Zur Eckartsburg . Teil 1

Es ist mittlerweile ein running gag geworden, daß ich mir vornehme, das Auerstedter Kutschenmuseum zu besuchen… und scheitere. Und Sie werden es nicht glauben: Es ist mir schon wieder passiert.

Die Fahrt auf den alten Schlachtfeldern ist einfach zu schön, als daß man mit mehr als 25km/h Durchschnittsgeschwindigkeit vorankommt. Das ist eine sonderbare Mischung aus weiter, flacher Ebene und doch einigen seichten Talgründen, die das Landschaftsbild wie in einem Mittelgebirge beleben.

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Nerkewitz

Man fährt in diese Mulden hinein, in denen die lieblichen Orte liegen, kurbelt sich durch, fährt dann wieder steil hinaus, um oben auf weitblickenden Feldern über malerische Alleen zu rollen.

Straße zwischen Nerkewitz und Zimmern
Straße zwischen Nerkewitz und Zimmern

Allerdings laufen die Straßen, will man nach Norden, wie ich, in ziemlichem Zick-Zack hin und her. Da bleibt es nicht aus, daß es über eigentlich gesperrte Straßen geht. Aber die sind in ihrer einspurigen Ruhe noch anziehender, und lassen die herrlichen Alleebäume ebenfalls nicht vermissen.

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zwischen Pfuhlsborn und Flurstedt (das Panorama ist während der Fahrt natürlich nicht ganz gelungen)

Schließlich passierte ich noch Bad Sulza, das eigentlich einen sehr anmutigen Ortskern mit weitem und doch eng bebautem Markt besitzt und schwupp, war ich Spitz auf Knopf fünf Minuten vor Vier in Auerstedt angekommen. Die angebliche Öffnungszeit bis 16:00 Uhr ist allerdings eine sehr optimistische Angabe für die zwei Führungen, die 10:00 Uhr und 14:30 Uhr stattfinden. Daher war ich einmal mehr zu spät. Oder sagen wir, es gibt keine Öffnungszeiten, sondern nur die beiden Führungen. Vielleicht das nächste Mal… zum dann vierten Streich.

Nun stand ich also in Auerstedt am Kriegerdenkmal und überlegte, ob ich wieder ein paar Kilometer zurückfahren sollte, um die herrlichen Aussichten, welche die Überlandfahrt geboten hatte, mit einer Frühsommerwanderung zu verbinden. Aber da ich von Jena aus schon über eine Stunde im Auto unterwegs war und ich unbedingt endlich die Füße bewegen wollte, entschloß ich mich, die Eckartsburg zu besuchen, die nur dreieinhalb Kilometer entfernt bei Eckartsberga steht.

Also zitterte ich los. Bei strahlendem Sonnenschein, recht angenehmem Wind und mit einer grandiosen Aussicht auf erbaulich kleinteilige Kulturlandschaft in Richtung Bad Sulza.

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Hecken, Buschreihen, Alleen, kleine Felder und Wälder nördlich von Auerstedt. Im Hintergrund Bad Sulza.

Schließlich war ich hinaufgestiegen auf die Finnhöhe, einen langgezogenen Bergrücken, von dem aus man weit ins Land nach Süden sieht. Erstaunlicherweise hatte ich zwar auf der Fahrt Schwarzmilane gesehen, aber hier, am eigentlich thermisch günstigen Südhang gab es nur kleinere Greife, Falken etwa, die ich aber nicht genauer erkannte.

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Blick von der Finnhöhe in Richtung Weimar (Süden) . weniger deutlich als auf dem Photo sah es fast wie Regen in der Entfernung aus

Am Aufstieg ein Denkmal. Aber keins der Napoleonischen Kriege, sondern zu Ehren eines Schäfers, 1905 geboren, dem 1967 an dieser Stelle ein Blitz in die Herde fuhr. Etliche Schafe, ein Hütehund und er selbst wurden getroffen. Der Schäfer überlebte mit einigen zeitweiligen Lähmungen das Unglück.

Oben, auf dem Höhenzug, zeigt sich eine parkähnliche, offene Heidelandschaft, die ähnlich mit Hecken, Büschen und etlichen Obstbäumen bestanden war, wie sie der Blick nach Sulza zeigte.

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Auf der Finnhöhe

Am höchsten Punkt des geschwungenen Bergrückens (die Höcker auf der linken Seite des Panoramas) stehen zwei Linden, die Auerstedter Linden, und eine Steinbank in ihrem Schatten. 1969 standen noch zwei mickrige Brüder bei ihnen.

Weiter führt der Weg in den Wald hinein. Und nun fühlte ich wieder so ganz den vollen Reiz des Wanderns in der Ferne. Denn das Wandern im Wald, das kenne ich als Holzländer nur zu gut. Aber es riecht und strahlt doch alles ganz anders als daheim auf diesem einsamen Bergrücken in der sonst recht flachen Landschaft. Man denkt immerzu an die Fahner Höhen (wo der gute naturtrübe Apfelsaft herkommt) und den Kyffhäuser. Beides nicht sonderlich weit entfernt. Und diese Leichtigkeit weiter, sommerlicher Landschaft zieht sich bis in die kleinen Wälder hinein. Merkwürdige, wie Kirschen anmutende Stämme hatten die Bäume, immer wieder taten sich Steinbrüche mitten im Wald auf, und schließlich war die Eckartsburg ausgeschildert.

