Der schlechteste Historiker und der schlechteste Organist aller Zeiten . zwei Briefe

Gestern, als es noch sonniger war als heute, saß ich mit einem Möchtegern-Keller namens Ernst Zahn auf dem Balkon, schaute in den Garten hinab, erfreute mich der Blumen und las jene merkwürdige Geschichte „Wie es in Brenzikon menschelte“. Das klingt nicht nur dem Titel nach wie die Schildbürger „von Seldwyla“, sondern alles, bis hin zu den Illustrationen will einen an die merkwürdigen Geschichten von Pankraz dem Schmoller, Kabys dem Glücksschmied, oder Reinhard dem Kußreisenden des Sinngedichtes erinnern.

Die frohgemute Idylle des Dorfes, die merkwürdigen zwei Straßen, die zur Kirche hinaufführen und einmal beschatteten Aufstieg, einmal sonnigen ermöglichen und das Dorfvolk teilen, die heilige Einfalt aller Bewohner und freilich der tolpatschige Schneider, der aus der Kirche tritt:

…als die Kirchentür verspätet noch einmal aufging und einen dürren, nicht mehr jungen Menschen herausließ, dem jeder auf hundert Schritt den Schneider ansah. Er hielt schon immer den linken Arm so, als ob er eine zum Austragen fertige Hose darüber hängen hätte, trug karierte, enge und kurze Beinkleider, die unten die über die Halbschuhe herabhängenden weißen Socken frei ließen. Sein Gesicht war gelb, hatte einen unendlich dürren Schnurrbart und ein langes, spitzes Bocksbärtchen am Kinn; das auffallendste daran aber waren die Augen oder vielmehr ihr scheues, verschmitztes Spiel. Die Lider waren gesenkt wie bei allen Brenzikoner Kirchgängern, aber unter den strohgelben und strohgroben Wimpern fuhr aus den kleinen Augenschlitzen ein schlauer Blick wie ein lällendes Feuerzünglein heraus. Als der Schneider die vier Männer erblickte, bückte er sich tief und zog den kleinen runden Hut.

Brenzikon Baumli.JPG

„Also gilt es wirklich, Baumli?“ rief ihn Kunz mit lautem Lachen an.

„Eben gilt es,“ kicherte der Schneider Baumli zurück und drückte sich Hut in Hand auf der Stelle herum, auf der er eben stand, während die vier ihm lustige Gesichter zuwendeten. „Nun, wenn es sein muß, ist es besser, wenn er nicht mehr zu lange wartet,“ sagte mit seiner langsamen und klaren Ruhe der Pfarrherr.

Der Schneider, den Spott deutend, der unverhüllt in den Gesichtern der drei anderen zu lesen war, trat einen Schritt näher, lächelte mit schmalen Lippen und sagte: „Schon sehen lassen darf sie sich, meine Braut! Ihr werdet mir recht geben, meine Herren!“

„Bringt sie nur – endlich,“ sagte der Pfarrherr, ihn verabschiedend, und Baumli lachte wieder sein verkniffenes Lächeln, bückte sich zu seinem sonderbaren Gruß und ging, ging hinab auf die Schattenseite, wo sein Haus stand.

aus: Wie es in Brenzikon menschelte . Ernst Zahn . 1905

Der merkwürdige Tollpatsch sollte auf seine alten Jahre also doch noch heiraten! Was wollte das wohl für eine Frau sein? Aber man reißt sich zusammen.

Daß der Baumli nicht umsonst verkniffen grinst, läßt einen Kurioses erahnen. Und tatsächlich, das Weib wird das ganze Dorf – das heißt vor allem seine männlichen Vertreter, und zwar bis hinauf zum Pfarrherrn – mit ihrem das Blut in Wallung versetzenden Blick in Unordnung bringen. Die Hauptsache der Erzählung liegt aber im Gegenmoment dieser lächerlichen, aber alle Welt plaisierenden Verbindung, nämlich einer äußerlich sündigen, innerlich aber herzensguten Liaison, welche die Brenzikoner mit der tiefsten Verachtung vergüten. Am Ende werden sie beide aus dem Dorf gejagt haben.

