Straßenbahnfahrt durch Leipzig im Jahr 1931 . eine Restauration

Ich habe bereits im Zusammenhang mit meiner Reihe Märchendeutschland auf jene einzigartige Dashcam-Aufnahme einer Leipziger Straßenbahnfahrt hingewiesen, welche seit einiger Zeit bei Youtube angesehen werden kann.

Freilich gibt es viel Film- und Fotomaterial aus dieser Zeit. Aber das Besondere an diesem Straßenbahnfilm ist die reine Beobachter-Attitüde, die Nonchalance der Aufnahme. Wie ich erst kürzlich im Stadtmuseum Leipzig erfuhr, als ich das im Vergleich zu anderen Städten auch heute noch schöne Klein-Paris besuchte, handelt es sich nicht etwa um einen Film, der Leipzig zeigen sollte, sondern allein der Straßenbahnführer-Ausbildung diente.

Im Gegensatz zu praktisch allen Fotografien der Zeit ist hier also auch der Intention nach keine Auswahl schöner Motive vor sich gegangen. Selbst im durchaus beeindruckenden Stadtfilm: Berlin – Sinfonie einer Großstadt von 1927 ist das so. Alles ist mindestens in der Auswahl des Motivs gestellt. Und man ist angesichts solcher künstlerischer Arbeiten natürlich geneigt zu sagen: Das sind die schönen Seiten der Stadt. Aber damals war es nicht überall so schön. Oh, doch!

Denn der Straßenbahnfilm von Leipzig, wie er uns hier vorliegt, ist von so rein dokumentarischer Art, nämlich für ganz andere Zwecke aufgenommen, daß er die erdenklich höchste Redlichkeit ausstrahlt. Bereits der Beginn, der im Grunde eine langweilig leere Landtraße zeigt, bringt das vorzüglich zum Ausdruck. Denn für eine solche Aufnahme hätte kein Amateurfilmer das wertvolle Zelluloid vergeudet. Aber genau deshalb haben wir dergleichen nicht. Eine Einfahrt in eine Großstadt des frühen 20. Jahrhunderts auf der Landstraße ist, so unspektakulär es wirken mag, seltener als ein faustgroßer Diamant. Dazu am Morgen, gewissermaßen in die erwachende, noch kaum bevölkerte Stadt, ist ein Schatz sondergleichen, weil es den ungeschönten Alltag zeigt. Und genau das ist es, weshalb uns der Film so nahe geht. Jeder spürt, daß dies die blanke und nichts als die blanke Realität des Jahres 1931 ist. Und diese steigert sich in den folgenden Minuten für jeden historisch Empfänglichen in einem unglaublichen Crescendo zu so überwältigender Ästhetik, daß wir einerseits diese Welt als das erträumte Märchen dessen entdecken, was uns Ausschnitte schon immer ahnen oder vielmehr hoffen ließen, andererseits ergreift uns für alles heute Bestehende nichts als die reine Scham nachgeborener Fellachen, die auf eine große Kultur ahnungslos und fern zurückschauen.

Und doch wissen wir, das sind unsere Großväter, das sind unsere Vorfahren. Es ist gar nicht so lang her! Wie weit das öffentliche Leben, die Schönheit des öffentlichen Raumes, wie weit das Leben heute überhaupt davon entfernt ist, dessen kann sich nicht einmal der Kritiker aller Vergangenheit entziehen, der sich eine Schönheit schlechtreden muß, deren ungeheurer Wirkung er sich nicht einmal selbst zu entziehen vermag.

*

Der Lauffilm selbst erfuhr bereits eine ungemeine Verbesserung, indem ein Bildstabilisator über ihn gelegt wurde und so die doch recht verwackelten Aufnahmen mehr Ruhe bekamen. Schließlich ist aber an einigen Stellen offensichtlich gewesen, daß die Geschwindigkeit übertrieben hoch war, sodaß die Aufnahmen dort an das geflügelte Wort erinnerten: als die Bilder laufen lernten.

Schließlich habe ich mich entschlossen anhand der Laufdynamik der Menschen und der Faltenwurfdynamik ihrer Kleider die Geschwindigkeit des Films feingliedrig zu korrigieren. Es stellte sich nach meinem Empfinden heraus, daß der Film generell 10% zu schnell aufgenommen wurde. Weite Strecken laufen nun mit 70-85% Geschwindigkeit, einige mit 90%iger Schnelligkeit. Drei kurze Passagen von je fünf und zehn Sekunden mußten bis auf 55% der Ursprungsgeschwindigkeit heruntergeregelt werden, um den Fortlauf des Films nahtlos gleichmäßig zu machen.

