Die kürzeste und häufigste Reise des wunderlichen Herrn Wangenheim . von der schönen Natur und den häßlichen „Ausgleichsmaßnahmen“

Weil heute einmal wieder einer der herrlichen Tage auf meinem Morgenspaziergang seinem Hoch entgegenging, nehme ich – etwas Schönes mit Ihnen zu teilen – Sie auf die kurze Reise mit. Es sind bloß dreieinhalb Kilometer und manchmal lege ich noch eineinhalb obendrauf. Aber es soll bloß ein kurzer Ausgang vor dem Mittag sein.

Heute gab es nur eine kopflose Maus zu Beginn des Weges, aber auf so einem kleinen Spaziergang sieht man doch mitunter Merkwürdiges. Damit meine ich nicht den Graureiher, der bei uns gern fischt, oder die Bleßhühner auf den Teichen, die Eichhörnchen im Wald oder die Schmetterlinge auf der Wiese. Eher die sonderbaren Exemplare unter ihnen. So sah ich vor wenigen Tagen zum ersten Mal einen Schwalbenschwanz, der übrigens von einem Bläuling als kleiner Satellit umflattert wurde. Auch zeigen sich seit ein paar Jahren, wenn auch recht selten, Silberreiher in unserem Tal.

Auf der Fahrt von Kassel zurück nach Eisenach sah ich ganz verdutzt am Straßenrand einen weißen Greifvogel sitzen. Und als ich zuletzt vom Einkaufen heimwärts fuhr, saß eben solch ein fast weißer, nur leicht angegilbter Greif am Waldrand in einer Baumkrone und flatterte gerade auf einen anderen Ast, sodaß ich auch die weißen Flügel vollständig sah. Scheinbar handelt es sich aber gar nicht um Albinos oder verirrte Gerfalken, sondern wohl schlicht um Mäusebussarde, die es von schwarz über die bekannte Braunfärbung bis zu fast weißen Exemplaren zu geben scheint.

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März 2016: Der Dax steht schlecht.

Im letzten Frühjahr – erinnere ich mich –, sah auch der Dachs gar nicht gut aus (was Sie hier nachprüfen können), wovon ich noch ein Bild gefunden habe, und letzte Woche lag auf meiner Lesewiese ein Mufflonschädel herum. Aber das nur nebenbei.

Unsere kleine Reise beginnt an einer Obstwiese, die zusehends lichter wird und deren Terrassen sich von Jahr zu Jahr mehr auswaschen.

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Obstwiesenhang mit kaum noch sichtbaren Terrassen

Dann führt der Weg an einem steilen Hang oberhalb des Baches entlang und schließlich sehen wir die alte, verlassene Mühle malerisch aus den umstehenden Baumkronen herausragen.

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Mühle im Tal

Doch nicht alles auf meinem Spaziergang ist so idyllisch. Etwas näher heran an die Mühle nämlich und wir erleben, wie man den Teufel mit dem Belzebub austreibt. Oder sagen wir lieber, wie man ein Übel dadurch bekämpft, indem man so tut, als bekämpfe man es, um in Wahrheit aus dieser guten Tat nochmals auf Kosten des bereits Geschädigten persönlichen Gewinn zu schlagen: Eine sogenannt Ausgleichsmaßnahme.

Als die A4/A9 auf drei Spuren verbreitert wurde, da sah man das unter sogenannten Naturschützern als schwerwiegenden Eingriff in die Natur an. Lassen wir beiseite, daß Autobahnen den Verkehr bündeln und damit die Folgen des Verkehrs eher mildern – denn die Barriere für das Wild besteht ohnehin schon seit Jahrzehnten; da macht die Spurverbreiterung nun auch nichts mehr. Was aber ein echter sogenannter Naturschützer ist, ein Grüner, ein Gutmensch, der hat weniger im Sinn, die Natur zu erhalten oder zu schützen, als vielmehr für derartige Freveltaten Rache zu üben.

Und diese Rache besteht darin, daß neben den enormen Baukosten der Autobahn der böse Staat, d.i. der böse Bürger, auch noch ein paar Millionen für Ausgleichsmaßnahmen berappen muß. Dabei ist völlig gleichgültig, ob das Geld sinnvoll verwendet werden kann oder nicht. Sogar ob es schadet spielt hier keine Rolle. Es geht um Rache! Sie wissen, Rache hat nur den Zweck der Demütigung, des Schadens und bringt dem Geschädigten nur Genugtuung. Das ist im Strafrecht durchaus sinnvoll, nur wie soll die Natur Genugtuung erfahren? Im Gegensatz zu den erbärmlichen Naturschützern ist die Natur nämlich gar nicht rachsüchtig. Sie will einfach ihre Ruhe. Aber das ist dem Grünen egal. Es geht ihm ja nicht um die Natur, sondern um die Rache an den Menschen, die der Natur vermeindlich geschadet haben.

