Der gute, passende Herren-Anzug . Teil 1 . Vorbetrachtungen

Ich wollte nie Anzug tragen. Und bei allem, das man in Angriff nimmt, ist eine gesunde Skepsis nicht der schlechteste Berater. Es bewahrt einen vor allzu übereilten, begeisterten Fehlkäufen, vor Moden, die morgen nicht mehr angesagt sind, vor einem allzu einfachen Herangehen.

Durchzuhalten war dieser Vorsatz, daß Anzüge zu mir nicht paßten, daß ich mich darin nicht wohlfühlen würde freilich nicht. Denn als Freund der klassischen Musik kommt man irgendwann in das Alter, in welchem man sich doch etwas schäbig vorkommt, in der Masse der älteren, mindestens Kombinationen tragenden Herren in doch recht stattlichen Bauten wie dem Geraer Jugendstiltheater bloß in Hemd oder Pullover zu erscheinen. Man kann sich eine Zeit damit herausreden, daß der Altersunterschied eine gewisse Narrenfreiheit gewährt, aber irgendwann – nämlich wenn man sich selbst nicht mehr als Kind und Jugendlicher empfindet – hat man Anzug zu tragen oder mutiert alternativ zum Jeans-tragenden Altherren oder gar Sneaker-Rentner. Und ich denke, es ist unnötig zu konstatieren, was übler ist.

So kam ich zu meinem ersten Anzug. Es war ein anthrazitfarbener Zweiteiler für knapp 300€ aus dem Kaufhausregal. Nun, für den ersten Anzug meines Lebens sicher nicht das Schlechteste, das man bekommen kann. It suited the purpose. Heute bin ich damit nicht mehr zufrieden, obgleich ich ihn immer noch im Theater trage. Das Kunstlicht kaschiert einiges.

Wie man hingegen zu einem guten, hervoragend passenden Anzug kommt, das versuche ich nun so luzide, wie es mir möglich ist, aber auch begründet und daher manchmal etwas ausschweifend für Sie niederzuschreiben. Mögen Sie Ihre Fehlerquote beim Anzugkauf möglichst gering halten. Denn auch ich habe ein paar Fehler begangen, manche nur fast, manche glücklicherweise von vorn herein nicht gemacht, aber eben doch ein paar Hundert Euro zum Fenster herausgeworfen. Vielleicht hilft Ihnen meine Erfahrung mit verschiedenen Herstellern, Stoffen, Schnitten und vor allem Änderungsschneidern, ohne teure Umwege das Richtige zu tun.

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Was ist das Wichtigste an einem Anzug? Daß er paßt. Das heißt, daß er die rechten Proportionen besitzt und dem Körper des Trägers eine möglichst elegante Silhouette verleiht. Alles Übrige kommt hernach: Tuch, Farbe, Muster, Varianten des Schnitts, Details. Wir befassen uns also mit den verschiedenen Schnitten, die ein Anzug haben kann, der Qualität des Tuches und sartorialen Besonderheiten erst in späteren Teilen.

Warum setze ich die Paßform an die Spitze? Mit einem dunkelblauen oder anthrazitfarbenen Anzug, nicht allzu fragwürdiger Verarbeitung, halbwegs vernünftigem Hemd, mit Bedacht gewählter Krawatte, usw. ist ein guter Kaufhausanzug von einem teuren Stück vom Maßschneider (je nach Stoff) mit etwas Kurzsichtigkeit kaum zu unterscheiden – bis, ja bis auf die perfekte Paßform. Das ist das ultimative Unterscheidungskriterium. Und dieses Kriterium gilt heute mehr denn je.

Denn in den good old times hat man sich auch als nicht ganz armhäuslerischer Bauer durchaus den Hochzeitsfrack beim Schneider machen lassen. Zuweilen auch den Sonntagsanzug. Sie wissen, das war die Zeit, als Männer sich sonntags, also an ihrem freien (!) Tag, besonders schick anzogen (nicht casual friday), um in die Kirche zu gehen. Allerdings trug der Bauer ja auch auf dem Feld ein Jaquett, eine Joppe, einen Janker.

Für ein paar Tausend Euro können Sie auch heute einen Maßschneider beauftragen und werden nach einigen Korrektursitzungen sicher einen perfekt sitzenden Anzug Ihr Eigen nennen. Wenn Sie es sich leisten wollen: Nur zu! Aber wie im Falle des guten, passenden Herrenschuhs befassen wir uns hier mit der etwas kostengünstigeren Variante des prêt-a-porter oder off-the-rack oder von-der-Stange-Anzugs, den es für reichlich weniger gibt, d.h. für etwa 300-700€.