Nachtrag 2020: Da es nunmehr möglich ist mit Hilfe künstlicher Intelligenz nicht nur Schwarz-weiß-Photographien zu kolorieren, sondern auch ganze Videos, habe ich den restaurierten Film durch eine solche Nachkolorierung laufen lassen (Deoldify). Das Ergebnis ist freilich nicht perfekt. Die Dächer tendieren zu einem Lila statt rot, die Straßenbahnen flackern zwischen gelb und weiß. Auch die Farben der verschiedenen Werbeschilder kann die KI freilich nicht kennen. Aber bereits die grünen Bäume und der Blaue Himmel machen den Eindruck wesentlich plastischer und eröffnen so noch deutlicher die Details, die bereits der beruhigte und entschleunigte Film weit besser als das Original wiedergegeben hat.

So habe ich erst in diesem Nachbearbeitungsprozeß bemerkt, daß es 1931 durchaus Ampeln in Leipzig gab. Sie sind zugegeben schwer zu entdecken, da sie im Gegensatz zu heute sehr ästhetisch ins Straßenbild eingegliedert sind. Man könnte von integriertem Design sprechen. Auch Garagen hatte ich vorher an mancher Fassade gelesen. Daß es sich jedoch hier um Parkhäuser handelt, in die man statt der Schaufenster in breiten Toren einfahren könnte und die sich äußerlich von den übrigen Fassaden kaum unterschieden, das fiel mir erst jetzt auf.

Aufschlußreich sind selbstverständlich auch all die Passanten, die sich bei genauerem Hinsehen sehr viel anders zueinander verhalten, als es heute der Fall ist. Straßenbahnen und Autos schneiden sich untereinander in teils atemberaubender Weise die Wege ab. Das wirkt auf uns vor allem deshalb gefährlich, weil heute solche Abstände viel zu gering wäre. Angesichts der Tatsache jedoch, daß weder die Straßenbahn, noch Autos zu besonderer Beschleunigung fähig waren, der man mit Sicherheitsabstand hätte vorbauen müssen, zudem eine Höchstgeschwindigkeit von innerorts 30 Stundenkilometern galt, relativiert sich diese scheinbare Gefährlichkeit für Fußgänger und Radfahrer deutlich. Überhaupt ist auf den Straßen mehr Fußgängerbetrieb als Sie ihn heute an denselben Orten in Leipzig finden werden. Es wirkt dennoch vor allem deshalb ruhig und leer, weil die ungeheuren Blechlawinen des Autoverkehrs fehlen. Radfahrer und Fußgänger hingegen sind in viel größerer Zahl unterwegs. Nicht nur, weil sie Erledigungen zu tätigen hätten, sondern auch wegen jenes Fernsehschauens vor der Haustür, das zu dieser Zeit selbst werktags noch alltäglich ist, d.h. Spazieren und Radfahren nur des Schauens wegen.

Aber das Zentrale neben dieser Ruhe und der gediegenen Garderobe der Passanten ist freilich die völlig erhaltene Architektur. Alles ist aus einem Guß. Niemand wollte um des Herausstechens willen irgend eine abstruse Monstrosität ins Stadtbild schlagen. Es ist gewissermaßen der letzte Einblick in eine Märchendeutschland-Metropole.

Man kann in diesem Film so viel entdecken, daß es sich immer wieder einmal lohnt, hineinzuschauen. Insbesondere seit er nun wirklich den Rang eines meditativen Beruhigungsfilms hat: Gehen Sie auf Entdeckungsreise!

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6 Gedanken zu “Straßenbahnfahrt durch Leipzig im Jahr 1931 . eine Restauration

  1. Leser

    Herrliche Einfahrt auf den Augustusplatz.

    Ist das etwa bei 26:44 ein U-Bahn Eingang? Für den Leipziger der 30er Jahre wohl eine unverständliche Frage! Aber heute hat eine hinabführende Treppe erst eine Bedeutung, wenn sie entsprechend ausgeschildert ist. Vor allem in der Nacht ist das ja ganz spektakulär und eigentlich ist die nächtliche Stadt das eigentliche Bild, mit dem der heutige Metropolit durch die ästhetische Katastrophe wandert: von Schild zu Schild, von Licht zu Licht und der Rest verschlungen vom düstren Nebel eines historischen Supplements. Ein kleines Programm, dass seine vorgezeichnete Wegstrecke effizient und zuverlässig abläuft.

    Ignoranz und Verkehrsregelung gehen Hand in Hand in eine kontrollierte Bewältigung der Massen und so ist es gar nicht verwunderlich, dass die übervollen Städte heute leichter Bewegungsstrukturen erkennen lassen, während früher gegenseitige Achtung und der Anstand der Gemeinschaft vor allem Bewegungsfreiheit garantierte. Fußgängerampeln sind Techniken der Individuation durch Disziplinierung, wie Foucault wohl sagen würde.