Aber das erzähle ich nur, weil es so amüsant ist. Wie ich also so lesend auf dem sonnenbeschienenen Balkon vor der offenen Türe neben mir, den sich wiegenden Tulpen unter mir sitze und über die Brenzikoner schmunzle, da ringelt das Telephon. Da ich mich vor Telephonanrufen gut sekuriert habe, muß es also ein Brieflein über den Äther sein. Und da ich so ungern lese, daß ich mich gern davon ablenken lasse (ironischerweise um wieder zu lesen), gehe ich – da es auch recht warm geworden ist in der bereits kräftigen Frühsommersonne – hinein und sehe nach.

Der Brief eines Lesers meines Buches. Da muß ich mir doch mitten im Brief tatsächlich die folgende unerhörte Frage gefallen lassen: „Dürfte man Sie nicht den schlechtesten Historiker nennen?“ Und hier glaube ich, habe ich so verschmitzt gelächelt, wie der Baumli vor dem Pfarrherrn. Ist das nicht herrlich?

Nun weiß ich, daß sie kaum verstehen werden, warum ich angesichts derartig anmaßender Ungeheuerlichkeiten entzückt sein konnte. Es gehört dazu gesagt, daß es sich um eine längere briefliche Diskussion mit einem meiner interessiertesten Leser handelt, in welcher wir mittlerweile an die Frage geschichtsphilosophischer Unschärferelationen gelangt sind. Aber das ist im Grunde unbedeutend. Spengler würde sagen: „Man muß es fühlen können…“

Da gibt es nun auch eine Reihe ganz handfester Gründe, weshalb mir dieser nun einmal verliehene Titel des „schlechtesten Historikers“ – ich darf anfügen „aller Zeiten“, also „SchleHaZ“ – so nahe ging, daß ich mich fühlen mochte wie ein kurz vor seiner Emeritierung für sein Lebenswerk geehrter Professor für anwendungslose Philosophie irgendeiner Provinzuniversität in der feierlichen Stimmung einer Abschiedsvorlesung, der mehr Studenten als Honoratioren beiwohnen, weil er eben der gute alte, zauselige Professor ist.

Zum einen, weil Historiker nun mal die Ausgeburt der Langeweile, der philologischen Bedeutungslosigkeit und der gesellschaftlichen Nutzlosigkeit sind. Da wird es zum Ritterschlag, würde man – fälschlich unter sie gezählt – der diese Eigenschaften am allerwenigsten Erfüllende genannt. Zum anderen aber, weil ich überhaupt ein so großer Freund derartiger Kolossalverurteilungen bin.

Es gibt – aus welchem Grund auch immer – nichts besseres als etwas ganz und gar (nämlich etwas völlig Abstruses oder Verachtetes) oder etwas überhaupt nicht (nämlich etwas Anerkanntes und Würdevolles) zu sein. Das ist natürlich ein ganz unschicklicher Rebellengeist in mir. Und auch wenn der wunderliche Wangenheim manchmal wie die Inkarnation des Biedermeiers aussieht, er ist doch ein Teufelskerl. Und will nichts anderes sein.

Jetzt ahnen Sie vielleicht, warum ich so ganz entzückt auf diese Worte sah und mit doppelter Freude den wunderlichen Brenzikonern folgte. Soviel zum SchleHaZ.

*

Am selben Tage, sehr viel später, d.h. sehr knapp vorm Bettgang (wie üblich) erhielt ich einen zweiten Brief, der mit dem ersten in einer völlig bedeutungslosen Weise zusammenhing, nämlich in der Frage der Umkehr vom Größten zum Nichtskönner. (Freilich heißt schlechtester Historiker aller Zeiten zugleich größter Geschichtsphilosoph aller Zeiten (d.i. der GröGphaZ) – das mußte ich Ihnen jetzt nicht allen Ernstes noch einmal deutlich auswalzen, oder? Nun denken Sie doch bitte mit, meine Herren!)

