Warum dieses Land nicht zu retten ist . Kassel: eine Endzeitstadt . Teil 3

Als ich schließlich auf die andere Fuldaseite zurücklief und noch ein paar merkwürdige Blicke von Passanten einfing, die sich wunderten, daß ein Mann mit klackenden Absätzen und dunkelgrüner 90er-Jahre-Wildlederjacke mit schwarzem Pelzbesatz und Anzugshose an ihnen vorbeilief, dachte ich über das nach, was ich hier gesehen hatte. Ich begriff, was das alles in mir auslöste.

Ich sah, daß die Landgrafenstatue, die alte Wache, die Hauptpost und das Gericht keine Sehenswürdigkeiten innerhalb einer beliebigen Stadt sind, sondern nichts weiter als bloße Steinzeitscherben, die eben noch in dieser Endzeit-Stadt herumliegen. Man weiß davon, wie man von Bänderkeramik weiß, die man einst ausgegraben und sodann im Archiv verschlossen hat. Es gab da eine Vorbevölkerung. Und jetzt eine Nachbevölkerung. Und es handelt sich tatsächlich nur um Bevölkerung. Der Sprachgebrauch unserer Zeit, der den Begriff Volk meidet, ist völlig richtig gewählt. In Kassel lebt kein Volk. Deutschland verrecke ist hier keine Losung, sondern im falschen Tempus formuliert. Denn es muß heißen: Deutschland ist verreckt.

Und dieser Eindruck der völligen Abgelöstheit kam empor, weil die Erinnerungen an die einstige Ästhetik, die Punkte vernünftiger Architektur, eine Zahl unterschritten, die jede Verbindung zu jener seelenlosen Stadt verleugnete, die sie nun umgibt. Im Grunde steht das Zeug herum wie Kriegsbeute, wie Säulen und Obelisken, die man dem Feind – der alten Zeit – stahl und sie in der eigenen Residenz aufstellte, zum Zeichen, daß das, was man da ausstellte, endgültig besiegt und untergegangen sei.

Was würden sie sagen, wenn in New York eine Lenin-Statue aufgestellt würde? Ja, den Demokraten wäre sogar das zuzutrauen. Aber mal im Ernst: Die Touristen und Einheimischen würden lachen, oder nicht? Nun, Lenin vorm New York Stock Exchange ist nicht absurder als der Kurfürst von Hessen in dieser Stadt, deren Name aus historischen Zufälligkeiten noch immer Kassel lautet.

Nehmen wir an, ich müsste dort leben. Das müßten natürlich aberwitzige Gründe sein. Denn wer ein Minimum an kulturellem Empfinden hat, müßte jeden Tag speien, wenn er aus dem Fenster sieht. Aber nehmen wir es an. Würde es für mich eine Rolle spielen, wer diese Stadt bewohnt? Würde ich die Stadt im Angriffsfall mit Gewalt verteidigen? Nein. Natürlich nicht. Sie hat ja keinen Wert. Was soll man denn da verteidigen? Mit welcher Motivation? Man muß dankbar sein, wenn irgendwelche Buschmänner dort leben wollen und man endlich einen kräftigen Arschtritt bekommt abzuhauen und woanders irgend etwas Neues zu versuchen. [Nachtrag 29.04.2017: Heute lese ich, daß 30% der Geburten deutscher Eltern in jedem Jahr auswandern. Das sind natürlich die Hochqualitfizierten. Zurück bleibt der White Trash, den Sie überall in deutschen Städten herumstolpern sehen. Packen Sie schon mal die Koffer, falls sie nicht dazugehören (wollen).] Schlimmer als Kassel kann es schließlich unmöglich werden. Daher freuen sich die Deutschen darüber, daß man ihnen in den Hintern tritt. Verstehen Sie? Sie wollen unterbewußt schon lange aus diesem Elend fliehen.

