citoyens, des Bürgertums, führte und könnte noch heute zu einer hochdifferenzierten, ästhetischen Gesellschaft führen, in der echte, nützliche, persönliche Vielfalt nicht alle nach den gleichen Massenprodukten und Massengedanken greifen ließe, in denen manche äußere Ähnlichkeit mannigfaltige innere Differenzierung erlaubt, manche innere Übereinstimmung die äußere Erscheinung so vielfältig gestaltet – und schließlich in diesem vielfältigen Streben jedes Einzelnen der Vorteil auch aller Anderen gesichert ist.

***

Advertisements

10 Gedanken zu “Marktwirtschaft oder Kommunismus? Das Ringen der Mentalitäten um die Zukunft . Ein Lob der Tatkraft . Teil 3

  1. Friedrich Springer

    Herr Wangenheim! Mit großem Interesse lese ich Ihren Blog. Ich leite Ihre Artikel stets an meinen Bekanntenkreis weiter. Insbesondere die Serie über Kassel fand viel Zuspruch. Vielen Dank und alles Gute!

    Gefällt mir

  2. T. Franke

    Nun gut. Aber da fehlen mir doch einige Gedanken. (a) Wie kommt es, dass Gesellschaften damit beginnen, sich selbst zu zerstören? (b) Wie kann man etwas dagegen tun? (c) Wie kommt es, dass eine Gesellschaft sich langsam aus dem phlegmatischen in den eifrigen Zustand entwickelt? Denn es gibt auch diese Bewegungsrichtung. Vor jedem Niedergang muss ein Aufstieg stattgefunden haben.

    Gefällt mir

  3. Da stellen Sie sehr interessante Fragen, die ich tatsächlich implizit belassen habe. Erlauben Sie mir das Pferd von hinten aufzuzäumen: Ihr letzter Satz benennt das Phänomen der Mean reversion, die ich in Teil 2 beschrieben habe. Aber Sie meinen es sicher nicht in Bezug auf die ökonomische Gesamtsituation, sondern im Sinne des Niedergangs und Aufstieges in Fragen der Tatkraft. Und ich gebe Ihnen darin vollkommen recht: Mir fällt sogar sicher leichter, den Übergang zum Eifer zu beschreiben und ihm Förderliches aufzuzählen als den zum laissez faire.

    Auf dem Niveau des Einzelnen: Die Menschen dürfen sich gegenseitig keine Seichtigkeiten durchgehen lassen (im Englischen das schöne: don’t let him get away with it), oder zu deutsch: jemanden festnageln (der dann auch nicht mehr fortkommt). Fehler rücksichtslos vorwerfen, Ausreden nicht gelten lassen, exakte Nachweise fordern, kein Wischiwaschi bei Erklärungen und Begründungen zulassen. Und das gilt nicht nur für geistige Fragen, sondern auch für Fragen des Stils, des menschlichen Umgangs, aller möglichen Handlungsweisen.

    All das setzt freilich voraus, daß jeder, der diese Dinge fordert, sie erkennen muß, also exakte Analysen dessen betreiben muß, was ihm aufgetischt wird. Jeder agent of change muß also selbst ein logischer Mammut sein. D.h. der Wandel setzt ein – womit ich hoffe zugleich (b) beantwortet zu haben – wenn genügend Streiter nicht nur für Logik und Sachkenntnis eintreten, sondern dieselbe auch vorweisen können. Dagegen kann man also vor allem etwas durch Bildung, durch ständiges Lernen und sich informieren tun. Eine komplexere Frage ist, wie man Menschen dazu bekommt, diese Haltung einzunehmen. Die einfache, aber vielleicht auch abschließende Antwort lautet: Indem man sie argumentativ stellt und sie aus der Niederlage über kurz oder lang ihre Konsequenzen werden ziehen müssen.

