Eine Fahrt nach Kassel und auf die Wilhelmshöhe . Teil 1

Zuletzt war ich im Sommer 1990 in Kassel. Da war ich neun Jahre alt. Damals interessierten mich die langen Bratwürste, die es auf dem Königsplatz gab, die schnellen funkferngesteuerten Autos, die es in den bunten Kaufhäusern gab, und den Herkules fand ich auch ganz nett. Da war ich ein Kind.

Aber gestern habe ich geradezu schlagartig die vielleicht bedeutendste Erkenntnis der letzten Jahre in mir aufkeimen sehen. Und das geschah während nur einer einzigen Stunde, in der ich zügigen Schrittes und immer mehr lachend durch Kassel lief, oder wie der Baedeker Thüringen (1925) zu buchstabieren pflegt: Cassel.

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Der Herkules auf dem Oktogon in der Ferne, näher Tempel und Bassin der großen Fontaine.

Aber eins nach dem anderen. Warum steht Cassel im Baedeker Thüringen? Nun, die Regional-Baedeker der 20er Jahre greifen etwas – oder auch etwas mehr – über ihre Grenzen hinaus. Halle, Leipzig, Cassel – alles in Thüringen gelegen. Sogar Stadtpläne. Die 220 Seiten wären für das reine Thüringen vermutlich auf 150 zusammengeschrumpft. Ich war nun aber recht froh darüber, da ich den Baedeker Hessen-Nassau noch nicht erworben habe und Baedekers Autoführer Deutsches Reich sich nur recht knapp zu Kassel äußert.

Also ging es mit dem Thüringer Baedeker los. Der Umstand war ein familiärer Geburtstagsbesuch und zunächst ging es auf der leeren Autobahn bis Eisenach. Die alte Hörselberg-Strecke ist ja bereits seit Jahren renaturiert und das effektvolle Auftauchen des Burschenschaftsdenkmals und der Wartburg, als man auf die letzte Gerade im Wald einbog, sowie die Eröffnung des Panoramas am Westhang der Hörselberge, in denen übrigens Tannhäuser bei Frau Venus weilte, ist damit nur noch zu Fuß zu erleben. Aber die Wanderung über den kleinen Bergrücken ist eine der schönsten Aussichtswanderungen, die man in Deutschland machen kann. Nun ganz ohne Autobahnlärm.

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Irgendwo zwischen Eisenach und Kassel (2011)

Dann geht es sinnvollerweise quer hinüber nach Kassel auf der Bundesstraße 7. Das ist – ohne Übertreibung – eine Bilderbuchstraße. Wenn nicht zum Teil gewaltig Betrieb auf ihr wäre, gälte das schon von Jena nach Weimar und von Gotha nach Eisenach. Hier aber, vom Hainich ins Werratal, den hercynischen Ringgau entlang, am Meißner und Frau Holle vorbei bis nach Kassel ist es ein einziges Schwingen und Tanzen der Straße, durch mittelweite Täler und über lustig geschwungene Rücken entlang, malerische kleine Kuppeln mit Kreuzen und Denkmälern rechts und links, viel Laubwald, herrliche Alleenabschnitte und mindestens noch ein ganzer, wunderschöner Fachwerkstraßenzug. Vor allem fährt sich das Ganze deshalb besonders angenehm, da immer einige Kilometer zwischen den Ortschaften liegen und man daher viel in ganzer Natur ist.

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bei Lüderbach an der hessisch-thüringischen Grenze

Eisenach (222m) […] Die Straße Nr. 7 kreuzt die Autobahn nach Kassel bzw. Frankfurt (1939 im Bau) und führt bergauf zur Hochfläche des Hainich, dann hinab in das hübsche Werratal, vor Creuzburg über die Werra, an der Liboriuskapelle (1499; neuaufgedeckte Fresken) vorbei.

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Creuzburg . Kapelle und Werrabrücke

13km Creuzburg (192m), Städtchen von 2500 Einwohnern, mit beachtenswerter roman. Stadtkirche (Grab der Landgräfin Elisabeth) und überragt von einem alten Schloß (Privatbesitz) […] Die Straße Nr. 7 führt von der oben gen. Straßenteilung hinter Creuzburg über die z.T. bewaldete Hochfläche des Ringgaus.

11km Netra (280m), Dorf von 700 Einwohnern, mit schönen Fachwerkhäusern (immer noch).

9km weiter erreicht man das Tal der Sontra, wo die Straße Nr. 27 nach Bebra abzweigt. – Die Straße Nr. 7 biegt nach rechts ab.

3km weiter, bei dem Dorf Ötmannshausen (180m) […] im Tal der Wehra aufwärts.

7km Waldkappel (248m), Städtchen mit 1200 einwohnern. Gasth.: Gold. Adler, Deutscher Kaiser, Deutscher Hof, je 10 B. – rechts der bewaldete Gebirgsstock des Meißners (750m), an den sich die Sagen von Frau Holle knüpfen, dann bergauf.