Und deswegen ist es selbst mir völlig gleichgültig, daß die Bevölkerung der Stadt nach meiner Beobachtung zu 1/4 bis 1/3 mittelbraun bis dunkelbraun ist (schwarz habe ich nicht gesehen) und den vielen russisch klingenden Gesprächen nach zu urteilen nochmals einen guten Schuß Osteuropa in sich beherbergt. Aber interessiert mich das? Nein, gar nicht. Es geht mir am Allerwertesten vorbei. Sie wohnen in der häßlichsten Stadt, die ich kenne. Was kümmert’s mich? Und verstehen sie mich nicht falsch – für Köln, Düsseldorf, Frankfurt gilt das alles ganz ebenso.

Was sagte mir dieses Gefühl nun? Ich habe nun endlich ganz und gar die Form dieser westdeutschen Apokalypse verstanden. Wer dort wohnt, kann sich rational nicht angewidert finden, daß seine Städte durch Influx von Busch- und Wüstenmännern verschandelt und abgewertet werden. Was soll denn hier noch abgewertet werden? Er kann überhaupt kein Gefühl dafür entwickeln, was es heißt, eine Kultur zu verteidigen, weil er nie mit einer in Kontakt kam. Deshalb empfindet er auch den Begriff Leitkultur so abstoßend. Und ganz ehrlich, frei nach Spengler: Wer von Leitkultur spricht, der hat keine mehr.

Wie soll dieser völlig geschichtslose Mensch sich denn definieren? Niemals über seine Kultur. Er hat sie nie erlebt, er hat noch nicht einmal den flauen Nachwind derselben in Form von Architektur je empfinden können. Diese Menschen sind kulturell tot. Und deshalb glauben sie auch nur an die Kultur der anderen Völker. Andere Völker haben Kultur. Er nicht. Wie soll er sich also darauf verstehen? Das ist unmöglich. Das sind die letzten Menschen. Sie leben in Käfigen, wie Laborratten, und werden alle paar Jahre umgesetzt und mit anderen Krankheitserregern infiziert, um zu sehen, was man ihnen noch zumuten kann. Amboß sein, statt Hammer. Das ist das Leben nach der Kultur. So einfach ist das. Man kann diesen Menschen nichts vorwerfen als daß sie ahnungslos sind.

Sie können also kein Gefühl für den Untergang einer Kultur haben. Wo nichts ist, kann nichts untergehen. Und da ist eben nichts mehr. Niente. Es sind seit 70 Jahren große Müllhaufen und sind es heute noch.

Im Osten bedeutet jedes Haus des 19. Jahrhunderts, wie man sie noch heute abreißt, ein Herausschneiden eines lebendigen Stückes Fleisches. In Kassel und all den gleichartigen westdeutschen Großstädten dagegen liegen lediglich noch ein paar vermoderte und stinkende Stücke Fleisch herum. Nicht anders als der Römer in Frankfurt und irgendwelche wahnsinnig urigen Äppelwoi Kneipen in gediegener 70er-Jahre-Architektur. Jaja. Fragen sie mal einen Kölner, was an Köln schön ist. Ich kenne die Antwort und habe sie oft genug gehört: Die Kneipen und der Karneval. Denn diese Stadt ist ebenfalls derart potthäßlich, daß man so schnell wie möglich von Besäufnis zu Besäufnis läuft und sich künstlich gute Karnevalsstimmung machen muß, um nicht durchzudrehen. Den ersten Eindruck einer echten Endzeit-Stadt hatte ich, als ich Düsseldorf zum ersten Mal sah. Da können sie genau dieselben Bilder schießen.

Und dann fragen manche, wie der Dresdner Jurist Maximilian Krah, woher der Selbsthaß komme? Die Antwort ist ganz einfach: Das muß man hassen! 70 Jahre nur Ferkeleien. Und bedenken Sie: Hier ist kein einziges Graffiti zu sehen, wie sie Leipzig und Berlin überziehen. Es ist alles sehr sauber und ordentlich. Aber es ist einfach phänomenal häßlich, was da reinlich gehalten wird. Und das, was reinlich zu halten Sinn machte, das besitzt dieser Mensch nicht mehr. Weder in der Architektur, noch geistig, noch menschlich, noch gesellschaftlich.