Allerdings müssen wir hier die Arbeit des Maßschneiders in Teilen auf uns selbst nehmen. Nein, schneidern müssen wir nicht, auch nicht Maßnehmen, aber aus den vorgefertigten Paßformen diejenige aussuchen, die paßt – oder wenigstens diejenige, die nach leichten Anpassungen durch einen Änderungsschneider alle Forderungen erfüllt. Den Blick des Maßschneiders also brauchen wir, wenngleich wir nicht daraus ableiten müssen, wie der Schnitt zu ändern ist, sondern lediglich erkennen: Der Nächste bitte!

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Die Grundvoraussetzungen eines gut sitzenden Anzugs können Sie freilich überall hören:

• die Ärmellänge gibt einen guten Zentimeter Hemdmanschette frei
• kein collar gap (Spalt zwischen Sakko-Kragen und Hemdkragen)
• das Sakko ist lang genug, um das Gesäß zu bedecken
• die Hosenbeine bilden einen einfachen Knick über dem Fußspann
• nirgends soll sich Stoff durch Übermaß oder Zug in Falten schlagen

Das sind alles recht leicht zu prüfende Bedingungen. Die letzte der obigen Forderungen aber ist das eigentliche Problem: Faltenfreiheit. Denn hier geht es darum, die komplizierte Form des menschlichen Körpers nicht nur nachzubilden, sondern – wie im Falle des Leistens eines Schuhs – so zu generalisieren, daß ein zweidimensionales Tuch – hier und da zusammengenäht – sich faltenfrei über denselben legt. Das ist eine wirklich komplexe Aufgabe und eine viel größere Herausforderung als beim Schuh, dessen Leder recht leicht in Form gebracht werden kann, während jedes Tuch in einer zweidimensionalen Krümmung sofort Falten schlägt und nur sehr geringfügig mit Einlagen (Roßhaar) geformt werden kann.

Einen Globus aus einzelnen Zweiecken zusammenzusetzen, ist noch recht simpel. Die Wölbungen des menschlichen Körpers – negativer wie positiver Krümmung – mit derart wenigen Nähten, nämlich neun an der Zahl (also von der Symmetrie abgesehen: 4-5), elegant zu umhüllen… das ist schon ein Geniestreich, wenn man es sich recht überlegt. Das gelingt ausschließlich über die hochkomplexe Form der Einzelteile und die Bögen der Nähte, die aus zweidimensionalem Stoff einen Körper formen. Bald jeder Bogen im Schnitt, alle Nähte bauen aufeinander auf und sind untereinander abgestimmt.

Daraus folgt, daß es eigentlich unmöglich ist, eine einzelne Charakteristik am Schnitt zu ändern, ohne auch vieles Andere notwendig mit zu korrigieren. Manche Teile des Sakkos (dem sartorial kompliziertesten und deshalb auch der Paßform nach kritischsten Element des Anzugs) können durchaus leicht geändert werden. Etwa die Armlänge, der Ärmelumfang, und dasselbe gilt für den unteren Torso. Selbst da jedoch machen Schlitze im Rücken und Rundungen am frontalen Saum Schwierigkeiten. Was ich sagen will: Am allerbesten muß man sich um Änderungen tiefgreifender Art gar nicht kümmern. D.h. kaufen Sie nur Anzüge, die von vorn herein passen. Das erspart Ihnen viel Ärger.

Ärmel- und Hosenbeinkürzungen sind freilich unproblematisch (wobei auch bei den Ärmeln die eventuell knöpfbaren Ärmelknöpfe Grenzen setzen), aber nachträgliche Taillierungen, von denen Sie immer wieder hören werden, daß diese kein Problem seien, sind für viele Änderungsschneider durchaus eins. Und je nachdem, wieviel Sie an zusätzlicher Taillierung benötigen und wie hoch die Rückenschlitze einschneiden, ist derart wenig Nahtlänge zum Verengen vorhanden, daß die Naht nicht mehr sanft geführt werden kann und sie erhalten immer Falten, egal wie gekonnt genäht wird.