    Ihre Frage (a) hoffe ich allerdings am Schluß des 7. Absatzes beantwortet zu haben. Aber ich will es noch einmal auf eine logische Kette ziehen: Ich bin davon überzeugt, daß jeder Zustand den Menschen auf Dauer langweilt und er versucht etwas Neues zu beginnen, ja das Gegenteil tun (aus meiner Sicht geschichtsphilosophisch ausgenommen wichtig). Insbesondere dann, wenn die schon lange eingeschlagene Richtung kaum noch relevante Ergebnisse liefert. Sofern Disziplin nur noch als ökonomisch zielführend betrachtet wird (die große Frage ist, weshalb Kultur nicht mehr zu den Zielen zählt), gibt man sie auf, wenn ökonomisch nichts mehr zu erreichen ist oder es wenigstens so scheint. Da unsere Gesellschaft in weiten Teilen wirtschaftlich recht gut situiert ist, hält man es für unsinnig, in dieser Richtung Energie zu verschwenden. Es existiert kein echtes ökonomisches Ziel mehr. Also kann man faulenzen.

    Gefällt mir

  4. T. Franke

    Die Frage ist, warum jemand Krummes geradebiegen möchte, statt Fünfe gerade sein zu lassen. Die ersten, die das tun, haben davon nur Nachteile, rein äußerlich betrachtet.

    Ich vermute dahinter — auch aufgrund meiner klassisch-humanistischen Bildung — eine gewisse weltanschaulich-religiöse Motivation, bei der der Akt der Zurechtrückung eine Art Gottesdienst ist, ein Gerechtwerden gegenüber der Wirklichkeit, ein Einfügen in die Wahrheit, zu der man einzig Vertrauen hat. Mithin ein gewisser Glaube an das Gute in der Welt, evtl. auch eine göttliche Gerechtigkeit hinter allem. Das kann aber nur ein philosophischer bzw. durch-philosophisierter Glaube leisten, ein rein religiöser Glaube mit all seinen Krummheiten und Irrationalitäten kann das nicht. Sekundär kann es auch ein Akt der Mitmenschlichkeit sein, auch wenn es selten gedankt wird.

    Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

    Gefällt mir

  5. Wann gewisse Menschen einschreiten und nicht mehr mit zusehen, hängt natürlich vom Leidensdruck ab. Entweder sie werden zweifelsohne früh genug einschreiten oder jene Menschen sind zur wirklichen Antizipation der fatalen Folgen ebenfalls nicht fähig. Warten sie aus Angst bis zu jenem Punkt an welchem sie die Umstände, welche die allg. Haltung erzeugt hat, aktual nicht mehr ertragen können, dann zeigt dies, daß die Abwägung, was schlimmere Folgen habe, noch zugunsten des Mitmachens ausfällt. Tritt dieser Punkt nie ein, sind die allg. Haltung und ihre Folgen offenbar gar nicht sonderlich schlimm.

    Andererseits möchte ich behaupten, daß jene, welche die Fähigkeiten zu diesem Einschreiten, also genügend Ferne zum mainstream besitzen, meistenteils ohnehin eher gesellschaftlich randständige Menschen sind und daher von der Gesellschaft nichts erwarten und also keine wirklichen Nachteile erfahren können.

    Sicher ist richtig, daß anti-logische Kräfte immer einer religiösen Grundierung bedürfen, denn rational gibt es ja keinen Grund, Tatsachen und Logik zu leugnen. Es gibt aber nur wenig, was über der Logik stehen kann. Das ist entweder die wirtschaftliche Existenz/körperliche Unversehrtheit (Galilei widerruft) oder ein System höherer als menschlicher, irdischer Wahrheiten, also Religion. Und im Grunde liegt hier beides vor. Einmal die Religion der unbedingten Vermeidung von Negativaussagen gegenüber heiligen Kühen (dem Tabu) und andererseits das moralische Negativgefühl des Moments (auch eine Art Schmerz), das man zu ertragen hat, folgt man der Logik gegen dieses verinnerlichte Heiligtum. Außerdem antizipiert mancher freilich auch die Folgen der ständigen Rechtfertigung dieser Logik vor allen übrigen Mainstreamern nach der Entsagung.