Erinnern Sie sich an den Energiepaß am Neuen Rathaus? Für die Häßlichkeit dieser Welt des Endzeitmenschen erlaubt man sich zu recht (wenn auch nur theoretisch, also ideologisch) auch keine Eingriffe mehr in die Natur. Warum sollte eine bloße Ansammlung von Menschen ohne Kultur, ohne tieferen Sinn ihres Daseins die Natur ausbeuten dürfen? Darf sie nicht. Das sieht der Linksliberalismus ganz richtig. Er hat sich gefälligst auf Energiesparpläne zu verstehen. Und: ohne Kultur auch keine Technik. Ohne Technik keine Ausbeutung. Wir zehren ja bloß von den Errungenschaften der Vorkriegszeit. Keine fundamentale Erfindung seit 1950. Selbst der moderne Computer wurde von Zuse bereits 1941 gebaut. In die vorindustrielle, ja vorhistorische Zeit, genau dort gehört der kulturlose Mensch hin. Er weiß das und also arbeitet er daran, diese vorhistorische Zeit wiederherzustellen – zur Not mit Unterstützung weiterer kulturloser Stämme, die er als Nachbarn ansiedelt.

Ganz nebenbei – um die Sache doch noch in Nebensächlichkeiten ausklingen zu lassen – ist mir jetzt klar geworden, weshalb die Deutschen, d.h. vor allem die Westdeutschen, so ungeheure Autonarren sind, daß sich der gesamte Status, alle Lebensberechtigung darauf ausrichtet, welches Auto man fährt und wie gut es geputzt ist. Die Automobile sind das Einzige im Leben dieser Menschen, das dem Auge einen sehenswerten Anblick bietet. Alles in ihrem Leben ist häßlich: wie sie sich kleiden, worin sie wohnen, ihre ganze Stadt ist potthäßlich, so häßlich, daß die Bewohner bereits Augenkrebs-resistent geworden sind. Die Autos aber, die sie kaufen, sind sehr gekonnt designt. Also reagiert die Laborratte mit Autokauf.

Lassen Sie uns ein Gedankenexperiment machen. Nehmen wir an, heute würde die komplette Bevölkerung Kassels umgesiedelt, um sie in einer neu auf der grünen Wiese angelegten Stadt unterzubringen. Für Jahrhunderte hätte man das als unmenschlich und widerlich empfunden, so mit Menschen umzugehen. Aber fragen wir uns einmal ernsthaft, was das heute bedeuten würde. Nun, ganz einfach: Gar nichts. Was sollte diese Menschen in Kassel halten? Gibt man ihnen in der neuen Stadt ebenfalls Wohnraum, ihre Autos, Arbeitsplätze und die vielen Geschäfte in der Innenstadt, so kann es ihnen völlig gleich sein, ob sie in Kassel oder Newtown wohnen. Menschlich wäre das völlig unbedenklich. Im Gegenteil: Da es kaum möglich wäre, from scratch eine erneut so häßliche Stadt zu errichten, würde es sich um eine faktische Verbesserung der Lebensumstände handeln. Weniger Kultur könnte die Retortenstadt auch nicht besitzen. Und eine völlig abgelöste und verzweifelt initiierte Kunstausstellung kann man dort ebenso veranstalten. — Und das ist dann freilich auch der Grund für die sogenannte Mobilität unserer Zeit, die Ungebundenheit, die ständige Flucht vor der eigenen Wurzellosigkeit. Aber auch hier ist das niemandem vorzuwerfen. Denn wer soll in einer solchen Betonwüste wurzeln schlagen wollen. Auch daran erkennen Sie, wie gesund sogar noch tief in ihnen das Urteilsvermögen arbeitet, aber verzweifelt sucht und sucht und nicht mehr findet. Denn die Kultur ist untergegangen.