13km Hessisch-Lichtenau (354m), z.T. noch ummauertes Städtchen mit 2700 Einwohnern, überragt von der Burgruine Reichenbach; Hotel Grüner Baum, 12 B. – weiter rechts der Kaufunger Wald.

9km Helsa (260m) am Nordostfuß des basaltischen Bilsteins (533m), der höchsten Erhebung der Söhre.

5km Oberkaufungen (200m), Ort von 3200 Einwohnern, mit einer 1017 gegründeten ehem. Klosterkirche (altes Wandgemälde, Kaiser Heinrich II.); der Turm an der Nordseite ist ein Rest der ehem. Kaiserpfalz. 5km weiter kreuzt man die Autobahn von Göttingen nach Frankfurt – Im Vorblick über Kassel das Schloß Wilhelmshöhe und der Habichtswald.

5km Kassel (135m) […]

Baedekers Autoführer Deutsches Reich (1939)

Das war am späten Donnerstag-Vormittag eine großartige Fahrt. Allein Hessisch-Lichtenau habe ich noch nicht gesehen, da ein kurzer Teilabschnitt der Autobahn, die hier vermutlich im 22. Jahrhundert fertiggestellt werden soll, den braven Umleitungsfahrer vorbeiführt. Ich freue mich auf diese Autobahn schon außerordentlich (sollte ich die Fertigstellung noch erleben), denn dann wird die B7 noch weniger befahren sein. Aber das geht schon kaum mehr. Wenigstens zu dieser Zeit.

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Laubwaldhang irgendwo zwischen Creuzburg und Hessisch-Lichtenau

Auf dieser Strecke habe ich in vergangenen Jahren schon etliche Wanderungen und Stadtbesichtigungen gemacht. Darunter vor allem Creuzburg, das wirklich einen famosen Anblick bietet, wenn man von Eisenach her kommt. Umgekehrt ist es eher dürftig. Die Stadt ist mit ihrer Burg und der Kapelle, sowie einer schönen Werrabrücke sehr sehenswert. Auch Eschwege habe ich in guter Erinnerung, wofür man allerdings ein wenig von der Strecke abfahren muß. Besonders hat mich aber direkt an der B7 immerzu die herrlich kleinteilige Landschaft gereizt, die einen unweigerlich zum Abbiegen, Aussteigen und Wandern drängt. Gutes Wetter vorausgesetzt. Aber der 20. April ist ein erstaunlich schöner Tag im Jahr.

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Fachwerkhäuser . Eschwege (2011)

Sobald man Kassel erreicht und es auf der Autobahn umfahren will, um auf die Wilhelmshöhe zu gelangen, wird der Verkehr natürlich dicht. Das läßt sich nicht abwenden. Der Herkules selbst, d.h. das Oktogon mit der Turmpyramide, ist gerade in Renovierung (wie auch die Kaskaden), aber dennoch beeindruckend. Ich war das erste Mal im Monument selbst. In die Keule läßt man die Besucher aber nicht mehr. Unterhalb des Sockels ist Schluß. Eintritt 3€. Ehemals wohl kostenfrei, der Baedeker gibt ausnahmsweise nämlich keinen Preis an.

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Merkurtempel . Wilhelmshöhe . Kassel

Der Park „vielleicht das Grandioseste, was irgendwo der Barockstil in der Verbindung von Architektur und Landschaft gewagt hat“, geht in seiner jetzigen Gestalt z.T. auf den Entwurf des Italieners G.F.Guernieri (1701) zurück. Die Begehung erfordert 4 St.: vom Schloßhotel westl., vorbei an dem 40m hohen Neuen Wasserfall, nach dem Merkurtempel und dem 1714 erbauten Oktogon (523m), einer künstlichen Ruine auf dem höchsten Punkt der Anlagen; oben (Rundsicht) eine Spitzsäule von 30m Höhe, mit einem 9,2m hohen Herkules, in dessen Keule acht Personen Platz haben. Vom Oktogon ziehen sich die in einen Bergrücken eingebetteten Kaskaden und Treppen (842 Stufen) hinab. Auf Waldwegen gelangt man r. abwärts, bei dem Steinhöferschen Wasserfall vorbei, zur Löwenburg (Eintr. 50 Pf.), 1793-1802 für Kurfürst Wilhelm I. erbaut, der hier auch beigesetzt ist. Aussicht, besonders von der Plattform des 45m hohen Turmes. – Nordöstl. Von der Löwenburg die Große Fontäne, ein 0,3m starker, 51m hoch steigender Wasserstrahl, einer der höchsten in Europa. Dahinter das Schloß (287m), ein klassizistischer Sandsteinquderbau, wurde 1786-1801 für den Kurfürsten Wilhelm I. († 1821) von S. L. Du Ry als Sommersitz aufgeführt, 1829 erweitert. Das im Empirestil glänzend eingerichtete Innere enthält Erinnerungen an Napoleon III., dem nach der Gefangennahme bei Sedan hier sein Wohnsitz angewiesen wurde.