Was nun folgt, können Sie überall bei sogenannten Ausgleichsmaßnahmen beobachten. Es ist immer, wirklich immer dasselbe. Mit den Millionen der Ausgleichsmaßnahme wird die Natur mehr verschandelt als mit der ursprünglichen Baumaßnahme. Glauben Sie nicht?

Hier, unweit der besagten Mühle hat man einen Teich angelegt, am Waldrand. Da werden Sie vielleicht sagen: ist doch ganz nett. Naja, warten Sie ab. Man kann schon beim Gesamtanblick mißtrauisch werden.

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künstlicher Teich durch Aufschüttung eines Walls zwischen Fahrweg und Waldrand

Der Wall, der für den Teich aufgeschüttet werden mußte, macht für jeden, der ein wenig Gefühl für natürliche Ansichten hat, bereits einen recht abschreckenden Eindruck. Ein Bahndamm wäre nicht anders ausgeführt worden. Aber wir wollen nicht kleinlich sein. Mag es am Detail mangeln. Nun, nicht nur. Denn wirklich sichtbar, was das für ein inhärenter Wahnsinn ist, wird erst, wenn man weiß, daß dieser Teich einen Abfluß besitzt, der natürlicherweise unmöglich ist. Aber was nicht natürlich möglich ist, das wird möglich durch Stahl und Beton. Sie haben richtig gelesen: Stahl und Beton.

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Teichabfluß . Ausgleichsmaßnahme A9

Ist sie nicht herrlich? Ist sie nicht wunder-wunderschön, diese elegante Doppel-T-Träger-Brücke mit naturschutzgrünem Anstrich? Und die grazilen Betonpfeiler! Ein Meisterstück der Baukunst, nicht wahr?

Und damit niemand über die Brücke balanciert, haben die Naturschützer noch einen Zaun mitten in die Landschaft gesetzt. Natürlich einen formschönen Metall-Draht-Zaun. Naja, für mehr als 20m war kein Geld da. Aber es würde ja sicher niemand auf die Idee kommen, drumherum zu laufen. Nehme ich zumindest an.

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der weniger schöne, aber dafür recht stabile, etwa 20m lange Sperrzaun, zu dessen Umgehung man mindestens 10m laufen muß

Sie meinen, das könne im Dschungel der Bürokratie schon mal passieren? Non, pas du tout, mes amies. Denn die Herren Naturschützer haben auch eine Tafel aufgestellt, die ihr Werk minutiös dokumentiert. Und wenn Sie das sehen, klappt Ihnen die Kinnlade herunter. Da wird allen ernstes der Ausgangszustand abgebildet, den ich zur Anklage eigentlich gegenüberstellen wollte, aber kein Bild aus eigenem Fundus mehr auftreiben konnte.

Unglaublich oder? Diese häßliche unberührte Natur. Wo sich die Pflanzen und Tiere nach Lust und Liebe austoben können, eine Lichtung nahe am Waldrand, windgeschützt, leicht schattig, ein Paradies für Vögel, Nager, Echsen, selbst für das Wild. Pahh! Her mit den Baggern, laßt uns Naturschutz treiben!

Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte! Aber die Geschichte ist noch nicht zuende. Denn dieser Teich soll ja Amphibien anziehen und angeblich die Artenvielfalt vergrößern. Glücklicherweise ist die Luftaufnahme rechts nicht großflächiger ausgefallen, denn sonst würden Sie sehen, daß nur zweihundert Meter entfernt ein Teich mit reichlich Moorland ringsum herrlich ins Tal gebettet liegt – und, da vom Bach gespeist, ganzjährig feucht, während dieser hier regelmäßig austrocknet – und im 90° Winkel ein weiterer bloß fünfzig Meter entfernt, der saisonal genauso trocken liegt, wie diese völlig künstliche Ausgeburt der Abartigkeit.

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Das Teichgras zwischen den Erlen zeigt den Sumpf um den Teich an, der keine 200m entfernt liegt.

Nicht nur ist dieser künstliche Teich also ein völlig irrer Eingriff in die nahezu unberührte, wenigsten kaum gestörte Natur, nein, Teiche gibt es hier überall. Das ganze Tal ist voll davon! Selbst von diesen beiden in Sichtweite liegenden Teichen abgesehen, läuft man keine 10 Minuten zum nächsten. Will man diesen Wahnsinn begreifen, muß man sich wohl zuvor den Schädel zertrümmern.

