Spazierfahrt nach Hohenfelden . Teil 1 . Kulturlandschaften und ihre Architektur . Kranichfelder Burgen

Am Mittwoch war der Sommer da, am Donnerstag fuhr ich in den Sommer hinaus. Und da es mit der Zeit immer schwieriger wird, eine Strecke nach Weimar auszusuchen, die ich als ständiger Weimar-Fahrender noch nicht ausprobiert habe, drifte ich nicht nur immer weiter ab, sondern komme zuweilen an Orte, die ich bereits gestreift, aber nie richtig besehen habe. Und so ist es auch mit der Gegend um Hohenfelden.

Im Februar war ich bereits auf der Straße von Riechheim her nach Hohenfelden unterwegs. Leider hatte ich die Kamera erst im nebligen Tal von Hohenfelden angeschaltet, und nicht bereits bei der Durchahrt des Joches vom Südhang des Riechheimer Berges in den Talkessel von Hohenfelden. Denn das ist ein wirklich ungewöhnlicher Anblick, wie die Straße nach dem weiten Ausblick gen Süden sich plötzlich in den Berg hinein gräbt und dann mit einem Mal den Blick in ein weites Tal freigibt, in das sich die Straße in großen Schwüngen hinabsenkt. Vor allem auch beeindruckt war ich von dem weiten Blick nach Süden, in den am Horizont beginnenden Thüringer Wald. Also beschloß ich, erneut nach Hohenfelden zu fahren, im Thüringer Freilichtmuseum Halt zu machen und schließlich das Hufeisen des Talkessels über den Riechheimer Berg entlangzuwandern.

Zunächst aber mußte ich freilich hinkommen. Und in diesem Zuge will ich ein altes Versprechen einlösen, das ich auf meiner Fahrt über den Reinstädter Grund gegeben hatte: nämlich bei besserem Wetter ein paar halbwegs repräsentative Fotos von dem netten Tal und seiner lieblichen Straße zu schießen.

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der Reinstädter Grund vor Gumperda (l.) und vor Reinstädt (r.) von Kahla kommend . links mittig der merkwürdige Schönberg

Erlauben Sie mir zu den Bildern auf diesem Blog noch zu erwähnen, daß Sie diese verlustfrei vergrößern können, indem Sie den Blog ein paar Mal mit „Strg“ und „+“ (Firefox) skalieren, sodaß die rechte Seitenleiste verschwindet, die Schrift größer wird und die Bilder ebenfalls. Sie können die Fotos bis 1200 Punkte ohne Qualitätsverlust zoomen.

Auch wenn neben der Landschaft die Ortschaften recht schön sind, so ist es doch vor allem die sachte dahinschwingende Straße am Talesrand, welche die Fahrt so außerordentlich angenehm macht. Daß ich beinahe von einem Traktor überholt worden wäre, illustriert den Hang zum Verweilen in dieser Landschaft vielleicht am deutlichsten.

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Reinstädter Grund hinter Reinstädt und bei Geunitz

Schließlich wird das Tal bereits merklich enger und die Straße führt nach rechts und steil heraus nach Drößnitz.

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links die letzte Gerade auf der Hauptstraße . rechts nach dem Abzweig, aber weiter im Tal dahin vor Wittersroda mit der merkwürdigen Kirche im Talgrund (links vom Bus)

Nur ein kleiner Abzweig folgt dem Reinstädter Bach nach Wittersroda. Und dort endet auch die Buslinie, denn nun ist die Landstraße gesperrt – nicht jedoch auf meiner Karte und also auch nicht für mich.

Schöner ist es nun freilich trotz der fehlenden Straßenmarkierung nicht (die Plastepylone sind übrigens noch immer da), denn die recht blanke Natur reizt unser Auge keineswegs so sehr wie die kleinteilige, durch Felder, Obstbäume, die Allee selbst und was an Kleinigkeiten bis hin zu Scheunen und gepflegten Bachläufen, Zäunen und Tierherden nun mal in einer typischen Kulturlandschaft an differenzierenden Elemente so herumsteht. Dieser Effekt ist auf den gesperrten Straßen im Niemandsland immer wieder frappierend, wie ich finde, und macht deutlich, wie stark die schöne Landschaft eigentlich immerzu eine Parklandschaft bedeutet und keineswegs unberührte Natur. Denn diese würde hier, wie es vor 1000 Jahren noch war, einen undurchdringlichen Wald erstehen lassen, den selbst auf einer Straße durchfahren kein Mensch mit Schönheit verbinden würde. Es wäre nach kurzer Zeit totlangweilig.

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auf der gesperrten Straße von Wittersroda nach Lengefeld

Schließlich läuft das Tal leicht ansteigend Richtung Lengefeld aus und die Kulturlandschaft kommt zurück. Wir sind wieder in zivilisierten Gefilden.

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vor Lengefeld

Und wie Sie bereits bemerkt haben, ist heute ein ausgesprochener Tag der Wolkeninszenierung, was im Verlaufe des Nachmittags immer deutlicher wurde. Man konnte sich oft an den strahlend weißen Zuckerwattebergen kaum sattsehen.

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Wolken vor Lengefeld beiderseits der Straße

Daß es sich immer lohnt die kleinen Sträßchen zu fahren, bewahrheitete sich auf dieser Fahrt mehrfach. Denn als ich nun die B85 kreuzte und aus Hochdorf herausfuhr, da eröffnete sich plötzlich ein Tal, das man angesichts der voraufgehenden Fläche nie erwartet hätte, schon gar nicht die herrlich sich schlängelde Landstraße, die mich Richtung Tannroda hinabführte.