Baedeker Thüringen (1925)

Nun ist der Park wirklich eine grandiose Anlage. Nicht übermäßig einfallsreich, da hauptsächlich symmetrisch und riesig, aber sehr beeindruckend. Die Architektur der Kaskaden und des Oktogons aber ist ausgesprochen merkwürdig und gesucht. Zunächst hält man es für einen Monumentalbau des späten 19. Jahrhunderts, da er so ungeheuer an den Kyffhäuser erinnert. Das Ganze soll, wie teils auch dort, als Ruine wirken, was im Falle des Herkules durch den grob behauenen Tuffstein geschieht. Das Ganze macht auf uns Spätgeborene jedoch den Eindruck verwitterter Betonplatten und hat eine ausgesprochen künstliche Anmutung. Aber mit Romantik kannte man sich im frühen 18. Jahrhundert eben noch wenig aus. Es sei den Herren Architekten verziehen.

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Das Aquädukt . links stürzt der Wasserfall nieder (so Wasser vorhanden ist)

Vor allem sind es natürlich die Wasserspiele, die hier über ein hochgelegenes Reservoir durch übermäßigen Wasserzufluß ein tolles Schauspiel erzeugen müssen. Aber das kann man sich erst im Sommer und zu gewissen Zeiten ansehen. Vielleicht schaffe ich es irgendwann zur rechten Zeit zu kommen.

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Schloß . Wilhelmshöhe . Kassel

Für den Besuch des Schlosses war keine Zeit, auch für die in der Renovierung befindliche Löwenburg nicht. Aber für’s erste war der zweistündige Rundgang reizend genug.

Nach dem kurzen Besuch ging es für mich noch für eine Stunde in die Stadt. Was da geschah und was ich vor allem lernte, das erfahren Sie im zweiten Teil.

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Blick vom Turm des Herkules über die Kaskaden, die große Fontaine, das Schloß und die Wilhelmhöher Allee auf Kassel

*

Nachtrag: Die Informationsschilder, die im Park verteilt sind, kann man übrigens nicht lesen. Zumindest nicht mit gesundem Verstand. Praktisch jede Hinweistafel jedes noch so kleinen Wasserspiels, wie sie hier und da an den Wegrändern auftauchen, beginnt mit einer Phrase der Art: Die Anlage weist in ihrer Monumentalität auf die höfische Machtdemonstration des absolutistischen Herrschaftsanspruchs…

Gäääähn! Welchen Zweitsemester hat man dort herangelassen? Ja, ich weiß, so reden auch unserer Herrn Professoren „Historiker“. Meine Güte! Ist die Buga in Gera in ihren Dimensionen Zeichen parlamentarisch-elitären Herrschaftsanspruchs? Könnte es sein – ich weiß, ein völlig irrer Gedanke – daß der Landgraf die Kohle hatte und das, was er da schaffen ließ, einfach als beeindruckend, modern, als technisch-ästhetische Meisterleistung empfand? Könnte es sein, daß der barocke Baustil nicht Pfaffen und Fürsten erheben sollte, sondern einfach eine geniale Gemeinschaftsentwicklung der Architekten seiner Zeit war? Man glaubt einfach nicht, wie stumpfsinnig unsere „Akademiker“ tatsächlich sind.

Freilich ist ein herausragendes Gebäude oder ein riesiger Landschaftspark auch Ausdruck der wirtschaftlichen Potenz seines Erbauers. Aber sicher nicht der wesentliche Punkt eines solchen Baus. Diese Menschen mußten sich ihres Standes nicht versichern. Sie waren sich seiner sicher. Auch wenn man gern unter Aristokraten, wie in jeder Schicht, auf die eigenen Besitztümer hinweist. Vor allem wollten sie genießen. Aber was weiß der Endzeit-Gelehrte darüber schon…

Ja keine monokausalen Erklärungen! – den Spruch kennen Sie vermutlich auch ohne eine Geschichtsvorlesung besucht zu haben. Es muß aber heißen: Bloß keine monokausalen Erklärungen, bis auf solche, die unserem Weltbild so schön Honig ums Maul schmieren und wir unseren Haß auf alles Schöne fundamental rechtfertigen können. Und zu diesem Haß auf alles Schöne kommen wir in Teil 2.

2 Gedanken zu “Eine Fahrt nach Kassel und auf die Wilhelmshöhe . Teil 1

  1. Pingback: Warum dieses Land nicht zu retten ist . Kassel: eine Endzeit-Stadt – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  2. Pingback: Die kürzeste und häufigste Reise des wunderlichen Herrn Wangenheim . von Natur und „Ausgleichsmaßnahmen“ – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

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