Zum Abschluß noch das vielleicht Sprechendste, das ich gesehen habe: Es gibt eine einzige Ruine in Kassel. Es handelt sich um das Erdgeschoß der Garnisonskirche unweit des Königsplatzes, das nach der Bombennacht übrig blieb. Darin befindet sich heute ein italienisches Restaurant. Das heißt darauf. Es ist die Terrasse.

Ruine Kassel.JPG
links das Erdgeschoß der Garnisonskirche . Kassel

Das ist unsere Variante der Runinenlandschaften mit Hirten, welche bereits das 18. Jahrundert als morbiden Kommentar zum Untergang des Römischen Reiches malte. Aber der Fortschritt wäre nicht der Fortschritt, wenn er nicht Beton genug hätte aufbringen können, um rings um die Ruine eine zweckmäßige Fellachenstadt für die letzten Menschen zu errichten.

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12 Gedanken zu “Warum dieses Land nicht zu retten ist . Kassel: eine Endzeitstadt . Teil 3

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  2. Leser

    Sich über das Absurde und Groteske beinahe zu Tode zu lachen und bei das bei einem eigentlich sehr ernsten Thema: das war emotional eine völlig neue Erfahrung für mich. Ich bin noch immer recht fassungs- und sprachlos. Auch das Lachen ist vergangen. Da bin ich dem Tode doch glatt entwischt! Nein, ernsthaft: was die Zeichen Ihnen erlaubten mitzuteilen – ohne, dass man sich anmaßen müsste die ganze Wucht Ihres Erlebnisses nachempfinden zu können (bleibt doch ein gewisser „Rest“ stets in der Individualität unüberbrückbar verhaftet) – das brach in mir heraus und ich verstand… „Dawai! Dawai!“ ist die kulminierende Formel dieser unwürdigen Massenviehhaltung.

    Wollen Sie einen Witz hören? „Dawai, dawai!“ ist bloß einen matte Übersetzung, eine Interpretation. Der Text aber ist amerikanisch. Deshalb lasse ich Sie mit dem Original allein. Das Gedankenexperiment wurde nämlich schon vollzogen und welch Wunder! Das Panoptikum ist das gewählte Werkzeug zur Sezierung der modernen Laborratte … Und jetzt möchte ich schweigen …

    (Timemark bei 1:20) https://www.youtube.com/watch?v=uphxFHnVv1E#t=1m20s
    …. Achten Sie auf die Wortwahl in diesem Video …. Aber es erklärt sich ja schon förmlich (!) von selbst …

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  3. Was Sie da zeigen ist ja, wenn man es richtig nimmt, von den Nachkriegsrekonstruktionen der deutschen Städte nicht weit entfernt. Von der energetischen Autarkie einmal abgesehen, haben wir diese Städte schon. Und Kassel ist eine davon. Und selbst wenn es werbetechnisch so schön aufbereitet ist: Man kann es so schön verpacken, wie man will. Kommunismus bleibt Kommunismus. Es läuft einem kalt den Rücken herunter, wie schmackhaft man Konformität verpacken kann.

    Ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, daß ich so gleichgültig würde werden können. Aber der Kernsatz, der neben anderen Aspekten im Text sicher untergeht, ist der, daß der Vergleichsmaßstab fehlt. Wenn Sie nur noch eine Landgrafenstatue und ein einzelnes Gebäude solider ästhetischer und statischer Herkunft in einem Meer der Retortenfassaden sehen, dann sind Sie mental schlicht nicht mehr in der Lage überhaupt nur das Gefühl zu entwickeln, wie eine ganze Stadt aus solchen Bauten bestehen könnte. Sie können die Wirkung eines historischen Straßenzuges einfach nicht imaginieren. D.h. er existiert selbst in Ihrer Vorstellung nicht (was bei einzelnen Bombenlücken und eingefügten 70er-Jahre-Klötzen noch problemlos möglich ist). Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Die eigentliche ästhetische Wirkung kennen Sie schlicht nicht. Und daher lief ich durch die Stadt, so wie ich jetzt Ihren Film angesehen habe – mit wenig Interesse, reichem Kopfschütteln und der Hoffnung, daß man mich nie zwingen wird dort leben zu müssen. Über den Film lacht man genauso, wie über Kassel: Wie kann man so dämlich sein, dort eine Ameise abgeben zu wollen? Denn im diesem Film wird im Grunde – von ein paar mehr Rundungen und Grünstreifen abgesehen – Kassel gezeigt.

