Warum dieses Land nicht zu retten ist . Kassel: eine Endzeit-Stadt . Teil 2

And now to something completely different. Dieser zweite Teil meines Besuches in Kassel hat nichts, aber auch gar nichts mit dem ersten zu tun. Warum? Weil ich am Abend eine Runde in der Stadt gelaufen bin. Und das war eine Art Feuerbad. Ich sagte zu Beginn des ersten Teils, daß dabei eine Erkenntnis in mir aufgestiegen sei, die ich dem Rang nach in dieser Wucht seit Jahren nicht erlebt habe. Und das kam so.

Nun weiß ich ja, daß Kassel eine der am stärksten im Krieg getroffenen Städte Deutschlands ist. Mir war also durchaus klar, daß ich Architektur des 19. Jahrhunderts nur stellenweise würde antreffen können. Der Rest wäre dann Nachkriegsarchitektur, wie man sie ja überhaupt aus westdeutschen Großstädten zu Genüge kennt. Soweit zur Theorie. In praxis aber sah dann doch alles ganz anders aus.

Damit wir auf denselben Stand kommen, muß ich Sie auf meinen Rundgang mitnehmen. Sie verstünden sonst nicht, wie ich derart radikale Schlüsse ziehen könnte. Man muß es erlebt haben. Und das können Sie – denke ich – mit meinen Bildern ausreichend nachvollziehen. Auf der Karte können Sie meine Route verfolgen.

[Karte entfernt]

Ich kam zunächst über die Hauptverkehrsbrücke gelaufen. Das gab erstmal eine typische Stadtansicht der Nachkriegszeit. Nichts Individuelles, nichts Vertrautes, reine Verwaltung von Menschen- und Fahrzeugmassen. Sowas fotografiert natürlich kein Mensch. Und auch ich hätte aus Ekel bis vor kurzem soetwas nicht getan. Aber das, worauf ich hinaus will, erforderte es (was ich offenbar vorahnte) und ich habe zunehmend Spaß daran gefunden. Warten Sie mal ab!

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Kassel . Blick von der Fuldabrücke auf den Altmarkt

Man weiß nicht, ob das Novosibirsk sein soll, wo man sich erstmals leisten konnte, einen großen Werbe-TFT an die Betonfassade des höchsten Hauses anzubringen, oder wo das eigentlich sein soll. Wenn man nicht an den Kennzeichen und Straßenschildern die deutsche Provinienz erkennen könnte – das könnte von einer Wüstenstadt abgesehen überall sein. Hier wußte ich also bereits, daß ich mich im Grunde im Ausland befinde. Fremd und befremdlich.

Dann links an der 1958 wiederaufgebauten Brüderkriche vorbei zum Regierungs- und Gerichtsgebäude der Stadt. Hier stelle ich einmal die alte der Nachkriegsansicht gegenüber.

[Bild entfernt]

Da werden Sie ganz zurecht sagen: Solche Vergleiche kann man in ganz Deutschland und selbst in gut erhaltenen Städten vorbringen. Sie haben völlig recht. Aber das war bloß etwas Einstimmung, Illustration zu dem Gedankengang, den ich vorhabe, Ihnen auszubreiten. Gleich dahinter folgt das Schaupielhaus.

Schauspielhaus Kassel.JPG
Schauspielhaus . Kassel

Und dann gelangte ich an den Friedrichsplatz heran und sah den Turm des Fridericianums brennen. Ich dachte erst, es sei nicht sonderlich schlimm, dann aber qualmte es immer stärker und dunkler. Da kam mir eine Gruppe holländischer Touristen (die einzige west-europäische Sprache, die ich in der Stadt hörte) entgegen und auch diese schauten sich bloß um und wunderten sich.

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Der Turm des Fridericianums qualmt. Links das Naturalienmuseum, rechts das Elisabethen-Hospital: die historischste Ansicht, die Kassel heute noch bieten kann.

Da brannte also eines der letzten Vorkriegsgebäude in Kassel und ich war mir nicht sicher, ob ich das gut oder schlecht finden sollte. Das war eine merkwürdige Lage. Sollte ich sagen: Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an? Oder sollte ich gewissenhaft bei der Feuerwehr anrufen und es melden? Ich war noch nicht so weit, wie ich eine Stunde später war. Deshalb rief ich an. Ich gebe den Brand durch. Der Feuerwehrmann antwortet: Das ist eine Kunstinstallation. Stille. Ich sage: Die Ballustrade ist schon ganz kohlrabenschwarz. Nein, das sei nur eine Kunstinstallation. Ich lache.

Und mir dämmerte etwas. Das „letzte“ Vorkriegshaus in Kassel brennt und es ist eine Kunstinstallation. Vielleicht war auch 1943 nur eine Kunstinstallation – mit dem Titel:

Phosphor trifft Fachwerk – Ein städtebauliches Konzept für Neu-Kassel

Übrigens wurde die Innenstadt damals zu 97% zerstört. Das nenne ich konsequent. Daher ist von der dicht bebauten Fachwerkinnenstadt nicht ein einziges Haus übriggeblieben. Nochmals zum mitschreiben: nicht ein einziges. Denn die 3% erhaltene Substanz waren natürlich ausschließlich Steinbauten. Warum? Die Stadt brannte eine Woche lang. Märchenland ist abgebrannt.