    Auf diese Ebene heruntergebrochen, werden die Motive des 100%igen und des aus Gründen der Folgen noch schweigenden Gegenspielers sehr ähnlich: beide fürchten eine gewisse Art von Schmerz (und beides sind Schmerzen, welche die verinnerlichte Religion verursacht, einmal im Gläubigen selbst, einmal durch die Gläubigen). Jede Regilion ist Zuckerbrot und Peitsche. Selbst wer dem Zuckerbrot entsagt hat (oder es nie kostete) und dem das Zuckerbrot bitter schmeckt, fühlt noch die Geißel der Gläubigen um ihn herum.

    Ob wir das philosophisch nennen müssen, möchte ich zumindest in Frage stellen. Denn dieser „Religion“ fehlt ja völlig die philosophische Tiefe. Sie hat nur weitgehend uninspirierte Glaubenssätze der Gleichheit und einen samaritischen Imperativ. Dahinter steht nicht mehr als eine Theorie der Harmlosigkeit, also eine Art verkrüppelter Jainismus, der sich vor seinem überempfindlichen Gewissen nicht traut, seine Interessen durchzusetzen und aus einem kindlichen Trotz gar gegen seine Interessen arbeitet, die von jenen verfolgt werden, die ihm angeblich unangenehme Gefühle aufzwingen wollen. Ich finde den Gedanken der Persönlichkeitsspaltung in diesen Dingen sehr einleuchtend, wie ich heute erst von Charles Murray hörte: https://www.youtube.com/watch?v=3r0hqvPwvZM#t=19m56s

    Gefällt mir

  6. T. Franke

    Mir ist das zu materialistisch gedacht. Richtig ist, dass „niedere“ Beweggründe für das Handeln der Massen in Erwägung gezogen werden müssen. Für Einzelne muss das nicht gelten.

    Ich meine z.B. nicht, dass eine philosophische Überzeugung von der Sinnhaftigkeit der Geraderückung von Krummem anti-logisch sein muss und Tatsachen leugnet. Vielmehr geht sie von einer bestimmten Weltordnung aus, die durchaus für eine Tatsache gehalten wird, während es die kurzsichtigen Übertreter der Weltordnung sind, die Tatsachen leugnen. Ich meine auch nicht, dass eine solche Überzeugung harmloser Samaritismus sein kann. Es ist ja mithin purer Egoismus, den Einklang mit dem „Geraden“ und „Richtigen“ zu suchen, wenn man die Welt für dergestalt strukturiert hält. Man beachte auch, dass der Altruismus dem Menschen zu einem gewissen Grad angeboren ist.

    Es gilt: Gut ist, was mir nützt – aber ein materialistischer Egoismus im Sinne der Cleverness des Gauners nützt genauso wenig wie naive Selbstlosigkeit.

    Gefällt mir

  7. Ich habe gerade wegen dieser Symmetrie der Standpunkte ja darauf hingewiesen, wie ähnlich sich die beiden Seiten sind. Anti-logisch ist die anvisierte Haltung dennoch. Nicht vordergründig, aber sobald die Diskussionen fortschreiten – und ich habe dergleichen Dutzende geführt – wird mit einem Glaubenssatz eingegriffen. In zwei Prozent der Fälle ist die Gegenseite fähig die Argumentation durchzuhalten und man endet an verschieden gewählten Axiomen. Aber auch da ist überdeutlich, daß dies nur dem Schutz der Weltanschauung dient und keineswegs aus Überzeugung für die Sinnhaftigkeit des abgebrochenen Regresses herührt, denn die Ausgangsthesen der Gegenseite müßten dann ebenfalls zugegeben werden, was ich noch nie erlebt habe.

    Und auch den egoistischen Teil der Kalkulation habe ich deutlich zu machen versucht. Insofern differieren wir nicht.

    Gefällt mir

  8. T. Franke

    „Ich weiß, dass ich nichts weiß“, sagte Sokrates. Am Ende ist alles ein Puzzlen von Wahrscheinlichkeiten und Plausibilitäten. Mythos ist um uns. Mehr als die meisten denken.

    Gefällt mir

  9. Pingback: IQ-Vergleich zwischen Europäern, Asiaten und Ashkenazi-Juden . Auswirkungen durch Einwanderung und Sample-Wahl – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.