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  4. Leser

    Da möchte ich Ihnen zustimmenn, wobei mir Ihre vorherige Haltung – den Menschen die Schuld abzusprechen für diese Dummheit – überdachter erscheint, als wie es nun ausdrücken. Es ist ja nicht bloß der historische Vergleichsmaßstab, sondern – und da hatten Sie ebenso völlig recht – die sinnentleerte, kulturlose Existenz an sich. Nun kommt hinzu: DASS diese Menschen überhaupt SIND, ist Folge einer Fabrikation. Einer ins Künstlichste gesetzte Notwendigkeit dieser Maschinerie. Im Grunde vollzieht jeder Sehnsüchtige das innere Programm seines Existenzgrundes, wenn er die panoptisch-regulierte Stadt erträumt. Sie sind nicht dämlich, sondern befolgen ihren Existenzgrund. Gewissermaßen. Wenn der kapitalistische Betrieb die Erdbevölkerung explosionsartig katalysierte, so folgt dies in letzter Konsequenz der These aus KuI, wonach der privatwirtschaftliche Betrieb in einen selbstregulierenden, standartisierten Kommunismus umschlüge.

    Aus Teil 2 jene Stelle
    „Sie schreit jedem Einzelnen seinen Unwert ins Gesicht: Du bist nichts wert, gar nichts. Für dich reichen die schmucklosesten Fassaden, die dreckigsten Betonklötze, das Billigste und Zweckmäßigste. Du wirst hier bloß massenabgefertigt und hast zu funktionieren! Marschiere weiter und steh nicht dumm herum und glotze! Dawai, dawai!“
    und hinzu Ihre äußerst scharfe Beobachtung, dass der Kulturlose – ich möchte ihn deshalb ein Fabrikat nennen – kein Anrecht mehr auf Ausbeutung habe. Ich wollte diesen Punkt im Grunde vertiefen. Kein Anrecht auf gegenseitige Ausbeutung und dann auch kein Anrecht auf gemeinsame Ausbeutung „des Anderen“, sei es nun das Nachbarland oder die Erdkugel. Dass die Stelle im Video etwa anfängt mit: „Es ist zu konstspielig die alten Städte zu erhalten“ ist in diesem Zusammenhang doch keine lapidare Feststellung mehr, sondern das Gedränge der Zeit. Übrigens nennt sich die Gruppe dahinter auch „The Zeitgeist Movement“. So zynisch das auch klingen mag.

    Was ich sagen möchte: über das bloße Problem der fehlenden Imagination nachzudenken reicht in diesem Falle nicht aus. Es wirft uns sogar zurück auf Spenglers Urseelenmetaphysik. Denn: wie konnte überhaupt etwa jener Straßenzug erst entstehen? Gewiss argumentieren Sie im Sinne eines Vergleichsmaßstabes. Aber das klingt, wie gesagt, etwas metaphysisch. Als Fabrikate sind die Menschen produziert und in concreto hängt die Imagination an den hintergründigen „Produktionsmittel“ zu ihrer Fertigstellung, wenn ich das mal so widerlich ausdrücken darf. Die eingesetzen Mittel bilden schließlich jenen Existenzgrund. Da bleibt kein göttlicher Funken übrig.

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  5. Die „Dämlichkeit“ bezog sich eher auf jemanden, der von Außen, in Kenntnis echter Städte, vor die Frage gestellt würde, dort zu leben. Ich stimme Ihnen da ganz zu. Das ist ja der gutmütige Punkt meiner Ausführungen, daß ich nun den durchschnittlichen Westdeutschen verstanden hätte: Es ist einfach ungerecht, von diesen Menschen etwas anderes zu erwarten oder gar zu verlangen. Und daher ja auch der pessimistische Titel des Ganzen: „Warum dieses Land nicht zu retten ist“.

