Spazierfahrt nach Hohenfelden . Teil 2 . Wanderung und Chorwerke der Kirchenmusik im frühen 20. Jahrhundert

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Der Talkessel von Hohenfelden . mittig rechts der Riechheimer Berg mit Turm

Nun war ich um halb fünf endlich am Freilichtmuseum oberhalb Hohenfelden angekommen und sah mir das Museumsdorf an, entschied mich, daß ich für eine derart unrealistische Dorfanlage mitsamt Baustellenabsperrband keine fünf Euro zahlen würde und machte mich nach einer kurzen Stärkung sogleich auf, meine Wanderung zu begehen.

Denn ich könnte aus der Lameng fünf echte Thüringische Dörfer nennen, die einen realeren altertümlichen Eindruck machen. Allein Taubenhäuser findet man heute nicht mehr. Ansonsten ist die Anlage nicht eng genug, die Mühle steht am Berghang ziemlich fehl am Platze, das Ganze wirkt also wie ein Schaudorf, d.i. Disneyland – und genau das bekamen wir heute ja bereits in wesentlich subtilerer Form zu sehen.

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Freilichtmuseum Hohenfelden

Die Luft war warm, die Straße staubig, die Grillen zirpen lauthals, der Himmel stand voller sich türmender Wolken: Auf in den Wald!

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Wangenheim wandert bei Hohenfelden

Der Aufstieg war der bisher ungewohnten Wärme entsprechend doch recht anstrengend und wollte so gar nicht enden. Immerhin ging es meistenteils durch Wald. Es zog sich also und zog sich, an einem Steinbruch und verlassenen Waldhäusern vorbei, bis sich endlich die Landschaft in kleinen und größeren Wiesen auftat und man den Ausblick, für den ich die Wanderung machte, unter den Wolkentürmen bereits förmlich zu riechen begann.

Wolkentürme
Wolken blähen sich über dem Riechheimer Berg

Und schließlich erfüllte sich die olfaktorische Hoffnung, als sich das Gelände nach Süden hin öffnete und jenen herrlich weiten Blick über die Ausläufer des Thüringer Beckens eröffnete, der am Horizont die ersten Hügelketten des Thüringer Waldes zu erkennen gibt.

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Blick nach Süden vom Riechheimer Berg . rechts Ilmenau, links Richtung Rudolstadt

Übrigens schauen wir hier nicht irgendwohin, sondern links auf die Hügelketten über dem Saaletal, das bei Rudolstadt seien Westknick ausbildet, und weiter die B88 entlang aus dem Saaletal heraus über Königsee nach Stadtilm und Ilmenau. Etwa in der Mitte, irgendwo zwischen den dunstigen Höhenzügen, liegt denn auch das Tal, in welchem das Kloster Paulinzella steht. Also alles bekanntes Gelände.

Dann kam ich noch am höchsten Punkt, d.i. am Turm vorbei, allerdings war die Gaststätte durch die fehlende Aussicht wenig einladend. Alles ist zugewachsen. Den häßlichen Turm will natürlich auch niemand besteigen. Also ging es langsam wieder hinab, einen kleinen Ausguck streifend, am Joch vorbei, über das man mit dem Auto fährt, einen weiteren, diesmal stillgelegten Steinbruch am Wegrand passierend und schließlich durch den dichten Wald hinab. Am Waldrand gab es noch einen schönen Ausblick auf das abendliche Hohenfeldener Tal.

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Hohenfelden im Talkessel und begangenem Höhenrücken gegenüber

Der Rückweg durch das nicht ganz kleine Dorf und die schnurgerade Straße hinauf zum Freilichmuseum haben es mir, obwohl eine lustige Goldammer mich begleitete, dann endgültig gegeben. Ich riß die Autotür auf und soff, ja, man muß sagen, ich soff die Flasche Wassers bis zum Boden leer. Vielleicht hätte ich doch auf dem Riechheimer Berg einkehren sollen.

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Erlösung! Auto heißt Wasser!

Aber wer denkt sowas! Von nicht einmal zwei Stunden wandern – zugegeben meist im halben Laufschritt – völlig fertig! Ich schiebe das einfach auf das neuerlich ungewohnte Wetter. Aber nun das Tuch um den Hals, die Fenster herunter und den Galopp durch die Landschaft genossen!

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durch das merkwürdig zugepflasterte Tiefengruben

Da war ich nun selig froh, daß ich im Auto schön gemütlich nach Weimar kullern konnte. Unter anderem kam ich erneut durch Tiefengruben, das durch die lückenlose Pflasterung von Straße und Bürgersteig eine merkwürdig altstädtische Anmutung hat, die mit dem dörflichen Fachwerk ungewöhnlich kontrastiert. Gleich hinter dem Ort, der als Ganzes denkmalgeschützt ist, liegt links am Berghang das Schloß Tonndorf. Auch da muß ich freilich einmal hin.

Aber heute lachte ich bloß noch über drei besonders Eilige, die mitten in all den herrlichen Anblicken nichts besseres zu tun hatten, als sich an mir vorbeischwirrend gegenseitig zu jagen – wie sie sich untereinander das Leben schwer machen, die armen Hunde! Und ich genoß derweil die letzten gemütlichen Straßenkilometer an der Felsenburg von Buchfart vorbei und über die herrliche Allee oberhalb Belvederes nach Weimar hinein.

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vor Bad Berka

Auch im Soirée russe, als ich bereits wieder Unmengen Wassers bedurfte und endlich begann, meine Wegzehrung zu verspeisen, wollte mich der Marsch nicht verlassen. Zwar bekam ich noch mit, daß wir russische Kirchenmusik für gemischten (sic!) Chor von Rachmaninow hörten, das Große Abend- und Morgenlob, 1915 als eine Reihe von 15 Chorwerken geistlicher Texte verfaßt, welche weder in der Kirche geduldet wurden, noch freilich seit 1917 außerhalb derselben, und was nicht sonderlich russisch als vielmehr sehr geglättet und allgemeingültig klang, und auch, daß wir zum Vergleich ein geistliches Chorwerk Arnold Mendelsohns hörten, das mich abgesehen von einigen ganz kurzen harmonischen Schrägen an die Chorbehandlung in Wagners großartigem Liebesmahl der Apostel erinnerte, aber ich hing nur noch auf dem Stuhl und war kurz vorm Reich der Träume, sodaß ich mich schließlich frühzeitig mit den Übrigen aufmachte, von der angenehmen Abendluft noch einmal erweckt wurde und in die Nacht entfloh.

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