    Ob es je eine echte Ästhetik geben könnte, die sich mit der Kybernetik verschmilz? Das wirft mich zurück auf eine kleine Wahrheit, die Sie vor einiger Zeit äußerten: die großen architektonischen Stile sind Versuche der Vereinheitlichung und stehen zum Märchen im Widerspruch.

    Ihr Leser

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  2. Nein, Leipzig hatte nie ein U-Bahn. Das ist höchstwahrscheinlich die Straßenunterführung zum Bahnhof. Auch das ist ungewöhnlich genug, wenn Sie den geringen Verkehr bedenken. Aber der Leipziger Bahnhof war von Beginn an – wie so Vieles im ausgehenden 19. Jahrhundert – besonders überdimensioniert. Die Stadt war rasch gewachsen und man prognostizierte 1 Million Einwohner, wofür man kurzerhand (übervolle Kassen kennt man heute nicht mehr, damals u.a. ein Ergebnis der Freikäufe des gesamten Bauernstandes) einen der größten Bahnhöfe der Welt plante und 1915 fertigstellte. Zu dieser modernen Gigantomanie gehörte offenbar eine Personenunterführung, wie man sie sonst nur in Metropolis erwartet hätte (welchen Film es zu dieser Zeit noch nicht einmal gab).

    Ja, manchmal fürchte auch ich, daß dieser Zustand kurz vor dem zweiten der Weltkriege bereits alle Keime der gegenwärtigen Katastrophe in sich trägt, daß alle Weichen auf die endgültige Charakterlosigkeit gestellt sind und selbst diese Menschen schon bloß noch aus der echten Märchenzeit zehren – und zu den Ungeheuern werden, denen sie nachjagen.

    Denn Sie beobachten ganz richtig: Wirkliche Differenzierung hat vor allem diese Stelle kurz vor der Einfahrt auf den Augustusplatz – und vielleicht noch die überkommene Ansicht der Zeppelinbrücke mit ihren vier Zollhäuschen. Sonst sind es vor allem die Menschen, die dem Anblick seine Lebendigkeit geben. Über den Rest gilt, was ich bereits einmal über das Hansa-Haus in Weimar sagte. Schön, großartig gar, aber bereits unpassend zu den Größenordnungen des menschlichen Empfindens.

    Nun hat mir gerade noch der „Waldgänger“ Stifters gefehlt – aber man kann sich die Stimmung nicht aussuchen, die einen ergreift.

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  3. Pingback: Vom Schloß Glauchau zur Augustusburg . Teil 4 . Gesteinssammlung und Museum für sächsische Fahrzeuge – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim

  4. Anja

    Ihr Video mit der Leipziger Straßenbahnfahrt ist leider nicht mehr verfügbar! Es gibt sie zwar noch von anderen Einstellern, aber Ihre war ja von Ihnen „entschleunigt“ worden! Wirklich schade!

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  5. Eher hab ich meine Bewunderung ausgesprochen, aber eine rein technischer Frage bleibt: ist es sicher dieses Quellmaterial ist quadratisch im Seitenverhältnis und nicht 4 auf 3 (horizontal versus vertikal)? Die Automobiele und auch die menschliche Figuren sehen zu schmal aus. Auch im Vergleich mit Filme aus die Niederlande aus gleichen Zeit. Ausgedehnt von 1:1 bis 4:3 hätte ich gerne noch mahl ein solchen Version mit diesem YouTubeversion verglichen.
    Herzliche Grüsse, Don van Riet, Niederlande

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  6. Da erliegen Sie einer optischen Täuschung: Der Film ist in der Tat im Format 4:3 gedreht. Aber er ist auch genauso wiedergegeben. Wenn Sie ein Lineal an Ihren Bildschirm anlegen, werden Sie das auch nachmessen können. Die Autos sind daher auch nicht zu schmal. So hochbeinig waren die Fahrzeuge der 20er-Jahre nun einmal. Oft 1,80m hoch, teilweise sogar 2m und üblicherweise 1,70 breit. Und ja, die Menschen sind schlank. Kennt man heute kaum noch, nicht wahr? Das hat aber nichts mit einem falschen Format, sondern mit der etwas anderen Realität des Jahres 1930 zu tun. Hier gibt es also nichts aufzudehnen. Damit würden Sie den Film verfälschen. Und auch in den Niederlanden zeigen die Filme dieser Zeit dasselbe Bild, z.B. die schmalen Autos hier: https://youtu.be/kknyT7ffmm8?t=150

    Sie können drgl. besonders gut prüfen, indem Sie Objekte hernehmen, die kreisrund sind. Wenn diese zu schmal oder zu breit sind, stimmt das Format nicht. Hier sind aber runde Schilder und Reifen, die im rechten Winkel aufgenommen sind, immer exakt kreisförmig.

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