Das ist auch der Grund, weshalb ich ganz bewußt all die neuerdings aufgekommenen Made-to-Measure Angebote aus dem Internet übergehe, also Spezialanfertigungen unter Übermittlung Ihrer Körpermaße. Hier werden die prêt-à-porter Schnittmuster anhand einfacher Messungen angeblich angepaßt und sollen damit dem bespoke, also dem Maßschneidern nahe kommen. — Ich habe schon etliche Kundenvideos bei Youtube gesehen – und obwohl die Herren oft zufrieden waren, wäre ich es nicht gewesen. Oftmals greift man sich an den Kopf was da geliefert wurde. Aber der Glaube, jemand habe das Schnittmuster an sie angepaßt, läßt blind werden. Um nur ein Beispiel zu geben: dieses Sakko soll ein „million dollars“-feeling hervorrufen. Warum Sie soetwas nicht einmal geschenkt annehmen sollten, können Sie meinem Kommentar im Video entnehmen.

Vergleicht man, was dieser und andere Herren so von verschiedenen Made-to-Measure-Firmen bestellt und erhalten haben, dann umtauschten und beim zweiten Versuch offensichtlich eine ganz andere Größe erhielten, die in keiner Weise ähnlich zum Vorgänger war, also nie angepaßt wurde, dann wird klar, daß hier im Grunde gar kein Made-to-Measure stattfindet. Hier werden offensichtlich lediglich verschiedene Größen ausgeliefert (mit verschiedenen Fits), die je nach Maßangaben des Kunden ausgesucht, nicht angepaßt werden. Offenbar traut man sich nicht einmal die Ärmel entsprechend der Maßgaben zu kürzen und gibt stattdessen einen Gutschein für vor-Ort-Änderungsschneider mit. Dazu muß ich kein weiteres Wort verlieren. Lassen Sie sich nicht ins Boxhorn jagen.

Das heißt natürlich nicht, daß echtes Made-to-Measure nicht funktionieren würde. Aber dafür müssen Sie auch zum Schneider und ab etwa 1000€ bekommen Sie dort einen speziell auf Ihre Maße angepaßten Schnitt, der mit CAD-Technik aus Grundschnitten abgeleitet wird. Wie gut Sie damit fahren, kann ich Ihnen allerdings nicht sagen. Dafür passen mir die deutlich günstigeren Stangenanzüge, die ich für mich ausfindig gemacht habe, zu gut.

Das heißt nun freilich auch nicht, daß Sie nicht im Internet einkaufen sollten. Ganz im Gegenteil! Wie bei Schuhen, so ist auch hier ein nicht zu unterschätzender Vorteil, wenn Sie die Ware daheim haben, um sie in Ruhe anzuprobieren, zu vergleichen, ohne daß Sie einen Verkäufer im Nacken spüren und einem Kaufdruck ausgesetzt sind.

Ebenso wie beim Schuhkauf können Sie freilich ein Glückspilz sein, gehen in ein beliebiges Kaufhaus oder bestellen einen Anzug von einer Allerweltsfirma in Ihrer ästimierten Größe, probieren ihn an und er paßt Ihnen perfekt. Herzlichen Glückwunsch! Oder: Stop! Vielleicht meinen Sie nur, daß der Anzug Ihnen paßt, wie dem Herren oben, der offenbar ohne jegliche Erfahrung, wie ein Sakko passen sollte, das erste Mal sein Spiegelbild in einem Anzug sieht und begeistert ist, obwohl er das Stück auf der Stelle zurücksenden sollte.

Also lassen Sie uns vernünftig an die Sache herangehen. Das geht schon damit los, wie Sie sich vor den Spiegel stellen. Die meisten Männer stehen vor dem Kaufhausspiegel und recken und strecken sich, um zu prüfen, ob das formale Biest sie nicht irgendwie beim Hantieren einschränke, als wollten Sie Beethovens Fünfte dirigieren. So sehen Sie nie, ob das Ihr Schnitt ist.

Die Paßgenauigkeit eines Anzugs wird immer im ruhigen Stand ermittelt. Sie sollten also gerade, aber entspannt, nicht aufgeblasen, aber aufrecht vorm Spiegel stehen und schauen, ob das Tuch überall gut fällt. Da Sie sich auch vor Mehrfach-Spiegeln immer ein wenig verrenken, wenn Sie etwas an Ihrem Rücken genau sehen wollen, kann es nichts schaden, einen sehr kritischen Mitstreiter dabei zu haben, der Sie von allen Seiten mustert.

Aber wie sieht nun diese Musterung, die Sie mit etwas Geduld auch selbst mit zwei großen Spiegeln vornehmen können, im Detail aus? Damit befassen wir uns in Teil 2.

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