Und dann stehe ich auf dem Friedrichsplatz. Freilich, das Fridericianum ist ein klassizistischer Bau. Rechts daneben das Schauspielhaus. Das habe ich bereits fotografiert, weil ich mich umgestellt hatte: Du suchst jetzt das Absurdeste. Früher war das so ein typisch hessischer Barockbrocken. Aber wer weiß schon, was mal typisch hessischer Barock (hier Neobarock) war…

Schauspielhaus Kassel.JPG
Staatstheater Kassel

Links auf der Bank übrigens die würdigen Nachfolger der Erbauer dieses architektonischen Glanzstückes mit jener gediegen seriösen Farbgestaltung der Gebäudebeschriftung. Aber zu den Neubürgern später mehr.

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Friedrich II. von Hessen-Kassel

Das bot den rechten Kontrast, auf daß mir der nächste Anblick die Augen öffnen konnte. Es war das Standbild Friedrichs des Zweiten, Landgraf des späteren Kurfürstentums Hessen-Kassel, das einst in der Mitte des Platzes stand, heute an den Rand gedrängt. Denn man braucht Platz. Z.B. für eine weitere Kunstinstallation, eine aus Baugerüsten aufgeführte riesige Halle. Fragen Sie mich nicht.

Das Foto habe ich noch in die Richtung geschossen, in welcher die häßliche Hintergrundarchitektur wenigstens von ein paar Bäumen bedeckt wird. Aber da plötzlich spürte ich kein Fünkchen Trauer mehr über die armselige Einsamkeit dieses letzten Symbols von Kultur in der gott- und herrenlosen Stadt. Es ist auch das letzte gestellte Bild, das ich gemacht habe. Sondern ich fühlte, daß diese Statue mit ihrem gewichtigen Sockel nichts weiter war als eine ausversehen stehengebliebene antike dorische Säule irgendwo im Unteritalien der Fellachenzeit. Man konnte nichts dafür, daß ausgerechnet dieses Bruchstück der Vorgängerkultur übriggeblieben war. Da lag eben eine Scherbe von 450 v. Chr. herum. Ja, das Gebiet war früher mal von fremden Völkern besiedelt. Mehr nicht. Verstehen Sie?

Jetzt hatte ich plötzlich Lust daran, das aller Absurdeste, das Nichtssagendste mit einer touristischen Akribie im Foto festzuhalten. Ich suchte nach dem Häßlichsten. Das heißt ich suchte nicht. Ich schaute bloß in die nächste Seitenstraße hinter dem Standbild des alten Landgrafen und mußte – glauben Sie es oder nicht – unwillkürlich lachen. Ja, ich konnte es mir nicht verkneifen breit zu grinsen und zu schluchzen vor lauter Entzücken.

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Obere Karlsstraße . Kassel

Ich hatte so eine seelenlose Innenstadtstraße einfach noch nie in meinem Leben gesehen. Dutzende identische Fenster, dutzende parallele Linien, überall dieselbe Farbe, dieselbe abstrakte Gleichförmigkeit. Ich zückte unwillkürlich den Fotoapparat, weil ich es so komisch fand. Ein Straßenzug absurder als der andere. Ein nichtssagender Betonklotz neben dem Anderen, sich gegenseitig in Beleidigung des Auges übertreffend. Da kann man nicht anders als in Lachen ausbrechen.

Humor, Witz wird durch das Absurde erzeugt. Und erstmals in meinem Leben konnte ich über diese Absurdität, die mir da entgegenstrahlte, lachen. Ich wußte, daß ich nicht in Cassel bin, sondern in Novosibirsk. Vielleicht auf dem Mond. Und ich lachte über diese Stadt, ich lachte über die kolossale Unmenschlichkeit dieser Stadt. Und eigentlich lachte ich über die famose Absurdheit der Menschen, die diese Stadt errichtet haben mußten, nicht weniger über die, die darin wohnten ohne mit der Wimper zu zucken. Sie machten sich allesamt vor mir zum Gespött. Freilich war ich der einzige, dem das auffiel und der also darüber lachte. Man schaute mich ja etwas merkwürdig an, wie ich da fotografierte, was niemand freiwillig fotografieren konnte. Und dazu noch lachte!

In der oberen Königsstraße dann wieder ein Ufo. Das Neue Rathaus. 1905-09 von Roth in niederländischer Barockform erbaut. Davor zwei Zierbrunnen, schreibt der Baedeker. Da werden Sie sagen: Ja, ganz nett. Sowas blieb ab und zu stehen. Nein, darum geht es mir gar nicht.

Rathaus Kassel
Neues Rathaus . Kassel . Beachten Sie auch den White Trash mit heraushängenden Hemden (Frauen!), den Versuch sich davon abzuheben (Burberry-Schal), durchsetzt mit mittel- und dunkelbraun. Links im Hintergrund die verschandelte Oberneustädter Kirche.