    Mit dem Begriff „Fabrikat“ haben Sie natürlich den Nagel sehr schmerzhaft auf den Kopf getroffen. Also totales Subjekt der Produktionsbedigungen. Eben Amboß statt Hammer. Aber Sie nennen eine sehr wichtige Verallgemeinerung dieses Gedankens, nämlich nicht nur das Verbot (und letztlich die Unfähigkeit) die Welt auszubeuten, sondern auch Andere auszubeuten. Und zwar NICHT sich untereinander nicht die Köpfe einzuschlagen und in den kleinen Querelen der Subjekte nicht egoistisch dem Anderen etwas abspenstig zu machen, sondern AndereN gegenüber, anderen Gruppen.

    Denn das ist der zweite Punkt, der an den ganzen Text noch angefügt werden muß und auf den Sie mich damit bringen. Die Abwertung des Einzelnen durch diese Architektur ist nicht etwa ein Mittel, seinen Egoismus einzudämmen, wie man vor der Hand meinen könnte, sondern das Gegenteil: Diese Architektur verekelt ihm den öffentlichen Raum, läßt ihn erst recht vereinzeln. Es gibt keine Stadtgemeinschaft, kein Bürgertum mehr. Sie wissen schon: keine spielenden Kinder auf der Straße, keine Besorgnis um gemeinsame Pflege des Erhaltenswerten usw. eigentlich keinen öffentlichen Raum. Nur Abfertigen der Bedürfnisse.

    Das aber ist inhärent damit verbunden, daß er nicht nur keine Vorstellung von Ästhetik und Wohlbefinden in einem städtischen Raum, eben dieser Fachwerk- und Barockviertel von „Märchendeutschland“ hat, sondern auch die Gemeinschaft, ja die Gesellschaft nicht kennt. Er betrachtet infogedessen alle anderen Menschen auch nur als Individuen. Sie wissen ja: „Einzeltäter“, „das hat mit nichts zu tun“ usw. Und wenn er dann sagt, die Gesellschaft sei Schuld, dann meint er eigentlich, all das, was fehlt, um eine funktionierende, dichte Gesellschaft zu formen, hat ihn durchdrehen lassen. Und hier könnte jeder von uns durchdrehen, wenn nächsten Monat keine Überweisungen mehr kämen.

    Daß es zu kostspielig sei, die alten Städte zu erhalten, ist freilich ein ganz widerlicher ideologischer Zerstörungsdrang des Gewesenen. Aber es hat auch Substanz, nämlich diesen einzigen Grund, daß diese Städte eben mit einem Übermaß an Aufwand gebaut sind, overengineered („jedes Ornament ist overengineering“) und deshalb unzweckmäßig und unnötig für die wertlosen Subjekte, die durch die Straßenschluchten getrieben werden sollen.

    Ja, Sie haben recht, wenn ich Imagination sage, dann klingt das, als fehle bloß eine Fotografie eines solchen Straßenzuges. Aber bereits dessen Vielgliedrigkeit würde dieser Mensch, der in seiner Retortenstadt produziert wurde, ja nicht begreifen, eher als ekelhaften Dschungel ansehen, den man mit der Machete „entkernen“, glätten muß. Auch das war also gewissermaßen ganz aus meiner Sicht geschrieben: Ich lachte, weil mir im Moment dieses Stadtrundgangs temporär jede Vorstellung davon fehlte, wie diese Stadt früher hätte ausgesehen haben können. Aber das – Sie haben ganz recht – war ein Phänomen, das meine Kenntnis solcher Ansichten voraussetzte, um ihr Fehlen, d.h. meine fehlende Imagination mangels Ankerpunkten festzustellen.