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Blick nach rechts zwischen Lengefeld und Hochdorf . malerische Landstraße nach Krakendorf

Auch diese Straße ist übrigens auf meiner Karte nicht sonderlich vermerkt. Dagegen hat die B87, der ich daraufhin kurz folgen mußte, eine grüne Markierung, d.i. angeblich landschaftlich schön. Entscheiden Sie selbst. Daß hier mit einem Mal Rennen gefahren werden und man sich gegenseitig geradezu über die Straße jagt, nur nebenbei. Das spielte sich jedoch – wenngleich ich mit unter 50 Stundenkilometern ohnehin wie ein Traktor überholt werde – auf der Gegenfahrbahn ab. Ich hatte nur zwei Kilometer auf dem überbreiten Monstrum zu überbrücken.

B87 von Tannroda nach Kranichfeld.JPG
B87 – angeblich landschaftlich schön – zwischen Tannroda und Kranichfeld

Und wo es nun eigentlich rechts nach Hohenfelden gegangen wäre, fuhr ich doch hinein nach Kranichfeld, um die beiden Schlösser, d.h. eher Burgen zu besuchen, welche die Stadt umstehen.

Beim Aufstieg auf das Niedere Schloß mußte ich noch dieses morbide Gehöft fotografieren. Der Charakter dieser verlassenen Gebäude wirkt ungeheuerlich auf mich. Und das liegt nicht an der Morbidität selbst, sondern an der Tatsache, daß an solchen Fassaden hundert Jahre lang nichts modernisiert wurde. Wie oft verschandelt bereits eine Baumaßnahme der 30er-Jahre das Gesicht solcher fast in die Landschaft gewachsener Höfe. Allein die Tatsache, daß es hier keinen Bürgersteig gibt, daß die Gebäudemauern hart an die Straße grenzen, ist ein Symbol für die alte Zeit.

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altes, verlassenes Gehöft am Stadtrand von Kranichfeld

Dieses Haus steht da, als führe an ihm nur eine Staubstraße vorbei. In der Tat verläuft sich diese Straße sprichtwörtlich im Sand, doch wie oft sieht man solche Gebäude heute an überfreuqentierten Stadteinfahrten. Ich erinnere an Nürnberg und denke an Dutzende Ortseinfahrten in Ostthüringen um Gera herum. Jedes Detail, bis hin zur Dachkonstruktion, ist von allen bautechnischen Entwicklungen des späten 19. und gesamten 20. Jahrhunderts unberührt geblieben.

Wenn wir noch einmal von „Ergänzung“ sprechen wollen, wie in den Kommentaren zum letzten Beitrag zur Winckelmann-Ausstellung: Hier ergänze ich, oder sagen wir, zu allererst renoviere ich hier gedanklich. Nochmal: Mir geht es nicht um das Morbide des Anblicks, sondern den geschlossenen Eindruck eines Hauses des – ich nehme an – im Kern 18. Jahrhunderts. Ich putze die Fassade, tünche sie neu, das Dach repariert, der Rasen gemäht, ein kleiner Garten im Vordergrund angelegt, ein Gasthof-Schild wird herausgehängt und neben einem Wandersmann, der die Straße entlangkommt und von einer Kutsche eingeholt wird, steht die Wirtin beschürzt in der Tür und schaut der spielenden Katze zu, die den nahenden Fremdling noch nicht bemerkt hat…

Niederes Schloß Kranichfeld.JPG
Niederes Schloß . Kranichfeld . Tor und Schloßhof

Wie so viele kleinere Burgen wurde auch diese im frühen 20. Jahrhundert privat erworben, nämlich 1907, und umgebaut. Das war, wenn Sie sich entsinnen, bereits bei der Elgersburg so. Zinnen, Tor und etliche Mauern wurden erst aus romantischem Geist hinzugebaut. Aber schlecht gelungen ist das nicht.

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Die Ilm in Kranichfeld: Der altertümlich belassene Flußlauf ist von einer Gemäldeansicht von 1812 nicht zu unterscheiden.

Sodann durch die Stadt, welche eigentlich auch recht nett mit altem Fachwerk und schönen Kleinstadtbauten des späten 19. Jahrhunderts erhalten ist, aber leider vom Verkehr völlig erdrückt wird, auf die andere Seite des Tales auf das Oberschloß.

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Der Hof der Vorburg des Oberschlosses von Kranichfeld

Der Anblick von der Vorburg auf das Renaissanceschloß der Fürsten zu Reuß j. L. ist ganz besonders romantisch und überweltigend beim Eintritt durch den Eingangsbogen. Erst später erfähre ich, daß hier dasselbe gilt, wie im Unteren Schloß: Der gesamte Eingang in die Hauptburg wurde vor 100 Jahren von einem auf den Ausbau von Burgen spezialisierten Architekten im historistischen Stil wiederhergerichtet. Aber man muß schon zugeben, das ist keineswegs schlecht gelungen. Wenn man es weiß, schaut es vielleicht ein wenig nach Disneyland aus. Wenn Sie es aber nicht wissen, glauben Sie, was Sie sehen. Und gibt es einen besseren Beweis dafür, daß die Arbeit gelungen ist?

Nun war ich aber genug herumgeirrt, außerdem hatte ich mein Portemonnaie vor dem Aufstieg vergessen, sodaß ich die 2,50€ nicht berappen konnte. Schlecht war das nicht, da mir die Zeit davonlief – wie so oft bei meinen Trödelfahrten. Und nach allem, was bisher geschehen war, hatte ich doch Hohenfelden noch nicht einmal aus der Entfernung gesehen. Also auf!

2 Gedanken zu “Spazierfahrt nach Hohenfelden . Teil 1 . Kulturlandschaften und ihre Architektur . Kranichfelder Burgen

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