Rudolf Herzog . Deutsch und Fremd . Hörbuch

Es ist eine große Parabel auf das Geschichtsverständnis des Abendlandes, diese Liebesgeschichte zwischen der noch gerade so jungen Gräfin und dem alternden Oberst. Wer hätte für möglich gehalten, daß eine Geschichte vom Antagonismus zwischen Lebensmüdigkeit und Tatkraft auch eine von jenem zwischen historischem Sinn und Lebensweisheit sein könnte? Es ist allzu eingängig, um an Nietzsches „Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben“ zu denken. Denn Herzog fühlt und literarisiert diesen Zusammenhang so tiefgründig, daß ihm Nietzsche nicht zur Vorlage dienen mußte.

Er ist ein Eichendorff durch und durch, dieser ewiggestrige Schriftsteller des Kaiserreiches, den schon Wilhelm II. gern las, der überhaupt enorme Auflagen nach der Jahrhundertwende erzielte und bereits 1914 – mit 43 Jahren – eine erste Auflage seiner Gesammelten Werke erlebte, die sich schließlich in drei Reihen auswuchsen. Er war ein Romantiker mit jenem gehörigen Schuß Realismus, der im Jahre 1906 nicht mehr fortzudenken ist.

Und doch gibt er keinen Fußbreit Biedermeierlichkeit her für diese neue Versachlichung, jenes alltägliche Verballhornen, jene Ironie und jenen Sarkasmus, dessen sich seine Figuren oft nicht enthalten können. Schon dieser Gegensatz aus Romantik und Realismus, der in Herzog immerzu hin und her ringt, steht in tiefem Zusammenhang mit dem eigentlichen Sinn dieser Erzählung. Es ist der Kampf um’s Leben, der Kampf um das Gemüt einer Frau, zwei Formen der Liebe und zwei Formen des Lebens. Darum ist es die Erzählung der Zeit großer gesellschaftlicher Umwälzungen, der Unentschlossenheit der Gemüter, wie wir sie heute selbst erleben.

Der „Werther“ dieser Geschichte, Georg, „der Spätgeborene“, ist ein Träumer, der seiner trögen Brotstelle entflieht, noch bevor er sie antritt, und der seiner Sehnsucht Flügel verleiht. Und wie es der Zufall will, sind es die – man weiß nicht, ob man sagen soll – glücklichen oder unglücklichen Frauen, die von solchen Männern in den Bann gezogen werden. Wir verraten nichts, wenn wir sagen, daß der Schwärmer, der seiner Geliebten von den Irrungen und Wirrungen des italischen Bodens wie aus einem lebendigen Geschichtsbuch erzählt – also auch vom Leben nur erzählt, es selbst nur beobachtet, aber nicht „packt“ – schließlich stirbt. Er, der von den kühnen Eroberern aus Arabien, Afrika und dem Norden mit einer Freude berichtet, die nur ein Mensch empfinden kann, der selbst kein Leben hat, der nichts Eigenes besitzt und daher jede Umwälzung als ein lang erwartetes, neuerliches Affizieren der Sinne begrüßt, solang es bloß nicht stille steht und die Langeweile seines inhaltslosen Lebens ihn niederdrückt – mögen ihn die Eroberer schächten oder enthaupten – kapituliert schließlich vor dem Leben, ja vor der Liebe, um, ganz ohne ein Jota in der Welt hinterlassen zu haben, an all der von ihm bewunderten Fremdheit, seiner eigenen Fremdheit in der Welt, zu sterben.

„Das Leben fängt dann an, wenn man es packt!“ Das ist die Lebensbejahung des Obersts. Und es ist zugleich die Philosophie des ständigen Neubeginns, für welchen ihm die Landschaft, die Jahreszeiten des rauhen Nordens das Sinnbild sind. Und er weiß, daß er in dieser Frau, welche er seit Jahrzehnten liebt, im Grunde ein treues Kind dieser Heimat findet, das in seiner Sehnsucht noch immer ein Kleid anprobiert, das ihm nicht paßt: das Kleid des Südens (KuI, Das Problem der Antike, S.12ff).

Diese alte geschichtsphilosophische Sehnsucht nach dem Süden, der Traum von der antiken Leichtigkeit des Seins, jenes Romantisch-Weibliche ist es, aus welcher der Oberst sie erretten will. Die tief in ihr wohnende Klarheit und Lebensbejahung, die auch unserer Zeit so recht eigentlich fehlt, zurückzubringen, das erinnert uns doch allzu plastisch an die Gegenwart. Und so erzählt diese Liebesgeschichte vom metaphysischen Ringen unserer Zeit.

 

 

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Die Titelfolge:

  1. Der Ausritt (8:41)
  2. Auf dem Gutshof (9:24)
  3. Die Italienreise (17:01)
  4. Deutsche Landschaft (9:51)

Das komplette Hörbuch können Sie hier bestellen.

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