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  6. Leser

    Wie steht es denn Ihres Erachtens um den durchschnittlichen Ostdeutschen? Ist es jener kleinstädtische öffentliche Raum, der jenen fehlt und diese noch versuchen zu erhalten? Dürfte man überhaupt noch vom Ostdeutschen sprechen, während es doch eigentlich die älteren Menschen sind, die diesen Typus noch am ehesten repräsentieren? Gab es in den von der DDR unberührten Landstrichen (ich meine wohin keine Mittel flossen, also beinahe überall) noch das Phänomen des overengineering aus eigener handwerklicher und ästhetischer Vervollkommnung? Die kurzen Begegnungen und Unterhaltungen, die Sie auf Ihren Reisen durch Ostdeutschland stets zu schildern pflegten, waren doch meist mit Menschen älteren Schlags, nicht wahr?

    Was eigentlich noch fehlt, ist eine Denkschrift über das sich ausbreitende Neubausiedlertum im ostdeutschen Raum. Sie mögen vielleicht den Großstädten entfliehen, aber worin sie sich niederlassen, ihre sogenannten Immobilien, die kaum ein halbes Menschengeschlecht überdauern werden und beinahe mit der Überweisung der letzten Ratenzahlung auch schon anfangen zu modern. Wertlose Anlagen, die sich die „Bauherren“ von ein paar großen Unternehmen anfertigen lassen – wenn die vier Wände und das Dach nicht ohnehin in einer tschechischen Fabrik vorgefertigt und am Ankunftsorts auf die vorbereitete Bodenplatte draufgeschraubt werden –, die sich alle gleichen und den einzelnen Ausreißer durch strenge lokale Regularien der örtlichen Bauämter schon im Keime ersticken. Die 3% Stein, die in Kassel übrig blieben, ist dort bloßer Idealismus.

    Da haben Sie nämlich hundertfach recht! Abfertigen von Bedürfnissen! anstatt Gemeinschaft. Der enge peinliche Nachbarschaftsneid, die schielenden Augen, die kleingeistig- peniblen Umzäunungen der „Privat“grundstücke (was sagt das nicht schon alles über die Umzäunungen der eigenen Persönlichkeit aus!), der unterschwellige gegenseitige Hass, der sich hinter dem neurotischen Lächeln des Grüßenden verbirgt. Ach! Sind diese Siedlungen nicht eigentliche Irrenanstalten? Man ekelt und schämt sich vielleicht unterbewusst für die Hässlichkeit, die man Jahrzehnte abzuzahlen hat und sucht andererseits fast schon psychotisch den Ekel beim Anderen, um sich von sich selbst zu erholen.

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  7. Machen wir uns nichts vor, der durchschnittliche Ostdeutsche ist mittlerweile gut angepaßt an den westlichen Standard. Die Differenzen bewegen sich, wie Sie richtig sagen, vor allem beim höheren Alter. Aber manches hat sich dann schon eingeprägt. Ich sage gern, daß ich im Deutschland der 50er-Jahre aufgewachsen bin. Unterrichtsdisziplin, Respekt vor Polizei, Älteren, Hausgemeinschaften, Altpapier- und Flaschensammeln (wobei das ja ungewollt wieder in Mode gekommen ist) usw.

    Dennoch wette ich, daß den meisten gar nicht bewußt ist, was hier noch gelegentlich in der Ordnung ist. Andererseits: Bei meiner Reise nach Pößneck traf ich jenen Nürnberger, der sich in der Nähe eines thüringischen Dorfes eine alte Mühle kaufte. Es gibt diese Sehenden also auch im Westen, die dann sogar in die Provinz übersiedeln. Aber gewisse Unterschiede sind eben doch noch vorhanden. Das ist auch an den Wahlergebnissen sichtbar. Die meisten aber würden das Überkommene leichtfertig verspielen, selbst von den Älteren, weil sich kaum jemand wirklich bewußt macht, daß viele alte Selbstverständlichkeiten aus diesen Strukturen gewachsen sind und verloren gehen, wenn man immer weiter nachgibt.