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Im Wald auf dem Finnwanderweg

Die Ausschilderung hielt leider nicht über zwei Schilder hinaus, sodaß ich mich noch ein wenig verlief, dann aber ein Kind mit Fahrrad auf dem Weg stehen sah, das mich schon von Ferne nach dem Weg fragte. Ich erklärte, selbst auf der Suche zu sein, da kam auch schon der Vater von der Wegerkundung zurück und wir gingen den naheliegendsten Abzweig hinauf, dem ich zuvor den breiteren, aber falschen Weg vorgezogen hatte, und so überquerten wir erneut eine Obstwiese.

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Obstwiese auf der Finnhöhe oberhalb von Reisdorf

Nachdem es noch ein paar hundert Meter sehr angenehm am Waldrand entlang ging, rechts der Schatten des Laubes, links die weite Aussicht über das flache Land, war ich auch schon angekommen. Ich schweige davon, daß rings um die Burg eine ziemlich häßliche Vermarktungsindustrie sich angesiedelt hat, mit Trampolinen, Rodelbahn und Dinosaurier-Park – so sind dann alle Clichés bedient. Aber die Burg, die dann ins Bild kommt, ist doch ein herrlicher Anblick. Insbesondere, wenn einem die Zunge auf der Erde schleift und man von den bereits zurückkehrenden Radfahrern erfährt, daß die Wirtschaft noch geöffnet ist.

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Die Eckartsburg

Also schaute ich mich nur kurz im Burghof um und lief direkt in die Burgschänke, um mir ein großes Glas Apfelschorle mit in den Hof zu nehmen.

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Burghof der Eckartsburg

Den Apfelsaft sah ich aus einer billigen Plasteflasche in mein Glas fließen, dann kamen 60% Wasser drauf und das machte dann 3,80€. Aber wenn man Durst hat, schmeckt alles. Drei Euro achtzig: Das ist ein Return on investment (ROI) von mindestens 1000%. Kann man von der Schänke Aktien kaufen? Naja, ich mußte doch mein heutiges Preis-Leistungs-Verhältnis noch etwas aufbessern. Also legte ich, obwohl es schon 18 Uhr war, noch einen Euro drauf, um den Turm zu besteigen. Da gab es noch einen Ausstellungsraum zu sehen, auch einen franzöischen Kavallerie-Hut, Offiziersdegen und -helm, und oben, erstaunlich warm im Wind, einen schönen Rundumblick.

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Blick vom Turm der Eckartsburg auf Eckartsberga und Richtung Südwesten ins Thüringer Becken.

Das sah nun mittlerweile nicht nur bedrohlich, sondern bedrohlich nahe aus. Aber ich war guten Mutes, daß ich die dreieinhalb Kilometer würde schnell genug zurücklegen können, um trocken zu bleiben. Dahlen durfte ich freilich nicht. Also auf!

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Auf dem Rückweg nach Auerstedt

Ich war bereits wieder oberhalb von Auerstedt, da flog mir, als es gerade zu tröpfeln begann, ein sonderbarer Käfer auf’s Hemd. Ein Pappelblattkäfer.

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mein Pappelblattkäfer

Der ließ sich sehr ruhig vom Hemd auf die Hand nehmen, stieg meinen Daumen hinauf, breitet alle vier Flügel majestätisch aus, und summte fort. Nun hieß es gasgeben! Es waren noch ein paar hundert Meter hinab ins Tal, um zum Auto zu gelangen, und der Regen wurde stärker.

Beim Blick zurück sehe ich, wie die bedrohliche Wolke nur einen schmalen Lichtstreif passieren ließ, welcher geradewegs auf das Denkmal des alten Schäfers schien. Wollte Petrus hier das nächste Blitzopfer ankündigen? Nichts wie los!

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Gewitterstimmung über dem Finnweg, wie vor 50 Jahren

Und was soll ich sagen, ich hatte ja schon festgestellt, daß Cheaney’s recht gute Laufschuhe in der Stadt waren, als ich bald zu spät zu den Meistersingern kam. Sicher, auf dem unebenen Gras kam ich doch recht gefährlich ins Rutschen mit den Ledersohlen, aber der Komfort war auch bei diesem Leisten ausgezeichnet. Hätte ich Gummisohlen aufkleben lassen, wäre nichts einzuwenden gewesen. Aber das Wetter beruhigte sich wieder, ich gelangte an’s Auto, trank noch ein Glas guten Fachingers und rollte über die Dörfer nach Weimar. Aber was sich dort und beim anschließenden Soirée russe begab, dazu mehr beim nächsten Mal.

2 Gedanken zu “Zur Eckartsburg . Teil 1

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