Dieses deutlich kürzere Briefchen bezog sich auf unsere Thüringer Organistenriege – und der Verfasser war unser geschätzter Musikus. Mein Beispiel eines Orgelvorspiels von Kellner nämlich kannte dieser noch nicht – wofür mir allerdings nicht das geringste Lob zu zollen ist, da es das erste Suchergebnis war. Er schreibt: Es nimmt für seinen Schöpfer ein!

Das tut es allerdings. Und mir ging ein Licht auf. Nämlich, daß der Nachsatz, den er anschließt, und welchen Gedanken auch ich in besagtem Beitrag nicht fehlen lasse, nämlich: „Deutlich merkt man die Bachschen Vorbilder“ wohl richtig sein mag, aber nicht der folgende Schluß, den ich genauso tat: „Kellner ist das typische Beispiel eines mitteldeutschen Organisten des 18. Jahrhundert, der etwas auf sich hielt, von Bach lernte und danach trachtete, ihm nachzustreben. Wenn ein solcher Musiker auch kein zweiter Bach wurde, so wurde er jedenfalls zu einem kultivierten Menschen, der seine Kunst konnte und jederzeit fähig war, davon eine Probe zu geben.“

Denn ich war im Grunde von Kellners Komposition begeisterter als von allen Bach-Vorspielen, die wir jüngst hörten. Traute mich aber mit meinem Urteil, wie Sie am alten Beitrag sehen, nicht vollständig ans Tageslicht. Es bedurfte des wohlwollenden Urteils eines Kenners. Und das hatte mir nun der Brief unseres Musikus beschert. Und so will ich nun heraus mit meiner Begeisterung und auch sein wohlwollendes Urteil noch wohlwollender machen.

Denn so schön das über Meister Kellner gesagt ist – und es ist viel schöner gesagt als ich es in jenem Artikel tat – es ist falsch! Da mag unser Musikus mir nicht zustimmen, aber ich glaube, wir haben uns beide von dem bloßen Begriff „Bach“, jener natürlichen Ehrfurcht hinreißen lassen, ein geniales Stück herabzustufen, da der Meister eben doch der Meister sei. Und das wurde mir klar, als ich mir anhörte, was diese Vorbilder sein sollten. Ich bekam freundlicherweise gleich die Stücke benannt:

BWV 538: https://www.youtube.com/watch?v=ZRY7zrMGCi8
BWV 540: https://www.youtube.com/watch?v=G-_AhJXCi20

Ich überlasse es freilich Ihnen, meine geschätzten Leser, und wir wollen uns trefflich streiten, warum weshalb wieso, aber für unsere Ohren wenigstens des frühen 19. Jahrhunderts ist Kellner hier eindeutig das variantenreichere, melodiösere, abwechslungsreichere Stück gelungen. Vielleicht ist das die sogenannte Vereinfachung in der nach-Bachschen Zeit. Aber manchmal ist Vereinfachung der goldene Weg in die Besserung. Denn in diesem Sinne ist dann, wie im Falle der verkrüppelten Hände Schumanns, der schlechteste Organist aller Zeiten, also der SchlOaZ (Kellner), der größte Komponist aller Zeiten (für die Orgel), d.i. der GröKoZ.

Denn eines dürfen wir nicht vergessen: Der Virtuose – sei er Organist oder Historiker, also in beiden Fällen Handwerker – neigt dazu, sofern er in die übergeordnete Kunst sich verirrt – hier das Komponieren, dort das Philosophieren – dies lediglich zu tun, um seine ausgesprochene Kunstfertigkeit in seiner eigentlichen Disziplin als Virtuose darstellen zu können. Und nun wissen Sie, Bach war der größte Orgelvirtuose seiner Zeit. Der irrste Gott am Spieltisch kann jedoch seine Kunst nie an der genialsten Komposition, sondern nur an der kompliziertesten zeigen. Sie verstehen… hochverehrtes Publikum.

*

Ein Gedanke zu “Der schlechteste Historiker und der schlechteste Organist aller Zeiten . zwei Briefe

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