    Overengineering gab es in der DDR seit den 60ern nirgends mehr. Es herrschte ja gerade an Baustoffen ein ungeheurer Mangel. Das Einzige was blieb, war der Garten. Auch an der Gartenkultur können sie große Unterschiede ablesen. Aber die Schrebergärten sterben im Osten mit den Alten aus, wenngleich manche Städter jetzt anfangen Gemüse anzubauen. Overengineering ist im Garten aber das Blumenbeet, nicht der Rotkohl. – Außer dort wo tatsächlich nichts hinfloß, nämlich in den Erhalt oder Umbau der Innenstädte, dort blieb das alte architektonische Overengineering stehen und wurde in seltenen Fällen auch gepflegt. Das ist das große Glück der Architektur im Osten, daß man zwar viel abriß und sprengte, aber die Wohnhäuser verrotten ließ und stattdessen neue auf der grünen Wiese baute (Plattenbausiedlungen) – Sie wissen ja: „billiger als das alte zu erhalten“. Nach der Wende wurde es renoviert. Das Paradebeispiel ist Görlitz. All das konnten Sie aber noch eindrücklicher in der Tschechei beobachten.

    Über die Neubausiedlungen der Eigenheimer nach der Wende habe ich durchaus einst ebenso gedacht wie Sie. Bin aber mittlerweile zu einem gemäßigteren Urteil gelangt. Nicht deshalb, weil ich selbst in einem solchen Bau wohne, sondern weil es sich doch immerhin – zumindest bei den 90er-Jahre-Bauten – um recht klassische, wenn auch klischeehafte Nachbildungen des bayrischen Landhaustypus handelt: weißer Putz, 45° Dachneigung, reichlich Dachüberstand, Obergeschoß in brauner Holzverkleidung, Holzbalkon, Erker. Zwar stehen auch in unserem Neubaugebiet manche Sünden: Häuser ohne Dachüberstand, mit grünen Plastefenstern oder mit lang heruntergezogenen Riesendachflächen, aber der Standardhaustyp, der die Mehrheit bildet, ist im Grunde nichts Verwerfliches. Die Alternative wären thüringische Fachwerkbauten. Und im Grunde sind diese Holzhäuser ja ebenfalls Fachwerkhäuser, bloß aus vorgefertigten Teilen und verputzt. – Das ist zugegeben alles andere als ideal. Und freilich ist das eine Flucht vor dem noch viel Unstimmigeren. Allerdings um Längen angenehmer anzuschauen als 70er-Jahre Eigenheime oder die neuerdings gebauten Einfamilienhäuser, die nun vollkommen hemmungslos im Bauhausstil oder irgendeiner wirren Zwitterform aufgerichtet werden: Klein-Kassel & Co. Wenn ich hieraus die Wahl habe, dann entscheide ich mich für die 90er-Jahre-Fertigteilhäuser.

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  8. Pingback: Marktwirtschaft oder Kommunismus? Alternativszenario: Crash – Es muß noch schlimmer kommen, bevor es wieder besser wird . Teil 2 – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  9. Heribert Kuntz

    Sehr interessanter Blog. Danke dafür!

    Ich bin auch regelmäßig in deutschen Städten unterwegs. Kassel ist leider typisch für westdeutsche Städte, die nach dem 2. WK nicht wieder aufgebaut worden sind in ihrem alten, prachtvollen Baustil.

    Wesentlich schlimmer jedoch, als der Tausch der Architektur, ist der Austausch des Menschen. Ich empfehle Ihnen dahingehend die Lektüre „Die Revolte gegen den Großen Austausch“, von Renauld Camus.

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  10. In der Tat habe ich dieses Video vor zwei Wochen gesehen und war begeistert, daß jemand in dieselbe Richtung argumentiert. Das hat mich über einen Fortsetzungartikel nachdenken lassen. Leider ist die Dokumentation, aus der die Ausschnitte entnommen sind, alles andere als wirklich zufriedenstellend.

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