Soirée russe 04 Mai 2017 . Teil 1 . Fedoras, Haydn, Bach und die musikalische Volksbildung des 18. Jahrhunderts

Es ist nicht weiter bedeutend, daß wir noch immer an der Ostermusik knaubeln. Ist es doch fast nebensächlich, was wir überhaupt hören. Es gibt so gut wie keine Musik der abendländischen Geschichte, die – in ihrer je eigenen Wirkung ernst genommen – nicht zugleich und immer wieder ganze Welten des Verständnisses eröffnen würden. Und hin und wieder ist es gar das Verständnis nicht nur der Musik, sondern der Gesellschaft alten Schlags und ihrer uns heute so fremden Form überhaupt.

Aber zunächst – nachdem ich in der Bibliothek ein Büchlein zu Thüringer Trachten durchblätterte und auf dem Weg durch die Stadt feststellen mußte, daß nun auch Weimar seine locker ins Stadtbild eingestreute, Ständige Undiplomatische Drittweltvertretung habe – erreiche ich den soirée russe erstmals im Hellen und lege den Hut zunächst auf einem Stuhl ab. Er liegt auf der Krone, weshalb unser guter Musicus fragt, ob ich heute den Homburger dabei hätte. Ich verneine, mein Homburger sei schwarz. Aber ich könne freilich den grauen Fedora open crown tragen, dann sehe er fast wie ein Homburger aus. Nur die Krempe sei nicht gleichmäßig nach oben gewölbt. Florian spricht ihn Fedorà aus, während ich englisch prononciere. Woher der Name eigentlich komme, frage ich. Von einem französischen Theaterstück Sardous, wenn ihn nicht alles täusche. Eine Frauengestalt trage ihn dort. Wir sehen nach. Tatsächlich. Und die Dame ist Russin. Klar, russisch: Fèdora Romanoff.

Im Grunde, sage ich, wundere mich gar nicht, daß es sich zunächst um ein vielleicht burleskes Accessoire für großstädtische Frauen gehandelt habe, denen ein Schuß Exotik gerade recht paßte. Denn was wir heute als so ungeheuer stilvoll und an die gute alte Zeit erinnernd ansähen, sei ja bereits eine Verfallserscheinung. Denn es handle sich ja nicht mehr um den eleganten Zylinder in England (auch das ist trotz der gerundeten Hemdkragen vermutlich England), in Amerika oder in Frankreich, zusammen mit dem Frack, selbstverständlich maßgeschneidert, auch nicht um einen Homburger oder die Melone, sondern letztlich um einen Cowboy-Hut.

Fedora.JPG
Fedora . open crown . im Griff . eingeschlagen

Und eigentlich hätten ja auch die Cowboy-Hüte offene Kronen. Die Längsfurche obenauf und die beiden Mulden links und rechts an der Front entstünden lediglich, weil man in die Krone hineingefaßt habe, um den Hut auf- und abzusetzen. Irgendwann sei man dazu übergegangen die Hüte gleich auf einer solchen Form herzustellen. Eigentlich hätten wir es mit einer Art used-look zu tun. Aber wir einigen uns darauf, daß es sich noch um eine elegante Verfallserscheinung handle.

Zuletzt hätte ich sogar einen hellen Fedora von Dobbs mit einem merkwürdig hohen, schwarzen Hutband gesehen. Bei Zylindern zeige das ja den Grad der Formalität an, d.h. eigentlich nur, wieviel glänzende Seide durch das matte Hutband verdeckt werde. Sowas habe man dann zu Beerdigungen getragen.

Da werden wir auch schon vollzählig und aus einem mir entfallenen Grund schlägt Florian Haydns verrückte 80ste vor, die – nach einer kurzen Einführung in die Besonderheiten der 76sten bis 81sten, um die ich Florian bitte – auch erklingt. Diese Gruppe von Sinfonien stehe im Allgemeinen nur als Übergangsphase zwischen frühem und klassischem Haydn da. Tatsächlich glaube er, Florian, aber, daß hier überhaupt der klassische Stil sich herausbilde, weshalb sie eigentlich von besonderem Interesse sein müßten.

Noch beim Hören sage ich, der erste Satz erinnere mich doch sehr an Wagner. Kim sekundiert: die Stürme der Walküre! Florian meint, eher die holländischen, wie ich ebenfalls zuerst assoziierte. Das Streichergezitter gleich in der ersten Minute und dann immer wiederkehrend sei dem Sandwikischen Sturmgebraus nicht unähnlich. Aber es gehe doch noch weit darüber hinaus.

Zwar gleite er freilich immer wieder in typisch leichte Haydn-Melodien ab, aber völlig aus der Zeit gefallen, also wenigstens 50 Jahre nach vorn, seien die verwendeten Harmonien. Die nähmen sich zweifelsohne ganz früh- bis mittel-wagnerianisch aus und damit absolut ungewöhnlich für das 18. Jahrhundert. Gerade, wenn man meine, er sei nun endlich seicht geworden, tauchten diese Stellen auf, zu deren einer bereits Kim einen erstaunten Laut ausrief, während die Musik spielte. Und im Menuett hörten wir sogar immer wieder, wie die Brucknersche Himmelsleiter angelehnt werde, auch wenn er nicht bis nach oben steige. Das sei tatsächlich, wie Florian sagte, eine verrückte Sinfonie. Eine Ungeheuerlichkeit, wenn man es richtig nehme.