Ein Gutes hat diese Ekelhaftigkeit mitten in dem schönen Tal. Sie erinnert mich jeden Tag, wenn ich daran vorbeispaziere, daß es mindestens eine Partei gibt, die ich nie in meinem Leben wählen werde. Auch ich habe als junger Mann diesen Fehler gemacht, weil ich ein gutgläubiger Mensch bin. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Naturschutzparteien in Wahrheit Naturzerstörer (und ganz nebenbei noch Menschenhasser) sind. Wer soll auch mit so viel Heuchelei rechnen, mit soviel Verrat an einer guten Sache?

Erklärlich ist es, wie ich bereits sagte, sehr einfach. Diese Menschen sind von Neid, Haß und Rache so tief getrieben, daß ihnen die Auswirkungen ihres Tuns völlig gleichgültig sind, solang es ihre Zerstörungswut befriedigt. Sie wollen denen Schaden, die nach ihrer Meinung Schaden anrichten. Ob dabei die geschädigte Sache noch mehr zu Schaden kommt, geht diesen innerlich unendlich verkniffenen Unmenschen am Allerwertesten vorbei. So machen sie es mit den Städten und so machen sie es mit dem abgelegensten Winkel des Landes. Auf Wanderungen übrigens treffen Sie derartrige Naturschützer natürlich nie. Aus ihren Städten, von denen aus sie die Natur weit draußen zerstören, kommen sie freilich nicht heraus. Aber ich nehme an, sie fühlen sich moralisch turmhoch überlegen, die Naturfeinde im Gutmenschengewand.

Ein echter Naturliebhaber würde das viele Geld, das den lokalen Bauunternehmern ein völlig sinnloses aber glänzendes Geschäft beschert hat, natürlich verwenden, um die anfangs erwähnte Streuobstwiese zu erhalten, die Terrassen nachzuarbeiten, neue Baumpflanzungen zu fördern. Aber: Nichts dergleichen. Oder man würde wenigstens verhindern, daß die Landstraße, die Sie zwei Bilder weiter von meinem Leseplatz aus sehen, nicht vor wenigen Wochen von ihren wunderschönen Alleebäumen befreit wurde. Auch derartiges geschieht nicht.

Wir haben einen Wust an völlig sinnlosen Umweltvorschriften für jede Kleinigkeit beim Bau und Betrieb von Immobilien und Grundstücken. Den Anwohnern schreibt man sogar vor, was sie anzubauen haben (woran sich zurecht niemand hält), aber keine von diesen bürokratischen Monstrositäten geht gegen den Verfall der Kulturlandschaft oder wenigstens gegen die unglaubliche Verschandelung der Landschaft durch solche Ausgleichsmaßnahmen vor. Nein, der Unfug wird durch sie erst erzeugt. Der Wahnsinn ist Programm. Und das ist hier keine Metapher, sondern knallharte Realität.

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über dem Bach

Aber genug mit dieser mindersten Sorte Geister abgegeben: Es gibt glücklicherweise noch Natur, die von den Naturschützern unbehelligt blieb. Der Weg folgt weiter dem Bach leicht oberhalb desselben am Hang den Talgrund entlang, um schließlich auf die andere Seite zu wecheln. Von dort aus überquere ich die Landstraße, die auf der gegenüberliegenden Talseite geführt ist und steige eine Wiese hinauf, an deren Ende ich auf dem umgebogenen alten Gras am Waldrand raste.

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Aussicht vom Waldrand . ehemals an einer Allee, vor wenigen Wochen umgesägt

Und dann, nach einem Viertelstündchen, wenn ich genug gelesen und genug gesessen habe, geht es wieder zurück, im nun immer wärmer werdenden Tag – und vielleicht ist „Die alte Universität“ von Wilhelm Raabe, wovon ich heute zu lesen begann, auch mein nächstes Hörbuch. Aber da auch ich noch nicht im Bilde bin, wie die Sache ausgeht, gilt es zusehen, was der Mann, der sich tatsächlich einen zugeflogenen Raben im Studierzimmer hielt, aus dem nett begonnenen Stück schließlich noch zu machen gedenkt.

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Lesend, mit dem einzigen Baum der Allee im Blick, der übrigblieb. Es ist der erbärmlichste. Die majestätischen Kronen der herrlichen Buchen werden erst in der übernächsten Generation wieder in den Herbst hinausstrahlen, sofern man sich in der nächsten besinnt, wieder zu pflanzen, statt umzusägen.

3 Gedanken zu “Die kürzeste und häufigste Reise des wunderlichen Herrn Wangenheim . von der schönen Natur und den häßlichen „Ausgleichsmaßnahmen“

  1. Ja, vielleicht. Vielleicht aber würde er nicht rotieren, mindestens nicht insofern er seine eigene Bewegung in Miskredit gezogen sähe. Denn Rudorff war kein „Naturschützer“. Rudorff war „Heimatschützer“. Und das macht den ganzen Unterschied.

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  2. Pingback: 21 Aug 2017 . Wie ich so auf der Terrasse herumtigerte… – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

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