Ich sah nämlich ein Schild an der Fassade, oben am Ende der Treppen und wollte mir ansehen, was zu dem Gebäude zu wissen ist. Oben angekommen sehe ich, es ist keine historische Erklärungstafel, sondern ein Energieausweis des Gebäudes. Can you believe it? – Auch darauf kommen wir zurück. Vor allem aber drehte ich mich sodann um. Und ich muß sagen, auch soetwas hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen.

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Wohn- und Geschäftshäuser vor dem Neuen Rathaus . Kassel

Ich habe natürlich schon Nachkriegsfassaden neben Gründerzeitbauten erlebt, auch mehrere, auch einzelnen Jugendstil, verloren in Bauhausumgebung. Aber einen derart geschlossenen Straßenzug in der nichtssagendsten Architektur der Menschheitsgeschichte – das hatte ich schlicht noch nie gesehen. Und gegenüber steht dieses Neue Rathaus (übrigens auch heute ohne Barockgiebel und Haube). Ist das nicht ein kolossaler Witz! Und die Leute wundern sich nicht einmal, warum sie so absurd sind, und warum die ominöse Vorbevölkerung dieser Stadt so ganz anders war. Köstlich!

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Fünffensterstraße mit Schließfach-Architektur und zwei Übriggebliebenen.

Können Sie noch? Wie wär’s mit einem Blick in die Fünffensterstraße? Hier kommt wirklich alles zusammen. Die überhäßlichen Plattenbau-Fassaden werden auch noch mit bunten Straßenschildern und wilder Werbung und Oberleitungen geschmückt. Die Werbeplakate selbst – sofern internationale Unternehmen – sind dann natürlich bis ins Detail durchdesignt. Diesen krassen Gegensatz habe ich in derartigen Ansichten immer als am Ekligsten empfunden. Aber den letzten Menschen treibt es, sich an diesen letzten Strohalm des Schönen zu klammern und alles zu kaufen, was ihn aus seiner ästhetischen Hölle wenigstens kurz und scheinbar entführt. Anders ist es nicht zu erklären, daß diese Werbung offenbar wirkt, statt abzustoßen.

Ich kann mir keine unmenschlichere Architektur, keine unmenschlichere Stadt denken als eine, die solche Ansichten bietet. Sie ist steingewordene Unmenschlichkeit. Sie schreit jedem Einzelnen seinen Unwert ins Gesicht: Du bist nichts wert, gar nichts. Für dich reichen die schmucklosesten Fassaden, die dreckigsten Betonklötze, das Billigste und Zweckmäßigste. Du wirst hier bloß massenabgefertigt und hast zu funktionieren! Marschiere weiter und steh nicht dumm herum und glotze! Dawai, dawai!

Ich will nicht unfair sein. Ich habe drei alte Fassaden nebeneinander gesehen. Es handelte sich um ein Gebäude des geklärten Historismus von 1919, aber typisch hessisch etwas barockisiert.

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Kassel . Friedrichstraße . ausnahmsweise drei zusamenhängende verspätete Gründerzeitfassaden

Aber auch diese drei Häuser wirken völlig deplaziert in dieser Stadt, geradezu bösartige Eingriffe in den säuberlich gepflegten Schund. Als wollte jemand den stumpfsinnigen Frieden, den die Unkenntnis schafft, mit einem logischen Argument stören, ja gar mit einem ästhetischen Argument. Der Millionär im Wartesaal des Arbeitsamtes. Man hätte es schon lange abreißen sollen!

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Hohenzollernstraße . heute Ebert-Straße (wenigstens die Namensgebung ist gerechterweise angepaßt worden) . was so schön rund hervorlugt ist die Landesversicherungsanstalt – die natürlich auch einst eine Haube hatte und ein vernünftiges Dachgeschoß.

Ich könnte Ihnen noch zig solcher Bilder zeigen. Niemand hatte das jemals fotografiert. Und ich tat es ja ernsthaft auch nicht. Ich stolperte lachend durch die Stadt und konnte keinerlei Trauer empfinden, sondern nur Freude an dem Unsinn, den ich sah, am Absurden, also Komischen dieser Anblicke. Wie soll man hier noch trauern? Hier ist nichts zu betrauern. Das ist der Punkt.

Einen Anblick noch gab es, der mich wieder so allen Ernstes zum Lachen brachte: nördlich des Königsplatzes.

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Als zu allem Überfluß noch die schräge Glasfassade auftauchte, brach ich wieder in Lachen aus.

Nur zur Versicherung, damit Sie nicht denken, ich hätte irgendwelche Ansichten herausgepickt. Die ganze verdammte Stadt sieht so aus.

Untere Königsstraße.JPG
Untere Königsstraße . Kassel

So geht es fort, man möchte rasend werden. Aber nein, ich fand es immer lustiger.

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Entengasse (Entenanger) . Kassel

Damit ist mein Stadtrundgang mit Ihnen beendet. Aber was will ich nun damit sagen? Das folgt in Teil 3.

3 Gedanken zu “Warum dieses Land nicht zu retten ist . Kassel: eine Endzeit-Stadt . Teil 2

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