Dann geht es aber mit einem Choral aus dem 12. Jahrhundert noch einmal zurück in die Osterzeit: Christ ist erstanden. Florian singt zunächst das Original, sodann hören wir die Bachsche Variante aus dem Orgelbüchlein. Ich zeige mich erneut überaus beeindruckt von der Wirkung, welche diese Art hochstilisierter Musik auf das Volk des 18. Jahrhunderts ausgeübt haben muß. Bereits beim letzten Mal, als wir über Ostermusik und ihre Anwendung in der Kirche sprachen, schien mir das geschichtsphilosophisch ausgesprochen weitreichend.

Man könne nur ahnen, wie das auf Bauernkinder und Tagelöhner gewirkt habe, wenn sie diese komplexe Musik vernommen hätten. Denn man müsse sich einmal deutlich und klar vor Augen führen, daß es sich hier bei diesem Bach ja nicht um irgendwelche Musik für Fürstensäle oder Intellektuelle gehandelt habe, wie es heute parktisch durchgängig nur noch die kümmerlichen Reste des Bildungsbürgertums zu Ohren bekämen, sondern daß solcherlei Vorspiele für jeden Einzelnen und noch so ungebildeten Menschen jeglichen Alters im ganzen Reich und im Grunde in ganz Europa regelmäßig einmal in der Woche zum Gottesdienst gegeben worden seien. Das bedeute eine musikalische Erziehung höchsten Grades. Es handle sich ja nicht um Lieder mit Begleitung, wie man sie zu jedem Fest auf dem Dorf gehört habe, sondern eine ganze Handvoll irre durcheinanderwirbelnde Stimmen – noch dazu auf jenem Orchester des Mittelalters gespielt (KuI S. 472): der Orgel, die in ihren Registerklängen die Stimmen so wunderschön scheide und mit den Bässen den Boden vibrieren lasse.

Es sei gar nicht auszudenken, was das in der breiten Masse des Volkes für ungeheure musikalische Gehörbildung zur Folge hätte haben müssen. Und niemand sei ausgeschlossen gewesen. Alle diese Kinder – heute spiele man den Säuglingen schon in besseren Haushalten solche Musik vor, weil es die Intelligenz fördere – ja im 18. Jahrhundert seien es aber alle Kinder ohne irgendwelche Bevorzugung des Standes und der Bildung von Vater und Mutter gewesen, die im Grunde eine exzellente musikalische Erziehung genossen hätten.

Ich sage, mich interessiere insbesondere, wie es in Wald- und Wiesen-Kirchen geklungen habe. Schließlich sei Bach ja bereits von den Zeitgenossen als absolut herausragend begriffen worden. Ob er, Florian, weniger avancierte Beispiele habe? Wir hören daraufhin Johann Peter Kellner, Organist im thüringischen Gräfenroda. Ich sage, man spüre natürlich schon eine etwas simplere Anlage, aber das sei durchaus Bach-ähnlich. Ich hielte es sogar für melodischer.

Johannes und Florian erklären, man habe später den gesuchten, künstlichen Stil Bachs für zu sehr durcheinander gehalten und wieder simpler komponiert, wenngleich Bach hier als Vorbild gegolten habe. Die Wirkung, stelle ich jedoch fest, sei nicht minder stark. Dasselbe gelte für Kittel, u.a. Organist in Langensalza und als Bachschüler weitberühmt, und Krebs, Organist u.a. in Zeitz. Damit sei klar, daß selbst in kleinen Städten und vermutlich sogar die Dorforganisten diese intellektuelle Musik mit der Gießkanne an das Volk verteilten. Florian merkt an, man wisse auch aus Kantoren-Nachlässen, daß selbst in hinterwäldlerischen Thüringer Dörfern Orlando di Lasso gesungen worden sei. Man habe sich immer um Weltklasse-Kompositionen bemüht. Ich füge an, hier brauche man sich nicht mehr wundern, daß das 19. Jahrhundert so voll von Komponisten gewesen sei, daß überhaupt die musikalische Kultur des Abendlandes eine so ungeheure Wucht entwickelt habe.

Die Kirche als Schule: Ein Jahrhundert lang allen Bauernsöhnen Bach vorgespielt, und es folgt ein musikalisches Jahrhundert, das in der Weltgeschichte ohne Beispiel ist. Aber es ist eben das folgende Jahrhundert. Ein Jahrhundert lang die Söhne gelehrt sich nichts lehren zu lassen, und es folgt das 21. Jahrhundert.

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Ein Gedanke zu “Soirée russe 04 Mai 2017 . Teil 1 . Fedoras, Haydn, Bach und die musikalische Volksbildung des 18. Jahrhunderts

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